„Ski-cksalstage”

Sie sind aktuell alle offen, die Talabfahrten. In Cortina d´Ampezzo, in Alta Badia, am Kronplatz. Dolomiti Superski, der weltgrößte Marketing-Verbund von Skigebieten, zeigt stolz seine weiße, seine schneeweiße Weste. Und geht man weiter ins Detail: Auch die einzelnen Gebiete melden: Alle Pisten sind offen, so etwa in Gröden von der Mickey Mouse bis zur Risaccia. In trockenen Daten: 115 von 115 Kilometern können hier unter die Ski genommen werden. Doch geschneit hat es zuletzt am 14. Februar, und das wenige 5 Zentimeter. Die Blicke richten sich zum blauen Himmel.
Blickt man dagegen mit den Augen einer Drohne auf das Gebiet, sieht man, dass das Land im Norden Italiens nicht unter einer weißen Decke begraben liegt. Es ist viel Grün dabei, auch wenn man nicht auf herangeschleppten, weißen Bändern talwärts fährt. Es sieht nach Winter aus. Nur die Wälder haben den Schnee nicht auf ihren Zweigen halten können.
Es lag daher nahe, dass die diesjährige Presse-Tour von Dolomiti Superski nicht alleine den stets neu beschworenen wintersportlichen und kulinarischen Genüssen galt, sondern auch eher ernsten Themen. Und die haben mit Klimawandel, Umweltverschmutzung, Wasser- und Energievergeudung zu tun.
Einer, der als Pionier gelten kann, ist Georg Eisath, Chef der TechnoAlpin und Schöpfer des Skigebietes Carezza, so heißt heute das Gebiet am Karerpass. Ohne ihn würde sich hier vermutlich kein Lift mehr drehen. Wo Kaiserin Sissi und Winston Churchill nach guter Luft schnappten, waren Verfall und Tristesse eingezogen, bis der Schneekanonen-Hersteller die Düsen aufdrehte. Und nun kann man sich nicht nur in „Laurins Lounge“ gutes Essen und edle Weine servieren lassen, den Blick über die Alpen vom Stubaier Gletscher bis zur Brenta und zmAdamello gibt es kostenlos, sondern man kann es die Steilpiste herab jetzt in zwei Variationen, schwarz und rot, richtig krachen lassen. Was früher, als die Piste noch nach der Kölner Hütte, die jetzt im Schatten der Lounge dahindämmert, benannt und unbehandelt war, ein je nach geschluckten Runden gefährliches Unternehmen war, das ist jetzt – dank Eisaths Schneekanonen – ein Vergnügen, das man beliebig wiederholen und dann auf der Abfahrtspiste bis hinab nach Welschnofen abschließen kann.
Aber Georg Eisath und sein Sohn Florian, ehemals Skirennfahrer, heute Geschäftsführer von Carezza Dolomites, sind bei der Wiederbelebung des Skigebietes nicht stehen geblieben. Sie haben, wie sie sagen, die Herausforderungen des Klimawandels angenommen. „Wir tun alles dafür, unnötigen Energieverbrauch zu vermeiden“, erklärt Florian Eisath. Seitdem ihr Skigebiet 2011 zusammen mit dem Partner-Gebiet Arosa in der Schweiz Teil des Projektes „Alpine Klimaskigebiete“ wurde, konnten bereits bis zu 30 Prozent Treibstoff bei der Pistenpräparierung und bis zu 25 Prozent an Strom für die Beschneiung eingespart werden. Möglich machte dies die intelligente, voll elektronische Beschneiungsanlage sowie die verbesserte Pistenpräparierung dank GPS-Tracks und Schnee-Tiefenmessung. Blieben immer noch 70 bzw. 75 Prozent. Daher geht man jetzt einen Schritt weiter: „Es ist uns wichtig, dass wir nun die Bemühungen der Reduktion ausweiten auf weitere Themen in Bezug auf die Nachhaltigkeit wie z.B. Vermeidung von Plastik auf den Skihütten,“ so Florian Eisath. Messen, Reduzieren und Kompensieren, das steht künftig auf dem Programm. Dabei geht es nicht nur um den CO₂-Ausstoß, sondern auch um andere Treibhausgase wie Methan oder Lachgas. Im „Klimaneutralitäts-Bündnis 2025“ sollen künftig „in Sachen Klimawirkung“ die Karten offen gelegt, das heißt mit transparenten Daten gearbeitet werden. Carezza ist das erste italienische Skigebiet, das diesem Bündnis beigetreten ist. Der „Unternehmensfußabdruck“ von Carezza Dolomites soll innerhalb von maximal drei Jahren klimaneutral werden.

Für ihre Projekte „Klimaskigebiet Carezza“ und „das alternative Mobilitätsprojekt Verbindungsbahn Moena, Soraga, Carezza“ haben Vater und Sohn Preise der ARGE ALP eingesammelt. Doch das Bemühen und seine Belohnung können nicht darüber hinweg täuschen: „Der Schnee lebt von der Kälte”, wie Georg Eisath sagt, und die Täler von den Gästen. Und diese gehen gern auf Reisen, daher plante er den Verbund mit dem Fassatal und darüber hinaus die Latemar-Runde. Dies brächte die Verbindung nach Moena und Soraga, später über Predazza mit dem Skigebiet Obereggen. Ein zusätzlicher Link mit Tiers, St. Zyprian und der Nigerstraße führte zu einer Größe, die dem Kerngebiet von Dolomiti Superski, der Sella-Runde, vergleichbar und auch im Sommer von Interesse wäre.

Doch die Akzente verschieben sich. Nicht mehr das Höher, Weiter, Steiler der Sportler steht im Vordergrund. Dr. Sandro Lazzari, seit 10 Jahren Dolomiti-Superski-Präsident, weist auf die Bedeutung der Liftanlagen für die Mobilität der Bergbewohner hin. „Seilbahnen halfen, die Berge zu überwinden – und damit die Armut. Und als der Tourismus die Alpen entdeckte, begann der Boom“, der bis auf den heutigen Tag anhalte. „Jetzt schaffen Seilbahnen Infrastrukturen für ganze Täler – auch abseits der Pisten. Sie sorgen für die Vermeidung von Autoverkehr im Hochgebirge.“ Im Fassatal im Trentino verbinde bei Alba eine Seilbahn beide Talseiten miteinander. „Das bringt einen komplett neuen Einstieg zur Sella Ronda und vermeidet viele Bus- und Pkw-Bewegungen im Tal.“ Im Pustertal habe das Land Südtirol die Eisenbahn übernommen und modernisiert, die Liftbetreiber am Kronplatz und an den Drei Zinnen haben die Knotenpunkte gebaut. „Wissen Sie, ich kann nicht in die Zukunft blicken, ich habe es aber gelernt, auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren. Dabei bin ich weit davon entfernt, den Klimawandel zu leugnen.“

Dolomiti Superski ist nicht nur der Service-Lieferant für jährlich 10 Millionen Skitagen und 280 000 Übernachtungen, von Tickets und sozialen Netzwerken , es koordiniert die Investitionen, die von 130 Gesellschaftern, vor allem Seilbahn-Betreibern, verantwortet werden. Nun ist eine Zeitenwende erreicht, es sind Ski-cksalstage für Dolomiti Superski. Was ist nötig und sinnvoll? Neue Skigebiete wohl kaum, eine doppelte Verwendung ist anzustreben, im Sommer und im Winter, und die autolose Mobilität zwischen den einzelnen Gebieten ist zu optimieren – für Urlaubern und Bewohner. „Die Menschen wären nicht in den Bergen geblieben, wenn der Wintertourismus nicht seit dem Krieg ihre wirtschaftliche Ressource gewesen wäre“, sagt Lazzari. Ohne Jobs keine Zukunft, das sei die Aufgabe, und da gelte Bangemachen nicht. „Wir haben gelernt, mit Problemen zu leben. Wir haben die Liebe zu den Bergen und das Vertrauen in unsere Jugend. Uns ist kein bisschen bang.“

Und wenn wirklich der Schnee wegbleibt und der grüne Winter kommt? Wer mit sich und der Natur allein sein will, kann schon heute die Winterwander- und Schneeschuhwege der Region genießen. Kann der Hexe Marta, den Schlernhexen oder Fledermäusen auf die Spur kommen, vielleicht erfährt er sogar etwas vom Geheimnis des Coronavirus`, der die Probleme des Klimawandels in diesen Tagen überlagert und Fragen stellt, die bislang auch die Eisaths nicht beantworten können.

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