Neustadt – der unmenschliche Makel

Neustadt in Holstein, Hafen

Wenn wir nicht das Tourismusamt der Stadt gesucht hätten, und dieses nicht, wie falsch im Internet ausgewiesen, am Markt 1, sondern unten am Hafen beim Fischeramt angesiedelt wäre, dann hätten wir nicht erfahren, was dieses Neustadt in Holstein für eine schöne Stadt ist. Es gibt ja viele Neustadts, aber dieses in Holstein ist kein beliebiges, sondern hat sein eigenes Gesicht. Zunächst liefen wir ein bisschen planlos über den Markt, der einer der größten Schleswig-Holsteins und sehr geschäftig voller Verkaufsbuden ist, eingefasst von Rathaus und Stadtkirche, die sich an den Stirnseiten der rechteckigen Fläche gegenüberstehen. Im Rathaus verwies man uns an das Kremper Tor, ein mittelalterliches Stadttor, daneben ist das zeiTTor-Museum zur Stadtgeschichte, anschließend ist in einem Anbau das Cap-Arcona-Museum untergebracht , das zu dem Ereignis Auskunft geben soll, das uns interessierte. Es ist aber „derzeit dauerhaft“ geschlossen. Dann gingen wir am Kalandhaus vorbei, wo sich einst eine Brüderschaft zur Verrichtung guter Werke traf, auf Anraten einer kundigen Neustädterin die Brückstraße hinunter zum Hafen, gelegen an einem malerisch von der Lübecker Bucht abgehenden Fjord, der weit ins Land hineinreicht und hinter dem Brücktor das Binnenwasser bildet. Auf der anderen Seite des Hafens tauchten das Brückengeld-Einnehmerhaus und der Turm der Hospitalkirche auf. Sie würden wir noch besuchen und das Hospital aus dem 14. Jahrhundert auch.

Foto: Neustadt in Holstein, Hafen

Aber erst einmal gehen wir ins Fischeramt, wo eine der ältesten Fischereiinnungen Deutschlands ihren Sitz hat. Dort hat tatsächlich das Tourismusamt ein Büro, der Hinweis der Einheimischen bewahrheitete sich, und eine freundliche Dame sagt, zu dem Massaker an den Stutthof-Häftlingen könne sie nichts sagen, aber am Binnenwasser auf dem Friedhof lägen die Opfer der Arcona-Katastrophe. Nach dem KZ-Stutthof sei der Weg zu dem Friedhof benannt. Mehr weiß sie nicht zu sagen.

Viel Substanz ist da nicht so kurzfristig in Erfahrung zu bringen. Das Elend des 3. Mai 1945 ist bekannt. Auf dem Schiff namens Cap Arcona und zwei weiteren Schiffen waren KZ-Häftlinge untergebracht, die Im April auf so genannte Todesmärsche geschickt worden waren, viele aus Neuengamme bei Hamburg, die Schiffe lagen seeuntauglich im Neustädter Hafen. Am Nachmittag griffen britische Flugzeuge die Schiffe an, auf der Cap Arcona gab es zusätzlich eine Explosion, so dass der begründete Verdacht besteht, der Angriff der Airforce sei beabsichtig gewesen. Mehr als 6000 Menschen kamen als Leben, abgelegt in den Geschichtsbüchern und im Cap-Arcona-Museum als „historische Katastrophe“. Es liefen aber auch in der Nacht des 2. Mai 1945 Schleppkähne mit mehr als 1600 Häftlingen aus dem KZ Stutthof in Neustadt auf den Strand. Dabei Bruno Dey, dem gerade in Hamburg wegen seiner Taten als Wachmann im KZ der Prozess gemacht wurde, der mit einem Schuldspruch „auf Bewährung“ endete. Der Vertreter zweier Nebenkläger, der Münchner Rechtsanwalt Salvatore Barba, führte in den Prozess ein, dass Martyrium und Tatort nicht in dem KZ bei Danzig endeten, sondern erst am Strand von Neustadt. Die Anklage, die dem 93-Jährigen 5230-fache Beihilfe zum Mord zur Last legte, klammerte indes aus, was während und nach der Todesfahrt passierte.

Und dort am Ostseestrand beteiligten sich Neustädter Bürger an einem Massaker, dem zweihundert Menschen zum Opfer fielen. Ungesühnt, keiner will was getan oder auch nur gesehen haben. Auch Bruno Dey nicht. Wir wollen eigentlich nur wissen, wie die Stadt Neustadt mit dieser Schuld umgeht. Es gibt ein Cap Arcona Museum, es gibt in Neustadt und Umgebung mehrere „Cap-Arcona-Friedhöfe“, sowie ein Ehrenmal auf dem Ehrenfriedhof der Stadt Neustadt. Stutthof? Nein, nichts.
Einer der letzten Überlebenden ist David Ackermann, der im Prozess in Hamburg per Video aus Israel zugeschaltet wurde. Er bestätigte, dass niemand die Leichenberge übersehen konnte, weder im Lager noch am Strand. Wilhelm Lange, Leiter des Neustädter Museums spricht vom „Judenmord in Neustadt/Holstein“. Der Lübecker Oberstaatsanwalt Günter Möller sucht erfolglos nach den Verantwortlichen. Die Ermittlungen wurden 2015 eingestellt. Eine Einsichtnahme in die Akten ist wegen der gesetzlichen Schutzfrist von 60 Jahren nicht vor Ablauf des Jahres 2046 möglich.
Die Namenserklärung des Straßenschilds „Stutthof-Weg“ behauptet, die Menschen seien „von ihren Bewachern“ ermordet worden, nicht ganz wahr. Viele Neustädter beteiligten sich. „Die Erinnerung daran ist lebendig“, sagte Lange unlängst einer Zeitung, „aber es gibt hier Nachkommen der Täter – deswegen wird das Thema offenbar noch immer als Makel empfunden.“

Das wird so sein, und das erklärt das magere Ergebnis unserer Suche. Die nette Dame im Fischeramt meinte, wir sollten uns auf dem Ehrenfriedhof das zentrale Denkmal mit einer erklärenden Tafel ansehen. Was darauf steht, finden wir im Internet, von „Katastrophe“ ist da die Rede, nicht von Schuld und von den Opfern aus Stutthof, die Neustädter Bürgern zum Opfer fielen, kein Wort. Neue Tafeln sollen in Vorbereitung sein. Bis sie aufgestellt sind, solange wollen wir nicht warten, Besuche auf einem Friedhof sind deprimierend, wir lassen ihn ausfallen. Zurück am Markt, in der „Scheel Mien Backstuuv – Café Franz“ gibt es einen dringend notwendigen Kaffee, dort wo man uns den Weg hinab zum Hafen und zur Tourismus-Auskunft dieser schönen Stadt gewiesen hatte.

Die 16-teilige Serie findet Eingang in eine Foto-Text-Ausstellung „Gesichter Deutschlands“ im öffentlichen Raum in Gräfelfing und in einen Katalog mit gleichem Namen. Der Katalog „Gesichter Europas- eine Reiseliebe“ ist mit der ISBN 978-3-942138-67-3 über die Buchhandlungen oder direkt beim GRÄV-Verlag zum Preis von 15 Euro zu beziehen.
Nächste Folge: Timmendorfer Strand

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