Navarra –Von der Wüste bis in die Pyrenäen

Navarra, die nördlichste Provinz Spaniens – gleich an Südfrankreich grenzend – ist nur rund 150 Kilometer lang, 120 km breit und wird dabei dennoch in 4 Klimazonen unterteilt. Von Wüste bis hin zu saftig grünen Wäldern, Flüssen und Berglandschaften zeigt sich das Land mit vielen Gesichtern.

Bild oben:
Das schöne Rathaus von Pamplona:
Text:
Adelheid Wanninger

bizarre Wüstenformationen
bizarre Wüstenformationen

José Luis empfängt mich am Flughafen der 190 000 Seelen-Stadt Pamplona. „Du hättest ja eigentlich am 7. Juli kommen müssen!“ José spielt auf das Fest von San Fermin an, zu dessen Auftakt die Statue des Schutzpatrons der Stadt durch die Straßen getragen wird und die in Weiß und Rot gekleideten Männer mutig vor losgelassenen Stieren durch die Gassen laufen. Tausende Besucher aus der ganzen Welt sehen sich das Spektakel aus Fröhlichkeit, Brüderlichkeit und Party an, über das schon Ernest Hemingway schrieb.  Aber deshalb bin ich nicht hierhergekommen, sondern um die Vielfalt dieses kleinen ehemaligen Königreichs zu entdecken, von der ich so viel hörte.

Natürlich zeigt mir José zunächst ein wenig von „seinem“ Pamplona: zahlreiche kunsthistorische Schätze wie die Zitadelle, romanische und gotische Kirchen, Shoppingmeilen, die vielen beliebten Männer-Koch-Clubs und natürlich darf auch das wunderschöne Café Iruña nicht fehlen, in dem Hemingway Stammgast war. Irgendwie führt unsere Route dabei immer wieder auf schmale Straßen, in die kleine bronzene Muscheln eingelassen sind – der Jakobsweg ist  allgegenwärtig!

20150418_210929-1Abends geht es in eine der unzähligen Tapas-Kneipen. Tapas nennt man in Navarra übrigens Pinchos (Pintxos)– ihnen ist im April ein eigenes Fest gewidmet, bei dem es darum geht die schmackhaftesten und kreativsten anzubieten. Dabei geht es schon mal um die Ehre, denn einfach ist es sicher nicht. Der Preis für ein Pincho liegt bei rund 2 Euro. Zählt man dann aber zu den Gewinnern, ist es natürlich eine unglaubliche Werbung für die jeweilige Bar. 20150418_204136Spaß macht es allemal zum Pincho-Festival zu gehen: Da ist die ganze Stadt auf den Beinen, genießt ein Häppchen mit einem Glas Wein hier und ein zweites oder drittes anderswo… und irgendwo trifft man sicher Bekannte auf der abendlichen Tour.

 

 

Wahrzeichen von Bardenas reales
Wahrzeichen von Bardenas reales

Am nächsten Tag ist es Zeit um Richtung Süden aufzubrechen. Vom zentralen „Pamploneser Becken“ bis in die Ribera zur Wüste dauert die Fahrt knapp eine Stunde. Hier erwartet uns der rund 400 qkm große Parque Natural de Bardenas Reales, der seit November 2000 geschütztes Biosphären Reservat ist. Eine wunderschöne, wilde Naturlandschaft, in der die Erosion des Lehm-, Kalk- und Sandbodens Formen hervorgebracht hat, die einer Art Mondlandschaft gleichen. Iñaki de Felipe vom Reservat, ist nicht gerade begeistert, dass wir erst um 12 Uhr mittags eintreffen. Nicht unbedingt die angenehmste Zeit für eine Wüstentour denke auch ich mir bei den gefühlten 50°C im geschlossenen Jeep. Dabei hat das Thermometer heute gerade erst die 30°C  Marke erreicht. Aber die staubige Trockenheit des Bodens, der einst Meeresgrund war, raubt einem schier den Atem. Die seltenen, viel zu geringen Niederschläge dringen einfach nicht durch die Lehmschicht. Sand und Erde, die der aus den Pyrenäen kommende Tramuntana Wind  gelöst hat, spült der Regen einfach Richtung Ebro, in den großen Fluss bei Tudela. So befindet sich die Wüste in einem ständigen Prozess der Verwandlung und ich bin erstaunt, dass hier bei Temperaturschwankungen von 35 bis 45 °C zwischen Tag und Nacht dennoch Leben zu finden ist: verschiedene Vogelarten nisten in den Löchern der aufgerissenen Erde, Schlangen, Insekten, Hasen. In den Höhlen der Erhebungen entdecken wir mit dem Fernglas sogar mächtige Geier.

prächtiges Gemüse von Tudela
prächtiges Gemüse von Tudela

Als Belohnung für unsere Strapazen winkt in Tudela – einer einst jüdisch-arabischen Stadt aus dem Jahr 802 – der Besuch des Restaurants „trinquete“. Hier wird ausschließlich mit Gemüse gekocht, das auf dem fruchtbaren Boden neben dem Ebro gedeiht: Spargel, Bohnen, Kartoffeln mit feinstem virgen extra Öl aus dem Olivenanbau. Vorher lassen wir uns vom Koch und zugleich Restaurantbesitzer „Santi“ seine eigenen Gemüsefelder zeigen, deren Erzeugnisse nicht nur Grundlage für das Restaurant sind, sondern noch weitere sechs Familien ernähren.

Wer nach dem Essen noch Kunstgeschichte im Schnelldurchlauf erleben möchte, besucht die etwas überdimensionierte Kathedrale von Tudela, in der jeder Seitenaltar einer anderen Epoche entstammt. Von Romanik, Gotik, Renaissance, Barock und Klassizismus ist alles vertreten.

Olite - kleines Dorf mit großem Schloss
Olite – kleines Dorf mit großem Schloss

Spätnachmittags bleibt noch Zeit für den beschaulichen Ort Olite, der inmitten eines grandiosen Weinanbaugebietes liegt. Olite ist ein mittelalterliches Dorf mit wappenverzierten Herrenhäusern, großen Dachtraufen und Balkonen aus Holz, herrlichen Kirchen, einer römische Stadtmauer …und einem „etwas größeren“ Bauwerk im Zentrum: dem Königspalast aus dem Jahr 1402!

König Ludwig II. wäre vor Neid erblasst, hätte er jemals dieses Schloss von Carlos III. erblickt. Karl III., auch der Edle genannt, war ebenfalls Schöngeist ohne kriegerische Ambitionen. Dass man der Nähe des angrenzenden Königreichs Aragon Respekt zollte, sieht man am Beispiel der auf halbem Weg zwischen Olite und Ujué  am höchsten Punkt gelegenen Kirche San Martin de Unx. Doppelwandig umbaut strotzte sie gegen alle Widerstände und bietet Besuchern heute einen hervorragenden Blick über das umgebende Land.

An den Verzierungen ihrer Kragsteine erkennt man, dass hier in der „Zona Media“ schon vor vielen Jahrhunderten Weinbau betrieben wurde. Stellvertretend besuchen wir die Kellerei Pagos de Araiz, in der wir herrlich vollmundige Weine mit kräftigen Frucht- und Beerenaromen verkosten dürfen.

Brücke und Pilgerort Puente la Reina
Brücke und Pilgerort Puente la Reina
Zampanzar vertreiben böse Geister
Zampanzar vertreiben böse Geister

Am nächsten Tag geht es in den Südwesten Navarras. Heute feiert man den „Dia del valle“, den Tag des Tales in Puente la Reina. Glockenläufer, die Zampanzar de Aroiz, treiben die bösen Geister aus der Stadt und Gigantes, Riesenpuppen, oft von Stelzenläufern getragen ziehen durch den Ort. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, es gibt Musik, es wird getanzt, gut gegessen und getrunken. Plötzlich fällt mir auf: die Karte ist hier auf Spanisch und auf Baskisch geschrieben. Der Stolz eines Volkes, das nicht eigenständig sein darf, drückt sich in der Sprache aus! Puente la Reina ist, wie der Name schon sagt, vor allem durch seine romanische Brücke bekannt. An ihr kommt kein Pilger vorbei!

Wenige Kilometer weiter treffen wir auf  Nuestra Señora de Eunate (1170), eine schlichte, mystische Kirche des Jakobsweges mit achteckigem Grundriss und umlaufendem Kreuzgang. Um sie gibt es viele Rätsel, die wohl nie geklärt werden. Auf Baskisch bedeutet ihr Name „100 Türen“.

Nuestra Señora de Eunate (1170
Nuestra Señora de Eunate (1170)
Urederra - aus dem Felsen entspringt ein Fluss
Urederra – aus dem Felsen entspringt ein Fluss

Unsere Route führt weiter nach Estella, wo etwa 20 Kilometer weiter in den Bergen das Paradies zu entspringen scheint. Der Fluss Urederra scheint seinen Ursprung direkt im Felsen zu haben. Durch seine Kraft bildet er in seinem Lauf immer wieder türkisblaue Tiefen die umgeben von sattem Laubwald verführerisch leuchten. Kaum zu fassen, dass wir nur 100 Km von der Wüste entfernt sind!

Monasterio de  Iranzu
Monasterio de Iranzu

Unbedingt müssen wir noch das etwas  versteckt in der abgelegenen, bergigen Gegend des  Yerri-Tals gelegene Monasterio de Iranzu besuchen. Die Zisterzienserabtei, die im 12. bis 14. Jahrhundert erbaut wurde, ist mit einem wunderschönen, gotischen Kreuzgang gesegnet. Heute leben noch vier Priester in der von friedvoller Ruhe durchdrungen Anlage. Wer  Besinnung sucht und länger verweilen möchte, für den halten sie sogar Zimmer bereit!

Herrlich entspannen lässt es sich auch im Naturpark Señorío de Bertiz. Das  über 2.000 ha großes Gebiet mit üppiger Vegetation, rund 50 km nördlich von Pamplona überrascht mit einer Pflanzensammlung aus der ganzen Welt.  Eingebettet  in die Naturlandschaft  der westlichen Pyrenäen Navarras, am Ufer des Flusses Bidasoa wirkt die Parklandschaft wie eine Oase, die es zwar an dieser Stelle nicht bräuchte, die einen aber durch ihren ganz eigenen Charme gefangen nimmt.

Müller Felipe siebt sein Maismehl
Müller Felipe siebt sein Maismehl

Immer tiefer, immer höher zieht es uns bis in die Pyrenäen Richtung Elizondo, das Baztán Tal entlang. Über dichten Mischwäldern, Bergen, Höhlen und  Schluchten  kreisen Greifvögel. Fast glaubt man in der Schweiz zu sein. Hübsche Bergdörfer zieren die Landschaft und laden zum Wandern ein. Wir  besuchen Felipe, einen Müller, der uns köstliche Talo (Maisfladen, die gefüllt werden) bäckt und genießen auf der abgelegenen Alm eines Schäfers gegrillte Lammkottelets mit frischem Salat und offenen Rotwein. LammkottletesIm Anschluss gibt es Cuajada, eine Spezialität der Region. Zur Dickmilch vom Schaf  mit Honig und Nüssen trinken wir am Holzherd aufgebrühten Kaffee und natürlich Pacharán (Patxaran), einen für die baskische Gegend typischen Anis-Schehenlikör – eine Wohltat nach kräftiger Kost.

Eigentlich wollten wir auch noch die Salztherme Sanvirila besuchen, die  – mitten in den Bergen gelegen – von einer Quelle gespeist wird. Aber es wird schon dunkel und daher geht es zurück nach Pamplona, wo wir uns noch einmal dem zauberhaften Trubel des Pincho-Festivals hingeben bevor es am nächsten Tag zurück fliegen heißt.

Die unglaubliche Vielfalt des kleinen Landes Navarra fasziniert mich stets aufs Neue! Die stark wechselnden Landschaftsbilder, der kulinarische Reichtum und die Menschen, die sich hier ihre Eigenart bewahrt haben machen mich sicher: Wer einmal hier war, kommt wieder!

 Alle Bilder © und Text: Adelheid Wanninger


Nähere Infos unter:
turismo.navarra.es
(sehr guter Internetauftritt auch in Deutsch)

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