Deutschlands größter Binnensee ist ein beliebtes Urlaubsziel an der Mecklenburgischen Seenplatte. Auf 84 Kilometern führt der Radweg rund um die Müritz. Ihn abschnittsweise zu fahren und sich Zeit für die Region zu nehmen, lohnt sich in vielerlei Hinsicht.
Grüne Wälder und blaue Seen, wohin das Auge reicht. 55 Meter hoch ist der Käflingsbergturm nahe dem Örtchen Speck, mitten im Müritz-Nationalpark, dem mit 322 Quadratmeterkilometern größten Landnationalpark Deutschlands. Auf 167 Stufen geht es zur Aussichtsplattform in 31 Metern Höhe. Wer den Aufstieg nicht scheut, wird mit einem umwerfenden 360-Grad-Panorama belohnt.



Der auch für die Feuerwache und den Mobilfunk genutzte Turm ist der erste größere Zwischenstopp auf unserer rund 40 Kilometer langen Tagestour von Waren (Müritz) nach Rechlin an der Ostseite des Sees. Unterwegs sind wir mit der Mecklenburger Radtour, dem größten Radreiseveranstalter in Norddeutschland.
„Unsere Kurztour rund um die Müritz dauert vier Tage und ist ab 399 Euro buchbar. Meine 20 festen Mitarbeiter und ich organisieren inzwischen mehr als 300 Touren in ganz Europa, komplett aus einer Hand, vom Fahrrad- oder E-Bike-Verleih über die Streckenplanung bis zur Unterkunft“, sagt Firmengründer Thomas Eberl.
Rastplatz für Tausende Kraniche
Auf gut befahrbaren Wegen radeln wir durch Kiefernwälder, vorbei an schilfbewachsenen Uferzonen und Moorlandschaften. Alljährlich kommen Ende Februar/Anfang März Tausende Kraniche aus ihrem Winterquartier zurück, rasten hier und fliegen dann an die Ostsee weiter. Nirgendwo in Deutschland brüten heute mehr See- und Fischadler, Kraniche sowie Rohrdommeln als im Müritz-Nationalpark. Auf 260 Kilometern führen Radwege durch die weitgehend unberührte Natur.
In Rechlin kehren wir mittags in der Alten Tischlerei ein, einem Bio-Restaurant mit Hofladen. Inhaberin Anja Frey bewirtet uns mit selbst gebackenem Brot, verschiedenen Aufstrichen, Quiche, einem Rote-Bete-Linsensalat, Carpaccio aus Rehfleisch – der Tisch ist reichlich gedeckt und es schmeckt köstlich!


Das Kontrastprogramm zum Vormittag in der Natur erwartet uns am Nachmittag im Luftfahrttechnischen Museum Rechlin. Zwei gemeinnützige Vereine betreiben es ehrenamtlich. „Bis zu 4.000 Beschäftigte erprobten hier in den 1920-er und 1930-er Jahren neben Flugzeugen sowie Vorläufern der heutigen Drohnen auch Bomben, Flugkleidung oder Fallschirme und entwickelten Radargeräte. Erklärtes Ziel war es, die Luftwaffe auf den Zweiten Weltkrieg vorzubereiten“, so Gästeführer Ingo Dalchow, der uns das weitläufige Gelände zeigt.
Geschichte und Geschichten aus über 100 Jahren Luftfahrt
Er kennt nicht nur die Fakten zur Historie der Erprobungsstelle für Flugzeuge und die technischen Daten der zahlreichen Exponate, darunter Jagdflugzeuge und Bomber von Herstellern wie Junker, Fokker oder Messerschmidt aus mehr als 100 Jahren Luftfahrt. Sondern auch reichlich Geschichten, so über die Schwägerin des Hitler-Attentäters, Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg.
Sie gehörte zu den ersten Frauen in Deutschland, die alle Flugpatente besaßen. In Rechlin brachte sie es auf 2.500 Probeflüge. Kurz vor Kriegsende 1945 wurde sie von einem amerikanischen Jagdbomber abgeschossen. Oder über den berühmten Schauspieler Heinz Rühmann, der hier seine militärische Grundausbildung absolvierte.


Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahmen die sowjetischen Luftstreitkräfte, die Nationale Volksarmee und später die Bundeswehr Teile der ehemaligen Erprobungsstelle.
Für den Rückweg nach Waren nutzen wir ein Schiff der Weißen Flotte, das auch unsere Räder befördert. Rund 90 Minuten dauert die Fahrt auf dem Wasser. Vom See aus bieten sich noch mal ganz neue Perspektiven auf die Bilderbuch-Landschaft und die Orte an seinem Ufer. Von weitem grüßt die imposante Altstadt-Silhouette des Heilbads Waren, dem touristischen Zentrum der Region.
Schon Theodor Fontane schwärmte von Waren
Stadtführerin Manon Tolg ist hier aufgewachsen und lotst uns vom Alten Markt mit dem ehemaligen Rathaus über die Lange Straße durch malerische Gassen, vorbei an liebevoll sanierten und bis zu 300 Jahre alten Fachwerkhäusern. Schon der Dichter Theodor Fontane schwärmte von der leichten Seebrise und dem Tannenduft in dem Ackerbürgerstädtchen, das heute fast 22.000 Einwohner zählt.


Seine rund 800-jährige Geschichte ist reich an Ereignissen und Persönlichkeiten: Stadtbrände und Hexenprozesse, Errichtung von Hafen und Schifffahrtswegen zu Elbe und Havel, Fremdenverkehr seit den 1920-er Jahren. Freiherr Hermann von Maltzahn stiftete ein naturhistorisches Museum, Auguste Sprengel war die erste weibliche Schulleiterin an einer Städtischen Höheren Töchterschule.
„Durchschnittlich 800.000 Urlauber kommen jedes Jahr zu uns. Trotzdem stammen nur 15 Prozent der städtischen Einnahmen aus dem Tourismus“, sagt Manon Tolg. „Wir haben eine starke Industrie und sind beispielsweise Weltmarktführer bei der Herstellung von Schiffspropellern.“
Hühnerparadies am Müritz-Westufer
Das MAREMÜRITZ Yachthafen Resort, in dem wir ein Apartment bezogen haben, liegt direkt am See und ist ein prima Ausgangspunkt für Radtouren. Auf unserer nächsten, gut 30 Kilometer langen Tagestour am Müritz-Westufer legen wir schon nach einem Drittel der Strecke in Sembzin einen Zwischenstopp ein. Anne Carolin Knust empfängt uns auf dem Bauernhof, den ihre Familie betreibt. In den mobilen Ställen für die Hühner herrscht gerade Hochbetrieb.

© Christin Drühl


„Alle 10 bis 14 Tage bringen wir das Hühnermobil an einen neuen Standort ein paar Meter weiter. So finden unsere 3.000 Hennen immer eine frische Wiese vor“, so die Bäuerin. Zum Eierlegen ziehen sie sich in den Stall zurück. Auf den Weiden dahinter lassen sich die Angus-Rinder das saftige Grün schmecken.
Im Selbstbedienungsautomaten am Eingang des Müritz-Hofes Knust gibt es die hauseigenen Produkte: frische Eier, Bio-Black-Angus-Salami, Nudeln und Eierlikör. Wir kommen in den Genuss einer üppigen Kostprobe. Urlaubsgäste in einer der fünf Ferienwohnungen können beim Eiereinsammeln mithelfen oder Bekanntschaft mit Alpakas, Ponys und Kaninchen schließen.
Einkehr bei den Müritzfischern
Weiter geht’s zum nächsten Ziel: dem Fischerhof Röbel. Dort wartet schon Steffen Steinbeck auf uns. „1971 habe ich Fischer gelernt und das bis heute keine Minute bereut“, bekennt der Mann mit dem Rauschebart. „28.000 Hektar Seefläche bis nach Plau am See und Neubrandenburg bewirtschaften wir, 25 Teiche gehören dazu.“

© S. Redlich

© S. Redlich

© S. Redlich
An elf Stützpunkten verkaufen die Müritzfischer Fischbrötchen, die sie Fischerbrötchen nennen, und geräucherten Fisch: von Aal über Hecht und Saibling bis Zander. Das dazugehörige Fischkaufhaus versendet die leckeren Produkte sogar bis nach Österreich und in die Schweiz. Mit ihrem Angebot an Ferienwohnungen, einem Bootsverleih und Angelkarten schnüren Steffen Steinbeck und seine rund 100 Kollegen jedem Feriengast, der das möchte, sein spezielles Urlaubspaket. Zu Hause ist das Fischer-Urgestein im fünf Kilometer entfernten Röbel, der letzten Station unserer Tagestour.
Spaziergang durchs mittelalterliche Röbel
Dort will Karsten Thorun mit uns hoch hinaus. Sein Arbeitsplatz im Haus des Gastes ist wohl einer der schönsten, den man sich denken kann: in einem der bunten Gebäude, die für den Erholungsort typisch sind, mit Veranstaltungsraum und Heimatmuseum, dahinter der städtische Bürgergarten mit kleiner, seit kurzem überdachter Bühne und die Binnenmüritz.
Der Tourismus-Chef führt uns auf den Turm der Marienkirche. Aus 35 Metern Höhe blicken wir auf die beschaulichen Ringgassen im mittelalterlichen Stadtzentrum, die restaurierte Windmühle auf dem Burgberg, die Uferpromenade und die zweite Kirche im 5.000 Einwohner zählenden Städtchen: die Nicolaikirche am anderen Ende der Hauptstraße, die quer durch den Erholungsort verläuft.



Auch auf das Gewerbegebiet weist uns Karsten Thorun hin: „Dort hat die Optimal media GmbH ihren Sitz. Als größter Produzent von Vinylschallplatten – von Lena Meyer-Landruth bis Rammstein – beschäftigt sie 1.000 Mitarbeiter und ist damit ein wichtiger Arbeitgeber für unsere Region.“
MÜRITZEUM – Besuchermagnet für Klein und Groß
Wir sind wieder zurück in Waren. Am Rande der Altstadt liegt das MÜRITZEUM, das den besten Überblick über die Tier- und Pflanzenwelt im Müritz-Nationalpark bietet. Unabhängig vom Wetter können Familien, Schulklassen oder Reisegruppen die Natur spielerisch erkunden. Los geht’s mit einer Fahrt im Heißluftballon über der Müritz. Lassen Sie sich überraschen, wie das in einem Ausstellungszentrum funktioniert!


„Seinen Ursprung hat unser Haus in der Naturkunde-Sammlung von Hermann von Maltzahn aus dem Jahre 1866“, erklärt Marketingexpertin Karin Franz. „2007 haben wir das Müritzmuseum und das Müritzaquarium vereint sowie um einen Neubau, das Haus der 1.000 Seen, ergänzt. Die rund 150.000 Besucher pro Jahr finden bei uns Deutschlands größtes Aquarium für heimische Süßwasserfische. Es gibt ein Wassertheater mit zwei großen Außenaquarien und dem angrenzenden Herrensee. Im Konzertsaal können jung und alt den Stimmen einheimischer Vögel lauschen.“
Weitere Informationen: https://www.mecklenburgische-seenplatte.de/radtour-der-mueritz-rundweg; https://www.mecklenburger-radtour.de/radreisen-nordosten-deutschland/mecklenburgische-seenplatte; https://1000seen.de/radeln; https://www.maremueritz.com
Beitragsfoto: Mecklenburger Radtour



