Marcel Hirscher, Marcel Proust – und die Suche nach der verlorenen Zeit

Letzte Woche saß der Brenninger in der Gamskogelbahn von Zauchensee und vernahm dort, wie ein junger Bursche seinem Spezl verriet: „I kenn den Marcel no von der Zeit her, wia ma gleich schnell war’n!“. Der andere nickte. Und schien sofort zu wissen, wer mit dem Marcel gemeint war. Der Vorname genügte. Schließlich liegt Zauchensee ja in Österreich. Und in Österreich denkt man bei Marcel vielleicht durchaus an Proust oder Reich-Ranicki. Denn die Österreicher sind ja ein ausgesprochenes Kulturvolk. Aber dennoch tauchen Marcel Proust oder Marcel Reich-Ranicki doch eher in Wiener Kaffeehaus-Gesprächen auf. In einer Ski-Gondel hingegen kann sich zum Vornamen Marcel nur ein einziger Nachname gesellen: Hirscher. Der austrianische Weltmeister und Weltcup-Gewinner.

Brenninger wusste: Der Hirscher Marcel stammt aus Annaberg im Lammertal. Das liegt im Salzburger Land – gar nicht so viele Bergketten von jener entfernt, auf welcher die Zauchenseer Gamskogelbahn gerade dahin glitt. Also konnte es ja durchaus stimmen, dass der junge Bursch’ mal gegen den Hirscher (Bayern nennen ihn immer beim Nachnamen – im Gegensatz zum Felix) angetreten war. „Da Wahnsinn“, wiederholte er, „damois war’ ma gleich schnö – und jetzt checkt er sie alle sooooo ab!“ Schnö? Brenninger verstand: „Schnell“ hieß das.

Dann waren sie oben und Brenninger nahm sich vor, den Fahrstil des einstigen Hirscher-Rivalen zu begutachten. Schon stieß dieser sich ab auf die Piste – und fuhr so mittelmäßig,  dass Brenninger sogar sein eigenes Können als höher ein stufte. „Im Skifahren“, dachte er sich, „können die nicht gleich schnell gewesen sein in der Kindheit!“. Aber vielleicht ja, sinnierte er weiter, im Tretautofahren.

So ist es nun mal, dachte sich der Brenninger, wenn einer so berühmt ist wie der Hirscher – dann vervielfacht sich halt die Zahl der Menschen, die ihn schon immer gekannt haben, in eine fast unendliche Dimension. Und fragte sich: Ob Marcel Proust und Marcel Reich-Ranicki im Himmel droben den Marcel Hirscher wohl auch kennen?

Wohl erst, wenn der mal seine Memoiren schreibt. Und darin über die Suche nach der verlorenen Zeit sinniert. Und über den Gewinn vieler falscher Freunde.

____________________________________________________________

(Hirscher und die niemals verlorene Zeit:)

(Proust und die verlorene Zeit:)

Der Brenninger ist ein typischer Freizeitsportler – und oftmals auf Reisen. Was er unterwegs und zu Hause erlebt, lesen Sie jeden Dienstag hier.

* Niedergeschrieben von Jupp Suttner.

Geschrieben von
Mehr von Jupp Suttner

Claus Israel – Aufsteiger des Jahres

Nach der Premiere 2007 wurde nun bereits zum 9.Mal bei der Münchner...
mehr lesen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.