Lüttich zeigt Rom – Grand Tour durch Kunst und Moderne

Viele Wege führen ja bekanntlich nach Rom, oder auch nach Lüttich, idealerweise aber in beide Städte zugleich. Im Museum „La Boverie“ Lüttich hat gerade die Ausstellung „Viva Roma!“ begonnen, eine Retrospektive internationaler Reichweite zur Reise europäischer Künstler, Kunstliebhaber und -sammler in die ewige Stadt zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert.

Text und Fotos © Wolfgang Grüner

Einer der bequemsten Möglichkeiten nach Lüttich zu kommen ist eine entspannte Zugfahrt mit dem „Thalys“, vergleichbar mit dem deutschen ICE, das täglich fünf Mal, sogar bis Essen und Dortmund. Der Thalys ist genauso schnell, etwas plüschiger und bequemer, dabei meist billiger. Hat man den „Premium-Service“ gebucht erscheint, kaum hat man Platz genommen, eine freundliche Bedienung und serviert ein kleines leckeres Frühstück. Schön, das man dafür nicht extra in die Thalys-Bar muss. Am frühen Morgen ist Kaffee wichtig, der wird auch gerne nach geschenkt.

Die Zeit reicht gerade für das Frühstück, in circa einer Stunde ist man von Köln über Aachen in der Hauptstadt der Provinz Lüttich, der zweitgrößten Stadt der Wallonischen Region Belgiens, eben Lüttich.

Die ist auch das kulturelle Zentrum und genau deswegen der Grund für einen Kurzbesuch. In dem im Mai 2016 eröffneten Museum „La Boverie“ hat gerade die Ausstellung „Viva Roma!“ begonnen. Die in Zusammenarbeit mit dem Louvre entstandene Ausstellung internationaler Reichweite nimmt mit nach Rom, das sich aus der Sicht europäischer Maler darbietet. Sie führt auf die Spuren der Anhänger der „Grand Tour“ zwischen dem 17. und dem 20. Jahrhundert. Diese waren nicht nur die Vorfahren der heutigen Touristen die zur Erweiterung ihrer Bildung reisten, sondern auch Künstler sowie Kunstliebhaber und -sammler. Leisten konnten sich das damals aber nur vermögende Menschen einer gehobenen Schicht.

Da die Reisenden meist junge Männer waren, stand nicht immer nur die Kunst im Mittelpunkt, es gab es auch ganz andere Intensionen. Das was man zuhause nicht wagen konnte, auszubrechen aus Konventionen und versuchen Abenteuer auf vielen Ebenen zu erleben, dabei Fantasien auszuleben, spielte sicherlich auch eine, nicht ganz unbedeutende, Rolle.

Die Stadt und die in der Nähe liegenden italienischen Landschaften waren eine nie versiegende Quelle der Inspiration, man beschäftigte sich mit der Einzigartigkeit der Stadt der Kontraste und der Freuden im Lichte des Südens: die unterschiedlichen Viertel, ihre Paläste, Kunstateliers, das aufregende Leben der Bevölkerung und sogar die Kochkunst haben dadurch neue Farben in die europäische Kunst gebracht.

Die Ausstellung nimmt die Besucher mit in das Herz Roms, und bietet so die Möglichkeit die Faszination der europäischen Künstler für diese sagenumwobene Stadt in 175 Werken nachzuvollziehen und neu zu entdecken. Die Werke stammen aus dem Louvre und mehr als 50 anderen ausländischen Institutionen, darunter das Getty Museum in Los Angeles, die Fine Arts Museums of San Francisco, das Thorvaldsen-Museum in Kopenhagen und viele mehr.

Diese Werke wird man wohl nie wieder in einer derartigen Komplexität zusammen an einer Stelle sehen können. Unterteilt ist die Ausstellung in übersichtliche Abschnitte wie z.B.: „Das Altertum entdecken, Die Meister der Renaissance kopieren, Das Licht Roms, Die Reise: Etappen und Räuber, Das Volk von Rom u.a.m“. Eine wirklich begeisternde Zusammenstellung, die man gerne sieht und sich daran erfreut.

Weniger erfreulich ist, das man in den Ausstellungssälen der Boverie die lustige „Reise nach Rom“ (Sie kennen das: 5 Leute rennen um vier Stühle herum, dann, … einer verliert immer!) gar nicht spielen kann, weil einfach keine Stühle vorhanden sind, geschweige denn überhaupt andere Sitzmöglichkeiten. Und manchmal möchte man sich doch setzen, vielleicht um ein Kunstwerk lange und in Ruhe anzuschauen, manchmal muss man sich auch setzen, weil man einfach nicht mehr stehen oder laufen kann, sei es aus Müdigkeit, Altersgründen, Behinderung oder sonstigen Gründen. Aber daran hat scheinbar wieder Mal keiner gedacht, schade.Die einzige Möglichkeit bietet eine einzige Mini-Bank an der einzigen Multi-Media-Installation der ansonsten konservativen Ausstellung. Dort wird auf eine Bodenfläche eine alte Stadtkarte Roms projiziert, auf der dann sporadisch einzelne Punkte zusammen mit den ausgestellten Bildern besonders markiert erscheinen. Das war es dann auch eigentlich mit Experimenten. Vielleicht aber auch nicht schlecht, manchmal wird das gerne sehr übertrieben, da konterkariert die Darstellung die Ausstellung. Aber ein bisschen mehr „gewagt“ hätte es dann doch sein können.

Schon seit längerer Zeit gibt es in Belgien hochkomplizierte Sprachgesetze die sich nach territorialen Grenzen richten, also vier Sprachgebiete und drei Amtssprachen (Französisch, Niederländisch, Deutsch). Die Beschriftung zu den ausgestellten Bildern und Dingen im Museum gibt es allerdings nur in Französisch und Englisch, den Katalog zur Ausstellung (ein schönes sehr empfehlenswertes Kunstbuch) leider auch nur, sehr schade. Wenigstens niederländisch/flämisch wäre hilfreich gewesen. Aber sei es drum, das mindert den Kunstgenuss nur partiell.

Nach soviel Genuss für Geist und Seele muss es auch Genuss für den Körper geben, also ab in die Innenstadt zum Essen, danach ein wenig flanieren. In der Nähe der Kathedrale St. Paul, neben dem fürstbischöflichen Palast, sollte sicherlich ein Restaurant zu finden sein, was tatsächlich gar kein Problem ist, es gibt sie reichlich. Zuerst muss ein Bier auf den blanken Holztisch, entweder das stadteigene helle „Curtius“, oder ein braunes „Leffe“, oder … es gibt eine riesige Auswahl.Als Vorspeise kommt eine würzige Leberpastete mit kräftigem Brot und einer kleinen Salatgarnitur. Danach muss es natürlich das „Stadtgericht“ von Lüttich sein: „Boulets à la liègoise faits Maison“ oder auch „Gehaktballen met luikse Saus“. Mit ordinären Buletten hat das aber gar nichts zu tun, in Lüttich kommt die Bezeichnung „Boulettes“ schon fast einem Schimpfwort gleich. Boulets (Ball, Kugel) werden gegessen, Boulettes nur gemacht, sagt der Volksmund. Hauptbestandteile sind u.a. Rinder- und Schweinegehacktes, Zwiebeln, Eier, Paniermehl, dazu natürlich die kräftige braune „Lapin-Soße“ mit u.a. Rosinen, braunem Bier, braunem Zucker, Nelken und dem „echten Lütticher Sirup“ (aus eingekochten Äpfeln und/oder Birnen), die würzig-süß-sauer ein wenig an den rheinischen Sauerbraten erinnert.

Dabei gibt es unzählige Rezept- und Herstellungsvariationen, das „offizielle“ Rezept hat die Confrérie du Gay Boulet im Buch „Si le boulet m’était conté“ veröffentlicht. Die Boulets sind gar nicht klein, die beiden Prachtexemplare allein schon kaum zu schaffen, dazu wieder eine kleine Salatgarnitur mit Mayonnaise. Als „Sättigungsbeilage“ selbstverständlich noch eine große Portion der berühmten belgischen Pommes Frites. Sind diese in der Form nicht ganz einheitlich und etwas dunkler, sind sie richtig, weil selbstgemacht und zwei Mal frittiert. Im ersten Gang werden die Kartoffeln bei 160°C gegart. Nach dem Abkühlen der Pommes erzielt der zweite Frittiergang bei 180°C die knusprige Textur und die goldbraune Farbe der „vlaamse frites“. Die sind den Belgiern sehr wichtig, in Brügge gibt es sogar ein eigenes Museum für sie, das Friet Museum. Nachtisch gibt es auch noch, eine Creme, die u.a. den stadttypischen Wacholderschnaps „Pékèt“, enthält.

Jetzt tut wieder Bewegung not, also raus zum flanieren in der sich ständig verändernden Stadt. War man ein paar Wochen oder gar Monate nicht da, hat man manchmal Mühe die Gegend wiederzuerkennen. Nicht überall in der Stadt ist es schön, oft sieht man Lüttich seine Industrievergangenheit noch deutlich an, was allerdings auch wieder seinen eigenen Charme hat.Den spürt man ganz besonders im Stadtteil Outremeuse, die Heimat der echten Lütticher Folklore, mit seinen verwinkelten Gässchen und pittoresken Hinterhöfen. Da lohnt es sich schon Mal vom geraden Weg abzugehen. Der berühmte Schriftstellers Georges Simenon kommt von hier.Es gibt mindestens 10 Museen in Lüttich, eines davon, das Archeforum am Place St Lambert, ist komplett unterirdisch. Dazu kommen viele schöne kulturelle Sehenswürdigkeiten, da hat man mit Besichtigungen schon genug zu tun, Aufgabe für viele Tage.

In der Sankt-Bartholomäus-Kirche steht ein grandioses und etwas geheimnisvolles Taufbecken, ein Meisterwerk mittelalterlicher Goldschmiedekunst, oder vielleicht doch in das Königliche Theater oder die Oper der Wallonie, in den neuen Museumskomplex Grand Curtius am Ufer der Maas, in das Wallonische Museum für Volkskunde, oder, oder …. .

Wer es sportlich haben möchte, bezwingt eine Treppe mit 374 Stufen, Montagne de Bueren, genannt. Vom Museum Boverie mit seinem schönen Park kann man ganz bequem hinunter zur Maas gehen, über die Brücke zum 2009 eingeweihten Hochgeschwindigkeitsbahnhof Liège-Guillemins.Mit seinem wellenförmigen Dach aus filigranem Stahl und Glas überspannt er die dreistöckige unterirdische Gleisanlage, ein imposantes Meisterwerk des katalanischen Stararchitekten Santiago Calatrava.Und genau von hier fährt der Thalys auch wieder zurück. Kaum hat man Platz genommen, steht schon der Servier-Wagen da, es gibt einen kleinen Snack und natürlich ein frisches belgisches Bier, oder gerne zwei. Das hat man sich nach so einem anstrengenden Tag auch redlich verdient.Praktische Infos Museum La Boverie :

Geöffnet noch bis zum 26.08.2018, Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr, Ruhetag: Montag, Eintritt Einzelperson: 12,00 € (voller Preis),
ermäßigter Eintritt: 9,00 € (Gruppen, Senioren, 14-25 Jahre, Beschäftigungslose), kostenlos für Kinder unter 14 Jahren, kostenlos für Begleitpersonen von Personen mit Behinderung.

Mehr Informationen:

https://de.laboverie.com/ausstellungen/zurzeit/viva-roma-25-04-2018-26-08.2018

https://www.belgien-tourismus.de

https://www.thalys.com

https://www.belgien-tourismus-wallonie.de

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