DIe Liebste und der Lewakas

Ehe Brenninger verehelicht war, hatte er eine Freundin, die ausgesprochen ernährungsbewusst lebte. Als sei sie die Köchin der deutschen Olympiamannschaft. Sie stammte aus dem hohen Norden und Brenninger liebte sie. Doch immer wenn sie zu ihm nach München kam, wusste er: dass jetzt wieder sehr, sehr bewusste Ess-Tage auf ihn zu kommen würden. Denn die Schöne war selbst sehr schlank und hätte sich das vom Brenninger desgleichen gewünscht.

Das bewusste Essen also. Viel Gemüse, keinen Schweinsbraten. (Für Nichtbayern: Es heißt tatsächlich SchweinSbraten und nicht SchweinEbraten. Denn der Braten stammt ja von EINEM Schwein, während Schweinebraten die Braten von mehreren Schweinen sind.)

Doch zurück zum Gemüse. Brenninger musste auf alle Fälle zugeben, dass ihm die Ernährung jener Aufenthaltstage der Liebsten ausgesprochen gut tat. Er verlor sofort an Gewicht, fühlte sich fitter beim gemeinsamen Sport und erstaunlicherweise auch dies: es schmeckte. Doch als sie ihm eines Tages strengkritisch eröffnete, dass „die bayerische Küche die ungesündeste Küche von allen deutschen Küchen“ sei, erwuchs ein innerer, patriotischer Widerwille gegen dieses bewusst gesunde Essen, der ihn fast zum Platzen brachte. Und er fühlte sich ein wenig wie der Dienstmann Alois Hingerl, der als Bayer in den Himmel gekommen war und dort als Engel Aloisius auf einer Wolke saß, zu frohlocken hatte – sich aber statt dessen über die Ernährung dort oben beschwerte. Dass er stets nur himmlisches Manna erhalte, statt ein Bier und Weißwürscht.

„Luja sog i, Sacklzement, luja!!! A Manna kriag i. Do wennst ma net gehst mit eiram Manna! Des kennts selba saufa!“

http://www.youtube.com/watch?v=FW6P_crgp8M

Doch als die Liebste aus dem hohen Norden beim nächsten Mal in München eintraf, hatte der Brenninger seinen ganzen Groll wieder vergessen und fügte sich geduldig in das wiederum angesagte bewusste Gesundessen. Erstens ihr zuliebe und zweitens, weil er halt nach ihrer Abreise dann immer ganz besonders gut drauf war und bei seinen Bolzball-Kick-Sprints sogar den Gottfried überrannte, der sonst IMMER schneller war. (Aber vielleicht ist es ja gar nicht die Ernährung,  dachte sich Brenninger bisweilen dennoch etwas zweifelnd, sondern die Liebe, die mir Flügel verleiht!)

Dann war wieder mal der letzte schwere Tag ihrer Aufenthalts an der Isar angebrochen. Brenninger hatte ihr tagsüber den Watzmann gezeigt und abends die Münchner Innenstadt. Wo sie dann auch einkehrten. Und zwar beim Spöckmeier in der Rosenstraße, dieser uralten bayerischen Traditions-Gaststätte mit zugleich internationaler Küche für die in Scharen einfallenden Touristen.

Brav orderte Brenninger einen Wirsing-Kürbisstrudel  mit gebratenen Waldschwammerln in Kräuterrahmsauce für 13,80 Euro – während seine Freundin wohl einen zarten Fisch verzehren würde. „Ach, wenn ich schon mal hier in München bin“, sagte sie, „dann müsste ich doch mal so etwas original Bayerisches kosten. Hier steht Abgebräunter Leberkäse mit Spiegelei und Kartoffelsalat – ist das etwas Originales?“

Brenninger lief das Wasser im Munde zusammen. Und er konnte nur noch nicken und voller Sehnsucht leise hauchen: „Jaaa…“

Und so kam es, dass mitten in München der vollschlanke Bayer vor dem vegetarischen Wirsing hockte – und die ganzschlanke Preußin vor dem abbreintn Lewakas. Ball verkehrt. Aber am Ende, hoffte der Brenninger, würde es ja vielleicht doch noch gut ausgehen!

Und es ging. Sie konnte nicht mehr. Es war ihr zu mächtig. Und Brenninger sah sich gezwungen, den Rest des Leberkäses und des Kartoffelsalats in sich hinein zu schaufeln – denn bei den Spöckmeier-Preisen wäre es eine Schande, etwas stehen zu lassen. Und den Lewakas sich einpacken lassen, so dass die Freundin ihn im Flugzeug mit nehmen hätte können, ging erst recht nicht. Wer weiß, ob sie nicht die heilige hiesige Speise in ihrem hohen Norden dem dortigen Bekanntenkreis als typische Ernährung der alpenländischen Eingeborenen gezeigt hätte. Das hätte er nicht überlebt, der Leberkäse.

Also war es schon richtig, dass der Brenninger alles verputzte. Am nächsten Tag freilich musste er fürchterlich darunter leiden: Weil er kein einziges Mal am Gottfried vorbei kam!

Wegen des Leberkäses? Mag sein. Aber vielleicht war ja auch irgendwie die Liebe nicht mehr groß genug, als dass sie Flügel verlieh. Denn bald darauf war das mit der Freundin zu Ende. Die, hoffte Brenninger, wenn schon nicht ihn, dann aber hoffentlich den Leberkäse in guter Erinnerung behalten würde.

 

Der Brenninger ist ein typischer Freizeitsportler – und oftmals auf Reisen. Was er unterwegs und zu Hause erlebt, lesen Sie jeden Dienstag hier.

* Niedergeschrieben von Jupp Suttner.

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