Seine letzten Lebensjahre verbrachte Rainer Maria Rilke im Schweizer Kanton Wallis. Ein Besuch aus Anlass seines 100. Todestages.

Die Sehnsucht nach Ruhe führte Rainer Maria Rilke in die Schweiz. Die ersten 44 Jahre seines Lebens war der aus Prag stammende Dichter durch ganz Europa vagabundiert. Mit Ende des Ersten Weltkrieges verschwand seine Heimat von der Landkarte, das Habsburger Reich. Die Entwurzelung trug zu einer Schaffenskrise bei.
Ab 1919 reiste der Dichter durch die Schweiz. Den kostspieligen dortigen Lebenswandel ließ er sich von wohltätigen Mäzeninnen finanzieren. Er suchte nach einem Ort, um ungestört zu arbeiten und einen Gedichtzyklus zu vollenden: die „Duineser Elegien“, die er acht Jahre zuvor auf Schloss Duino in Norditalien begonnen hatte, dem Stammsitz der Familie Thurn und Taxis.

(c) Fondation Rilke
Schaffensrausch im Turm
Den ersten Ausflug ins Wallis unternahm Rilke 1920; gemeinsam mit seiner letzten Lebensgefährtin, der Malerin Baladine Klossowska. Ein Jahr später kehrten die beiden zurück. Sie logierten in dem malerischen Städtchen Sierre, wo sie im Schaufenster ein Verkaufsangebot für das nahegelegene Château de Muzot entdeckten, ein mittelalterliches Landgut mit einem spartanischen, aus Feldsteinen gemauerten Wohnturm. Der Schweizer Mäzen und Industrielle Werner Reinhart erwarb das Grundstück und überließ es dem Dichter zum Wohnen.
Türme hatten es dem Dichter schon lange angetan; sie dienten ihm immer wieder als Metapher. In dem Gedicht „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen“ ist Gott ein „uralter Turm“, den der Dichter umkreist.

Hinter den dicken Mauern von Muzot, die nur schießartenartige Fensterschlitze freigeben, fand Rilke endlich die lang ersehnte Ruhe. Hier vollendete er seinen wegweisenden Gedichtzyklus „Duineser Elegien“ in einer einzigen Februarwoche des Jahres 1922 – ein geradezu explosiver Schaffensrausch. Muzot befindet sich heute im Privatbesitz der Erben des Rilke-Mäzens Reinhart. Über den Zaun lässt sich jedoch ein Blick auf den Turm und in den Garten werfen.

Zwischen Himmel und Erde
Hier, im majestätischen Rhone-Tal, befand der Dichter, „dass in der hiesigen landschaftlichen Erscheinung Spanien und die Provence so seltsam ineinander wirkten“ – so schrieb er in einem Brief an seine Freundin und Mäzenin Marie von Thurn und Taxis. Er schwärmte von den Walliser Alpen als einem Land, das „irgendwo zwischen Himmel und Erde hängt.“ Rilke wanderte zwar täglich, doch hoch hinaus in die Berge zog es ihn nicht. Er liebte die Almwiesen, die Weinhügel und engen Dörfer aus wettergegerbten Holzhäusern.

Die Fondation Rilke hat im Zentrum von Sierre ihren Sitz; in einem eleganten Patrizierhaus aus dem 18. Jahrhundert. Hier betreibt die Stiftung das Rilke-Museum, das sich dem Leben des Dichters im Wallis widmet. Seit Anfang 2026 läuft eine neue Dauerausstellung mit Originalmanuskripten, Fotos, persönlichen Gegenständen des Dichters. Beeindruckend sind einige Briefe in Rilkes klarer, eleganter Handschrift.

Ewige Ruhe unter Rosen
Ab 1923 musste Rilke seinen geliebten Turm immer wieder für Aufenthalte im Sanatorium in Valmont verlassen; oberhalb von Montreux am Genfersee. Er litt an Leukämie und schrieb bereits zwei Jahre vor seinem Tod sein Testament und den Grabspruch „Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, / niemandes Schlaf zu sein unter soviel Lidern“. Als Grabstätte wählt er das 15 Kilometer entfernte Dorf Raron, dessen mittelalterliche Kirche St. Michael auf einem Felsensporn thront. Rilke liebte diesen Ort wegen des weiten Ausblicks ins Rhone-Tal.
Vor hundert Jahren, am 29. Dezember 1926, starb der 51-jährige Rilke im Sanatorium. Vier Tage später wurde er in Raron beerdigt.

Hotel-Tipp in Sierre: In der historischen Poststation befindet sich heute das Hôtel de la Poste (Rue du Bourg 22, Sierre). Jedes der 15 Zimmer ist nach einem heimischen Baum benannt und mit dem entsprechenden Holz ausgestattet. Zum Verweilen lädt der idyllische Garten ein.
Beitragsbild und Fotos (sofern nicht anders bezeichnet): Antje Rößler



