Namur, die Hauptstadt der Wallonie, erfindet sich zwischen Festungsmauern, Kunst und Genuss immer wieder neu. Mit Bedacht und Augenmaß.

Am Maas-Ufer in Namur lässt sich gemütlich schlendern.
„Was ist das Besondere an Namur?“ Die beiden Schnecken auf der Place d’Armes scheinen die Frage schon tausendmal gehört zu haben. Sie sitzen dort, als hätten sie alle Zeit der Welt. Josef und Franz, die beiden bronzenen Männer, unterhalten sich gestikulierend, während ihnen zwei Schnecken dabei Gesellschaft leisten. Die eine im Käfig, die andere an der Leine. Auch sie unterhalten sich. Über Namur und die Menschen, die hier leben, über ihre angebliche Langsamkeit. Mit jenem trockenen wallonischen Humor, der auch einmal über sich selbst lachen kann. Ich bleibe stehen. Touristen fotografieren die Skulptur und sich selbst, Einheimische gehen achtlos vorbei.

Josef, Franz und ihre Schnecken sind zum Wahrzeichen Namurs geworden.
Die Schnecken lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie haben schließlich einen Auftrag: Sie sollen etwas über diese Stadt erzählen. Und vielleicht sind sie dafür tatsächlich die besten Fremdenführer. Denn Namur, die Hauptstadt der Wallonie, ist keine Stadt, die man im Eiltempo versteht. Sie liegt dort, wo Sambre und Maas zusammenfließen, beherrscht von einer gewaltigen Zitadelle und doch erstaunlich entspannt. Man muss sich Zeit nehmen für einen Blick in eine Seitengasse, für eine kleine Figur an einer Hauswand, für ein Gespräch bei einem Kaffee. Und natürlich für Schokolade. Namur ist eine Kulturdestination, aber keine, die sich auf dem Silbertablett präsentiert. Ihre Geschichte und Kultur versteckt sich manchmal unter der Erde, manchmal hinter einer unscheinbaren Tür und manchmal sitzt sie einfach mitten auf dem Marktplatz.

Das Kulturzentrum Le Delta ist ein architektonisches Highlight in Namur.
Ein Berg voller Geschichte in Namur
Von der Place d’Armes geht es den Hügel hinauf. Die Zitadelle liegt über der Stadt wie ein steinerner Wächter. Schon der Weg nach oben verändert den Blick auf Namur. Die Häuser werden kleiner, die Maas breiter, der Horizont weiter. Oben angekommen, scheint die Stadt plötzlich weit weg.

Die weitverzweigte Anlage der Zitadelle in Namur gehört zu den größten Wehranlagen Europas.
Dabei beginnt hier eine Reise in die Tiefe. Denn unter den Mauern der Zitadelle verbirgt sich ein regelrechtes unterirdisches Labyrinth. Gänge und Tunnel durchziehen den Felsen. Einst waren sie militärische Lebensadern, heute kann man Teile davon im Rahmen einer Führung erkunden. Kaum liegt der Eingang hinter uns, wird es dunkel. Die Stadt, eben noch im Sonnenlicht, scheint verschwunden zu sein. Der Gang ist eng, die Wände sind feucht und kühl. Dann taucht irgendwo ein Licht auf. Stimmen, Geräusche, Projektionen machen aus der historischen Anlage eine Art unterirdisches Theater.

In den Gängen der Zitadelle erwarten magische Lichteffekte und Präsentationen die Besucher.
Man versteht plötzlich, warum die Zitadelle mehr ist als ein Aussichtspunkt. Sie ist ein Geschichtsbuch aus Stein – nur dass man darin herumläuft. Wieder draußen, brauche ich erst einmal Luft. Auf der Esplanade steht der Pavillon, ein Bau, der aussieht, als wäre er geradewegs aus der Zukunft hierhergefallen. Wo eben noch Festungsgeschichte im Mittelpunkt stand, geht es nun um digitale Kultur, neue Medien und zeitgenössische Ausstellungen. Der Pavillon bildet einen schönen Kontrapunkt zur Zitadelle. Alt und neu stehen sich nicht feindlich gegenüber. Sie scheinen sich in Namur eher zu unterhalten, wie Josef, Franz und die Schnecken.

Der Pavillon auf dem Gelände der Zitadelle ist ein sehenswertes digitales Museums- und Innovationszentrum.
Kunst auf Schritt und Tritt in Namur

Die kleinen Figuren des Künstlers Isaac Cordal sind in der ganzen Stadt Namur verteilt.
Zurück in der Stadt beginnt eine andere Art der Spurensuche. „Schauen Sie mal dort!“ Eine kleine Figur sitzt auf einem Mauervorsprung. Ein Mensch, kaum größer als eine Hand. Dann entdecke ich eine zweite. Und noch eine. Sie gehören zum Street-Art-Parcours des spanischen Künstlers Isaac Cordal. Rund 45 seiner Miniaturmenschen sind über Namur verteilt. Sie stehen, sitzen, warten, starren und wirken dabei, als seien sie aus einer anderen, viel kleineren Welt gefallen. Man muss sich bücken, den Kopf drehen, nach oben schauen. Plötzlich wird der gewöhnliche Stadtspaziergang zum Suchspiel.

Der Place d´Armes ist ein beliebter Treffpunkt in Namurs Altstadt.
Doch die Figuren sind nicht zum Schmunzeln allein da. Cordal beschäftigt sich mit Einsamkeit, Konsum, Klimawandel und gesellschaftlichen Widersprüchen. Seine kleinen Menschen wirken verloren in einer Welt, die ihnen über den Kopf wächst. Manchen Einheimischen gefallen sie mit ihrem melancholischen Ausdruck nicht besonders, aber na ja, wenn sie jetzt schon mal da sind… Ich entdecke einen Mann irgendwo zwischen Mauer und Bürgersteig und frage mich unwillkürlich, wie viele Passanten täglich an ihm vorbeilaufen, ohne ihn zu sehen. Vielleicht ist genau das die Idee dieses Parcours: Nicht nur Kunst zu betrachten, sondern genauer hinzuschauen.
Namur, eine Stadt der offenen Kultur
Am Zusammenfluss von Sambre und Maas liegt das Kulturzentrum Le Delta. Schon der Name passt: Hier fließen unterschiedliche Kunstformen zusammen. Theater, Tanz, Musik, Zirkus, Ausstellungen, Workshops, die Programme geben sich so vielseitig wie die Stadt selbst.

Über der Sambre schwebt die Seilbahn hinauf zur Zitadelle.
Aber noch interessanter ist, dass man das Delta auch ohne Eintrittskarte erleben kann. Im Gebäude gibt es Räume, in denen Menschen einfach sitzen, lesen, arbeiten oder eine Pause machen können. Und dann ist da noch die Terrasse. Ich trete hinaus. Vor mir liegt die Maas. Dahinter erhebt sich die Zitadelle. Unten bewegt sich die Stadt langsam durch den Nachmittag. Ein solcher Moment erklärt mehr über Namur als manche Statistik. Kultur ist hier nicht ausschließlich das Ereignis am Abend, für das man sich schick macht und eine Eintrittskarte braucht. Kultur gehört zum öffentlichen Raum. Man kann hineingehen, verweilen, schauen. Und dann weiterziehen.

Dem Maler Felicien Rops ist in seiner Heimatstadt Namur ein ganzes Museum gewidmet.
Der Mann mit dem provokanten Blick
Ein paar Straßen weiter wird es dunkler, zumindest thematisch. Das Musée Félicien Rops ist dem berühmtesten Sohn der Stadt gewidmet. Rops, 1833 in Namur geboren, war Zeichner, Grafiker und Karikaturist. Seine Bilder sind nichts für Menschen, die Kunst nur hübsch finden möchten. Erotik, Tod, gesellschaftliche Doppelmoral: Rops hatte Freude daran, dorthin zu schauen, wo andere lieber wegsahen. Schon beim Rundgang durch die Sammlung fällt auf, wie wenig angepasst dieser Künstler war. Seine Arbeiten sind bissig, manchmal grotesk, oft provokant. Man stellt sich vor, wie seine Zeitgenossen auf diese Bilder reagiert haben müssen. „Das war damals ziemlich gewagt“, sagt eine Besucherin neben mir. „Und heute?“, frage ich. Sie zuckt mit den Schultern. „Immer noch.“ Namur scheint noch immer katholisch geprägt zu sein. Aber ein besseres Kompliment kann man einem Museum und seinem Künstler kaum machen.

Das Museum der dekorativen Künste in Namur besitzt einen schönen Garten.
Weniger provokant, dafür von großer Eleganz präsentiert sich das Museum der dekorativen Künste. Untergebracht in einem ehemaligen Stadtpalais, erzählt es vom Leben der wohlhabenden Gesellschaft des 18. Jahrhunderts. Möbel, Porzellan, Silber und kunstvolle Details lassen eine Welt entstehen, in der selbst ein Alltagsgegenstand zum Ausdruck von Rang und Geschmack wurde. Draußen wartet ein schöner, ruhiger Garten. Für einen Moment ist die Stadt ganz still.

Im Les Bateliers Museum in Namur wird unter anderem auch eine historische Küche gezeigt.
Jetzt wird es süß in Namur
Irgendwann meldet sich der Magen. In Namur ist das kein Problem. Im Gegenteil: Essen gehört zum kulturellen Programm. Bei Sigoji wird die Reise zunächst schokoladig. In der Manufaktur von Euphrasie Mbamba trifft belgische Schokoladentradition auf die Herkunft der Inhaberin aus Kamerun.

Im Sigoji wird man mit leckeren Pralinen und Schokoladen, hergestellt aus Kakaobohnen aus Kamerun, verführt.
Kakao ist hier nicht einfach ein Rohstoff, sondern Teil einer Geschichte, die zwischen Afrika und Europa pendelt. Pralinen, Trüffel und Schokoladentafeln liegen in der Auslage. Ich nehme mir vor, nur eine Kleinigkeit zu probieren. Dieser Vorsatz hält ungefähr zwei Minuten. Es ist eine jener kleinen kulinarischen Erfahrungen, die man auf Reisen nicht planen muss. Man betritt einen Laden, weil man neugierig ist und verlässt ihn mit einer Tüte, die plötzlich erstaunlich schwer geworden ist. Schokolade kann eben auch Kulturvermittlung sein.
Am Tisch der Begegnung
Für den Abend geht es zu „Les potes au feu“, einem Restaurant am Fuß der Zitadelle. Schon der Name klingt nach einem Ort, an dem man nicht nur essen, sondern zusammensitzen soll. Die Küche setzt auf saisonale und möglichst regionale Produkte, gekocht wird modern, aber ohne demonstrative Starallüren. Ein Teller kommt auf den Tisch.

Auch das äußerst schmackhafte Brot wird im Les potes au feu selbst gebacken.
„Probieren Sie.“ Ich gehorche und probiere. Mehr muss man über gutes Essen manchmal nicht sagen, die Geschmackskombination aus Süßkartoffeln, Tomatenvariationen und Ochsenschwanzbrühe ist ein Erlebnis. Während draußen langsam die Dämmerung über Namur fällt, wird aus der Stadt, die man tagsüber als Kulturdestination erkundet hat, wieder das, was sie im Kern ist: Eine Stadt zum Leben. Menschen sitzen zusammen, Gläser klirren, Gespräche werden lauter. Die Zitadelle liegt dunkel über den Dächern. Und irgendwo auf der Place d’Armes stehen Josef und Franz noch immer da und unterhalten sich. Die Schnecken sind natürlich auch noch da. Sie haben sich keinen Zentimeter bewegt.

Der Künstler Jan Fabre hat die Schildkröte auf der Zitadelle in Namur erschaffen.
„Hast du auch die Schildkröte auf der Zitadelle gesehen? Die meisten Besucher halten sie für das Wahrzeichen unserer Stadt. Weit gefehlt, das sind natürlich Josef, Franz und wir zwei Schnecken, was denn sonst!“ Und vielleicht ist das auch die wichtigste Botschaft der Schnecken an alle Besucher: Namur läuft nicht davon. Man muss diese Stadt nicht erobern. Man muss sie nur entdecken, langsam genug, um ihre Geschichten zu hören. Von den unterirdischen Gängen der Zitadelle bis zu den winzigen Figuren Isaac Cordals, von Rops’ bissigem Blick bis zur verführerischen Schokolade von Sigoji, vom Panorama des Delta bis zum Abendessen bei Les potes au feu: Namur erzählt seine Geschichte auf vielen Ebenen.

Josef, Franz und die Schnecken sind ein beliebtes Fotomotiv jn Namur.
Man muss nur genau hinschauen. Und manchmal auch nach unten. Dort könnte schließlich wieder eine Schnecke sitzen.
Weitere Informationen
Visit Namur, www.namurtourisme.be/de
Visit Wallonia, www.visitwallonia.de
Übernachten:

Auch im Mercure Hotel Namur dürfen Schnecken nicht fehlen.
Elegant und direkt am Fluss und unterhalb der Zitadelle gelegen, ist das Mercure Hotel Namur ein idealer Standort für einen Citytrip, https://all.accor.com/hotel/B2T4/index.fr.shtml
Essen und Trinken:
Süße Träume in der Schokoladen-Manufaktur Sigoji Namur, www.sigoji.com/en/welcome/1036-sigoji-namur.html
Kreative Küche in unkomplizierter Atmosphäre, Restaurant Les Potes au Feu, www.lespotesaufeu.be
Maison des Desserts, https://lamaisondesdesserts.be
Brasserie La Confluence, www.la-confluence.be
Brasserie Le Chapitre, www.facebook.com/lechapitrenamur
Sehenswürdigkeiten:

In den kühlen Gängen der Zitadelle in Namur lagern exquisite Parfum-Schätze von Delforge.
Zitadelle Namur, https://citadelle.namur.be/de
Kulturzentrum Le Delta, www.ledelta.be
Museum Félicien Rops, www.museerops.be
Les Bateliers Museum der Dekorativen Künste, www.namur.be/fr/loisirs/culture/musees/les-bateliers

In der Parfümerie Delforge gibt es exklusive Duftkreationen für Damen und Herren.
Atelier de Parfumerie Delforge in der Zitadelle von Namur, www.delforge.com



