von Udo Haafke

Das niedersächsische Städtchen Celle gehört fraglos zu den Fachwerkkleinodien des Landes. Im Kern der malerischen Altstadt, die sich vor den Toren des traditionsreichen Celler Welfenschlosses ausbreitet, stehen knapp 500 historische, sorgsam restaurierte Gebäude unter Denkmalschutz. Das gesamte Ensemble an Fachwerkhäusern in der Innenstadt gilt als das kompletteste seiner Art in ganz Europa. Ein entspannter Spaziergang durch die Altstadtgassen gleicht einer architektonischen Zeitreise. Entstanden vornehmlich zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert, sind deutlich die markanten Stilformen der jeweiligen Epochen erkennbar. Verspielt und mit zahlreichen Details in Form von Schnitzereien versehen, reihen sich die Gebäude aneinander.

Es lohnt jedoch bei Gelegenheit auch der Blick in die Hinterhöfe, die zwar vielleicht etwas weniger herausgeputzt sind, aber dennoch ein sehr authentisches Bild einstiger Lebensformen offenbaren. So kann man beispielsweise in der früheren Ratsapotheke in der Bergstraße nicht nur schwelgerisch historische Architektur studieren sondern auch die winzige Destillerie des »Alten Provisors« in Augenschein nehmen. Der kräftige Kräuterlikör gilt als Wunderwaffe im Kampf gegen nahende Erkältungen und wird seit 1910 in geheimer Rezeptur gebrannt. Er hat weit über die Heide hinaus längst Kultstatus erreicht.

Angesichts überbordender Fachwerkromantik erscheint es durchaus verwunderlich, dass die Stadt in der Südheide zu den inspirierenden Keimzellen moderner Architektur zählt. Dieser Umstand ist untrennbar verbunden mit dem Namen Otto Haesler. Der ebenso eigensinnige wie visionäre Baumeister, den Walter Gropius zum Leiter des Bauhausdirektoriums machen wollte, was Haesler aufgrund zahlreicher Projekte und Ideen ablehnte, legte in vielfältiger Weise den Grundstein für modernen sozialen Wohnungsbau. Klare Formen und eindeutige Strukturen, große Fenster, exakte Lichtführung waren die Grundprinzipien seiner in Celle realisierten Bauprojekte. Die meisten davon befinden sich noch heute in ihrer ursprünglichen Nutzungsform.

Die aus acht Häuserblocks bestehende Siedlung Italienischer Garten aus dem Jahr 1923 markiert dabei den Wendepunkt zum Aufbruch in eine neue Zeit. Erstmals wurde Gebäuden ein gefälliger Anstrich verpasst. Knalliges Rot und Blau markiert wie einst das Äußere der dreigeschossigen Wohnquader, die sich insbesondere durch ihre großzügige Raumaufteilung auszeichnen. Gerade das jedoch stellte sich schnell als problematisch heraus, da es für den notwendigen Bedarf an kostengünstigem Wohnraum ungeeignet war. So lassen sich die später in Celle realisierten Siedlungsentwürfe Haeslers auch schon als Grundlage architektonischer Auswüchse der Nachkriegszeit und der Wirtschaftswunderjahre deuten.

Das Otto Haesler Museum beleuchtet höchst anschaulich die Intentionen und Absichten des Architekten, den Menschen auf verhältnismäßig überschaubarem Raum ein lebenswertes Umfeld zu bieten. Eingerichtet wurde die Ausstellung über sein Werk in einem ehemaligen Wasch- und Badehaus, das in weiten Teilen noch original erhalten ist. In den weiß gekachelten Badekabinen blieb dadurch das Flair der 1930er Jahre lebendig, die skurrilen Vorkriegswaschmaschinen, die abgenutzten Waschbretter und die alten Waschmittelpakete vervollständigen nachdrücklich das historische Ambiente. Modelle, Fotos und Zeichnungen der Arbeiten Haeslers vervollständigen das Innere des einstigen Zweckbaus.

Zum Museum gehören auch zwei Wohnungen der rechtwinklig angelegten Wohngruppe Blumläger Feld. Sie sind liebevoll, detailreich und erstaunlich authentisch eingerichtet im Stil einer Flüchtlingsunterkunft von 1945 sowie einer Arbeiterwohnung aus den späten 1950er Jahren. Die langgestreckten Gebäude in Nordsüd-Ausrichtung waren umgeben von großen Gartenbereichen, die den Bewohnern eine gewisse Selbstversorgung mit lebensnotwendigen Dingen gewährleisteten. Ein Gebäudeflügel verbindet in Ostwest-Ausrichtung die beiden anderen. Dieser Bereich verfügte über mehr Licht und Offenheit und war insbesondere Menschen mit Lungenkrankheiten vorbehalten, die hier schlicht freier atmen und damit von höherer, gesundheitsfördernder Lebensqualität profitieren konnten.

Viele Nachweise von Haeslers kreativem Schaffen verbergen sich auch hinter Fachwerkfassaden, wie die Ausstattung im Obergeschoss des Kaffeehauses Kiess-Krause am Großen Plan, die deutliche Bauhauszüge trägt. Die ehemalige Baumkuchenfabrik zog 1928 in das von Haesler geschaffene Gebäude. Aber auch viele Villen und Stadthäuser tragen vornehmlich in ihrem Inneren Haeslers Handschrift. Als besonders spektakulär und bahnbrechend sollte sich indes die Altstädter Schule erweisen, die noch stets als Lehrinstitut dient.

Nach ihrer Fertigstellung zu Beginn der 1920er Jahre erregte sie große, auch internationale Aufmerksamkeit. Das ging so weit, dass man Besuchern Eintrittskarten verkaufen musste und mit dem Erlös problemlos die Versorgung der Eleven mit Milch finanzieren konnte. Grund für den plötzlichen Architekturtourismus war neben der ungewöhnlich klaren äußeren Linienführung des Gebäudes im noch jungen modernen Baustil die große Zahl an Fensterflächen, die der Schule den Beinamen »Glasschule« bescherte. Leider musste der beeindruckende und als perfekt geeigneter Veranstaltungsraum dienende Lichthof im Gebäudeinneren einer Turnhalle weichen.

Nicht ganz so viele Fenster, aber in jedem Fall große, weithin offene Flächen und eine für seine Bauzeit ungeahnte Sachlichkeit besitzt auch die Direktorenvilla von 1930/31. Der Schuldirektor hatte von hier aus freien Blick auf die ihm unterstellte Ausbildungsstätte. Gleichwohl rümpften viele Zeitgenossen die Nase über das moderne Domizil angesichts ungewohnter Eckigkeit, gänzlich fehlender Fassadenschnörkel und eines flachen Daches. Glücklicherweise entging die Villa der Abrissbirne, die nach geraumer Zeit der Verwahrlosung in jüngerer Vergangenheit drohte. Sie beherbergt nun die Galerie Dr. Joachim und erweist sich auch in dieser Nutzung als Teil genialer, mithin erlebbarer Baugeschichte des 20. Jahrhunderts.

1911 erhielt der junge Hochschulabsolvent Walter Gropius seinen ersten großen Auftrag zur Gestaltung und Errichtung einer Fabrikationsstätte für Schuhleisten der Firma Fagus GmbH. Gropius´ Enthusiasmus und Innovationsdrang begeisterte den überraschend visionären Firmenchef Carl Benscheidt, der schon damals erkannte, dass nur ein engagiertes Team wirklich Erfolg haben kann, und ließ dem jungen Architekten freie Hand. Ein wagemutiges Unterfangen, da Gropius gewillt war, sich von allen bautechnischen Traditionen loszulösen und kompromisslos alles bisher Dagewesene der Funktionalität unterzuordnen. Das 1913 fertiggestellte Fabrikgebäude brach entsprechend konsequent mit allen herkömmlichen Regeln und setzte neue Maßstäbe. Große senkrechte Fensterflächen gehen im Außenbereich eine ungeahnt elegante Symbiose ein mit gelbem, warmtonigem Backstein, folgen der Prämisse nach Licht, Luft und Klarheit für den Innenraum.

Die Produktionsstätte benötigt folgerichtig kaum künstliche Beleuchtung, zum eigentlichen Markenzeichen wurde jedoch die Innovation einer fehlenden Ecksäule. Vorgehängte Fensterfronten ziehen sich um die östliche und südliche Fassade, Gropius Konstruktion verzichtet hier auf tragende Säulen in den Gebäudeecken. Dies wiederum ermöglichte einen völlig neuen Aufbau und gestalterische Freiheit. Seit 2011 steht die komplette Fabrikanlage unter dem Status einer UNESCO-Weltkulturerbestätte. Noch heute stellt Fagus, die individuelle linke und rechte Schuhleisten einführten, an gleicher Stelle Leisten her, nicht mehr wie einst aus Buchenholz, sondern hochmodern aus Kunststoff. Eine kleine Ausstellung im Keller präsentiert die Anfänge der Herstellung und die stolze Sammlung von mehreren zig-Tausend hölzernen Leisten.

Information:
allgemein: TourismusMarketing Niedersachsen GmbH (TMN), Essener Str. 1, 30173 Hannover, Tel. 0511/27048840, www.reiseland-niedersachsen.de
Celle: Celle Tourismus, Markt 14-16, 29221 Celle, 05141/909080, www.celle-tourismus.de
Fagus Grecon Werk: UNESCO-Welterbe Fagus-Werk, Hannoversche Straße 58, 31061 Alfeld (Leine), 05181/790

Anreise:
Der Hauptbahnhof Celle ist aus ganz Deutschland erreichbar, die Stadt liegt eine gute halbe Stunde mit dem Auto vom Flughafen Hannover entfernt, westlich der Autobahn A7 mit Verbindung über die Bundesstraßen B3, B214 und B191. Über die B3 und die A7 ist auch Alfeld im Landkreis Hildesheim zu erreichen, das etwa 45 Minuten mit dem PKW südlich von Hannover liegt. 40 Minuten dauert die Verbindung zwischen dem Bahnhof Alfelds und Hannover Hbf.

Unterkunft/Essen und Trinken:
Das zauberhafte Althoff Hotel Fürstenhof Celle liegt nur wenige Minuten zu Fuß von Schloss und Altstadt entfernt. In einem Seitenflügel des Hauses ist das exzellente Restaurant Palio untergebracht. Hannoversche Straße 55/56, 29221 Celle, 05141/2010, www.althoffcollection.com/de/althoff-hotel-fuerstenhof-celle
Leckere Kuchen und Bauhaus-Ambiente hinter Fachwerkfassade serviert das Kaffeehaus Kiess & Krause, Großer Plan 16, 29221 Celle, 05141/2086167, www.kiess-krause.de/kiess-krause-kaffeehaus-celle.html
Urige Atmosphäre herrscht in den Katakomben des historischen Ratskellers, Markt 14, 29221 Celle, 05141/29099, www.ratskeller-celle.de

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Sehenswert:
Celle Tourismus hat anlässlich des Bauhaus-Jahres einen Otto Haesler Pfad angelegt, der zu allen wichtigen Arbeiten des Architekten führt, zudem werden zu diesem Thema geführte Exkursionen angeboten, Preis ab 2020 EUR 10 pro Person, möglich auch mit dem Segway, www.celle-tourismus.de/stadtfuehrungen-in-celle/themenfuehrungen-in-celle/bauhaus-architektur.html.
Das Otto Haesler Museum gibt Einblick in das Leben und die Gedankenwelt des visionären Architekten, direkt angeschlossen ist die Siedlung Blumläger Feld. Galgenberg 13, 29221 Celle, 05141/217487, www.haeslerstiftung.de
Direktorenvilla, galerie dr. joachim, Magnusstraße 5 in 29221 Celle, geöffnet: Do – Fr: 14:00 – 18:00 Uhr, Sa: 11:00 – 16:00 Uhr.
Alter Provisor, Fundgrube für besondere Dekorationsartikel und historische Apotheke mit Destillerie, Bergstraße 12, 29221 Celle, 05141/9780064, www.alter-provisor.de

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Udo.Haafke

Autor Kurzvorstellung:

freiberuflicher Foto-Designer und Bildjournalist, Autor diverser Bildbände, Kalender und Reiseführer, Ausstellungen im In-und Ausland, freie Mitarbeit bei verschiedenen Tageszeitungen im Bundesgebiet.

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