Teneriffa einmal anders

Keine Frage: “Die Kanaren” sind unter Deutschlands Urlaubern “in”. Für jährlich rund 3,2 Millionen Reisende aus Alemañia sind die sieben Vulkaninseln im Atlantik vor Westafrika mit ihrer ganzjährigen Wetterbeständigkeit eine feste Größe im Ferienkalender.

Das gilt vor allem für die größte Insel, Teneriffa, die nicht nur mit der üblichen Sonnengarantie für Wasserratten und Bräuningswillige lockt, sondern mit inzwischen acht Top-Courses auch für Golfer eine interessante Destination geworden ist.

“Na und?”, könnte man nun leicht sagen, das hat “unser Malle” auch, da muss man sich nicht gleich vier Stunden in den Flieger setzen. Und anonyme Feriensiedlungen mit gesichtslosen Bettenburgen gibt es hier ja auch….

Das ist wohl wahr. Aber wer sich die Mühe macht, über den eigenen Pool- bzw. Greenrand hinaus zu blicken, entdeckt eine ganze Reihe besonderer Highlights, die das Eiland in der Summe wahrlich einzigartig machen. Und 14 Tage Urlaub zu einer überaus spannenden und kurzweiligen Angelegenheit.

Vieles hat dabei direkt oder indirekt mit dem Wahrzeichen Teneriffas zu tun, dem Vulkan El Teide, mit 3718 Metern nicht nur ein wahrlich herausragendes Highlight der Insel, sondern zugleich Spaniens höchstem Gipfel. Wo in Europa kann man schon innerhalb von rund 20 Kilometern Kilometern Luftlinie von Meereshöhe auf fast 4000 Meter steigen?

Schon die Anfahrt zum als UNESCO-Weltnaturerbe geschützten Nationalpark ist Genuss pur. Über unzählige Serpentinen mit atemberaubenden Ausblicken schlängeln sich die gut ausgebauten Straßen, egal von welcher Seite man sich nähert, auf eine Hochebene von 2000 Metern Höhe. Erst bilden noch ein paar einzelne Kanaren-Kiefern einen grünen Farbtupfer inmitten der schier endlosen schwarzen und grau-braunen Lava-Felder. Dann ist nur noch Mondlandschaft pur…

Blick auf den Teide und bizarre Felsformationen davor

Eine Seilbahn bringt einen innerhalb von wenigen Minuten von 2350 Meter hoch zur Bergstation auf über 3500 Meter. Hier ist es nicht nur über 10 Grad frischer, sondern auch merklich windiger. Und die Luft spürbar dünner. Wer aber noch die letzten rund 150 Höhenmeter auf den Gipfel bewältigen will, muss sich vorab online um eine Genehmigung bemühen. Das Kontingent ist zum Schutz des sensiblen Ökosystems auf 150 Wanderer pro Tag beschränkt. Der Zugang wird im übrigen auch mit Ausweis kontrolliert.

Der Aufstieg ist mit festem Schuhwerk gut machbar, auch wenn das Schritt-Tempo ein anderes ist, als wenn man am Tegernsee auf den Hirschberg wandert. Phantastische Ausblicke in die baum- und auch fast strauchlose Ebene belohnen aber für jede Mühe. Die bröckeligen Lavafelder der letzten großen Ausbrüche von 1909 und sogar 1798 sind noch immer ohne jeglichen Bewuchs. Kein Wunder, dass in dieser unwirtlich erscheinenden Kraterwelt Teile von “Star Wars” und “Planet der Affen” gedreht wurden.

Blick vom Gipfel des Teide auf die Bergstation und die Vulkanlandschaft

Kurz vor dem Gipfel zeugen am Kraterrand einige heiß dampfende Öffnungen im felsigen Boden mit starken Schwefelgeruch davon, dass es hier unter der Oberfläche noch mächtig vulkanisch brodelt. Ein Team von Geologen und Vulkanologen misst wie ein Haufen wusliger Ameisen den ganzen Tag an Dutzenden dampfender Bodenspalten. Beruhigt das einen jetzt – oder gerade eher nicht? Wer jedenfalls von hier oben über die Steinwüste hinausblickt, kann leicht zur Nachbarinsel La Gomera und bei klarem Wetter sogar bis nach Gran Canaria schauen.

Schatten der Seilbahn auf den Teide vor der Vulkanlandschaft

Und man sollte sich auch unbedingt die Zeit nehmen, nach der Gondel-Abfahrt am späten Nachmittag mit Brotzeit-Proviant den Abend abzuwarten. Denn nach Einbruch der Dunkelheit bietet die Hochebene, weil ohne störende Lichtverschmutzung, bei klarem Wetter unvergessliche Blicke in den Sternenhimmel. Am besten einfach eine Decke oder Jacke ausbreiten, platt auf den Boden legen und direkt ins All schauen! Gut 2500 Sterne sind bei diesem phantastischem Rundumblick sichtbar.

Die Milchstraße, unsere Galaxie, ist in ihrer ganzen Länge sensationell gut zu erkennen und zum Greifen nah. Das mächtige Sternbild des Skorpion, bei uns außer im nebligen Herbst gar nicht zu sehen, in atemberaubender Deutlichkeit vollständig zu bewundern. Der 430 Lichtjahre entfernte Polarstern im Sternbild des Kleinen Wagens glasklar sichtbar. Ein wirklich unvergessliches Erlebnis. Und ein guter Anlass zum Philosophieren über die Mächtigkeit des Weltraums – denn der eine oder andere Stern, der da hell am Firmament leuchtet, existiert in dem Moment, da sein Licht bei uns endlich ankommt, schon längst nicht mehr…

Zurück auf den Boden, bzw. sogar darunter! Ein weiteres Highlight, das ebenfalls mit dem vulkanischen Ursprung der kanarischen Inseln zu tun hat, ist die “Cueva del Viento”, die “Höhle des Windes”, an der Nordküste bei Icod de los Vinos. Dahinter verbergen sich unterirdische Gänge, die sich nach diversen Lava-Eruptionen durch unterschiedlich schnelles Erkalten gebildet haben.

Ein Labyrinth mit rund 17.000 Metern (!) Länge auf drei Ebenen ist inzwischen erforscht, 250 Meter davon sind zur Besichtigung frei gegeben und – nur mit Stirnlampe – begehbar. Keine fest installierte Beleuchtung, keine klassische Musik zur akustischen Untermalung, keine Souvenierstände. Auch hier also das Bestreben, möglichst wenig Eingriffe vorzunehmen und das darin befindliche sensible Ökosystem mit rund 200 speziellen Insektenarten, davon 15 einzigartigen, nicht zu stören, das sich hier im Laufe von etwa 27.000 Jahren in der totalen Dunkelheit entwickelt hat.

 

Wanderung in einem erkalteten Lava-Kanal in der Cueva del Viento

Wieder an die Oberfläche, z.b. in die “Barranco del Infierno”, die “Höllenschlucht”. Eine rund dreistündige Wanderung vom Ort Adeje aus, unweit der Touristenhochburgen Los Christianos und Playa des Americas entfernt. Erst geht es in der kargen und trockenen Gerölllandschaft, wie sie für den Süden der Insel typisch ist, dahin. Doch mit jedem Meter, mit dem der Weg weiter in die immer schmalere Schlucht hinein führt, wird es feuchter und grüner. Und zum Schluss, im engen Talkessel mit senkrechten Felswänden lockt nach Regen sogar ein Wasserfall mit kleinem See. Auch für dieses Kleinod der Fauna und Flora gibt es eine Zugangsbeschränkung von 300 Personen pro Tag um die Sehenswürdigkeit zu schützen und zu erhalten.

 

Wanderung durch die “Barranca del Infierno”

Ein weiteres Highlight: Eine Fahrt in das Bergdorf Masca und durch das Teno-Gebirge. Hier locken drei kleine Weiler, die wie von Zauberhand auf Bergkuppen und an Hänge hindrapiert scheinen. Noch bis vor 30 Jahren waren diese Dörfer per Auto gar nicht erreichbar. Nun windet sich eine Landstraße wie eine vieldutzendfach gewundene Schlange Kurve um Kurve hinauf. Alleine das schon ein Meisterwerk der Ingenieurs- und Strassenbaukunst! Und dann erst die atemberaubenden Ausblicke zum eigentlich nahen aber doch so fernen Meer! Mehr als eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 20 km/h ist da kaum drin – und wehe, der Bus kommt einem entgegen. Dann muss man auch mal 300 Meter rückwärts bergauf fahren. Selten hat der Spruch: “Der Weg ist das Ziel” so viel Sinn gehabt!

 

Blick auf Serpentinen und das Bergdorf Masca

Von hier aus führt auch eine sechsstündige Wanderung durch die Masca-Schlucht bis hinunter zum Meer. Seit Frühjahr 2018 ist sie aber leider gesperrt, weil leichtsinnige deutsche Touristen trotz Schlechtwetter-Warnung und mit ungenügender Ausrüstung aufgebrochen waren und dann aufwendig gerettet werden mussten. Ein Ende der Sperrung ist trotz mehrfacher Ankündigung noch immer nicht in Sicht, Baumaßnahmen zur Sicherung der Wander-Strecke sind immer noch im Gange.

Das unter Weltkulturerbe-Schutz stehende “Centro Storico” der alten Insel-Hauptstadt von La Laguna, die Altstadt von Santa Cruz de Tenerife, das fruchtbare Orotava-Tal… – ach, es gäbe noch genügend Stoff für weitere Ausflugtipps. Daher zum Schluss nur noch dies: die Stufen-Pyramiden von Güimar, an der Ostküste rund 5 km im Inselinnern gelegen. Die Bauten mögen für sich genommen nicht so spektakulär wie ihre Größenänderung bekannteren Namensvettern in Ägypten oder Mexiko sein.

Dafür ist ihre Geschichte um so spannender. Ende des letzten Jahrhunderts vom norwegischen Entdecker Thor Heyerdahl ausgegraben, ist ihre Bedeutung bis heute nicht vollständig geklärt. Durch ihre exakte Ausrichtung in einer Linie zu einer Bergspitze genau zur Winter- und zur Sommersonnenwende ist eine Funktion als astronomischer Kalender für das Ureinwohner-Volk der Guanchen naheliegend.

 

Statuen am Eingang des Thor-Heyerdahl-Museums

Heyerdahl (1914-2002) versuchte damit seine gewagte These zu stützen, dass es einen Austausch zwischen den Pyramidenbau-Völkern am Nil und in der Karibik gegeben haben könnte – mit den Kanaren quasi als logistische Zwischenstation. Dafür segelte er in 101 Tagen in einem einfachen Papyrus-Boot, der “Ra II”, vom Mittelmeer bis nach Barbados und bewies damit zumindest, dass dies technisch möglich war.

Ein Nachbau dieses Schiffes bildet den Eyecatcher eines spannend gemachten großen Anthropologischen Museums zu Ehren Heyerdahls, mit großem Park zur Vegetation der kanarischen Inseln. Großen Raum nehmen dabei die Völker Polynesiens, Melanesiens und Mikronesiens ein, inclusive der faszinierenden Geschichte von Rapa Nui, den Osterinseln, mit den sagenhaften Moai-Steinfiguren. Und ein vorzüglich aufbereitetes Audio-Guide-System lässt keine Fragen offen.

Das ist formidabler Bildungsurlaub “at it’s best” – und im übrigen deutlich nervenschonender als Golfen und weitaus gesünder als Dauerbrutzeln auf der Sonnenliege…

Markus Stegmaier

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