Riccardo liegt regungslos auf dem Rücken, die Augen hat er geschlossen. Er liegt in einer länglichen Grube, die etwa so breit wie sein Körper ist. Er liegt in der Tomba dei Giganti di Li Mizzani. Er ist nicht tot. Seine Frau sitzt neben ihm vor einer Stele, die unten ein Loch aufweist, durch das man Riccardo sehen kann. Die Stele ist etwa 3 Meter hoch. Ihr Standort befindet sich auf Sardinien, im Norden, einige Kilometer vor der Küstenstadt Palau. Riccardo und seine Frau, sie heißt Sylvia, sind etwa 45 Jahre alt und kommen aus Genua. Er ist Ingenieur, ein sympathischer, aufgeschlossener Mann, der begeistert von der wiedererstandenen Brücke erzählt. Und von Mauro Aresu.
Uomo Natura Energia
Ich bin überrascht. Denn Mauro kenne ich. Ich bin ihm zuerst in dem Buch von Franco Fresi begegnet “Guida insolita ai misteri, ai segreti, alle legende e alle curiosità della Sardegna”. Und weil ich nicht wusste, was ich von Mauro halten soll, ich weiß es immer noch nicht, bin ich seiner Vereinigung „Uomo, Natura, Energia“ beigetreten. Sie beschäftigt sich mit Radiästhesie (Strahlenfühligkeit), Geobiologie, alten Kultstätten und sogenannten „Energieorten“. Aresu hält Vorträge über „Kraftorte“ und “feinstoffliche Energien”, was immer er darunter versteht.
Riccardo verlässt das Grab der Giganten und erzählt, dass ihm der Aufenthalt dort gut getan habe. “Er heilt von allen Leiden. Du musst mal sehen, abends wird es hier voll. Und Mauro hat diesen Ort und seine Heilkraft entdeckt.”
Ich habe ihn auch entdeckt, erst endecken müssen, denn die Beschreibung des Weges dorthin ist chaotisch. Der Hinweis im Internet führt zur Aera Archeologica di Saiacciu, für Experten mag dies interessant sein, es liegen dort mehrere Menhire in der Gegend, aber für mich, der über die Nuraghen einen Zugang zu Sardinien sucht, weniger. Dort fand ich die Tomba dei Giganti, von denen es in Sardinien einige gibt nicht. Auch die Nuraghe von Barrabisa, die in der Nähe sein soll, fand ich nicht. Der sardische Tourismusverein legt offensichtlich auf Genauigkeit keinen Wert, viel Sehenswertes soll viele Touristen locken, egal wohin. Und Influencer fluten das Internet mit ihren Bildern, was auch nicht hilfreich ist, weil für sie geographische Genauigkeit keine Rolle spielt. Es fehlten fast 3 Kilometer von Saiacciu bis Li Mizzani.
Es gibt viele Theorien
Sylvia und Riccardo verabschiedete ich, wie es in Italien so üblich ist, als Freunde. Ich legte mich nicht ins Grab, würde ihnen aber nicht widersprechen, dass es mich gesundheitlich nach vorne gebracht hätte. Ich halte mich auch mit einer Meinung zu den Nuraghen, ihrer Herkunft, ihrer Funktion und ihrer Heilkraft zurück. Es soll 10 000 gegeben haben, 1962 registrierte der Forscher Giovanni Lilliu noch Überreste von etwa 7 000. Ich will einige sehen und zu verstehen versuchen. Franco Fresi, der Buchautor, kennt die Theorien, die es zu ihnen gibt. Und natürlich Mauro.
Mauro Aresu
Mauro Aresu wurde 1958 in Palau geboren und beschäftigt sich seit jungen Jahren mit der prähistorischen Archäologie Sardiniens. 1985 wurde er, wie er sagt, zum ehrenamtlichen Archäologie-Inspektor ernannt. Er arbeitete außerdem bei der Capitaneria di Porto in La Maddalena. Seine eigentliche Befähigung entwickelte sich ab 1991: Er begann mit der Wünschelrute nach unterirdischem Wasser zu suchen und behauptete anschließend, mit der Rute auch „magnetische Linien“ und feinstoffliche Energien an prähistorischen Fundstätten feststellen zu können. Bekannt wurde seine Verbindung zur Gigantengrabstätte Li Mizzani. Eben dort, wo ich das Ehepaar aus Genua traf. Dort soll seine Rute ausgeschlagen haben, obwohl sich dort keine Wasserader befand. Er entwickelte daraus die Theorie, dass bestimmte nuragische Monumente bewusst an Orten mit besonderer geophysikalischer und „energetischer“ Eigenschaften errichtet worden seien. Mauro Aresu berichtete, dass er sich in der tomba von Li Mizzani ausgeruht habe und dabei seine langjährigen rheumatischen Schmerzen verschwunden seien. Daraus entwickelte er die Vorstellung, dass bestimmte archäologische Stätten eine therapeutische Energie ausstrahlen könnten. Besucher sollten sich dieser Energie aussetzen. Dieser Empfehlung folgen etwa auch Sylvia und Riccardo.
Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter „UomoTerra“, „Itinerando nella Gallura antica“, „Dalla Archeologia alla Archeosofia“ und „Giganto-Terapia“. Mauro Aresu versucht, Archäologie, Geobiologie, Radiästhesie und sardische Kulttraditionen miteinander zu verbinden. Dies machte ihn in den 1990er- und 2000er-Jahren bekannt.
Ich habe sein letztes Seminar über spirituelle Praktiken am 8. August 2026 verpasst. Vielleicht ergibt sich für mich eine andere Gelegenheit, tiefer in diese Zwischenwelt aus Geschichte, Mythen und esoterischem Humbug einzusteigen. Faszinierend ist sie, diese Welt, die in Sardinien zu Hause ist.
Die Gigantengräber sind die größten pränuraghischen Kultanlagen auf Sardinien. Wie die großen Felsengräber (Sos Furrighesos), die Domus de Janas, sind sie Monumente der Bonnanaro-Kultur (2200–1600 v. Chr.), der Vorläuferkultur der Nuragher. Die auf Sardisch Tumbas de sos zigantes und auf Italienisch Tombe dei Giganti wegen ihrer Größe so genannten Bauten zählen europaweit zu den spätesten Megalithanlagen. Nirgendwo sind sie so präsent wie auf der Mittelmeerinsel unterhalb von Korsika.
Und “meine” Nuraghen fand ich auch.

Protonuraghe Maiori
Die Protonuraghe Maiori liegt etwa eine Autostunde über die engen Straßen südlich von Li Mizzani in einem Korkeichenhain, in der Nähe der Kleinstadt Tempio Pausania, Mitglied der Vereinigung der schönsten Orte Italiens, in der Gallura in der Provinz Nord-Est Sardegna. Protonuraghen sind die Frühform der Turmbauten der bronzezeitlichen Kultur Sardiniens. Der höchste Punkt des runden Gebäudes ist heute noch etwa 5 Meter hoch. Er bietet die strategische Kontrolle des Gebiets. Die Nuraghe Maiori (“größer”) war der Mittelpunkt eines großen Dorfes , dessen Reste noch erkennbar sind. Es gibt in ganz Sardinien ähnliche Anlagen. Diskutiert wird auch ihre Nutzung als Kultstätte oder Grabanlage. Ab Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. regierte Rom die Insel. Dass die Römer die Ureinwohner, die vielleicht punischen Ursprungs waren, massakriert hätten, ist nicht überliefert. Ich laufe durch die Anlage, weitere Besucher gibt es nicht.
Die Nuraghe La Prisgiona
Auf der Weiterfahrt nach Arzachena finde ich die Nuraghe La Prisgiona. Sie wurde wohl zwischen dem 14. und dem 9. Jahrhundert v. Chr. gebaut und noch in der römischen Kaiserzeit genutzt. Anders als Maiori diente sie nicht der Kontrolle des Landes sondern hatte wohl eine sakrale Funktion. Der runde Hauptturm und zwei Nebentürme werden zusammen mit einem Hof von einer Umfassungsmauer umgeben. Im sieben Meter tiefen Brunnen im Hof wurden Gefäße gefunden, die auf eine kultische Verwendung schließen lassen. In einer der die Anlage umgebenden Hütten wurde ein Ofen entdeckt, der wahrscheinlich zum Backen von Fladenbrot verwendet wurde. Das sardische, papierflache Fladenbrot gibt es noch heute.
Eine Nuraghe hat es zum Weltkulturerbe der UNESCO geschafft, Su Nuraxi di Barumini. Aber alle haben diese Auszeichnung verdient. Hierzu habe ich jetzt doch eine Meinung. Ansonsten bin ich völlig geschafft von dieser nuraghischen Welt. So überfordert von der Fülle dessen, was man wissen müsste, um sie zu verstehen, dass ich auf eine Visite der in der Nähe der Nuraghe La Prisgiona befindlichen Coddu Vecchiu, Li Muri, Li Lolghi und der Tempel von Malchittu und der Protonuraghe Albucciu verzichte.
Heilende Empfehlung
Ich kam mir nach diesen drei Besuchen vor, als wäre die Brücke von Genua über mir eingestürzt, fehlendes Wissen als Trümmer. Vielleicht hätte ich mich sofort zur Gesundung ins Grab der Giganten von Li Mizzani legen sollen. Sylvia und Riccardo, meine neuen Freunde, und Mauro hätten es mir bestimmt empfohlen.



