Okzitanien, Bilder einer Region

Eine Region schaut Dich an.

Wer nach Okzitanien, in Frankreichs Südwesten, reist, der stellt überrascht bei seinen Vorsprachen in den Tourismusämtern der verschiedenen Städte fest, dass er aufgrund seiner Bitte um Informationen vor allem zu zwei Themen schlau gemacht werde soll: zu den Katharern und zu den Römern. Beides sind sicher wichtige Komplexe. Die Römer sind das große Bindeglied, denn sie waren dort überall, haben etwa mit dem Aquädukt Pont du Gare oder den Tempeln und Arenen in Nîmes und Arles bleibende Monumente hinterlassen.

Und die Katharer, auch Albigenser nach der Stadt Albi genannt,  waren  12. bis zum 14. Jahrhundert Anhänger eines antiklerikalen, asketischen und das persönliche  Eigentum ablehnenden Glaubens. Kreuzzüge und Inquisition brachten ihnen den Tod. Hingewiesen wird auf die Burg, von der die letzten in den Tod sprangen oder auf das Foltermuseum der Inquisition in Carcassone. Beide Themen, Römer und Katharer, führen allerdings nicht zu einem besseren Verständnis dieser französischen Region, sondern eher davon weg.

Anders als es die Tourismusämter in Narbonne, Toulouse, Montpellier oder Carcassone dem interessierten Fremden nahelegen wollen, sah Okzitanien in den letzten Tagen in Frankfurt aus. Dort fand die Buchmesse statt,  und die französischen Verlage hatten „als Ehrengast“ Okzitanien mitgebracht, und zwar in der politisch verfassten Form der seit 2016 bestehenden Verwaltungsregion, die indes nur  einen Teil des historischen Okzitaniens umfasst.  Eine politische Einheit hatte das Land nie, doch seine Sprache  war im ganzen Süden heimisch, bis nach Katalonien und in einige italienische Täler hinein. Heute lernen etwa 80 000 junge Menschen in Frankreich diese fremdgewordene Sprache Okzitanisch, die auf zweisprachigen Ortsschildern lediglich nostalgische Folklore verbreiten soll.

Auf der Frankfurter Buchmesse, knapp 1200 Kilometer weiter nordöstlich, wurde dagegen ein komplett anderes Bild dieser Region als das, welches man in den Tourismusämter findet, gemalt. Das hing zusammen mit den „Deutsch-Okzitanische Festwochen“ , einer neuen Veranstaltungsreihe, mit der „die Beziehungen zwischen Deutschen und Franzosen gefördert und auf eine bürgernahe Ebene gebracht werden sollen“, wie es Botschafterin Anne-Marie Descôtes bei ihrer Eröffnungsrede sagte. In den Bereichen Kultur, Wirtschaft, Bildung und Sport sollen diese Wochen künftig im jährlichen Wechsel in Deutschland und in Frankreich stattfinden. Im Vorjahr fanden zur Premiere mehr als 200 Veranstaltungen zwischen Avignon und Lourdes, Perpignan und Souillac statt. In Frankfurt  ging es am Stand von „Atout France“ natürlich um Bücher und vor allem um Krimis. Hier konnte man sich auf die Spuren von Jules Besson und Jean Jacques Laurent begeben und mit Hauptkommissar Keller mit dem Hausboot unterwegs sein, oder mit Manfred Hammes ein Mix aus Literatur, Kunst und Kulinarik erleben – in seinem neuen Buch „Durch den Süden Frankreichs“. Der Fotograf Markus Kirchgessner stellte auf der Messe seine faszinierenden Bilder aus. So zeigte Südfrankreichs ein modernes, künstlerisches Gesicht – in Frankfurt. Und im Rahmen des Festivals diskutierten Jugendliche neue Sozial- und Stadtutopien, die Energiewende in Frankreich und Deutschland, und die Beziehungen zwischen Mensch und Gastronomie.

Dieses Okzitanien-Bild oder auch nur ein zeitgenössisches vor Ort zu finden, ist ein schwieriges Unterfangen. Während Fans des Commissario Montalbano in Sizilien von den Tourismusämtern gleich mit zwei Wohnorten des ewigen Verlobten beglückt werden (Schauplatz Camilleris und Drehort der RAI), stolpert man in Narbonne eher zufällig über die Bilder „Sans Titres“ eines Léon Diaz-Ronda im Kardinalspalast, die seine unterschiedlichen Schaffensperioden und dabei zugleich glaubhaft darstellen, wie seine Werke aus ihm „herausgebrochen“ sind.  Gut, es gibt in den anderen Städten auch Ausstellungen, Veranstaltungen, Feste und Festivals. Der Süden Frankreich ist reich an „Events“, aber  im Fokus stehen eindeutig Römer und Katharer einerseits und sinnfreie Trink- und Fressfeste andererseits. Natürlich sind da noch die UNESCO-Weltkulturerbestätten, die sich durch einen reichen Besuch durch asiatische Gästen auszeichnen. Aber sie sollen lediglich besiegeln, was nach der Meinung des Komites bewahrenswert ist. Der Ansatz ist also im besten Wortsinne konservativ, nicht erklärend. Wenn man Glück hat, bieten die Städte Broschüren an wie „diese Woche“, aber eine echte Hilfestellung, die einem die lebenden Menschen näher bringen, gibt es nicht. Beiträge, die zum Verständnis Frankreichs oder seines Südens, beitragen, die muss man selbst ausgraben. Es gibt sie, aber oft liegen sie tiefer verborgen als die toten und geschützten Zugpferde der Vergangenheit.

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