Mit Schlittenhunden in Finnisch Lappland

Jaari erklärt nochmals die Handzeichen. Die Hunde jaulen aufgeregt. Dick vermummt in warmen Handschuhen geht die Hand nach oben: Stopp, wir halten an. Heftig hin und her gewunken heißt: Ich brauche Hilfe. Deutet die Hand nach vorne: Es geht weiter. Eine andere Verständigungsmöglichkeit gibt es nicht unterwegs mit Schlittenhunden. Für verbale Mitteilungen sind die Abstände zu groß. Die Hunde sind schlank, beinahe dünn, kein Gramm Fett zu viel auf den Rippen. Man glaubt nicht, welche Kraft in diesen halben Portionen steckt. Die Bremse wird nochmals gedrückt, sie ist gut geölt. Das wichtigste Utensil ist jedoch ein eiserner Haken, einem Anker nicht unähnlich, der bei einem Halt in der Wildnis gut verankert im tiefen Schnee verhindert, dass Hunde samt Gefährt während einer Pause auf und davon stieben. Die sechs Alaskan Huskies wissen, gleich geht es los. Sie übertreffen sich gegenseitig mit Jaulen. Dann verheddern sich nochmals die Leinen. Mit geübten Handgriffen entwirrt der Musher sie. Jetzt hält das Gespann nur noch das am Zaun eingeharkte Seil. Das erste Gefährt zischt durch den Schnee davon. Schnell findet man auf den Kufen stehend das Gleichgewicht. Der Weg führt durch das spärlich bewaldete Fjell im Norden Finnlands.

Dick vermummt sitzen die Gäste auf dem Schlitten

Es hat -18° C und wir fahren gegen den Wind. Die Gesichtsmaske tief heruntergezogen, den Schal fest um die noch freien Stellen gewickelt trotzen wir den winterlichen Temperaturen. Der anfänglichen Unsicherheit weicht bald ein wunderbares Gefühl von Abenteuerlust. Scheinbar ohne Kraftanstrengung ziehen die Tiere uns über die dicke Schneedecke. Geht es bergauf steigt man ab, um ihnen die Arbeit zu erleichtern. Erschreckt flattert neben dem Weg ein Schneehuhn auf. Außer dem Gleiten der Kufen und hin und wieder ein Aufmunterndes ho ho ist nichts zu hören. Spätestens jetzt versteht man, weshalb es Menschen in diese verlassene Gegend zieht, wo auch die klimatischen Bedingungen eine Herausforderung sind.

Eisige Winde sorgen für Treibschnee und Verwehungen

Eine Herausforderung ist auch der Unterhalt einer Husky-Farm. Weit über 100 Hunde müssen versorgt werden. Bleiben die Gäste aus haben die Tiere trotzdem Hunger, brauchen einen Tierarzt und sollten auch trainiert werden.

Die Vermieter von Motorschlitten haben es da etwas einfacher. Werden die Schneemobile nicht gebraucht bleiben sie in der Garage und schlucken auch kein Benzin.  Man kann sich den Alltag im nördlichen Finnland nicht mehr ohne diese Fahrzeuge vorstellen. Die vor Jahren noch stinkenden und lärmenden Ausführungen wurden durch moderne, der neuesten Technik angepasste Skidoos ersetzt. Mit gewärmten Griffen, Fußstützen und Sitzplätzen ermöglichen sie ein einigermaßen angenehmes Reisen gerade bei den hier üblichen niedrigen Temperaturen. Auch die im Norden ansässigen samischen Rentierzüchter bedienen sich der motorisierten Schlitten. Manchmal sogar eines Hubschraubers, um die verstreute Herde aus dem weit verzweigten Weidegebiet zusammen zu treiben

Ob es an den dunklen Monaten oder an der Kälte liegt, die Finnen, aber auch viele Touristen erfreuen sich an Freizeitvergnügungen bei denen man mal so richtig aufs Gaspedal treten darf, möglichst verbunden mit hoher PS-Zahl. Wahrscheinlich hat man hier einfach ausreichend Gelände, auf dem man sich lautstark bewegen kann, ohne dass es den Nachbarn stört.  Im Actionpark in der Nähe von Saarisälkä geht es jedoch nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um Geschicklichkeit. Hier erfährt man im wahrsten Sinne des Wortes,wie sich ein Fahrzeug unter extremen Wetter- und Straßenbedingungen verhält.

Eine Schneeskulptur in der Anlage Kakslauttanen

Hell erleuchtete Glaskuppeln ragen aus dem Schnee. Beim Näherkommen entpuppen sie sich als Glas-Igloos. Eingebettet zwischen weißen Wänden mit einem gläsernen Dach lässt sich das Nordlicht bequem im Bett liegend beobachten. Eine Nasszelle mit Toilette und Waschbecken sorgt für zusätzlichen Luxus. Eine von vielen findigen Ideen in der Ferienanlage Kakslauttanen. Wesentlich rustikaler geht es im Eishotel zu. Wände und Bettgestell sind aus gefrorenem Schnee. Lattenrost und Matratze sorgen für die notwendige Isolierung. Gut eingepackt in einem Daunenschlafsack kann man hier sicher eine unvergessliche Nacht verbringen.

Die hölzerne Tür zur Eiskathedrale klemmt etwas. Bei dieser Art von Baumaterial kein Wunder. Beim Betreten der Kapelle ist man erst mal sprachlos. Große Eisblöcke bilden den Altar. Teilweise sind Sprünge und Blätter zu sehen, die im Eis eingeschlossen sind. Skulpturen verleihen dem Raum das Ambiente einer Kunstausstellung. Ein Adler breitet seine eisigen Schwingen aus, in den Fängen hält er einen Fisch. Gleich nebenan unter dem gleichen Dach lädt eine lange Tafel im Eis-Restaurant zum Essen ein. „Die Teller stehen auf Holzbrettchen, damit unter den heißen Gerichten nicht das Eis schmilzt, “ erklärt Mirko. Die Kirche ist ausgebucht mit Hochzeiten. Ein Ja-Wort in eisiger Atmosphäre? Diese Ehe kann wohl nichts mehr erschüttern.

„Und was passiert im Mai?“ Mirko antwortet gelassen: „Alles schmilzt und fließt zurück in den See. Im nächsten Winter entsteht das Eisdorf auf ein Neues. Das ist der Kreislauf der Natur.“

In den Blockhäusern gehen die Lichter an. Die wuchtigen Stämme heben sich schwarz gegen den in der Kälte glitzernden Schnee ab.

Kelo Holz – uralte Stämme wurden zum Bau verwendet. Dies verleiht der Unterkunft seine Unverwechselbarkeit.

Weihnachtliche Sentimentalität im Santa-Resort Kakslauttanen

Ein mit Lichtern geschmückter Weihnachtsbaum, darunter eine Vielzahl an Geschenken, eine Kinderschar, die ehrfürchtig zu dem Mann mit dem langen weißen Bart aufschaut. Dieses Bild vor Augen ließ das Santa´s Resort inmitten einer wahrlich märchenhaften Umgebung entstehen. Das neue Blockhaus wurde im alten Stil erbaut, ausgestattet mit Antiquitäten, aber auch modernen Möbel, bietet es ein komfortables Heim für den weit gereisten Santa Claus und seine Elfen. Eine gute Geschäftsidee, an der die Betreiber selbst auch ihren Spaß haben.

Für Santa Klaus ist alles gut vorbereitet

Die Fahrt geht durch einsame Landschaften; die Bäume tief verschneit, dazwischen zugefrorene Seen. Nach ca. 40 Minuten mit dem Auto sind wir in Inari am gleichnamigen See der zu den größten Finnlands gehört. „Bures boahtin Siidii – Willkommen in Siida. Das moderne Museum beschreibt sich als „Fenster in die Kultur der Samen und der arktischen Natur“. Seit seiner Eröffnung 1998 gibt das Museum Einblick in das harte Leben in extremen Klima. Beinahe seit 10.000 Jahren, also seit der Eiszeit, besiedeln die Samen als Nachfahren der nord-Fennoskandischen Völker den Norden des heutigen Europas. Viele Erwerbsmöglichkeiten gab es nicht in dieser kargen Landschaft. Mit dem Züchten von Rentieren, die sich von Flechten und Moosen ernährten, bot sich den Saamen die Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Die Rentiere sind zahm und lassen sich gerne füttern

Stämme, die am Fluss oder am Meer lebten konnten vom Fischfang leben. Es gibt auch heute noch verschiedene Stämme, die ihre eigene Sprache sprechen: inarisamisch, Skoltsamisch, Umesamiach und einige mehr. Die Ereignisse der Weltgeschichte hat auch diesen Völkern übel mit gespielt. Im 2. Weltkrieg brannten die deutschen Soldaten ihre Holzhäuser ab, von anderen Gräueltaten ganz zu schweigen. In den 50- und bis in die 60-Jahre behandelte man das Nomadenvolk als minderwertige Menschen. Die Kinder wurden in Missionsschulen gebracht, weit entfernt von ihrer Familie. Sie durften ihre Sprache nicht mehr praktizieren, nur finnisch war erlaubt. Inzwischen erlebt die samische Kultur eine Renaissance. In den Schulen wird in der jeweiligen Sprache unterrichtet. In Inari gibt es ein Parlament, wo sich die Vertreter der verschiedenen Stämme treffen und ihre Probleme austauschen.

Nehmen wir das Schneemobil oder fahren wir lieber mit den Hunden?

Auf mehreren Metern hohen Glasbildern verfolgt man das Leben der Samen im Jahreszyklus. Zusätzlich befindet man in Vitrinen eine Sammlung von Gebrauchsgegenständen und Kunsthandwerk. Welche Fingerfertigkeit die Menschen besaßen kann man an den wunderbaren Silberarbeiten erkennen. Erstaunt ist man über die Vielfalt an Tieren und Pflanzen, die in diesem unwirtlichen Klima gedeihen.

Als wir das gut geheizte Museum verlassen bläst uns ein eisiger Wind entgegen. Die Kapuzen werden tief ins Gesicht gezogen. Zum Glück wartet auf uns ein Hotelzimmer mit allen Annehmlichkeiten des modernen Lebens. Oder wäre uns eine Kota mit offener Feuerstellen und Rentierfellen als Schlafunterlage doch lieber?

Informationen:

Allgemeine Auskünfte zu Finnlandreisen gibt es bei http://www.visitfinland.com/de

Reiseliteratur:

eine Neuerscheinung im Kunth Verlag ist das große Reisebuch „Unterwegs in Finnland“; reich bebildert, aus der Reihe „Unterwegs in…“, 288 Seiten, Flexobroschur

Die schönsten Reiseziele, Routenbeschreibungen, detaillierter Reiseatlas, Extrakapitel zu Helsinki, ISBN 978-3-96965-025-7; Euro 29,95

https://www.kunth-verlag.de/unterwegs-in-finnland

Text: Monika Hamberger

Fotos: Rainer Hamberger

 

 

 

 

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