Zwischen alten Hansestädten, barocken Schlössern, Feen und Vogelinseln gibt es an der Ostseeküste Mecklenburgs viel mehr zu entdecken als Strand und Wellen. Gut, dass Nix und Nixe dabei sind.

Nix und Nixe an der Wasserkunst in Wismar.
Gestatten, mein Name ist Nix. Nein, nicht „nichts“, sondern Nix. Mit „x“. Ich bin ein Wasserwesen, genauer gesagt ein männlicher Nix, und seit vielen Jahrhunderten an der Ostseeküste Mecklenburgs zu Hause. Meine Freundin Nixe behauptet zwar, ich hätte keine Ahnung, wie viele Jahrhunderte es genau sind. Das stimmt ja auch. Unter Wasser führt schließlich niemand Buch. „Du könntest ja mal anfangen“, sagt Nixe und taucht neben mir auf. „Womit?“ „Den Menschen zu erklären, warum sie unbedingt hierherkommen sollten.“ „Das ist gar nicht so einfach. Schließlich kommen die Menschen schon seit Generationen an unsere Ostsee. Sie bauen sich Strandkörbe auf, laufen mit hochgekrempelten Hosen durch die Brandung und behaupten dann, das Wasser sei heute aber wirklich frisch. Als wäre es jemals anders gewesen. Aber gut. Nixe hat Recht. Die Küste Mecklenburgs ist mehr als Meer, Möwen und Fischbrötchen. Hier liegen alte Hansestädte neben stillen Naturinseln, barocke Schlösser nur wenige Kilometer von der Küste entfernt, und manchmal spazieren sogar Feen und Faune durch einen Kurpark.“ „Jetzt übertreibst du wieder“, sagt Nixe. „Nein, diesmal wirklich nicht.“ Genug geplätschert. Jetzt geht es auf Reisen.

Im Wismaer Hafen liegen große Segelschiffe vor Anker.
Die Hansestadt Wismar
Unsere Reise beginnt in Wismar. „Ich mag die Stadt. Schon deshalb, weil hier das Wasser nie weit entfernt ist. Und weil die Menschen erstaunlich schöne Häuser gebaut haben, obwohl sie selbst gar keine Flossen besitzen. Die historische Altstadt von Wismar gehört zum UNESCO-Welterbe. Zwischen den mächtigen Backsteinkirchen, den alten Kaufmannshäusern und den großzügigen Plätzen ist die Geschichte der Hanse bis heute sichtbar. Wismar war einst eine bedeutende Handelsstadt im Ostseeraum, und wer durch die Straßen läuft, merkt schnell, dass diese Vergangenheit nicht irgendwo im Museum verschwunden ist. Besonders gut lässt sich die Stadt zu Fuß entdecken. Mal geht es über weite Plätze, dann wieder durch schmalere Straßen zwischen hohen Giebeln und roten Backsteinfassaden. Dazu kommt der Alte Hafen, wo sich die Geschichte der Seefahrt und das heutige Leben der Stadt begegnen.

Kunsthandwerk von hoher Qualität gibt es auf der Fangfrisch-Messe Wismar.
„Und wo ist jetzt die Kunst?“, fragt Nixe. „Die kommt natürlich auch noch. Bei der Messe Fangfrisch zeigt Wismar nämlich, dass die Stadt nicht nur auf ihre Vergangenheit stolz ist. Kunst, Design und Handwerk treffen hier aufeinander. Kreative präsentieren Arbeiten aus unterschiedlichen Materialien und Bereichen und machen deutlich, dass zwischen den alten Mauern der Hansestadt längst auch die Gegenwart ihren festen Platz gefunden hat. Ich habe mir einige Kunstwerke angeschaut. Sehr interessant. Besonders die aus Glas. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass Menschen so viele Gegenstände herstellen können, die man nicht essen kann.“ Nixe hat mich daraufhin streng angesehen. Manchmal verstehen wir Wasserwesen die Menschen eben nicht.

Schloss Bothmer ist ein Stück England in Mecklenburg mit beeindruckender Parklandschaft.
Ein Stück England mitten in Mecklenburg
Von Wismar aus geht es weiter ins Hinterland. Hier steht Schloss Bothmer, die größte barocke Schlossanlage Mecklenburgs. Und jetzt wird es etwas kompliziert. Das Schloss steht zwar in Mecklenburg, aber wenn man durch die Anlage spaziert, kann man sich nach England versetzt fühlen. Das liegt an seinem Bauherrn, Graf Hans Caspar von Bothmer, der im England des frühen 18. Jahrhunderts Karriere machte und die Eindrücke aus seiner Zeit dort mit nach Mecklenburg brachte. „Also eine Art englisches Schloss?“, fragt Nixe. „Ein bisschen.“ „In Mecklenburg? Und das funktioniert?“ Offensichtlich, denn Schloss Bothmer verbindet englische Einflüsse mit norddeutscher Architektur und wirkt mit seinen weitläufigen Anlagen fast wie ein Schloss aus einer anderen Welt. Alleen führen zum Gebäude, der Park öffnet den Blick in die Landschaft, und selbst ich, der normalerweise lieber unter Wasser unterwegs ist, muss zugeben: Hier lässt es sich ausgezeichnet spazieren. Die Menschen gehen dabei meistens langsam. Vermutlich liegt es am Schloss. Oder an der Tatsache, dass man sich beim Anblick der barocken Anlage automatisch fragt, wie viele Zimmer so ein Graf eigentlich zum Wohnen brauchte.

Herbststimmung am weitläufigen Strand von Boltenhagen.
Feen, Faune und Fabelwesen in Boltenhagen
Zurück ans Meer geht es nach Boltenhagen. Das Ostseebad gehört zu den bekannten Urlaubsorten der Region und ist genau der richtige Platz für alle, die das Meer nicht nur anschauen, sondern möglichst oft in Reichweite haben möchten. Die Dünenpromenade führt entlang der Küste und verbindet Strand, Ort und Meer. Hier spazieren Urlauber, Einheimische und gelegentlich auch Menschen, die so aussehen, als hätten sie ihre Nordic-Walking-Stöcke zum ersten Mal aus der Verpackung genommen. Direkt an der Promenade liegt das Seehotel Großherzog von Mecklenburg. Von hier aus ist der Strand praktisch ein Nachbar, der niemals seine Hecke schneidet und trotzdem immer willkommen ist.

Bodypainting-Weltmeisterin Claudia Krämer schminkt ihre Tochter für das Fabelwesenfest in Boltenhagen.
Doch Boltenhagen kann noch etwas, das mich persönlich besonders interessiert. Einmal im Jahr bevölkern Feen, Faune und andere Fabelwesen den Kurpark. Bei der Veranstaltung „Feen, Faune, Fabelwesen“ verwandeln sich Menschen durch aufwendiges Bodypainting in Gestalten aus Märchen und Fantasie. Claudia Krämer und Enrico Lein gehören zu den Künstlern, die mit Farbe und Körpern Wesen entstehen lassen, die sonst vielleicht nur in Geschichten vorkommen. „Moment mal“, sagt Nixe. „Das sind doch gar keine echten Fabelwesen. Warum findest du das dann so interessant?“ Ich überlege kurz. „Weil die Menschen sich offenbar genauso gern verwandeln wie wir.“ Damit hat sie nicht gerechnet und stimmt mir zu.

Der Strand in Timmendorf auf Poel bietet auch Kindern und Jugendlichen etwas.
Die Insel Poel
Nach so viel Stadt, Schloss und Fabelwesen wird es Zeit für eine kleine Pause. Dafür fahren wir auf die Insel Poel. Eigentlich ist Poel gar nicht weit vom Festland entfernt. Aber das ist eine dieser Entfernungen, die man nicht in Kilometern messen sollte. Denn sobald man auf der Insel angekommen ist, scheint die Welt ein wenig langsamer zu werden. Die Straßen sind ruhiger. Der Himmel ist größer. Der Wind hat mehr Platz. Und wir Wasserwesen? Wir fühlen uns hier selbstverständlich besonders wohl. Eine gute Adresse auf Poel ist das Gutshaus Kaltenhof mit Hotel und Restaurant. Das alte Gutshaus verbindet die ruhige Atmosphäre der Insel mit einem komfortablen Ausgangspunkt für Entdeckungen.

Der Hafen von Timmendorf auf der Insel Poel im Abendlicht.
Zum Strand ist es nicht weit, und nach einem Tag am Meer lässt sich hier ausgezeichnet einkehren. „Du meinst essen“, sagt Nixe. Natürlich meine ich Essen. Das Restaurant bietet saisonale Küche und unterschiedliche Gerichte, darunter Fisch, Fleisch und vegetarische Angebote. Ich persönlich halte das für eine sehr vernünftige Kombination. Allerdings habe ich Nixe versprochen, hier keine detaillierte Diskussion über die Frage zu beginnen, welcher Fisch auf einem Teller landen darf und welcher lieber mit uns im Wasser schwimmt. Versprechen muss man einhalten. Von Kaltenhof aus lässt sich Poel gut erkunden. Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder einfach ohne besonderen Plan. Letzteres ist übrigens meine bevorzugte Art zu reisen.

Auf die Vogelschutzinsel Langenwerder gelangt man am besten watend.
Langenwerder – die Insel gehört den Vögeln
Ganz im Nordosten von Poel liegt die Vogelschutzinsel Langenwerder. Und hier muss ich Ihnen etwas Wichtiges erklären: Nicht jeder schöne Ort ist dafür da, dass Menschen überall herumlaufen. Langenwerder ist ein geschützter Lebensraum für zahlreiche Vogelarten. Wat- und Wasservögel finden hier Rast- und Brutplätze, Zugvögel machen Station, und die Natur bestimmt weitgehend selbst, was wann geschieht. „Das ist doch mal eine gute Regel“, sagt Nixe. Ich nicke und jetzt stimme ich ihr zu.

Vogelschutzwart Mathias Helm kümmert sich um Langenwerder und die Brutstätten.
Im Rahmen naturkundlicher Führungen können Besucher die Insel und ihre Vogelwelt erleben. Dabei geht es nicht darum, möglichst schnell möglichst viele Fotos zu machen. Es geht ums Beobachten. Um Zuhören. Um Geduld. Eigenschaften, die uns Wasserwesen seit Jahrhunderten nachgesagt werden. Na gut, zumindest mir. Nach der Führung geht es zurück nach Kirchdorf. Dort, im Hafen, darf die Theorie der Naturbeobachtung dann wieder einer der wichtigsten Beschäftigungen der Menschen weichen: dem Essen. Ein kleiner Imbiss am Hafen, dazu der Blick auf Boote und Wasser, mehr braucht es manchmal nicht. Vielleicht ein Fischbrötchen. Aber darüber diskutiere ich jetzt nicht weiter. Nixe hat mich gewarnt.

Auch Strandkörbe dürfen an der Ostsee natürlich nirgendwo fehlen.
Warum wir hiergeblieben sind
Am Ende unserer Reise sitzen Nixe und ich wieder am Wasser. Vor uns die Ostsee. Hinter uns eine Küste voller Geschichten. „Und?“, fragt Nixe. „Was sollen wir den Menschen nun sagen?“ Ich denke an Wismar und die roten Backsteinmauern der Hanse. An Kunst und Handwerk bei Fangfrisch. An Schloss Bothmer und sein kleines Stück England mitten in Mecklenburg. An Boltenhagen, wo Menschen zu Feen und Faunen werden. An die ruhigen Wege auf Poel und an Langenwerder, wo die Vögel wichtiger sind als wir. „Sag ihnen, dass sie Zeit mitbringen sollen.“ Nixe schaut mich an. „Nur das?“ „Nein. Aber es ist ein guter Anfang.“ Die Ostseeküste Mecklenburgs ist keine Landschaft, die man im Eiltempo abhaken sollte. Meer, Kultur und Natur liegen hier so nah beieinander, dass sich ein Reisetag ganz von selbst füllen kann. Morgens durch eine alte Hansestadt, mittags in einem Gutshaus, nachmittags am Strand und am nächsten Tag hinaus in eine Landschaft, in der die Natur noch ihre eigenen Regeln macht. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Nixe und ich seit so langer Zeit hier leben. Die Menschen kommen wegen des Meeres. Sie entdecken die Kultur. Sie bleiben stehen wegen der Natur. Und irgendwann merken sie, dass es noch etwas anderes gibt: dieses Gefühl, an einem Ort zu sein, an dem nicht jede Minute verplant werden muss. Nixe lächelt und lässt die Füße ins Wasser gleiten. „Dann haben wir ihnen ja alles gezeigt.“ Ich schaue hinaus auf die Ostsee. „Fast alles.“ „Was fehlt denn noch?“ Ich tauche ab. „Der Rest bleibt unser Geheimnis.“
Weitere Informationen
Ostseeküste Mecklenburg, www.ostseeferien.de
MV Tourismus, www.auf-nach-mv.de
Übernachten:

Im Gutshaus Kaltenhof mit exzellenter Küche ist man bestens untergebracht.
Gutshaus Kaltenhof, www.gutshaus-kaltenhof.de
Seehotel Großherzog von Mecklenburg, www.seehotel-boltenhagen.de

Christopher Lunke managt das Kittchen Hotel in Wismar, ein ehemaliges Gefängnis.
Das Kittchen in Wismar, https://das-kittchen.de

Keine Sorge, in der Schmuggler Bude vor Langenwerder kommt keiner zu kurz.
Essen und Trinken:

Im Café Raphael in Timmendorf versorgt Katharina Raphael die Gäste mit Ostsee-Leckereien.
Raphael Café, Eis, Snackbar in Timmendorf auf Poel, www.raphael-insel-poel.de
Alter Schwede in Wismar, www.alter-schwede-wismar.de
Restaurant Gutshaus Kaltenhof, www.gutshaus-kaltenhof.de
Café Lindquist, Boltenhagen, www.cafe-lindquist.de
Sehenswürdigkeiten:
Insel Poel, www.insel-poel.de
Vogelschutzinsel Langenwerder, www.langenwerder.de

In Wismar bringt ein Besuch der Schweinsbrücke Glück.
Wismar, www.wismar.de
Fang-Frisch Messe, www.fangfrisch-messe.de
Schloss Bothmer, www.mv-schloesser.de/de/location/schloss-bothmer
Ostseebad Boltenhagen, www.boltenhagen.de



