Mit der U-Bahn ins Schnitzel Puff

 In den deutschen Großstädten ist Bergromantik ziemlich angesagt. Da spielt die österreichische Gastronomie mit Stadtheurigen und schrägen Szenelokalen die Hauptrolle.

Die alpine Gastronomie ist ein völlig unterschätztes soziologisches Phänomen. Dort geschehen Dinge, die im normalen Leben undenkbar sind. Menschen, die sonst nichts gemeinsam haben und in völlig unterschiedlichen Milieus leben, rücken aneinander und goutieren innigen Körperkontakt. Rituale des Alltags und Abgrenzungen zwischen verschiedenen Altersgruppen werden ignoriert. Junge Leute lauschen ergriffen, wenn die Kastelruther Spatzen vom Sonnenuntergang in den Dolomiten singen und die Trompeten dazu Fanfaren in den Himmel schicken. Wenn zarte Blondinen im Dirndl am Brunnen vor dem Bauernhof posieren und Florian Silbereisen durch das geraniengeschmückte Fenster jodelt, dann kriegt das Jungvolk genauso feuchte Augen wie die Heerscharen ostdeutscher Pensionistinnen. Das Leben in den Bergen als Inkarnation von Heile Welt Sehnsüchten, wo man sich mit Gröstel und Germknödel stärkt und keinen Gedanken an Cholesterinspiegel und Body-Mass-Index verschwenden muss.

Weil die Berge für die meisten weit weg sind, erobern diese Oasen der alpinen Glücksseligkeit auch die Großstädte im hohen Norden. Der bergsüchtige Stadtmensch hat die Wahl zwischen bodenständigen Gasthäusern und Stadtheurigen, szenigen Aprésskihütten und teuer aufgemachten Edel-Lokalitäten. Was ist österreichisch oder bayerisch, was gehört zu den weinlastigen Regionen Niederösterreich oder Burgenland und was eher zu den Bier trinkenden Tirolern und Oberösterreichern. Mit solchen Feinheiten hält sich der Städter kaum auf. Hier geht es ums allgemeine Lebensgefühl. Ein Klassiker ist das Wirtshaus Watzmann am Saseler Chaussee im Norden Hamburgs, das seine Gäste seit fast 20 Jahren mit Brettljause, Gulasch, Geselchtem und Mühlviertler Eiernocken versorgt. Dass der Watzmann eigentlich ein bayerischer Berg ist, stört hier an der Waterkant kaum jemand. Außerdem hat den ja auch ein bekannter Österreicher namens Ambros nachhaltig besungen. Im noblen Restaurant Aigner am Gendarmenmarkt, das mit dem Jugendstilmobiliar eines Wiener Kaffeehauses ausgestattet wurde, gibt es Wiener und Berliner Küche. Dort kann man sich ein Steirisches Backhendl, für das westfälische Kikokhühner in den Ofen wandern, ebenso auftischen lassen wie eine Kürbiscremesuppe mit Zutaten vom Hokkaidokürbis. Zum rotweißroten Establishment gehört auch das Restaurant Vogelweide, der wahrscheinlich einzige Stadtheurige im Berliner Stadtteil Wilmersdorf. Für gehobene Feinspitze empfiehlt sich auch ein Ausflug ins Restaurant Wohlfahrt`s in Charlottenburg oder in die Gastronomie von Sarah Wiener mit dem Speisezimmer in einer alten Lokfabrik in der Chausseeestraße und dem Restaurant am Museum im Hamburger Bahnhof in der Berliner Invalidenstraße.

Die Almromantik wird in deutschen Metropolen gerne als Exotik verkauft. Das funktioniert sogar im bergnahen München sehr gut wie etwa im feinen Fünfsternehotel Mandarin Oriental, wo während des Winters eine Almhütte auf dem Dach steht, die eine gefragte Eventlocation ist, wo die Gäste in der Tracht bedient werden und sich Wiener Schnitzel und Kaiserschmarrn auftischen lassen können. Oder man spielt mit den Klischees wie im Sissi im Berliner Stadtteil Schöneberg, das mit rosa Tapeten und dicken Kronleuchtern ausgestattet ist und wo die Spezialität des Hauses die Sissi Torte ist. Eine bekannte Dame ganz anderer Provenienz hat sich ein Wirt in Berlin Friedrichshain ausgedacht. Tradition und Trash nimmt das Mutzenbacher für sich in Anspruch. Schnitzel Puff nennt sich das Lokal im Untertitel, das eine eher klassische Wirtshausküche bietet und das mit einigen unkonventionellen Accessoires wie dem glitzernden Disco-Schweinskopf an der Wand zelebriert. Das Mutzenbacher ist der Paradiesvogel unter den Austro-Lokalitäten in der deutschen Hauptstadt, nachdem das legendäre und ziemlich schräge No Kangaroo in Kreuzberg geschlossen wurde. Dass die östereichische Esskultur nicht immer ganz ernst genommen wird, das zeigt auch ein Lokal in Hamburg. Im Nido am Binnenhafen wird austro-asiatische Küche praktiziert, was der Gast dann in Form eines Sushi & Schnitzel Menüs goutieren kann. Zuerst die Sushi, dann das Schnitzel und zum Abschluss den Kaiserschmarrn aus dem Wok mit asiatischer Vanillesauce. Da fehlen dann nur noch die Stäbchen für den Kaiserschmarrn.

Foto:
Mandarin Oriental

Infos:
Mandarin Orientel München

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Geschrieben von
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