Marseille: Dem Wandel auf der Spur

Junge Menschen an Marseilles altem Hafen

Marseille Change! Überall springt den Besucher diese Aussage an. Marseille, Frankreichs zweitgrößte Stadt und sein wichtigster Hafen am Mittelmeer wandelt sich. Das Zentrum der Stadt rund um die Canebière, die Straße, die den alten Hafen mit der Église Saint-Vincent de Paul verbindet, wird „verschönt, beruhigt und bürgerfreundlich“ gemacht, wenn man „partagé“ so übersetzen darf. So sagte es Martine Vassal, Präsident der „Métropole Aix-Marseille-Provence“, als er am 7. März 2019 den Startschuss gab, und die Kirche des Heiligen Vincent wird auch renoviert. Ziel dieses urbanistischen Plans sei es zudem, die „Lebensverhältnisse der Bürger und die Verkehrssituation zu verbessern.“ Tatsächlich ist viel passiert, seitdem Marseille 2013 Europas Kulturhauptstadt war.

Was dem Besucher auffällt ist, dass weitere Straßenzüge vom Autoverkehr befreit werden, dass Einkaufszentren entstehen, sodass schon von einem „Ausverkauf der Canebière“ die Rede ist. So erscheint es, und so wird es auch sein: Das Leben am Hafen ist friedlich und entspannt. Die Schiffe zu dem Archipel du Frioul, gebildet aus den Ile Ratonneau, Ile Pomeguesvor und der Ile d´If, wo das in Alexandre Dumas` Roman „die Musketiere“ verewigte Schloss zu besichtigen ist, fahren ab und kommen zurück. Der Fischmarkt beginnt früh und ist dank der Nachfrage früh ausverkauft, der l’Ombrière von Norman Foster, der nicht nur Schatten gibt, sondern auch die spiegelt, die sich unter diesem genialen Dach aufhalten, und Selfie-Junkies zur Verzweiflung bringt. Die Hafenmole selbst, auf der man sitzen und die Beine übers Wasser hängen, dem Sonnenlicht beim Verblassen und der Navette, der Fähre, die Marcel Pagnol so liebte, beim Pendeln vom Place aux Huiles zum historischen Rathaus zusehen kann, all das ist möglich und erfreut des Besuchers Leben.

Es gibt sogar einen Newsletter, mit dem sich Interessierte über den Fortgang von „Marseille Change“ auf dem Laufenden halten können.
Aber dann soll es ja noch dieses „dunkle Marseille“ geben, wo sich Dealer und Polizei verständnisvoll zunicken. In deutschen Zeitungen wird davon gerne geschrieben, immer wieder, damit der Besucher, der sich nachts zur Canebière wagt, von Schauern erquickt wird und die oder der Autor(in) sich als Experte der Abgründe des organisierten Verbrechens, als Roberto Saviano Marseilles, ausweisen kann.
Wir sind das nicht, glauben auch nicht, dass sich das organisierte Verbrechen heute vor den Augen der Touristen oder in finsteren Vierteln rund um den Hafen abspielt. Der oft erwähnte Jardin des Vestiges ist ein Jahr nach seiner Restauration ein Ort, in dem Kinder zwischen den Mauerresten des griechischen Hafens spielen. Trotzdem wollten wir der angebotenen Spur nachgehen, denn Marseille gehört laut Statistik zu den gefährlichsten Städten des Landes. Einen Geschmack davon soll man im „Carry Nation“ bekommen, zu dessen Besuch man sich per Mail anmelden muss. Man kann nicht einfach hin und hineingehen! Eine Nachricht mit Adresse im sechsten Arrondissement und Türcode kamen zurück. Dann konnten wir einen plüschigen Souvenirladen betreten, einen schweren Vorhang beiseiteschieben. Es öffnete sich ein gut besuchtes Lokal mit ganz normalen Kellnern, die feine Cocktails mit und ohne Alkohol servierten. Die Geschichte mit den Drogen, den nickenden Polizisten und mit der Prohibition erscheint ein Marketing-Gag zu sein, mehr nicht.

Bei der Diskussion um die Canebière und Marseille Change darf man eines nicht vergessen: Dass die Gegend um den Alten Hafen so lange ein urbanes Niemandsland war, ist – wie so oft – auch und vor allem den Deutschen zuzuschreiben. Im Januar und Februar 1943 wurde ein Großteil der historischen Altstadt von Truppen der Wehrmacht und der Waffen-SS gesprengt. Vielen der Täter wurde 1954 der Prozess gemacht und sie in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Die Bundesrepublik lieferte sie nicht aus und klagte sie selbst nicht an. Auch dieses Kriegsverbrechen wurde nie gesühnt.

Heute freut man sich in Marseille, dass die erste Phase von Marseille Change im Dezember 2019 abgeschlossen sein wird, weitere Phasen werden in den nächsten Jahren folgen. Darunter das Quartier des Catalans, das vor dem gleichnamigen Strand liegt. Zur zweiten Phase wird hier das Pflanzen von Bäumen, die Verbreiterung der Trottoirs, die Anlage von Radwegen, Geschwindigkeitsreduktion auf 30 km/h und eine Neuorganisation der Parkplätze gehören.

Marseille: Dem Wandel auf der SpurWas länger dauern wird, dürfte es sein, den schlechten Ruf zu überwinden. Der klebt wie Kaugummi an den Schuhen und lässt sich so einfach fortschreiben. Doch schon heute gilt etwa das einst zwielichtige Quartier Cours Julien in der Nähe der Metro-Station Notre Dame du Mont als „in“. Dabei ist der Cours eigentlich nur eine Straße, breit wie ein Platz mit vielen Cafés und sehr vielen jungen Menschen. Es ist das Mekka der Street Art, seit 2014 hier das erste Street Art Festival stattfand. Inzwischen gibt es sogar Führungen zu den schönsten Werken der illegalen Kunst, darunter ein Portrait von Cabu (Jean Cabut), dem Karikaturisten des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo, der am 7. Januar 2015 ermordet wurde. Ganz legal dürfen an der Ecke rue Crudère und Cours Julien Murals, so heißen hier die Grafitti, gesprayt werden.
Und auch wer in das als Hölle auf Erden apostrophierte Quartier La Savine fährt, erlebt eine Überraschung. Wer auf dem Berg die Betonburgen der 70er Jahre sucht, findet Bulldozer bei der Arbeit, die eifrig abreißen. 2021 sollen sie ihr Werk vollendet haben. Dafür entstehen die Sozialwohnungen der Viertel la Couronne und la Mûre. Für Touristen sind sie kein Anziehungspunkt, das ist den Bewohnern des sich wandelnden Marseille aber auch egal.

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