Maler, Dichter und Störche – Bad Saulgau in Oberschwaben bietet viele Überraschungen

In Zeiten erschwerter Auslandsreisen durch die Pandemie geraten einheimische Ziele wieder in den Blickpunkt: Erkundung von oberschwäbischen Kleinodien, Fachwerkidylle, einem romantischen See, dem seit 400 Jahren bekannten Hotel Kleber Post, Klöster und Hummelfiguren. Eine unerwartete Vielfalt inmitten deutscher Kulturlandschaft.

In der Parkanlage des Kloster Siessen am Ortsrand von Bad Saulgau

Er nimmt es genau mit der Körperpflege. Mit dem langen, roten Schnabel säubert er sein Gefieder, entfernt Ungeziefer und Verunreinigungen, während er lässig auf dem schmalen Dachfirst balanciert. Störche sind schon eine Art „Markenzeichen“ für Bad Saulgau in der Mitte Oberschwabens, zwischen Donau und Bodensee. Beim Gang durchs Städtchen ist ihr Geklapper weithin zu hören.

Sie sind aber auch ein Symbol für den von der Stadt praktizierten Naturschutz. Jede freie Fläche zwischen den Häusern ist begrünt.  In zahlreichen dekorativen Blumenkästen gedeihen Kräuter und Blumen, die in jedem alten Bauerngarten zu finden sind. „Nein, Geranien wollten wir nicht, die müssen doch dauernd gehätschelt werden“, erklärt Stadtführerin Mary Gelder lachend. „Bei diesen Kräutern dürfen sich sogar die Bürger für ihren privaten Verbrauch bedienen.Für ihr Engagement zum Thema Biodiversität erhielt der Ort schon einige Auszeichnungen.

Störche sind aus dem Stadtbild nicht weg zu denken

Bereits im Jahre 819 wird Saulgau urkundlich erwähnt, damals unter dem Namen Sulaga, was so viel wie „sumpfige Stelle, Wasserlache“ bedeutete. Eine wechselvolle Geschichte begleitet den Ort, der bis 1806 zu Österreich gehört. Nach dem zweiten Weltkrieg eine Zeit lang französische Besatzungszone, die 1947 zum neu gegründeten Land Württemberg-Hohenzollern kommt, welches fünf Jahre später im Land Baden-Württemberg aufgeht.

Sicher eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte ist die Zeit der Hexenverfolgungen, die zu zahlreichen Hinrichtungen führten. Ein Erdbeben, das tausende von Häusern beschädigt erschüttert Saulgau 1935. In den letzten Jahren des zweiten Weltkrieges gibt es ein Außenlager des KZ Dachau, in dem Zwangsarbeiter untergebracht sind. Sie werden zur Produktion von Einzelteilen für die unter dem Namen V2 bekannte Kriegswaffe herangezogen. Am ehemaligen Standort des Lagers wird mit einem Denkmal der Opfer gedacht.

Kultur auf höchstem Niveau

Angenehm kühl ist es unter der gläsernen Überdachung des einstigen Klostergartens. Hier im ehemaligen „Alten Kloster“ sind gleich drei Kultureinrichtungen vereint: Stadtbibliothek, Musikschule und Städtische Galerie. Die Gründung eines „Centre Culturel“ im Jahr 1947 geht auf Initiative des französischen Kreisgouverneurs Coup de Fréjac zurück. Daraufhin entwickelte sich „Die Fähre“, wie die Einrichtung genannt wird, zu einer der ersten Ausstellungsadressen Oberschwabens. Keine Geringeren als Emil Nolde, Paul Klee und Otto Dix als Vertreter der Klassischen Moderne gab es zu sehen.

Das Kulturzentrum “Fähre” liegt neben dem Romantik Hotel und Restaurant Kleber Post

In Restaurants rund um den Marktplatz sind an diesem sonnigen Tag keine Plätze mehr frei. Aufwändig renovierte Fachwerkhäuser und die gotische Stadtkirche rahmen das Ganze ein. Hier trifft MAN sich, trinkt Cappuccino, genießt einen Eisbecher oder isst Pizza aus dem Karton auf einem der Bänke unter dem Schatten spendenden Laub der Bäume.

Als 1977 bei Bohrungen Thermalwasser zutage kam, und der Ort sich ab dem Jahr 2000 Bad Saulgau nennen durfte, war dies eine enorme Aufwertung. In der Sonnenhof-Therme suchen Viele im Heilwasser Linderung für diverse Beschwerden. Täglich sprudeln hier bis zu 1,5 Millionen Liter Thermalwasser aus der 650 Meter tiefen Quelle, das im heißen Quelltopf 40 Grad misst.

Die Fasnacht beschäftigt die Bürger Bad Saulgaus das ganze Jahr

„Die 5. Jahreszeit ist ganz wichtig für unsere Mitbürger. Das ganze Jahr sind sie beschäftigt: Kostüme müssen ausgebessert werden, Masken nachlackiert usw.“, erklärt Mary den Besuchern des Stadtmuseums, als das oberste Stockwerk erreicht ist. Kunstvoll geschnitzt und bemalt sind die oft gruselig wirkenden Masken, welche aktive Narren zu ihren bunten Kostümen tragen. Nur Eingeweihte können unterscheiden, welche Ausstattung zu welcher Zunft gehört. In den unteren Etagen werden in der zum Museum umgebauten Scheune interessante Exponate aus Saulgaus Geschichte gezeigt.

Hotel Kleber Post – 400 Jahre Gastgebertradition

Es wird heftig diskutiert und viel geraucht. Intellektuelle treffen sich in der Gruppe 47 regelmäßig im Gartensaal des Hotels Kleber Post in Saulgau. Abseits vom Rummel der Großstädte wird in diesem damals unbedeutenden Ort Literatur gelesen, deren Bücher es zu Bestsellern schafften. Zu den Gästen gehörten u. a. Peter Härtling, Günther Grass und Walter Jens. Mit der Zeit wuchs jedoch eine neue Schriftsteller-Generation heran, die sich mit anderen Themen als Nachkriegsgeschichte auseinandersetzte.  Hans-Werner Richter, Organisator der Gruppe 47 und Stammgast im Hotel lud 1977 zu einer „Begräbnistagung“, bei der man sich wehmütig an alte Zeiten erinnerte.

Im parkähnlichen Garten des Hotels; Foto Ingo Rack

Dies ist nur eine Episode aus dem Werdegang der Kleber Post. Im Jahr 2019 hatte das Hotel seinen 400sten Geburtstag. Der einstige Name „Beim Engel“ war im 17. Jahrhundert, als Kriege und Pestepidemien tobten, keine Huldigung an Himmelsboten, sondern schlichtweg Name des Besitzers: Hans Engel. Zweihundert Jahre später verfuhr Andreas Kleber ebenso. Als er 1813 die Tochter des Postmeisters ehelichte, hieß der „Engel“ fortan „Gasthof zur Post, Besitzer Posthalter Kleber.“ „Stellt Euch vor, wie das wirkte, als die Kleber Post vor 100 Jahren mit Autoboxen, eigener Tankstelle und Gratis-Werkstatt um Gäste warb. Wo gab es schon so was!“ erzählt Geschäftsführerin Regine Reisch von ihren Vorgängern. Die verstanden wohl damals schon etwas von Werbung.

Helle Zimmer mit ausgesuchtem Mobiliar und großen Fenstern; Foto Ingo Rack

Den guten Ruf und vor allem die herausragende Küche verdankt das Hotel u. a.  auch Margarete Kleber. Als Zwanzigjährige kam sie 1944 in die Kleber Post um kochen zu lernen. Zwei Jahre später heiratete sie den Sohn des Hauses Hermann Kleber und prägte das Hotelleben mit ihrer kompromisslosen Gastfreundschaft. Stets gab sie den Gästen das Gefühl der Wichtigste und Interessanteste zu sein. Das wussten auch Franz Josef Strauß, später Helmut Kohl und andere Persönlichkeiten der Politik zu schätzen. Margarete Kleber erhielt 1987 das Bundesverdienstkreuz.

Lukullische Kreationen aus der Hotelküche; Foto Ingo Rack

Die Zeiten änderten sich. Zur Jahrtausend-Wende mussten Andreas Kleber und seine Frau Johanna das Hotel aufgeben. Zu hoch waren die Ausgaben für Modernisierungsarbeiten. Heute sorgen im Viersternehotel, das weit über den Kreis Sigmaringen hinaus auch für seine Gourmet-Küche bekannt ist, Regine Reisch und Rainer Lambrecht für das Wohl der Gäste. Herr Reisch selbst wirkt eher im Hintergrund, indem er sich der besonderen Ausstattung und der Kunst in der Kleber Post gerne widmet. Farben, klare Linien, geschmackvoll eingerichtete Nebenräume für Versammlungen oder private Anlässe, und viel Platz bescheren angenehme Aufenthaltstage. Es herrscht eine wohltuende Atmosphäre im ganzen Haus, was auch dem versierten Personal zu verdanken ist. Obwohl am Rande des Stadtzentrums gelegen, genießen Besucher auch im Gartenrestaurant das Gefühl, in einem Park zu sitzen.

Seerosen, Sümpfe und Pfahlbauten

In der fensterlosen Hütte ist es schummerig. Licht dringt nur durch eine Öffnung an der Vorderseite. Die dicke Schilfschicht auf dem Dach schützt vor Hitze, vielleicht auch etwas vor den feuchtkalten Temperaturen, die rund um den Federsee bei Bad Buchau im Winter herrschen. Anschauliche Informations-Tafeln führen durch das Freigelände des Federsee-Museums am Rande von Bad Buchau. Es zeigt das Leben vor 15.000 Jahren an der Schussen-Quelle. Wer könnte Artefakte über so lange Zeit besser konservieren als der ringsum vorhandene Moorboden. Im modern gestalteten Hauptkubus des Museums, der ähnlich einem modernen Pfahlbau über dem Wasser zu schweben scheint, geben einzigartige Funde Einblick in das Leben der Rentierjäger, die vor 15.000 Jahren hier ihr Lager aufschlugen. Spektakulär sind auch die gefundenen Räder. Man könnte sie exemplarisch für den Beginn der Verkehrsgeschichte bezeichnen.

Der Holzsteg über dem Wasser scheint ins Endlose zu führen. Hohe Mauern aus Schilf rechts und links, versperren die Aussicht. Doch dann zeigt sich ein Holzturm, der einen guten Überblick bietet. Der Federsee befindet sich im mit 33 Quadratkilometern größten Moorgebiet Südwestdeutschlands.  Wer Glück hat findet einen Fischer, der ihn in seinem Ruderboot mit hinaus aufs Wasser nimmt. In diesem weitläufigen Naturschutzgebiet wird alles streng reglementiert.

Ein langer Steg führt durch das Schilf zum Federsee

Es ist ein wunderbarer Abend. Wolken spiegeln sich in der ruhig daliegenden Wasseroberfläche. Es geht durch einen Teppich gelber Teichrosen. Im Hintergrund zeichnet sich mit 767 Metern der höchste Berg Oberschwabens, der Bussen, am Horizont ab. Schwäne nisten in Schilfbuchten. Ihr Nachwuchs ist ständig durch die im See lebenden Waller gefährdet. Ein Schwanen-Küken ist für die teilweise 2 Meter langen Fische kein Problem. Ab und zu schwimmen dicke Teichrosen-Wurzeln an der Oberfläche. Sie wurden mit einem listigen Hintergedanken von diesen monströsen Tieren vom Grund herausgerissen. In den verwurzelten Strängen halten sich gern kleinere Fische auf, welche dann leichte Beute für den Wels sind.

Abendstimmung mit Seerosenblüten auf dem Federsee bei Bad Buchau

Weiße Seerosen scheinen noch die letzten Sonnenstrahlen zu genießen, bevor sich ihre Blütenblätter für die Nacht schließen. Wunderbare Stille ruht über dem See, nur unterbrochen durch das Eintauchen der Ruder.

Peter Vögele vom Fischereiverein rudert über den Federsee

Von Bad Saulgau ist dieser sehenswerte Ort mit dem Auto nur eine halbe Fahrstunde entfernt. Im Umkreis von ca. 50 Kilometer gibt es einige interessante Ausflugsziele: Schloss Sigmaringen mit der größten privaten Waffensammlung, die Wallfahrtskirche Steinhausen, erbaut vom berühmten Baumeister Dominikus Zimmermann und dessen Bruder, oder die einzige befahrbare Wasserhöhle Deutschlands, die Wimsener Höhle hinter Zwiefalten. Auch Birnau am Bodensee mit der bekannten Barockkirche ist in diesem Radius erreichbar.

Von einem oberschwäbischen Kloster in alle Welt

Zeichenunterricht an einer vom Kloster Sießen betreuten Schule. Geduldig hilft Lehrerin Berta Hummel ihren Schülern, wenn eine Zeichnung mal wieder nicht so ausfiel, wie es sein sollte. Auch wenn es galt, noch schnell ein Geschenk für Vater oder Mutter ohne größere Geldausgabe zu organisieren, war Berta Hummel ihren Kindern gern behilflich. Später fand sie ihre Berufung im Klosterleben und schloss sich den Franziskanerinnen im Kloster Sießen am Stadtrand von Saulgau an. Von einer Rippenfellentzündung erholte sie sich nie richtig. Im September 1945 wurde sie mit Tuberkulose in die Kinderheilstätte nach Wangen im Allgäu eingeliefert, wo sie jedoch im Jahr darauf noch sehr jung 37-jährig starb. Den weltweiten Erfolg ihrer Hummel-Figuren erlebte sie nicht mehr. Die idealisierte, jedoch liebevolle Darstellung von Kinderszenen begeisterte vor allem als Porzellanfiguren den ganzen Globus. Heute zeigt sich das Kloster weltoffen für die vielen Besucher der Barockkirche oder diejenigen, welche sich im klostereigenen Garten an Blumen und Kräuter erfreuen. Das angegliederte Hummel-Museum gibt Einblick in das kurze Leben ihrer Mitschwester.

Im Garten der Kleber Post herrscht noch Hochbetrieb. Hier genießen Gäste das von der Küche kreativ zubereitete Gourmet-Essen, geschmacklich vorzüglich kombiniert ist jeder Gang auch eine Augenweide. Auf dem Dach gegenüber bringt sich ein Storch mit seinem Geklapper mal wieder in Erinnerung.

Im historischen Stadtzentrum von Bad Saulgau wird an die ehemals österreichische Herrschaft erinnert

Informationen:

Bad Saulgau liegt an der Oberschwäbischen Barockstraße, der Deutschen Fachwerkstraße und der Schwäbischen Bäderstraße zwischen Donau und Bodensee inmitten einer Fülle interessanter Sehenswürdigkeiten.

Das Hotel und Restaurant Kleber Post in Bad Saulgau liegt in einer der reizvollsten Urlaubsregionen Deutschlands und mit einem Kaleidoskop an Arrangements, als auch mit individuellen Offerten, hat das Haus für jeden Gast, zu den verschiedensten Anlässen das Passende im Programm. Das Vier-Sterne-Hotel verbindet Tradition mit Moderne in 400-jähriger herzlicher Gastfreundschaft.

Für das kulinarische Wohl hat das Küchenteam eine feine Speisekarte kreiert, die die Leidenschaft für die Region zelebriert, gleichzeitig auch von Spezialitäten aus der ganzen Welt inspiriert ist. Delikat, leicht und raffiniert.

Von Zeit zu Zeit erfreuten das Traditionshotel und Restaurant in Bad Saulgau seine Gäste mit Lesungen, Vorträgen, musikalischen Veranstaltungen, oder aber ganzjährig mit der eigenen zeitgenössischen Kunstsammlung.

Die 57 individuell eingerichteten, hellen und großzügigen Zimmer – vom Superior-Einzelzimmer, über Deluxe-Doppelzimmer, Familienzimmer bis zur Suite – spiegeln das oberschwäbische Lebensgefühl wider. Nach einem erlebnisreichen Tag lässt es sich hervorragend im 250 Quadratmeter großen Wellness-Kubus, über den Dächern der historischen Altstadt, zur Ruhe kommen. Ob Biosauna, finnischer Sauna, Fitness oder Whirlpool, der SPA-Bereich lässt keine Wünsche offen. Dazu gehören Massagen und andere Anwendungen.

zum Federsee: www.bad-buchau.de

https://www.bad-saulgau.de 

https://www.kleberpost.de/

Text:    Monika Hamberger

Fotos: 9 von Rainer Hamberger und 3 von Ingo Rack

 

 

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