In der Hauptstadt der Arktis, Tromsø

„Going north is never a mistake“; nein, gen Norden aufzubrechen ist bestimmt niemals ein Fehler. Obwohl bei bestimmten Wetterlagen muss man schon ein Hartgesottener sein. Aber das gilt nicht nur für die „Hauptstadt der Arktis“, wie Tromsø genannt wird. Andere nennen die Stadt auch das Paris des Nordens.  Aber das ist dann wohl doch ein Fehlgriff. Warum nicht das Moskau des Nordens? Wo doch viele Russen aus Murmansk und Karelien in den Kneipen der Stadt ihren billigen Wodka unter dem Tisch hervorholen und so das „Öl“, das Bier, und zugleich die Rechnung konsumierbarer gestalten? Tromsø irgendwie einzuordnen und damit begreifbarer zu machen, ist ein verständliches Anliegen, dazu alleine genügt „going north“ nicht. Was ist der Norden, wo beginnt er? Am Polarkreis? Wo hört er auf? Am Nordpol? Als Student mag man auf Norwegens Arktischer Universität einige Semester zubringen, um die Stadt zu erkunden, die wegen ihrer 15 000 Studenten bei knapp 80 000 Einwohnern jugendlich, ja sogar ausgelassen wirkt, gar nicht nördlich kühl und verschlossen. „Das beste Nachtleben nördlich des Polarkreises“ soll man hier finden. Tatsächlich, Kneipen, Restaurants und Hotels mit Bars knapp unter dem Dach gibt es einige. Aber uns schien es angezeigt, einen Überblick über die Stadt zu bekommen,  die auch Sitz der Provinzverwaltung von „Troms og Finnmark“ ist und den Arktischen Rat beherbergt. Er wurde 1996 als ein zwischenstaatliches Forum zum „Interessenausgleich zwischen den arktischen Anrainerstaaten und den in der Region lebenden indigenen Völkern“ gegründet. Aber da die einen den Klimaschutz, andere neue Schiffsrouten, den Abbau von Bodenschätzen oder strategische Gedanken im Kopf haben, tut der Arktische Rat sich mit Beschlüssen schwer. 2004 wurde noch eine Studie über die Folgen der globalen Erwärmung in der Arktis vorgelegt, 2011 ein Abkommen über Such- und Rettungseinsätze in der Arktis, doch 2019 fand der Rat nicht einmal mehr zu einer gemeinsamen Schlusserklärung.

Für die geplante Übersicht über die Stadt überquerten wir die Tromsø-Brücke über dem Tromsøys und verließen die Insel Tromsøya, auf der – 344 km nördlich des Polarkreises – die Stadt liegt. Das entspricht der geographischen Breite von Nord-Alaska. Die Brücke zum Stadtteil Tromsdalen auf dem Festland war mit einer Länge von 1036 Metern bei ihrer Fertigstellung im Jahr 1960 Nordeuropas größte Spannbetonbrücke, und nach ihrem Vorbild wurden viele Inseln im Norden Norwegens von ihren Verkehrsproblemen befreit. Wir wollten mit der Fjellheisen – Seilbahn auf den Hausberg Storsteinen fahren, sie überwindet zwar nicht einmal 400 Höhenmeter, aber von der Aussichtsplattform soll man Spitzbergen sehen können, bei gutem Wetter, und das hatten wir.

Doch der Weg führte uns zunächst bei einem anderen Wahrzeichen Tromsøs vorbei, der Eismeerkathedrale, einer evangelisch-lutherische Pfarr- und Seemannskirche.  Architekt der Kirche war Jan Inge Hovig. Baubeginn war am 1. April 1964. Das gefaltete, ein Dreiecksfenster bildende Dach imponiert und erlaubt viele Interpretationen. Ist es ein Eisberg, der dargestellt werden soll, ein Zelt der Samen, ein Bootshaus oder ein Trockengestell für Kabeljau und Dorsch? Andere erinnert es an eine mythische, unbewohnte Felseninsel namens Håja draußen im Meer. Wir treffen Linde Mothes, eine Deutsche, die Kantorin ist und gerade eine Abendveranstaltung vorbereitet. Kurzentschlossen gewährt sie uns Eintritt. Für sie werden durch das weiße Dach, das schon von den Fährschiffen aus, die Tromsø anlaufen, erkennbar ist, „Eisschollen, die sich aufeinander schieben“ dargestellt. „Doch sind wir nicht frei, uns einfach vorzustellen, was wir gerne sehen möchten?“

Natürlich sind wir das. Besucher der Gottesdienste waren wegen des Lichts lange genötigt, Sonnenbrillen aufzusetzen. Daher wurde nachträglich ein 23 Meter hohes Glasmosaik geschaffen. Es trägt den Titel „Die Wiederkehr Jesu“ und ist eines der größten Glasgemälde Europas.

Weiter geht’s zur Luftseilbahn. Je höher die Kabine steigt, desto besser zeigen sich die Stadt und die gigantische Brücke im Licht des scheidenden Tages, die Sonne steht tief im Süden, so scheint es. Tromsø ist alt,  um 1250 wurde auf der Tromsøya eine Kirche errichtet, 50 Jahre später das  Festungswerk Skansen. 1794 erhielt Tromsø Handelsprivilegien, aber noch im Jahre 1807 hatte Tromsø nicht einmal 100 Einwohner. Der erste Bischof ließ sich erst 1834 dort nieder. Die Stadt wurde Ausgangspunkt für Expeditionen in den Arktischen Ozean, die Bevölkerungszahl stieg auf 1200 Menschen an. Im Jahr 1893 begann die Postschifflinie Hurtigruten in Tromsø anzulegen. 1902 wurde die Zeitung Nordlys gegründet. Eine Anbindung ans norwegische Straßennetz erfolgte im Jahr 1936, zwei Jahre später wurde die erste Flugverbindung aufgenommen. Ab Mai 1940 war Tromsø sogar für kurze Zeit die Hauptstadt Norwegens, als Oslo und andere Teile des Landes besetzt waren, bevor der König und die Regierung am 7. Juni das Land verlassen mussten. Ein Bahnanschluss besteht in Tromsø bis auf weiteres nicht, der nächste befindet sich 250 Kilometer weiter südwärts in Narvik.

Oben auf dem Storsteinen, auf der Aussichtsterrasse der Bergstation der Fjellheisen-Bahn, ist es windig und kalt. Trotzdem genießen wir den Blick auf die Stadt, erkennen die Eismeerkathedrale, einige Hotelkästen,  das Erlebniszentrum Polaria, das aussieht wie umgestürzte Holzklötzchen.  In ihm kann man sich über die Polarregion, die Barentssee und über berühmte Polar-Expeditionen informieren oder im arktischen Aquarium Bartrobben besuchen.

Natürlich suchen wir mit den Augen das versprochene Spitzbergen. Bis zum Horizont sind da im Norden und Nordwesten Berge zu sehen. Doch welcher Berg ist die Insel im Eismeer? Wir glauben nicht, dass sie zu sehen ist, ist sie doch 900 Kilometer entfernt. Aber gut. Was sagt Linde Mothes? Wir sind frei zu sehen, was wir sehen wollen. Dann sehen wir eben im fernen Westen Grönland, im Südwesten Island, im Osten hinter der Barentsee die russische Insel Nowaja Semlja. Inzwischen wird es richtig frisch, im geheizten Restaurant gibt es Bier aus Macks Ølbryggeri, der größten Brauerei Nordnorwegens, 10 Euro für ein Glas 0,4 Liter, dazu ein Rentier-Gulasch für 26 Euro und eine Stockfisch-Suppe für 20 Euro, der Hühnchen-Salat hätte auch soviel gekostet, aber egal: Die Belohnung kommt mit einem spektakulären Nordlicht gegen 20:30 Uhr, die Gondel verkehrt halbstündlich bis 22:00 Uhr. Profis haben auf der Aussichtsterrasse schon ihre Stative aufgebaut, da man nichts in der Kamera erkennt, wenn man sie nicht absolut ruhig hält. Aber unsere fest gegen das Geländer gepressten Handys liefern auch schön grüne Ergebnisse, wabernde Fahnen, schwingende Tücher, die ihre Farbe aber erst als Foto zu erkennen geben. Bis dahin hätten sie auch als Wolken durchgehen können.

Natürlich war der Tag noch nicht vorbei, in der Ølhallen, einer angesagten Bierkneipe, mussten wir wenigstens die Zahl der Zapfhähne kontrollieren, es sind tatsächlich 67. „Wenn Sie schon hier sind: Machen Sie einen Ausflug in die Region,“ hierhin und dorthin, empfiehlt der Reiseführer. Das ist bestimmt gut gemeint, man wird vermutlich sein Leben hier im Norden zubringen können, bei jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Aber ein Paris? Nein, das ist Tromsø nicht, muss es auch nicht sein. Es genügt völlig, Tromsø zu sein, und es zu besuchen ist nie ein Fehler.

Blick auf Tromsø
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