Erfurt, die Entdeckung dieses Sommers

Erfurt, Jazz in der Barfüsserkirche

Erfurt ist die Entdeckung dieses Sommers. Wurden noch vor wenigen Jahren Auskunftsbegehrende beschieden, „liegt bei Leipzig“, ist es heute die heimliche Hauptstadt aller Großstadtmüden. Die Straßen und Lokale sind voll von Touristen, die trunken sind von dieser Stadt, wenn sie von einem kundigen Führer durch die Gassen zwischen Domplatz und Krämerbrücke gelotst wurden, oder wenn sie sich der Führung der Kirchtürme anvertraut haben, die mit und ohne Kirchenschiff wie die Geschlechtertürme von San Giminiano einen zu besuchenden Bereich in der Stadt abstecken, von Dom und St. Severi bis zum Augustinerkloster und Predigerkirche.

Ein Stadtführer wie Reiner Bosecker hat schon was, weil er seine Stadt kennt wie kein zweiter. Einmal hat er mich durch Erfurt geführt, seitdem kenne ich alle die schmückenden Beinamen, Domstadt, Landeshauptstadt, Rom Thüringens, die Turm- und Torreiche, Uni-Stadt, Bischofssitz, die Stadt des Gartenbaus, der Blumen, der Musik und der Puffbohnen.

Ich würde anfügen, Stadt der Jugend. Stadt des Lebens. Stadt des jüdischen Erbes, Stadt Martin Luthers, Stadt der Wiedergeburt. Es gibt keine Ruinen mehr. All das lässt auch die Plattenbauten am Gagarin-Ring verzeihen.

Unsere Unterkunft ist die Pension Altstadtperle, und alle Beherberger der Stadt mögen es mir verzeihen: Dort würde ich auch das nächste Mal wohnen wollen, weil es in der Michaelisstraße zentral und doch ruhig, weil nicht direkt an der Straße liegt. Diesmal spiele ich den Stadtführer und begebe mich über die Gera am Nikolaikirchturm vorbei zum Augustinerkloster, hier kann man auch übernachten, wie es Martin Luther als Mönch für sechs Jahre tat. Die Augustinerkirche ist die älteste der Bettelordenskirchen von Erfurt.  Von dort geht es am Fluss entlang, zum „Augustiner“. Der Biergarten ist gesteckt voll, aber es gibt eine Bier-Ausgabe-Stelle und in aller Ruhe können wir zum 1200sten Mal Bilder von der Krämerbrücke schießen, die Reiner Bosecker an den Ponte Vecchio in Florenz erinnert. Nun gut, die Gera ist nicht der Arno, aber eine Mikwe hat Florenz nicht. Und der Blick von oben durch das Fenster in das mit „lebendigem“, also fließendem Wasser gespeiste Frauenbad ist beeindruckend. Leider kann man es derzeit nicht betreten. Auf der Brücke ist ein Besuch in der „Mundlandung“ zu einem Kaffee Pflicht, ein Abstecher zum Wenigemarkt auch, um zu schauen, ob unter den Anwesenden jemand ist, den man kennt und begrüßen muss, dann zum Fischmarkt, zum Ristorante „La Grappa“ und zur Wohnung von Ute Cornelius aus dem Roman „Zerrissene Leben“ in dem Haus gegenüber, dann zurück zum Rathaus, die Marktstraße entlang. Und schon stehen wir auf dem Domplatz, der teilweise gesperrt ist, weil das Domstufenfestival vorbereitet wird. Die Domstufen hinauf und zum Dom und in die Severikirche. Es geht schon auf die 6 zu, und man will schließen. Dann Pause im Biergarten am Dom, denn die Citadelle Petersberg wird umgegraben, ein Besuch ist verzichtbar. Es ist ein 15 Hektar großes Festungsgelände, errichtet vom Erzbischof von Mainz, der ab 755 Erfurt regierte. Mit acht Bastionen und jeder Menge Kanonen sicherte der Landesherr seine Herrschaft über die Gläubigen der Stadt. Hier traf sich am 27. September 1808 Napoleon Bonaparte mit Zar Alexander I und einigen deutschen Königen und Fürsten. Napoleon wollte für einen Straffeldzug gegen das aufständische Spanien Ruhe im Osten. Man ließ es ordentlich krachen, auch Goethe wurde geladen und die Schwester des Zaren, Maria Pawlowna, die Schwiegertochter von Herzog Carl August. Reiner Bosecker könnte mehr erzählen, vermutlich auch eine Führung durch die Katakomben der Citadelle organisieren.

Über die Kettenstraße geht es weiter  zum Paulsturm, einer weiteren Orientierungsmarke der Stadt, zur Predigerkirche, dann lockt uns Musik über die Brücke der Gera zur Barfüsserkirche. In ihre innere, offene Halle dürfen wir nicht mehr hinein, aber Lauschen ist erlaubt. Das „Pandemistische Gartentheater“ präsentiert das Joscho Stephan Trio und Manouche Jazz.

Was früher der Kaisersaal in der Futterstraße war, ist heute die Ruine der Barfüsserkirche. Damals Paganini, Clara Schumann, Clara Wieck, Franz Liszt, Friedrich Schiller zur Uraufführung der Prosa-Fassung seines Don Carlos und viele andere, heute junge Künstler, die ihren Eintrag in die Geschichtsbücher noch vor sich haben.

Und das soll es auch für den heutigen Tag gewesen sein. Für morgen und übermorgen gibt es noch viel zu sehen. Etwa das Collegium Maius der Universität, die alte Synagoge mit dem Schatz von Erfurt, anderes mehr. Auf jeden Fall auch Schloss Molsdorf, um Reichsgraf Gustav Adolf von Gotter zu treffen. Wir müssen das Geheimnis der Puffbohne lüften, am besten mit Ulrich Haage, Gärtner und Koch im Augustinerkloster. Zur EGA ins Reich der Blumen könnte es gehen.

Und abends ins Sommerspielhaus, es liegt direkt neben unserem Hotel. Es gibt „Was Frauen wirklich wollen“, eine Show mit Franziska. Wenn wir das morgen erfahren sollten, was brauchen wir dann noch nach Leipzig zu fahren? Da würde eh nur Auerbachs Keller auf uns warten.

Diese 16-teilige Serie findet Eingang in eine Foto-Text-Ausstellung „Gesichter Deutschlands“ im öffentlichen Raum in Gräfelfing und in einen Katalog mit gleichem Namen. Der Katalog „Gesichter Europas- eine Reiseliebe“ ist mit der ISBN 978-3-942138-67-3 über die Buchhandlungen oder direkt beim GRÄV-Verlag zum Preis von 15 Euro zu beziehen.

Das war die letzte Folge der Serie „Gesichter Deutschlands“

 

 

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Geschrieben von
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