Die Schönheit von Poggioreale

Poggioreale ruderi, Hunde, sonst niemand auf der Straße

Wie schön sind 50 Jahre alte Ruinen?

Blick auf eine aufgegebene Stadt

Poggioreale. Der Zugang zur Stadt ist verwehrt, ein Gitter versperrt den Zutritt, wenige Meter dahinter eine weitere Absperrung. Es ist kein Mensch zu sehen. Hunde liegen gelangweilt auf der Straße, blicken uns freundlich an, es sind Hunde mit einem blassbeigen Fell, sie ähneln Golden Retrievern. Poggioreale ist eine Stadt im Westen von Sizilien, in der Provinz Trapani. Hier hat es am 14. und 15. Januar des Jahres 1968 ein Erdbeben gegeben, das 900 Tote gefordert hat und nicht nur diese Stadt, sondern die ganze Gegend, die Valle del Belice heißt, nach einem gleichnamigen Fluss, verwüstete. Gibellina hat man unter einer Betondecke begraben und das als Kunst ausgegeben, eher ist es ein Leichentuch. Wie Gibellina hat man Poggioreale drei Kilometer weiter im Tal neu gebaut, als wäre man dort vor Erdbeben sicher. Das alte blieb, wie es war. Es ist der Ort, wo wir vor dem Tor standen, heute schwierig zu finden, Poggioreale „ruderi“ heißt er auf den wenigen Hinweisschildern, „Ruinen“. Wir wollten feststellen, was in den vergangenen 50 Jahren geschehen ist, ob mehr zu verzeichnen ist als eine wortreiche Erinnerungsfeier am 14. Januar 2018. Eine „Serie di manifestazioni“ hatte man uns angekündigt, die das ganze Jahr stattfinden sollten. Aber außer der Zeremonie, als Staatspräsident Sergio Mattarella am Tag des Bebens in Partanna alle Bürgermeister des Belice um sich vereinte, war dann wohl doch nicht. Die neue Stadt Poggioreale erschien uns ebenso aus Ruinen zu bestehen wie die alte, auf dem neuen zentralen Platz, der „Autonomia Siciliana“ gewidmet, war ebenfalls kein Mensch, Gebäude dahinter schienen unbewohnt. Die meisten sind ausgewandert, nach Sidney in Australien, hieß es.
Als wir das Gitter bergab verließen, begegnete uns Hundegebell. Eine größere canine Familie saß auf einem unzerstörten Dach und fühlte sich belästigt. Und von dort, keine 100 Meter von dem versperrten Tor entfernt, hatten wir ungestörten Zutritt zu den Ruinen, zu Mauern- und Straßenresten, zu übriggebliebenen Fensterwölbungen und Kirchenfassaden. Kein Gitter, keine Absperrung hielt uns auf. Bis ein Mann aus dem Fenster eines kleinen Lieferwagens uns freundlich ansprach: Es hätte in den letzten Tagen geregnet, und daher sei es jetzt sehr gefährlich, weiter zu gehen. Einstürzende Trümmer hätten schon Tote gefordert. Wir folgten seiner Empfehlung und unterließen weitere Erkundungen. Und Gedenkveranstaltungen? Wo wir diese Information herhätten. Achselzucken, Lachen.
Just an diesem Tag hat in der Provinz Catania erneut die Erde gebebt, es gab zum Glück keine Toten. Die Zeitungen schreiben, dass die zivile Versorgung der beunruhigten, und sich auf den Straßen aufhaltenden oder in den Kirchen betenden Menschen nicht funktioniert habe. Es gäbe keinen Evakuierungsplan, für Paternò nicht, für Adrano nicht, in Biancavilla nicht. Für keinen der betroffenen Ortschaften. Nur Catania weise 103 Plätze auf, wo man sich aufhalten könne. Das Erdbeben sei dem „Fenomeno Etna“ zuzurechnen. Das wird wohl so sein, aber den Ätna gibt es schon Tausende von Jahren, und welchem Phänomen ist es zuzuschreiben, dass die Menschen und ihre öffentliche Verwaltung jedes Mal erneut von seinen Gewalten überrascht werden? Auch vor 50 Jahren hatte man das Erbeben im Valle der Belice „unterschätzt“, die ersten Retter kamen nach 24 Stunden.
Nördlich vom Epizentrum des Bebens von Catania liegt Bronte. Dort feiert man alle zwei Jahre das Fest der Pistazien, und weil es sich eigentlich jedes Jahr fröhlich sein lässt, findet in diesem Jahr die Expo dei Pistacchi statt. Es gibt alles mit Pistazien, Eis, Pasta, Käse. Zum Glück ist nichts passiert. Alle haben ungestört gefeiert. Ein Pistazien-Maestro wies abends in die Richtung, wo er den Ätna vermutete: „Er ist unsere Majestät. Er gibt, und er nimmt.“ Heute Nacht gab es ein Nachbeben, aber nur in der Stärke 2.1. Also nichts, worüber man sich am Ätna aufregen müsste.
Über ein anderes Phänomen regt sich auch kaum einer noch auf, das Fenomeno Mafia. Just an dem Tag, als die Erde in Catania bebte, wurde vor 20 Jahren der Gewerkschaftler Mico Geraci umgebracht. An seinem Heimatort Bonagia di Palermo wird heute seiner gedacht. Dank Mico, so wurde gesagt, sei es heute möglich, in Sizilien ein Geschäft zu eröffnen, ohne ein „pizzo“, das Erpressungsgeld für die Mafia, zu zahlen. „Ora si puo“, hieß es in der Ansprache. Ein Erfolg, fürwahr. Die Täter der Mafia laufen frei herum. Oft stößt man auf Gedenktafeln ihrer Opfer, selbst im Klostergarten von Monreale, noch häufiger hört man von Menschen, die einfach fehlen.
In der Hauptstadt Siziliens, Palermo, läuft derzeit noch das Jahresfast, Kulturhauptstadt Italiens zu sein. Über viele Brücken fährt man von Bronte und Catania hierher, von Poggioreale sind es weniger. Und alle Brücken haben zum Spannungsausgleich Rillen im Straßenbelag, die sprechen, wenn der Wagen darüber rollt: „Genova, Genova, Genova.“ Aber die Brücken halten. Die Kulturhauptstadt zieht viele Touristen nach Palermo. Es gibt Programme eigentlich an jedem Tag. Und Architektur, Kirchen und Paläste, die man besichtigen kann, hat die Stadt reichlich und aus vielen Epochen. Alle waren hier und hinterließen ihre Bauwerke, Griechen, Normannen, Staufer, Araber, Spanier, um nur einige zu nennen. Und Italiener. Da für das Spektakel nichts zu bauen war, kein Stadium, keine Bühne, keine Kirche, da hätte man denken können, die Stadt hätte sich für die Akteure und ihre Besucher herausgeputzt. Es gibt Illuminationsgerüste, wie man sie für die Weihnachtsbeleuchtungen kennt, vielleicht lässt man sie gleich hängen. Aber das Naheliegende, wenn man Gäste empfängt, den alten Müll wegzuräumen, hat man versäumt. Die Mülltrennung, einst als Schritt in die Moderne gefeiert, hat man nie ernsthaft praktiziert, und die differenzierenden Tonnen sind auch Geschichte. Was da an Füllbarem angeboten ist, wird mit dem eigenen Dreck gefüllt, der Rest dann daneben deponiert.
Vielleicht ist auch nur die Wahrnehmung verkehrt. In Poggioreale wurden Szenen für den Film „L´uomo delle stelle“, „der Mann der die Sterne macht“, gedreht, und der Regisseur Giuseppe Tornatore schwärmte von der Schönheit der Ruinen, die wie Pompei und vielleicht touristisch zu nutzen seien. Ja, das wird es sein, was wir für zynisch halten, ist in Wahrheit das Gesetz der Schönheit. In Taormina hat man schon vor Jahrhunderten Gebäude weiter ruiniert, damit ihr romantischer Zauber besser vor dem Ätna zur Geltung kommt. Warum soll man sich denn auf den unberechenbaren Berg vorbereiten? Eine Majestät darf nicht in kleinliche Berechnung gepfercht werden. Und schön ist auch der Tod, was jeder bestätigen kann, der sich bei den Kapuzinern und in anderen Kirchen zur Schau gestellte Schädel angeschaut hat.
Warum soll nun gerade der Müll nicht schön sein? Sein Farbenspiel, seine Gerüche, sein ewiges Werden, die Interaktion mit den Tieren und die Überraschung seines Abtransportes muss nur empfunden und entsprechend bewundert werden. Dann, vermutlich erst dann, ist man imstande die jakobinische Tätigkeit der Regierung Salvini-di Maio im fernen Rom richtig einzuschätzen, die nicht nur die Zahlungsbilanz des Staates sondern diesen gleich mit in die Tonne tritt. In der „La Sicilia“ vom 7. Oktober schreibt Nello Musomeci, dass ethisches Handeln kein bloßes Versprechen einer Regierung sein dürfe, sondern Voraussetzung eines jeden, der sich in ein Amt wählen lässt. Er hat Recht. Die gewählten Repräsentanten Italiens erfüllen diese Ansprüche nicht. Sie werden, wenn der Staat zusammenbricht, für Italien bestenfalls neue Festlichkeiten zur Erinnerung an stolze Tage hinterlassen. Und die blassbeigen Hunde werden auf der Straße vor Rom und Poggioreale sitzen und uns freundlich angucken.

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