BERNIES BLOG: CAMPING & CORONA – Teil 4 (Finale)

Bernhard Schöneck (76) schrieb einst für den KICKER, LUST AM LAUFEN sowie weitere Fachmagazine. Und er war zu seiner hochsportlichsten Zeit einer der bekanntesten 24-Stunden-Läufer der Welt. Seine persönliche Bestleistung: 247,330 km. Außerdem durchlief er in Amerika The Death Valley, das berüchtigte ‚Tal des Todes‘, und fuhr mit dem Fahrrad von Chicago durch den Mittleren Westen bis Mexiko. Der ehemalige Taubstummenlehrer ist seit 48 Jahren verheiratet mit Masako aus Tokyo. Das Ehepaar verbringt seit 2003 die Wintermonate mit Hund Auguri und dem eigenen Wohnmobil auf dem Campingplatz Azahar in Benicassim in der Provinz Valencia/Spanien. Wie es den beiden dort ergeht/erging- lesen Sie hier (die Zeilenbrüche bitten wir zu verzeihen – sind der Übermittlung via Handy geschuldet). Copyright sämtlicher Fotos & Fotograf: Bernhard Schöneck

 

WAS BISHER GESCHAH:

 

https://reise-stories.de/bernies-blog-camping-corona-aktuelle-notizen-aus-spanien/

 

https://reise-stories.de/bernies-blog-camping-corona-teil-2/

 

https://reise-stories.de/bernies-blog-camping-corona-teil-3/

 

Und so geht es weiter:

 

 

VON BERNHARD SCHÖNECK

 

 

MITTWOCH, 25. MÄRZ 2020

 

 

Wie lange sind wir schon ,auf der Flucht‘ aus Spanien? Die einzelnen Tage lösen sich auf … werden zu einem Ganzen.

-Wann fuhren wir ab?

-Sonntag!

-Also – So … Mo … Di … Mittwoch ist

heute …

Was? Erst vier Tage!?

In Lons-le-Saunier entschließen wir uns für die französische Autobahn. Die kostet zwar eine hübsche Stange Geld, hat aber im Gegensatz zur National-Straße keine Kreisverkehre. Und die könnten unseren vier verbliebenen Reifen arg zusetzen!

Die Fahrt über die französische Autobahn am heutigen 25. März 2020 hat etwas Unwirkliches:

Fast keine Personenwagen!

Nur Lastwagen, die wohl meist Lebensmittel transportieren. Hauptsächlich Firmen aus Spanien, Portugal und Frankreich.

Dazwischen nur noch einige wenige Wohnmobile wie wir.

Das Tempo ist moderat – jeder kann seine Geschwindigkeit fahren – keiner kommt dem Anderen zu nahe und – k e i n  Lärm! Es fühlt sich an, als ob nur Gentlemen unterwegs wären! Kann das der Autoverkehr der Zukunft sein?

Ab und an warnen elektronische Schrifttafeln an Brücken:

„COVID 19  Schränken Sie Ihre Kontakte ein.“

,Wo doch die Franzosen sich so gerne umarmen und Küsschen geben!‘, wirft meine Frau Masako ein.

,Ja, ja …, es wird sich nach der Krise einiges ändern … Vielleicht übernimmt ,die Welt‘ das japanische Vorbild – verneigt sich voreinander – und bleibt auf Distanz!‘,  entgegne ich amüsiert.

Auf Info-Tafeln wird auch seit Stunden gewarnt:

„Limitierter Durchgang nach Deutschland“

Was kann das bedeuten?

Stundenlange Wartezeit?

Strenge Grenzkontrolle?

Bohrende Fragerei …

Woher kommen Sie?

Wohin wollen Sie?

Fühlen Sie sich gesund?

Vielleicht sogar ein Test auf Corona?

Die sofortige Einlieferung ins nächste Krankenhaus? Eine Trennung?

14 Tage Quarantäne?

Wir sind beunruhigt. …

Unaufhaltsam nähern wir uns von unseren 88 Pferdestärken getrieben der französisch-deutschen Grenze: Mulhouse-Centre … die Industrie-Zone … die letzte Tankstelle vor der Grenze … die ehemaligen Grenzhäuschen … der Rhein … das Schild ,BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND ‚ …  nichts ist zu sehen … da plötzlich wird es eng:

Die Laster vor uns drängen sich zusammen auf eine Spur … auf der linken Spur stehen zahlreiche Polizeiautos … deutsche …

Alles geht ganz schnell: Geschätzte fünf Polizisten umstellen unser Fahrzeug …meine Frau dreht die Scheibe herunter …  eine hübsche Polizistin begrüßt uns freundlich:

,Woher kommen Sie? Wohin wollen Sie? Ihre Ausweise bitte! … Gute Heimreise.‘

Wir atmen durch … Wir haben es geschafft …

Bald merken wir: Die Krise hat die deutsche Autobahn noch nicht erreicht: LKWs und PKWs wie gehabt! Nanu! Hat der Corona-Virus etwa an der deutsch-französischen Grenze schlapp gemacht?

Auf dem ersten AUTOHOF tanken wir.

An der Zapfsäule keine Schutzhandschuhe!

Im Gegensatz zu Spanien und Frankreich kann ich die Tankstelle durch die Tür betreten! Zeitschriften … Kaffee-Ecke … Zubehör … alles wie immer!

,Ja, bei uns läuft‘s noch normal‘, bestätigt mir der Mann an der Kasse.

,Aber ich glaube, dass man auch bei uns bald alles ,herunterfahren‘ wird!‘

Wir parken auf dem Parkplatz hinter dem AUTOHOF: Nur auf ein Tässchen Kaffee von der Bordküche … zum Entspannen.

Während ich diese Zeilen in mein iPhone tippe, gesellen sich etliche Wohnmobile um uns herum.

Noch bevor ich mit dem Tippen fertig bin hat Masako eine blendende Idee: ,Lass uns hierbleiben … hier habe ich ein sicheres Gefühl für die Nacht!‘

Ein Blick nach draußen: Um die zehn Wohnmobile stehen um uns herum, darunter drei aus Finnland! Und neben uns steht ein VW-Bulli mit der Aufschrift ,free road of Life‘, einem großen Sandblech an der Seitenwand und  – tatsächlich:

2 (!)  K o m p l e t t r ä d e r n  auf dem Dach!!!

Man könnte neidisch werden …

Morgen haben wir die letzten 374 km unserer ,Hedschra‘ vor uns …

 

Von einem solch’ prachtvollen Ersatzreifen kann Bernie nur träumen…

 

DONNERSTAG/FREITAG, 26./27. MÄRZ:

 

,Schnell! Schnell! Fahren Sie! Beeilen Sie sich! Wenn Sie Glück haben ist die Grenze dort oben noch offen! … Sie müssen heute Nacht dort oben sein! Um Mitternacht machen die dicht!‘

Ich reiße den Gang rein und ab! Weg von Mülhausen!!! Nach oben! Wohin? Verdammt – woooohin? Alles ist eng – überall Wohnmobile! Ganz ruhig bleiben…

,Was ist? Was hast Du?‘

Wo bin ich?

Ich höre meine Frau reden. Sie sagt:

,Es ist Freitag. Wir sind angekommen! Daheim! Endlich! Wir müssen nicht mehr fahren! Kein Ersatzrad mehr suchen! … Hast Du geträumt?‘

,Ja. Ich bin im Traum gerade in Mülhausen weggefahren! Da war die Grenze zu!‘

,Wer hat das gesagt?‘

,Da waren viele Wohnmobile um uns herum! Sie wollten alle nach oben – da konnte man noch nach Deutschland.‘

,Du hast geträumt. … Die Geschichte von der Frau mit dem Clou (das ist die Bauart unseres Wohnmobils) hat Dich wohl sehr mitgenommen!‘

Sie meinte die Geschichte des gestrigen Donnerstags. Als ich auf dem Parkplatz auf ihr Wohnmobil zuging und sie rief:

,Bleiben Sie stehen! Halten Sie Abstand!‘

Und dann erzählte sie, dass sie und Ihr Mann aus Marokko kämen: ,Wir standen da am Hafen von Ceuta und wollten mit der Fähre nach Spanien …

Wir bekamen das letzte Schiff … wir waren das vorletzte Wohnmobil! … und dann haben sie die Grenze zugemacht … Da standen noch hunderte Wohnmobile – ohne Wasser – ohne Toilettenentsorgung …‘

,Bernie‘, lobe ich mich innerlich, ,Du bist gut gefahren! Und denk‘ dran, was für ein großes Glück wir bei dem Reifen-Platzer hatten!‘

Genau.

Der Mann aus MG mit dem großen Bootsanhänger meinte gestern an der Tankstelle zu mir: ,Ich bin einige Kilometer hinter Ihnen gefahren und habe diesen zerfetzten Reifen an Ihrem Heck gesehen. Da haben Sie aber Schwein gehabt!‘

Ich merke, dass ich ganz am Bettrand liege.

,Wolltest Du flüchten?‘, fragt meine Frau. Und fährt dann fort: ,Du musst jetzt wieder Deine Mitte finden … zur Ruhe kommen.‘

S i e  hat ihre Ruhe gefunden – im Garten.

I c h  suche meine Ruhe noch – ich werde laufen.

Viel, viel laufen.

Und dabei keine Reifenpanne erleiden.

 

Bernhard Schöneck

 

–  E   N   D   E   –

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