Aufs Glatteis geführt

Ab Mitte Dezember verwandelt sich der Kärntner Weissensee, Österreichs höchst gelegener Badesee, zum europäischen Zentrum des Natureislaufs. Während Hobby-Eisläufer auf den spiegelglatten Bahnen genussvoll dahin gleiten, gehen Eisschnellläufer am Weissensee regelrecht auf Rekordjagd. Unsere Autorin Johanna Stöckl hat ein Wochenende am See verbracht.

Fotos: Franz Walter

 

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Nichts geht mehr. Wir sind keine sieben Kilometer vom Weissensee entfernt, schaffen aber die letzte Steigung nicht. Seit Stunden schneit es heftig. Bei jedem weiteren Versuch die kurvenreiche Straße doch irgendwie zu meistern, scheitern wir noch kläglicher. Ein einziges Schlittern und Rutschen. Nicht ungefährlich und vor allem: Aussichtslos. Klar haben wir das Schild „Schneeketten anlegen“ gesehen. Aber: Anlegen kann man nur, was man auch dabei hat. Plötzlich hält ein Taxi neben uns: „Braucht ihr Hilfe?“ In der Tat, die brauchen wir. Der freundliche Fahrer will uns aber nicht, wie man erwarten könnte, für viel Geld an unseren Zielort shutteln. Nein. Er bietet an, uns zur nächsten Tankstelle zu begleiten, wo wir Schneeketten – die letzten übrigens – erwerben und wünscht uns einen schönen Urlaub.

Es ist stockfinster als wir am Hotel Weissenseerhof auf den Parkplatz fahren. Und still. Der viele frisch gefallene Schnee verschluckt jedes Geräusch. Obwohl wir keine 20 Meter vom Seeufer entfernt stehen, erkennen wir nichts. Schnee von allen Seiten. Weiß, weißer geht’s nicht. Als ich tags darauf im Hotelzimmer den Vorhang öffne, kreische ich laut vor Freude. Vor mir liegt der See. Dicke Schneekissen haben sich über Zäune und Hausdächer gestülpt. Wie im Märchen sieht die Winterlandschaft aus. Nach dem Frühstück zieht es uns an den See.

„Zu Kathrein friert der See zu lautet eine alte Bauernweisheit“, sagt Norbert Jank, den man hier voller Hochachtung den Eismeister nennt. Diese Weisheit hat sich noch jedes Jahr bestätigt. Ab Mitte November wächst an den Ufern die Eisschicht heran, die den Weissensee ab Mitte Dezember zum Mekka des Natureislaufs in Europa macht. Auf dem Spielplatz der Natur geben sich Eisläufer, Eisschnellläufer, Hockeyspieler oder Eisstockschützen ein Stelldichein. Norbert Jank kennt den See wie kein anderer in der Region. Seit über 30 Jahren kümmert er sich in den Wintermonaten ausschließlich um das Eis und zaubert mit einigen Helfern eine bestens präparierte Oberfläche.

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Ab November beobachtet der 67-jährige Kärntner das langsam heranwachsende Eis, verfolgt das Wetter, misst die Temperaturen und macht Probebohrungen im Eis. Die vier bis acht Meter tiefe Westseite des Sees friert deutlich schneller zu als der Ostteil, mit seinen 80 Metern Tiefe. In richtig kalten Wintern wird die gesamte Seeoberfläche von einer 0,5 Meter dicken Eisschicht überzogen. So ergibt sich im Idealfall eine befahrbare Natureisfläche von 25 bis 30 Hektar. „Das gibt es sonst nirgends auf der Welt“, sagt Jank stolz und zeigt dabei auf eines seiner Fahrzeuge, handelsübliche kleine PKW, die er extra für die Präparierung der Eisoberfläche hat umbauen lassen. Manche haben an der Front einen Pflug montiert, um die Eisbahnen bei Bedarf von Schnee zu befreien. Andere ziehen einen sechs Meter breiten rollenden Besen hinter sich her, um das Eis zu säubern. Ein Fahrzeug, Jank nennt es den „Eishobel“, glättet die Oberfläche, falls sie ruppig ist. „An 70 bis 80 Tagen kann man bei uns am Weissensee Eislaufen“, fährt Jank fort und erklärt, dass das Eis einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren der Region geworden sei.

Der Tourismus floriert rund um den 930 Meter hoch gelegenen See am Fuße der Gailtalter Alpen. Besonders beliebt sei die Region bei den eislaufverrückten Niederländern, die im Winter in Scharen hier her kommen, um eiszulaufen. Auf dem idyllischen See, dessen Ostufer sich völlig unverbaut präsentiert, tragen die eislaufsportbegeisterten Niederländer seit Jahren nämlich ihre „Alternative 11-Städtetour“ aus. Auch im Winter 2014 werden zum legendären Event wieder an die 5.000 Niederländer am Weissensee erwartet.

Und alles begann mit James Bond.

Als 1987 für „Der Hauch des Todes“ mit Timothey Dalton eine Szene am Weissensee gedreht wurde, in der Bond mit seinem Aston Martin in einer kühnen Verfolgungsjagd über den zugefrorenen Weissensee düste, gingen diese Bilder um die Welt. In Holland wurden die Veranstalter des größten Natureis-Langstreckenrennens der Welt, der legendären 11-Städte-Tour (Elfstedentocht)), plötzlich auf den Weissensee aufmerksam. Die Elfstedentocht, bei der man über zugefrorene Kanäle, Seen und Flüsse elf Städte Hollands in einem 200 Kilometer langen Eislaufrennen passieren muss, fand nämlich wegen ungünstiger klimatischer Bedingungen seit der Premiere im Jahre 1909 insgesamt erst 15 Mal statt. Die Organisatoren der „Tour der Touren“ waren somit auf der Suche nach einer Alternative. Der Kärntner Weissensee erhielt im Jahr 1988 den Zuschlag für die erste „Alternative 11-Städte-Tour“.

Natürlich wollen wir selbst auch Eislaufen. Wolfgang Wernitznig, der für die Eislaufakademie am Weissensee arbeitet, wird uns als Trainer vorgestellt. Oje. Lang, lang ist’s her. Als ich das letzte Mal Eislaufen war, gab es noch keine Klappkufentechnik. Ob ich in meinem Langstreckenschuh überhaupt die Kurve kriege? Zögerlich die ersten Fahrversuche. Wolfgang zeigt uns Übungen, die simpel ausschauen, aber durchaus schwierig auszuführen sind. Nach etwa 30 Minuten werden wir sicherer und stabiler. In der Dämmerung gleiten wir schließlich über den See. Es ist still. Die Luft kalt. Man kann nur das Klappen unserer Kufen hören. Ich fühle mich an meine Kindheit erinnert und schwöre mir im nächsten Winter wieder hier her zu kommen. Ich hatte doch glatt vergessen, wie schön Eislaufen sein kann.

Eislauftrainer Wolfgang ist ein gefragter Mann am See. Vielseitig sein Arbeitsfeld. Auch die Schneeschuhwanderung läuft unter seiner Führung. Am Rande des kleinen Skigebietes Weissensee, das gerade einmal aus einem Vierersessellift und vier Schleppliften besteht, stapfen wir durch den Wald. Stundenlang. Und wieder: Diese Stille! Eingekehrt wird auf einer der schönsten Hütten, die ich je gesehen habe. Auf der Naggler Alm. Die überaus sympathische und flotte Wirtin Almut Knaller legt nicht nur Wert auf eine schöne, authentische Atmosphäre in ihrer Hütte, sondern auch auf biologische Produktionsweise und Regionalität der verwendeten Produkte. Die selbstgemachte Almlimonade ist der Hit. Der Schwarzbeerschmarrn ein Muss.

Als ich später noch einmal den Blick auf den nahegelegen Sonnenlift richte, erlebe ich ein Highlight. Der Schlepplift ist ganz offensichtlich nicht in Betrieb. Er steht. Schade eigentlich. Doch dann: Zwei Skifahrer stellen sich dennoch in die Auffahrtsspur und warten. Und siehe da: Ein Mann springt aus dem Häuschen und wirft den Schlepplift an. Als die zwei Passagiere oben angekommen sind, stoppt der Lift erneut. Ich kann’s nicht fassen! Eine Bergbahn on Demand! Null Wartezeit. Kein Gedränge. Niemand auf der Piste. Ein ganzer Lift nur für mich? Im nächsten Jahr, das ist ganz sicher, packe ich die Ski ins Auto. Und Schneeketten. Die sowieso.

 

Anreise

Mit dem Auto: Die schnellste Route führt über München, Salzburg und die Tauernautobahn – Knoten Spital – Greifenburg – Weissensee.

Mit der Bahn: EC-Verbindungen über München, Salzburg, Spittal/Millstätter See nach Greifenburg. Weiter mit Bus oder Taxi zum Weißensee.

http://www.bahn.de

Mit dem Flugzeug: Ab Frankfurt, Hannover, Hamburg und Köln direkt nach Klagenfurt. Weiter mit Zug oder Shuttle nach Greifenburg und an den Weissensee.

Entfernung Flughafen-Weissensee 120 Kilometer, Fahrzeit ca. 1,5 Stunden.

http://www.klagenfurt-airport.com/

Unterkunft

Bio-Vitalhotel Weissenseerhof ****s

Neusach 18

A – 9762 Weissensee

http://www.weissenseerhof.at/

Wichtige Webseiten

Weissensee Tourismusinformation

http://www.weissensee.com/

Eislaufen am Weissensee

http://www.natureislauf.at/

Naggler Alm:

http://www.naggleralmut.at/

Bergbahn Weissensee

http://www.weissensee-bergbahn.at

 

 

 

 

 

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