Arktisches Badevergnügen in Qasigiannguit

Ist das nicht Luxus? Ich wache jeden Tag an einem anderen Ort auf. Ganz ohne Kofferpacken, ohne Autofahrt, ich brauche keinen Bus zu nehmen, stehe nie im Stau. Ich habe Zeit. Viel Zeit. Eigentlich muss ich nur aussteigen und rechtzeitig wieder an Bord sein – that’s it. Herrlich, so eine Schiffsreise!

Außerdem gibt es in Grönland ja kein Straßennetz. Die Orte und kleinen Städte sind nicht über den Landweg verbunden. Man geht zu Fuß, fährt mit Booten, Hundeschlitten und bucht (in seltensten Fällen) einen Helikopter um sich fortzubewegen. Das heißt: eine Schiffsreise ist das einzig probate Mittel um in kurzer Zeit möglichst viel vom Land zu sehen.

Wobei “Land” ja vielleicht auch irreführend ist: Wir bewegen uns entlang der eisfreien Westküste. Nur 18 Prozent des Landes sind nicht von Eis bedeckt. An das Bordleben habe ich mich rasch gewöhnt. An das gute Essen auf der MS Fram sowieso. Die Tage sind wunderbar, aber verfliegen leider auch rasend schnell. Es gibt nämlich immer etwas zu tun. Ist man nicht gerade an Land, kann man sich auf der MS Fram diverse Vorträge anhören: über Eisberge, über Land und Leute, Klimawandel … Dazu ist ein Expertenteam mit an Bord. Tagsüber kann man mit eben diesen Profis an Land diverse Exkursionen unternehmen. Nach ein paar Tagen kennt man sich und ist mit allem vertraut.

Den heutigen Tag allerdings  möchte ich alleine verbringen. Ohne Gruppe, ohne Guide, einfach nur für mich sein.

Plan? Keiner. Göttlich.

Während ich noch beim Frühstück sitze, legen wir gegen 7.30 an der Pier in Qasigiannguit an. 1.300 Bewohner leben in der zweitältesten Stadt Grönlands, die auch die “Perle der Diskobucht” genannt wird. Das Wetter ist wunderschön, es ist relativ warm und mild. Unter dem knallblauen Himmel machen sich die vielen bunten Häuser, die auf den Felsen gebaut sind, besonders gut. Dazu das strahlende Weiß der Eisberge, die in der kleinen Bucht schwimmen – fast schon kitschig, die Szenerie. Ich freue mich wie verrückt, in dieser einzigartigen Landschaft den Tag verbringen zu dürfen.

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Erst schlendere ich ein wenig durch den Ort, der sich sehr aufgeräumt und für grönländische Verhältnisse (sofern ich das nach ein paar Tagen überhaupt beurteilen kann) schon richtig “touristisch” präsentiert. Und das meine ich durchaus positiv. Der Ort, in dem die MS Fram erstmals anlegt, ist auf uns Gäste vorbereitet: Gleich mehrere kleine Museen, die Kirche, das Torfhaus, ein Museumsshop und das so genannte Frauenhaus, in dem man traditionelle Handarbeiten bestaunen kann, sind geöffnet. Es gibt Kaffee und Kuchen. Die Buben und Mädels vom örtlichen Kindergarten singen ein paar Lieder für die Gäste der MS Fram.

Außerdem empfiehlt Qasigiannguit Tourism zwei ausgeschilderte Wanderungen. Intuitiv entscheide ich mich für den blauen Weg. Ohne zu wissen, wo er genau hinführt, gehe ich los. Nach einer wunderschönen Bucht am Ortsausgang schraubt sich der Weg relativ sanft aber stetig ansteigend nach oben. Bald hat man einen fantastischen Tiefblick auf Qasigiannguit und das tiefblaue Wasser der Diskobucht. Die Eisberge, die etwas weiter draußen schwimmen, sehen aus der Höhe aus wie Zuckerwürfel. Ich bin total begeistert und richtig dankbar, dass ich das erleben darf. Was für ein Privileg. Bald erreiche ich ein Hochplateau, das mich irgendwie an zu Hause, an die Alpen erinnert. Das Gras wächst noch sehr zaghaft, die ersten Frühlingsblumen – wir schreiben Mitte Juni – blühen.

Später erfahre ich, dass hier bis vor drei Wochen noch eine geschlossene Schneedecke lag. Das schöne Hochmoor wird zu beiden Seiten von kleinen Berggipfeln begrenzt. Natürlich entscheide ich mich für jene Seite, die zur Bucht weist und gehe über einen Kamm von einem kleinen Gipfel zum nächsten. Knappe drei Stunden bin ich bereits unterwegs als ich plötzlich in der Ferne Kinderstimmen höre. Wo kommt das freudige Kreischen her? Weiter hinten liegt ein Bergsee. Etwa ein Viertel des Sees ist noch von einer dünnen Eisschicht bedeckt. Am eisfreien Ufer toben Kinder. Soll ich noch einen kleinen Gipfel machen oder zu den Kids an den See laufen? Ich entscheide mich für: Kreischende Kinder! Kaum nähere ich mich auf 100 Meter rufen mir die Kids auch schon lautstark zu. “Hello-ho! What’s your name?” Ich rufe “Hallo” zurück und stelle mich vor. Dann sagen alle Kinder meinen Namen nach und kichern. Der Reihe nach bitte ich die Buben und Mädels, die mit einer Lehrerin am See sind, mir ihren Namen zu verraten. Als ich die zum Teil grönländischen Namen versuche nachzusprechen, lachen sich alle kringelig.
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Die Situation ist an sich unspektakulär, aber wir haben, ohne uns verständigen zu können, richtig Spaß miteinander. Die Lehrerin kann natürlich ganz gut Englisch und springt als Dolmetscher ein. Als die Schüler mein iPhone sehen, animieren sie mich doch Bilder zu machen. Und das tun wir dann auch. Danach steht eine Art Wettkampf an. Dazu muss ich meine Jeans ausziehen und wie die Kids in Unterhose so lange wie möglich bis zu den Knien im kalten Wasser des Bergsees stehen. Wer am längsten durchhält, hat gewonnen. Dass ich verliere, liegt auf der Hand. Als ich mich verabschiede, rufen mir die Kinder lange nach. Johanna, good bye-ey! Beseelt gehe ich wieder an Bord. Die Lebensfreude der Kinder in Qasigiannguit hat mich berührt. Den späten Nachmittag verbringen wir alle vor traumhafter Kulisse bei strahlendem Sonnenschein an Deck. Wir schippern Richtung Uummannaq, wo wir morgen einlaufen werden.
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**Dies und das aus Qasigiannguit**

➡ Dass man aus einem Stück Draht, etwas Moos und blühendem  arktischen Heidekraut in ein paar Minuten ein Schmuckstück machen kann, lerne ich von der Lehrerin am See. ➡ Inuit können nicht schwimmen. Das Wasser ist ja viel zu kalt. Es erreicht kaum eine Temperatur über + 4 Grad. Schwimmbäder gibt es logischer Weise keine. ➡ Während einer Pause auf meiner Wanderung beschäftigt mich ein Gedanke extrem. Keine 55.000 Menschen leben in Grönland, der größten Insel der Erde. 55.000 – das ist NICHTS. In der Münchner Allianz Arena nehmen an jedem Spieltag mehr Menschen auf den Rängen Platz als in ganz Grönland leben. Das muss man sich einmal vorstellen! Mein Kopf bekommt das gerade nicht mehr auf die Reihe. ➡ Die Bezeichnung “Anorak” kommt aus dem Grönländischen. Ich gebrauche dieses Wort seit meiner Kindheit ohne zu wissen, wo es her kommt 🙂 Aus Grönland!
Johanna Stöckl bereiste auf der MS Fram, dem Expeditionsschiff der Reederei Hurtigruten, die Westküste Grönlands.  An Bord sind an 13 Tagen 13 Geschichten aus Grönland entstanden.

Zum Reisetagebuch geht’s hier lang:
http://msfram.johannastoeckl.de/

Infos zur Reise auf der Webseite von Hurtigruten Deutschland:
http://www.hurtigruten.de/Expeditions-Seereisen/Gronland/

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