Syedra: Eine Ausgrabungsstätte hoch über Alanya erzählt von einer antiken Hafenstadt, von Kleopatras Schiffen und von einer Treppe, die erst 2024 aus der türkischen Erde gegraben wurde.
Wer nach Alanya reist, kennt meist nur den Strand. Zwanzig Kilometer südöstlich der Stadt, auf einem Bergrücken mit dem Namen Asar Tepe, liegt eine andere Alanya-Geschichte: Syedra. Vierhundert Meter über dem Meer, zwischen Pinien und Thymian, breitet sich eine antike Stadt aus, die einmal fünftausend Menschen zählte.

Samet Senapl führt mich über das Gelände von Syedra. Er ist Senior Archaeologist am Grabungsteam von Syedra – einer, wie er sagt, vergleichsweise jungen Ausgrabungsstätte. Systematisch freigelegt wird hier erst seit wenigen Jahren.
Ein Aussichtspunkt über Meer und Wege
„Ein perfekter Platz, um das Meer und die Wege zu kontrollieren“, sagt Senapl über die Lage der antiken Stadt Syedra. Von Asar Tepe aus überblickt man die Küste und die Handelsrouten der Antike. Gleichzeitig ist die Region um Syedra sehr fruchtbar. Die Stadt musste sich nicht zwischen Verteidigung und Versorgung entscheiden – sie hatte beides.

Archäologische Funde reichen bis in die Eisenzeit zurück, die ersten Spuren der Besiedlung bis ins 9. Jahrhundert vor Christus. Über Jahrhunderte gehörte Syedra mal zur Landschaft Pamphylien, mal zu Kilikien – ein Grenzort zwischen zwei Welten.
Zedernholz für Kleopatras Flotte
Der Name der Stadt, erzählt Senapl, geht auf die Zeder zurück – ein Holz, das für seine Stabilität berühmt war. Der Überlieferung nach soll sogar Kleopatra Zedern von Syedra nach Ägypten geholt haben, um ihre Boote zu bauen. Ob Legende oder Tatsache: Das Bild passt zu einer Stadt, die vom Handel mit dem Meer lebte.
Der Hafen als Drehscheibe nach Zypern
Unten am Meer lag einst der Hafen von Syedra. Über ihn unterhielt die Stadt Handelsbeziehungen bis nach Zypern und Ägypten, besonders in der Römerzeit wurde sie so zu einem bedeutenden Handelsplatz im östlichen Mittelmeer. Ölmühlen und Lagerräume, die in der Stadt freigelegt wurden, zeigen: Das hier gepresste Olivenöl ging über den Hafen in andere Regionen.


„Der Hafen von Syedra war quasi der Hub“, sagt Senapl. Schiffe, die die lange Fahrt von Zypern hinter sich hatten, machten hier zuerst halt – um schon zu handeln und sich für die letzte Etappe nach Side vorzubereiten. Das Grabungsteam hat sehr viel zypriotische Keramik gefunden. Der Schluss liegt nahe: Der wichtigste Handelspartner der Stadt war Zypern.
Vom eigentlichen Hafenbecken ist heute kaum noch etwas erhalten. Unterwasserarchäologen suchen weiter nach seinen Resten im Meer.
Die Straße, auf der das Leben lief
Das Herzstück der Stadt ist die Sütunlu Cadde, die Säulenstraße: 220 Meter lang, fünf Meter breit, führt sie von der Stadtmauer bis zu einer Treppe, die zum Heroon hinaufsteigt – einem Grabmal für verdiente Bürger der Stadt. Parallel dazu verlief einst ein 110 Meter langer Portikus mit Granitsäulen und korinthischen Kapitellen. Sieben Räume dienten als Läden, Werkstätten und Lager.

Eine der bedeutendsten Entdeckungen an dieser Straße: eine 46-zeilige griechische Inschrift. Kaiser Septimius Severus schickte sie im Jahr 194 nach Syedra – ein Ehrenbrief an die Bürger der Stadt.
Ein Kanal verläuft unterhalb der Steinplatten der Straße. Er funktioniert bis heute: Bei Regen leitet er das Wasser vollständig ab, mehr als eintausendachthundert Jahre nach seinem Bau.
Was man aß, wie man spielte
In der Römerzeit galt Fleisch als Luxus, Schweinefleisch war am häufigsten auf dem Teller. Fisch dagegen war günstiger und weiter verbreitet – gesalzen oder zu Sauce verarbeitet, wurde er in Amphoren in andere Regionen verschifft. Fischschuppen, Gräten und Angelhaken aus der städtischen Müllablagerung zeigen: Hier wurde Fisch direkt verarbeitet und verkauft.

Auf einer anderen Tafel steht das Spielbrett von Ludus Duodecim Scriptorum, dem „Spiel der zwölf Linien“ – ein Vorläufer des heutigen Backgammon, gespielt mit drei Würfeln und fünfzehn Steinen pro Spieler. Schon der römische Dichter Ovid erwähnte es. Ein kleines, sprechendes Detail: Menschen in Syedra vertrieben sich die Zeit, so wie wir es heute noch tun.
Die Treppe, die 2024 aus der Erde wuchs
Eine der jüngsten Entdeckungen in Syedra ist eine Steintreppe mit etwa achtzig Stufen. Erst 2024 kam sie ans Licht. „Wir haben an dieser Stelle ein wenig gegraben und waren plötzlich völlig aus dem Häuschen“, erinnert sich Senapl. „Je weiter wir gruben, desto mehr Stufen kamen zum Vorschein. Das ist wirklich eine spektakuläre Entdeckung.“

Auch andernorts in Syedra geht die Arbeit weiter. Ein Theater wird derzeit freigelegt. 2023 fand das Team im Abstand einer Woche zwei etwa 1800 Jahre alte Statuen der Siegesgöttin Nike. Im Frühjahr 2026 kam ein Mosaik aus dem 4. bis 6. Jahrhundert zum Vorschein, das die Inschrift „Kıskananlar çatlasın“ trägt – sinngemäß: Wer neidisch ist, soll platzen. Ein Stoßseufzer, der über anderthalb Jahrtausende hinweg noch immer verständlich ist.
Herakles im Bad: zwölf Aufgaben, ein alterndes Gesicht
Eines der eindrucksvollsten Kunstwerke von Syedra liegt im Badesektor der Stadt: ein Mosaik mit Herakles. Es zeigt ihn bei seinen zwölf Aufgaben, den berühmten „Herkulesarbeiten“. Was das Mosaik besonders macht: “Herakles altert von Aufgabe zu Aufgabe. Der Held, der den Nemeischen Löwen erlegt, ist ein anderer als jener, der am Ende seiner Prüfungen steht – das Gesicht zeichnet Jahre der Anstrengung nach, nicht nur Kraft”, beschreibt der Ausgrabungsleiter das sensationelle Fundstück.

Ein Bad war in einer römischen Stadt nie nur Ort der Körperpflege. Es war Treffpunkt, Statussymbol, Bühne. Ein Mosaik wie dieses sprach zu den Badenden auf mehreren Ebenen zugleich: von mythischer Größe, aber auch davon, dass selbst Helden altern.
Glaube, Handwerk, Tod
Syedra veränderte sich mit den Jahrhunderten. Die Doğu Kilise, die Ostkirche, entstand ursprünglich in frühchristlicher Zeit und wurde im 12. Jahrhundert umgebaut, mit einem dreiapsidalen Grundriss. Ein Grab aus dieser zweiten Bauphase enthielt Münzen aus demselben Jahrhundert.
Nördlich der zweiten Straße, der Werkstattstraße, steht ein Gebäude mit besonders sorgfältiger Steinmetzarbeit: die Hermeli Yapı. Ein Relief eines Hermes-Pfeilers ziert die Westecke – ursprünglich ein Grenz- und Wegzeichen, später Symbol für Fruchtbarkeit und Wohlstand. Im Gebäude fand sich ein Hypokaustum, eine antike Fußbodenheizung. Vermutlich diente der Bau einst als Bad oder als Teil eines Gymnasiums.

Am südöstlichen Rand der Stadt liegt die Nekropole. Dort fand man 2020 zwei angrenzende Kammergräber, datiert vom 2. bis 6. Jahrhundert, und 2024 ein Kindergrab aus Ziegeln und Bruchstein. Eine Nekropole ist nie nur ein Friedhof. Sie zeigt, wie eine Gesellschaft mit dem Tod umging und woran sie glaubte.
Warum Syedra für regeneratives Reisen steht
Syedra hat kein Ticketbüro, keine Souvenirstände, keine Warteschlange. Wer herkommt, geht über Pinienboden, hört Zikaden, sieht Säulen, die aus dem Nadelwald wachsen. Es ist ein Ort, der nichts von einem verlangt außer Zeit und Aufmerksamkeit – genau das, wofür regeneratives Reisen steht. Kein Ort, den man abhakt. Ein Ort, an dem man langsamer wird.

Wer nach dem Strand von Alanya sucht, findet ihn leicht. Wer nach der anderen Seite der Stadt sucht – nach ihrer Tiefe, ihrer Geschichte und der Zeit vor dem Tourismus –, findet sie hier oben, im faszinierenden Syedra.
Reise-Info: Syedra
Lage: Die antike Stadt Syedra liegt rund 20 Kilometer südöstlich von Alanya auf dem Asar Tepe, etwa 400 Meter über dem Mittelmeer.
Anreise: Am einfachsten erreicht man Syedra von Alanya mit Mietwagen oder Taxi. Vom Besucherbereich führt ein angelegter Weg hinauf in die antike Stadt. Für das teilweise unebene Gelände sind feste Schuhe empfehlenswert.
Öffnungszeiten: Nach Angaben des Alanya-Museums ist Syedra vom 1. April bis 1. Oktober täglich von 8.30 bis 19 Uhr geöffnet, vom 1. Oktober bis 1. April von 8.30 bis 17.30 Uhr. Da sich Öffnungszeiten kurzfristig ändern können, empfiehlt sich vor dem Besuch eine aktuelle Prüfung.
Eintritt: Einen aktuellen offiziellen Eintrittspreis weist das türkische Kulturministerium für Syedra derzeit nicht aus. Deshalb empfiehlt es sich, den aktuellen Stand vor Ort beziehungsweise beim Alanya-Museum zu erfragen.

Was gibt es zu sehen? Zu den wichtigsten Bereichen gehören die Säulenstraße, Bäder, Kirchen, Zisternen und das Theater. Besonders spannend ist die erst 2024 freigelegte Steintreppe mit rund 80 Stufen. Unter Teilen der antiken Stadt verläuft zudem ein Entwässerungskanal, der noch heute Regenwasser ableitet.
Warum ist Syedra besonders? Große Teile der antiken Stadt liegen noch unter der Erde. Besucher erleben deshalb keine fertig restaurierte archäologische Anlage, sondern eine laufende Ausgrabung – und können verfolgen, wie eine fast 2000 Jahre alte Stadt Stück für Stück wieder zum Vorschein kommt.
Beste Zeit: Frühjahr und Herbst sind für den Besuch besonders angenehm. Im September und Oktober lässt sich Syedra zudem ideal mit einigen Badetagen in Alanya verbinden.
Zeit einplanen: Mindestens anderthalb bis zwei Stunden; wer sich intensiver für die Ausgrabungen interessiert, entsprechend länger.
Offizielle Informationen des türkischen Kulturportals zu Syedra


