MainRadweg & Liebliches Taubertal: Von Lohr am Main bis Bad Mergentheim im Sattel

Von Lohr am Main führt unsere Radreise auf dem MainRadweg entlang des Mains nach Wertheim und weiter auf dem Radweg „Liebliches Taubertal – Der Klassiker“ bis Bad Mergentheim. Dazwischen liegen Märchen, Burgen und Klöster, ein rhetorisch begnadeter Apotheker und die Erkenntnis, dass man den Charakter einer Landschaft am besten vom Fahrradsattel aus kennenlernt.

Schneewittchen sieht ein wenig derangiert aus. Die Arme geraten auffallend kurz, das Haar steht in fetten Strähnen weg, und auch sonst entspricht die drei Meter hohe Skulptur vor mir nicht unbedingt jenem zarten Wesen, das Walt Disney einst über die Kinoleinwände tänzeln ließ. „Krümelmonster“, „Schlossgespenst“ und „Schneewittchen mit Stummelärmchen und Spaghetti-Haaren“ nannten Kritiker die Figur. Die Lohrer waren, vorsichtig formuliert, nicht wahnsinnig begeistert.

Die Schneewittchen-Statue löste keine Begeisterungsstürme aus. Foto: rope

Ich bin einen Tag früher als meine Mitreisenden nach Lohr am Main gekommen und stehe vor einer Skulptur, die in der Stadt einst für mehr Aufregung sorgte als so manche Kommunalwahl. 110.000 Euro sollte die bronzene Figur kosten. Es wurde gestritten, gerechnet und geschimpft. Und dann geschah etwas Wunderbares: Die Lohrer antworteten mit Humor. Der damals 17-jährige Valentin Lude ließ sich von der umstrittenen Skulptur zu einem Graffito inspirieren. Sein „Horrorwittchen“, ein herrlich mordlüsternes Schneewittchen, entwickelte sich zum Kult. Erst tauchte es im Internet auf, dann auf T-Shirts. Heute grinst das Horrorwittchen von Tassen und allerlei anderen Andenken. Ironie ist eine überaus gelungene Form, mit einem Kunststreit umzugehen.  

Ich lasse das herrlich hässliche Schneewittchen hinter mir und ziehe weiter durch Lohr, das zwischen den Wäldern des Spessarts und dem Main liegt. Rund 15.000 Menschen leben hier, die Altstadt ist ein dichtes Geflecht aus Fachwerk, kleinen Plätzen und schmalen Gassen. Besonders im alten Fischerviertel scheinen sich manche Häuser gegenseitig zu stützen. Über allem liegt jene Mischung aus fränkischer Gemütlichkeit und historischer Kulisse, die Städte dieser Größe so angenehm macht.

Und dann ist da natürlich Schneewittchen. Der Lohrer Apotheker und Heimatforscher Karlheinz Bartels formulierte 1986 den „fabulologischen Beweis“, wonach Maria Sophia Margaretha Catharina von Erthal, 1725 im Lohrer Schloss geboren, das Vorbild für die Märchenfigur gewesen sein könnte. Da wäre der Vater, Leiter der berühmten Spiegelmanufaktur. Da wäre die zweite Ehefrau, die als wenig herzlich beschrieben wird. Da wären die Bergleute im Spessart, die gebückt in engen Stollen arbeiteten. Und schließlich ein kunstvoller Spiegel, der heute im Spessartmuseum zu sehen ist. Beweisen lässt sich das alles nicht. Aber schöne Geschichten haben gegenüber historischen Gewissheiten einen Vorteil: Sie bleiben besser im Gedächtnis.

Märchenhafter Auftakt

Schneewittchen besucht uns in der 20243 eröffneten Bike Lodge Spessart. Fotos: rope

Am nächsten Morgen bekomme ich Schneewittchen dann doch noch in einer weniger furchteinflößenden Ausführung zu sehen. Die märchenhafte Darstellerin Julia La Ferla erwartet uns in der Bike Lodge Spessart in Lohr-Steinbach. Schwarzes Haar, blaues Mieder, gelber Rock, rote Schleife und rote Lippen. Sie verteilt Äpfel. Garantiert unvergiftet, versichert sie. Inzwischen sind auch der Rest der Truppe sowie unser Radguide Michael eingetroffen. Die 2023 eröffnete Bike Lodge ist beinahe so etwas wie eine Herberge aus den Wunschträumen geräderter Radfahrer. Wer hier mit müden Beinen, schmutziger Hose und ölverschmierten Händen eintrifft, ist Teil der Zielgruppe und herzlich willkommen. Die Bike Lodge wurde mit viel heimischem Holz errichtet und bietet neben 42 Zimmern sichere Stellplätze und eine kleine Werkstatt für notwendige Handgriffe am Rad. Herzstück des Hotels ist ein großzügiger Innenhof, in dem regelmäßig gegrillt und gemeinsam gegessen wird. Bald schon wird ein kleiner Wellnessbereich hinzukommen, verrät uns Geschäftsführer Benyamin Brückl.

Bevor wir tatsächlich Strecke machen, rollen wir zunächst ins Zentrum von Lohr am Main. Vor dem Schloss wartet bereits die Baroness von Erthal (Darstellerin: Nicole Schmidt), die in mir offenbar umgehend einen Mann von außergewöhnlicher Befähigung erkennt. Ich darf in der nächsten Stunde ihr Täschchen tragen und auf ihrer Schaufel stehen. So ziehe ich hinter einer Dame des 18. Jahrhunderts durch Lohr und erfahre zwischen Aufklärung, Rokoko und höfischem Tratsch einiges über die Familie von Erthal, die Spiegelmanufaktur und das wirtschaftliche Leben der Stadt. Geschichte funktioniert immer dann besonders gut, wenn sie nicht nach Jahreszahlen klingt, finde ich.

Baroness von Erthal alias Nicole Schmidt führt uns durch Lohr am Main. Fotos: rope

Der Main gibt den Weg vor

Danach wird es aber Zeit, tatsächlich Rad zu fahren. Rund 20 Kilometer liegen zwischen Lohr und Marktheidenfeld, unsere Koffer sind bereits voraus. Der MainRadweg, einer der beliebtesten Fernradwege Deutschlands, ist insgesamt fast 600 Kilometer lang und führt von den Quellen des Weißen und Roten Mains bis zur Mündung in den Rhein gegenüber Mainz. Wir begnügen uns mit einem kleinen Ausschnitt. Der Weg folgt fast durchgehend dem Fluss. Der Main glitzert in der Sonne, Lastkähne ziehen gemächlich durchs Wasser. Mal rücken die bewaldeten Hänge des Spessarts nah ans Ufer, dann öffnet sich die Landschaft wieder zu grünen Auen und kleinen Orten. Da die Strecke nahezu eben ist, kommt mein Bike-Akku vorerst nicht zum Einsatz. Ich hab ja Oberschenkel.

Wir passieren Hafenlohr und Rothenfels. Letzteres schmiegt sich mit seinen rund 1.000 Einwohnern zwischen Main und bewaldete Hänge und trägt ganz nebenbei den Titel der kleinsten Stadt Bayerns. Hoch über den Dächern wacht die gleichnamige Burg, die seit Jahrhunderten das Bild des Ortes prägt. Das Schöne an dieser bisherigen Strecke ist ihre Unaufgeregtheit. Keine Landschaft wirft sich spektakulär vor uns Radfahrer. Der idyllische Main begleitet uns einfach. Dazu zwitschern Vögel und treiben Enten am Ufer. Und alles ist herrlich still.

Fotomotive am laufenden Band: Neustadt am Main und Rothenfels. Fotos: rope

„Hädefeld“ bei Tag und bei Nacht

Marktheidenfeld empfängt uns mit einer entzückenden Uferpromenade. Keine breite Straße trennt die Stadt vom Wasser. Spaziergänger schlendern am Fluss entlang, Radfahrer rollen vorbei, auf Bänken sitzen Menschen und tun etwas, das in unserer durchgetakteten Welt fast schon subversiv anmutet: nichts. Wir würden gern kurz mittun, müssen aber weiter und im Hotel und Weinhaus Anker Quartier beziehen. Seit 1872 ist der historische Bau im Besitz der Familie Deppisch, inzwischen wird es in fünfter Generation geführt. Rund um einen romantischen Innenhof gruppieren sich die Gebäudeteile, auch unsere Fahrräder dürfen hier standesgemäß nächtigen – Steckplätze für hungrige Akkus inklusive.

Marktheidenfeld zählt zu den schönsten Etappen für Radreisende auf dem MainRadweg. Vor dem Hotel wartet bereits Gästeführerin Michaela Hünlein, die mit uns durch „Hädefeld“ ziehen will, wie die Einheimischen ihre Stadt nennen. Vorbei an der historischen Mainbrücke aus rotem Buntsandstein geht es hinein in die Gassen, wo Fachwerk auf barocke Fassaden trifft. Vom Marktplatz dringt Musik herüber. Es ist der zweite Freitag im Monat – und da dreht Hädefeld die Mucke auf. Von Mai bis September wird hier bei „Musik zum Feierabend“ regelmäßig live ins Wochenende gespielt.

Direkt am Main lädt Marktheidenfeld zum Verweilen ein. Fotos: rope

Das auffälligste Haus der Stadt ist blau. Richtig blau! Das Franck-Haus trägt eine leuchtende smalteblaue Fassade, die bereits 1745 Aufmerksamkeit erregen sollte. Smalteblau gehörte damals zu den teuersten Farben. Bauherr Franz Valentin Franck war Weinhändler und Kaufmann, entsprechend großzügig fiel sein Bürgerhaus aus. Im prächtigen Festsaal schweift der Blick über historische Wandbespannungen und ein Deckengemälde; im Keller erinnern gewaltige Fässer an die Historie des Weinhandels. Und an eine weitere Geschichte. Der Überlieferung nach könnte in diesem Haus die Sektherstellung in Deutschland ihren Anfang genommen haben. Ob es tatsächlich so war? Man kann’s nicht genau sagen.

In Marktheidenfeld scheint man historische Ungewissheiten jedenfalls pragmatisch zu behandeln: Man schenkt erst einmal Wein aus. Wir folgen diesem Ansatz in der Hula-Weinbar im Franck-Haus nur zu gern. Dass Marktheidenfeld den Titel „GenussOrt“ trägt, erscheint spätestens jetzt wenig überraschend. Danach steigen wir im Anker in den alten Weinkeller hinab und lassen den Tag bei einem Abendessen in historischen Mauern ausklingen.

Von Wächtern und Wirkstoffen

Wie bei bislang beinahe jedem Programmpunkt sind wir etwas spät dran – mit der Folge, dass uns der Nachtwächter erst einmal suchen muss. Hermann-Josef Väth erscheint, während wir uns am Tisch noch das formidable Dessert verinnerlichen. Einst war es Aufgabe seiner Berufskollegen, durch die dunklen Gassen zu ziehen, Feuer zu melden und Diebe fernzuhalten. Heute muss Väth vor allem verspätete Reisegruppen aufspüren. Schließlich folgen wir ihm doch durch das nächtliche Hädefeld. Die Gassen sind still, und die Fassaden liegen im warmen Licht der Laternen. Die Stadt ist auch in der Nacht schön.

Während unsere Koffer nach Tauberbischofsheim gebracht werden, beginnen wir den Tag mit einem Abstecher in die Welt der Pharmazie. Dr. Eric Martin erwartet uns bereits im Museum Obertor-Apotheke, wo mehr als 250 Jahre lang Arzneien verkauft und hergestellt wurden. Seit 1939 befindet sie sich im Besitz der Familie Martin. Heute stehen hier mehr als 900 Sammlungsstücke: Standgefäße, Laborgeräte, Pillenmaschinen und Arzneimittel, aber auch Gerätschaften, bei denen man froh ist, in einer Epoche moderner Medizin geboren worden zu sein. Dr. Martin erzählt von Arzneien, Rezepturen sowie dem Wandel des Apothekerberufs, wechselt mühelos zwischen Fachwissen und Anekdote und könnte vermutlich auch die Gebrauchsanweisung eines Zäpfchens in ein antikes Heldenepos verwandeln. Dann sitzen wir wieder auf den Rädern.

Mit Nachtwächter Hermann-Josef Väth im Dunklen durch das schöne “Hädefeld”, bei Dr. Eric Martin im wirklich beeindruckenden Museum Obertor-Apotheke. Fotos: rope

Wir wechseln den Fluss

Etwa 25 Kilometer sind es nach Wertheim. Die Landschaft verändert sich langsam und lässt den Main nun in weiten Schleifen durch ein enger werdendes Tal ziehen. Bewaldete Hänge rücken näher, dazwischen tauchen Weinberge auf. Bei Homburg zieht sich der steile, von Trockenmauern terrassierte Kallmuth über dem Main empor, während wir unten am Fluss entlangradeln. Für mich ist das eine der beeindruckendsten Stellen unserer bisherigen Tour – Weinberg, Wasser und steile Hänge ergeben hier eine traumhafte Mainfranken-Idylle.

Der Blick auf die Weinberge ist hier einfach fantastisch. Foto: rope

Bald danach überqueren wir die Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Ein unspektakulärer Grenzstein markiert den Wechsel, Wertheim hingegen kündigt sich eindrucksvoll an. Die Flüsse Main und Tauber treffen hier aufeinander, und über der mittelalterlichen Altstadt thront eine der größten Steinburgruinen Süddeutschlands. In Wertheims engen Gassen drängen sich Fachwerkhäuser aneinander und ragen Türme über die Dächer. Auf der Burg wird übrigens nicht nur Geschichte gepflegt. Einmal im Jahr feiert die elektronische Musikszene hier im Rahmen eines Raves. Techno in staufischen Mauern zeigt, dass Wertheim den Spagat zwischen den Jahrhunderten ziemlich gut hinbekommt.

Wertheim verbindet auf charmante Art mittelalterliches Flair mit einer spektakulären Lage an Main und Tauber. Fotos: rope

Für uns ist Wertheim auch eine Weggabelung. Wir könnten hier prinzipiell dem MainRadweg weiter folgen, verabschieden uns aber von Main und Guide Michael und biegen auf den mit fünf Sternen ausgezeichneten Radweg „Liebliches Taubertal – Der Klassiker“ ab. Mehr geht im deutschen Radtourismus nicht. Schon auf den ersten Kilometern durch das Liebliche Taubertal verändert sich der Rhythmus. Die offene Flusslandschaft des Mains weicht einem schmaleren, stilleren Tal. Die Tauber fließt gemächlich neben uns, Wiesen reichen bis ans Ufer, bewaldete Hänge rahmen den Weg. Es ist grüner und abgeschiedener. Beinahe verwunschen. Nach rund neun Kilometern taucht das Kloster Bronnbach auf.

Alte Mauern, schwere Beine

1153 wurde das Kloster gegründet, Romanik, Gotik und Barock haben seither ihre Spuren hinterlassen. Im Kreuzgang gehen wir über jahrhundertealte Grabplatten, die heute Teil des Bodens sind. Noch eindrucksvoller wird es in der Klosterkirche. Barocke Pracht hat hier die einstige zisterziensische Strenge längst verdrängt, und so ziehen Altäre, Figuren und Stuck die Blicke auf sich. Im Chor stehen wir dann mit offenen Mündern vor dem kunstvoll geschnitzten Gestühl, in dem einst die Mönche zum Gebet Platz nahmen. Man wähnt sich in Filmen wie „Die Säulen der Erde“ oder „Der Name der Rose“. Das Kloster ist übrigens längst kein stillgelegtes Denkmal mehr. Im Gegenteil: Kulturveranstaltungen, Konzerte und Weinverkostungen bringen regelmäßig Leben in die alten Mauern. Im ehemaligen Cellarium lagern heute die Weine zahlreicher Winzer aus dem Taubertal. Einige davon werden uns kredenzt, doch wir üben uns in Zurückhaltung, denn draußen wartet das Veloziped, keine Droschke.

Kloster Bronnbach: romanische, gotische und barocke Baukunst. Fotos: rope

Bis zur Gamburg, unserer nächsten Station, sind es acht Kilometer. Und erstmals an diesem Tag beginne ich das Gewicht meines E-Bike zu verfluchen. Solange die Strecke eben ist, lässt es sich gut ignorieren, bergauf entwickelt ein ausgeschaltetes Elektrorad allerdings den Charme eines bereiften Kühlschranks. Da meine Oberschenkel hinauf zur Gamburg erstmals zicken, schalte ich den Strom ein, was auch meine Gesichtszüge entspannen lässt. Hoch über der Tauber erhebt sich eine Burg, an der ich – und das sage ich als jemand, der an Burgen und Schlössern durchaus schon einmal vorbeiradelt – niemals einfach vorbeifahren würde. Schon im Garten des Burgcafés gerät man ins Schwärmen. Zwischen üppigem Grün, Brunnen und liebevoll angelegten Beeten sitzen wir hoch über dem Tal und blicken weit über die bewaldeten Hügel und die Tauber. Bei einem Gläschen mit Georg Wyrwoll, dem Bürgermeister der Gemeinde Werbach, zu der die Gamburg gehört, genießen wir eine schöne Aussicht und eine unglaubliche Atmosphäre. Hier wirkt das Taubertal fast ein bisschen mediterran. Die Gamburg zählt für mich zu den landschaftlichen Höhepunkten im Lieblichen Taubertal.

Goswin von Mallinckrodt, junger Burgherr und Teil jener Familie, die der Gamburg seit den 80er-Jahren neues Leben einhaucht, führt uns anschließend in den großen romanischen Saalbau. Bei Renovierungsarbeiten wurden 1986 unter dem Putz Wandmalereien entdeckt. Heute gelten die Barbarossa-Fresken aus der Zeit um 1200 als älteste weltliche Wandmalereien nördlich der Alpen. Sie zeigen Szenen aus dem Kreuzzug Kaiser Friedrichs I. Auch spannend: Die Gamburg wurde seit ihrer Errichtung nie zerstört. Angeblich treiben dafür mehr als 21 Geister und andere Spukgestalten ihr Unwesen. Mehr als in jeder anderen deutschen Burg. Wir radeln weiter nach Tauberbischofsheim. Rund 13 Kilometer müssen wir kurbeln, wobei mein Motor inzwischen gelegentlich mitarbeiten darf.  

Die Gamburg ist für ihre Barbarossa-Fresken und den herrlichen Blick über das Taubertal bekannt. Auch der Burggarten ist ein echtes Juwel. Fotos: rope

Geschichten am Wegesrand

Tauberbischofsheim ist eine jener Städte, deren vollständiger Name auf einem Ortsschild zur Herausforderung wird. Die Einheimischen lösen das Problem elegant und sagen „Bischem“. Über der historischen Stadt wacht der Türmersturm. Gemeinsam mit der Heimatforscherin und Turmwächterin Irmgard Wernher-Lippert steigen wir hinauf. Stufe um Stufe. Wer den Tag auf einem Fahrrad verbracht hat, entwickelt zu Treppen relativ zügig ein angespanntes Verhältnis. Oben aber wartet die Belohnung in Form eines erstklassigen Ausblicks: Unter uns liegen die Dächer der Stadt, das Kurmainzische Schloss und die Tauberlandschaft. Tauberbischofsheim ist eng mit dem Fechtsport verbunden. Der Olympiastützpunkt brachte Weltmeister und Olympiasieger hervor, der langjährige IOC-Präsident Thomas Bach stammt von hier.

Über den Dächern von “Bischem” wacht der historische Türmersturm. Fotos: rope

Irmgard Wernher-Lippert erzählt uns jedoch nicht nur von großen Namen. Sie erzählt von der Stadt selbst, von Häusern und Menschen, von Ereignissen, die in keinem Reiseführer stehen. Es sind diese Begegnungen, die auf einer Radreise hängen bleiben. Landschaft kann man fotografieren. Die Art, wie ein Mensch von seiner Heimat erzählt, lässt sich vielleicht nicht so leicht festhalten. Am nächsten Morgen liegen nur acht Kilometer bis Lauda vor uns. In dessen Heimatmuseum betreten wir ein Weinbauernhaus von 1551. Bauernküche, Wohnstube, Schlafkammer und Kelterraum erzählen vom Alltag vergangener Jahrhunderte, darüber warten Handwerker- und Zunftstuben. Auch der Wein gehört zu Lauda. Die Weinorte des Lieblichen Taubertals prägen diese Etappe ebenso wie historische Ortskerne und sanfte Hügel. Im Weingut Sack verkosten wir nicht nur, sondern bestaunen auch das größte Holzfass des Taubertals – kunstvoll geschnitzt und echt gewaltig. Sascha Bartmann, einer der letzten Fassbodenschnitzer Deutschlands, lässt uns anschließend bei seiner Arbeit zusehen. Und sogar selbst Hand anlegen.Im Weingut Sack verkosten wir nicht nur, sondern bestaunen auch das größte Holzfass des Taubertals – kunstvoll geschnitzt und echt gewaltig. Sascha Bartmann, einer der letzten Fassbodenschnitzer Deutschlands, lässt uns anschließend bei seiner Arbeit zusehen. Und sogar selbst Hand anlegen.

Nach dem Heimatmuseum geht’s zum Weingut, wo feine Tropfen sowie Fassbodenschnitzer Sascha Bartmann auf uns warten. Fotos: rope

Nachdenkliche letzte Kilometer

Zwölf Kilometer bleiben uns bis Bad Mergentheim. Es ist die Schlussetappe unserer Radreise auf dem MainRadweg und durch das Liebliche Taubertal. Der Radweg zieht durch Wiesen, Obstgärten und Weinberge. Die Tauber windet sich durch das Tal, sanfte bewaldete Hügel begleiten uns. Ich merke, dass ich langsamer fahre. Nicht aus Erschöpfung. Es ist dieses eigenartige Gefühl am Ende einer Radreise. Ihr kennt das vielleicht: Plötzlich zählt man nicht mehr, wie viele Kilometer noch vor einem liegen, sondern wie wenige einem noch bleiben. Auch der letzte Abschnitt unserer Radtour ist wirklich schön. Alles scheint aufeinander abgestimmt: der Fluss, die Weinberge, die Dörfer, die bewaldeten Höhen.

Immer wieder muss man vom Rad absteigen, um einfach nur zu schauen. Foto: rope

Schließlich erreichen wir Bad Mergentheim. Viel Zeit bleibt uns nicht, weil uns zur Abwechslung wieder einmal das Programm davongelaufen ist. Das Residenzschloss des Deutschen Ordens, das Deutschordensmuseum und zahlreiche weitere Sehenswürdigkeiten müssen auf einen späteren Besuch warten. Wir schaffen den Kurpark und den Marktplatz. Der Kurpark erstreckt sich über 160.000 Quadratmeter. Rosengarten, Kneipp-Anlage, Klanggarten und ein kleiner japanischer Garten verteilen sich über das Gelände. Am Marktplatz stehen das historische Rathaus, die Zwillingshäuser und der Milchlingsbrunnen. Bad Mergentheim war jahrhundertelang eng mit dem Deutschen Orden verbunden. Von 1527 bis 1809 residierten hier die Hoch- und Deutschmeister. Am Ende unseres Trips sitzen wir am neu gestalteten Gänsmarkt und mahlzeiten. Die Fahrräder stehen daneben.

Während unseres Besuchs in Bad Mergentheim findet gerade das 9. Internationale Oldtimer-Bustreffen statt. Fotos: rope

Hinter uns liegen Lohr, Marktheidenfeld, Wertheim, Bronnbach, Gamburg, Tauberbischofsheim und Lauda. Wir sind zwei Flüssen gefolgt, haben den Main gegen die Tauber getauscht, in Giftschränke geschaut, Fresken bestaunt, Nachtwächter warten lassen und gelernt, dass Schneewittchen durchaus furchteinflößend aussehen kann. Wer den MainRadweg mit dem Radweg „Liebliches Taubertal – Der Klassiker“ kombiniert, erlebt wohl eine der abwechslungsreichsten Radreisen Süddeutschlands. Zwischen Lohr am Main und Bad Mergentheim wechseln sich Flusslandschaften, Weinorte, Burgen, Klöster und historische Altstädte beinahe im Minutentakt ab.

Vor allem aber habe ich wieder verstanden, warum ich gerne mit dem Rad reise. Im Auto verschwindet die Landschaft zwischen zwei Orten. Auf dem Fahrrad wird sie zum eigentlichen Ziel. Und weil sie ab und an auch steil ist, hat der liebe Gott den Elektromotor erfunden.

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Robert Penz

Autor Kurzvorstellung:

Robert Penz arbeitet als freier Journalist und Texter für Magazine, Agenturen und andere Unternehmen. Beruflich wie privat gilt sein besonderes Interesse dem Reisen. Für zwei Nachrichtenportale widmet er sich zudem Schlagerformaten, Serien und anderen TV-Phänomenen. Dabei bewegt er sich vor allem im journalistischen Feld von Kritik und Satire.

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

Dieser Beitrag enthält möglicherweise Inhalte, die im Rahmen einer bezahlten Kooperation mit Marken, Hotels oder Partnern entstanden sind.

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