150 Löwen und viel Kultur – Entdeckungen in der Franche-Comte

Mächtig und drohend thront der rote Löwe an der Festungsmauer über der kleinen 50.000 Einwohner-Stadt Belfort. Der Bildhauer Frederic Auguste Bartholdi schuf 1875 diesen aus Steinquadern gehauenen Löwen in Erinnerung an die Belagerung von 1870/71 durch die Deutschen. Der Löwe ist Wahrzeichen der Stadt Belfort, jene Stadt, die eine wechselvolle Geschichte im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und Schweiz hinter sich hat. Einst gehörte es zum habsburgischen Sundgau, zum Heiligen Römischen Reich, später gehörte es zu Österreich, Bayern und auch den Russen. Von der Annektierung nach dem Deutsch-Französischen Krieg wurde es aber ausdrücklich ausgenommen und fiel nicht wie etwa das Elsass an das Deutsche Reich.

Die Stadt ist in seiner Geschichte geprägt vor allem durch den Widerstand gegen die Preußen. Die Zitadelle wurde als Verteidigungspunkt mit Befestigungsmauern und dem Festungswerk von dem Baumeister Vauban im 17. Jahrhundert angelegt. Mächtig thront die Zitadelle über der Stadt, ich blicke hinüber bis in die Vogesen, in die andere Richtung liegt bereits die Schweiz, die Kathedrale St. Christophe de Belfort liegt mir quasi zu Füßen am Plaza de Armes, dem Zentralplatz in der Altstadt. Der Löwe bildet das zentrale Element der Garnisonsstadt. Mehr als 150 LöwenAbbildungen lassen sich im Stadtzentrum entdecken auf einer sogenannten “urbanen Safari”, auf die man sich als Reisender begeben kann. 5,3 km oder zweieinhalb Stunden dauert es, sich durch den Dschungel der Stadt zu schlängeln und die Löwen von Belfort zu entdecken im Dickicht der engen Gassen.

Kein Wunder dass die Stadt an der Savoureuse den Beinamen “Stadt des Löwen” trägt. Mit Massen-Phänomenen scheinen sie es in der Franche-Comté wohl gerne zu übertreiben, wie ich bereits im Umland feststellen konnte.

Die Hochebene der 1000 Seen

Meine Gedanken schweifen zurück an die Fahrt über die Hochebene der tausend Seen, gebildet durch das Verschwinden der Gletscher vor 12000 Jahren und durch das Einwirken von Menschenhand zur Wassergewinnung und Torfabbau im elften Jahrhundert durch Mönche und Bauern. Schon wieder eine zahlentechnische Massen-Ansammlung. Tatsächlich fühlt man sich bei einer Fahrt durch diese malerische Landschaft wie in einer Wasserwelt, kaum ist ein See vorüber gezogen, glitzert schon der nächste in der Sonne. Ein Wanderparadies durch Wälder und Felder vorbei an Kirchen Mühlen und malerischen, Monumenten, das seinesgleichen sucht.

Das FIMU in Belfort

Ich suche heute die kulturellen Festivitäten in Belfort auf. Denn immer am Pfingstwochenende und nun schon zum 33. Mal findet das FIMU, das Festival International Musique Universitaire de Belfort, das Fest der internationalen Hochschulemusik im Zentrum Belforts statt. Gruppen aus der ganzen Welt haben sich für dieses außergewöhnliche Ereignis in den Gassen versammelt. Auf 14 Bühnen geben sich stündlich wechselnd Musiker aus der ganzen Welt mit unterschiedlichsten Musikrichtungen ein Stelldichein. Fast 130.000 Besuchern wohnen dem Fest über drei Tage bei. Eine friedliche und auf Kultur ausgerichtete Atmosphäre treffe ich an, als ich mich zu einem Bummel durch die Bühnenlandschaft begebe und den jeweiligen Sounds aus der ganzen Welt lausche. Auf Plätzen, in Theatern und Kirchen findet das Programm statt, ob Jazz, Klassik Folklore, oder harte Rhythmen – hier findet jeder seine Musikrichtung. Da hämmert der Rock’n’Roll auf dem Hauptplatz, während sich vor dem Rathaus eine japanische Techno Band sehenswert in Szene setzt und sich gleichzeitig ein gediegenes Publikum den Klängen klassischer Piano-Musik auf einer anderen Bühne hingibt. Der Zusammenhalt auf diesem Festival auf dem sich Kulturen und Klänge aus der ganzen Welt im Dreiländereck vereinigen könnte symbolträchtiger für das Zusammenleben der Menschen in Europa und in der Welt kaum sein, geht es mir durch den Kopf. Was überzeichnet klingt, hat in diesen Tagen nationaler Tendenzen umso mehr Bedeutung, als das hier die Freiheit der Menschen und Menschenrechte aktiv gelebt wird.

Champagney und die Abschaffung der Sklaverei

Wieder schweifen meine Gedanken zurück, diesmal an den Ort Champagney, an dem das kleine, aber bedeutende Museum für die Abschaffung der Sklaverei und der Menschenrechte steht. In jenem Ort wurde im 18. Jahrhundert die Abschaffung der Sklaverei gefordert und das just von einem Menschenschlag der aus Bauern und einfachen Arbeitern bestand, die ganz sicher nie einen Sklaven zuvor gesehen hatten. Unter Berufung auf den damals gültigen Artikel 29 forderten die Bürger die Abschaffung jener Sklaverei, die von Ludwig dem XIV. im Jahr 1685 eben im Code Noir verkündet worden war. Der Leibgardist des Königs, Jaques Antoine Priqueler, war es, der die Bürger von Champagney dazu aufforderte jene Petition 1789 in einem Beschwerdebuch an Ludwig XVI. einzureichen. Abgeschafft wurde die Sklaverei dann tatsächlich erst 1865.

Peugeot und der Löwe von Montbeliard

Und wieder komme ich zurück zum Löwen. Denn der Löwe ist mir auf meinem Weg durch das Franche-Comté noch an einer ganz anderen Stelle begegnet. Im Ort Montbeliard befindet sich das Peugeot Werk und Peugeot Museum. Die Familie Peugeot gründete 1810 hier ihr erstes Werk, allerdings nicht mit Autos sondern mit Bandsägen. Und genau von diesem Werkzeug stammt das Bild des Löwen, das heute auf jedem Fahrzeug der Automarke prangt. Biegsam, schnell und wendig mit scharfen Zähnen, so ist der Löwe und so ist auch das Sägeblatt. Durch dieses Sinnbild kam es zu der Verbindung mit dem König der Wüste. Autonarren dürfen sich heute auf der 6.000 Quadratmeter großen Ausstellung der Geschichte der Industrie mit zahlreichen Fahrzeugen aus allen Epochen besonders erfreuen. Prächtig anzusehen sind die Fahrzeuge die hier anmutig drapiert in den Ausstellungshallen zur Schau stehen. Aber auch Freunde der Haushaltsgerätschaft finden ihr Glück in den zahlreich ausgestellten Küchenmaschinen der Marke Peugeot.

Und dann treffe ich im Ort Montbeliard noch auf Valerie Mathey, die dort das älteste Hotel der Stadt führt. Seit dem 16. Jahrhundert existiert dieses Haus mit 45 Zimmern auf drei Etagen und es war immer ein Hotel. Berühmte Persönlichkeiten wie Peter Tschaikowsky nächtigten hier schon vor 125 Jahren. Valerie hat dieses Hotel vor sechs Jahren übernommen es war bereits geschlossen und sie restaurierte und investierte viel und kämpfte dafür, dass dieses Haus wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt wurde. Denn sie wollte etwas für die Region tun. Wunderbar verbindet sich hier Tradition und Moderne in der Restaurierung dieses historischen Gebäudes. Alle Zimmer sind individuell gestaltet und man spürt die Kreativität und Hingabe, mit der Valerie dieses Hotel wieder aufgebaut hat. Eine echte Kämpferin denke ich bei mir, also auch eine Löwin  –  hier in Montbeliard.

Vielfältige France-Comté

Nur einen winzigen Teil der Franche-Comté habe ich besucht, vielmehr fast unzählige Sehenswürdigkeiten und Attraktionen in der Natur und den zahlreichen Städten bietet diese Region unweit der deutschen und schweizerischen Grenze. Längst haben Reisende dieses Gebiet für sich entdeckt doch es gibt immer wieder Neues und jeden Monat andere attraktive Veranstaltungen in den Städten, so etwa das Musikfestival Eurockeennes, Europas größtes Freiluft Musik Festival Anfang Juli nahe Belfort.

Notre Dame du Haut in Ronchamp

Wer es beschaulicher mag, besichtigt die Kapelle Notre-Dame du Haut unweit von Ronchamp, erbaut vom Architekten Le Corbusier, der an jener Stelle eine Kapelle errichtete, an der 1944 die ursprüngliche Kirche im Zuge der Befreiung Frankreichs durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt und zerstört wurde. In den Jahren 1954 und 1955 wurde die markante Kirche ohne Glockenturm und mit Segel-artigem Dach erbaut. Die Kapelle gilt als Denkmal moderner Sakralarchitektur und zählt heute zu den UNESCO Weltkulturerbestätten. Das völlig aus Beton gegossene Bauwerk mit seiner skurrilen Erscheinung ist auch für nicht religiöse Besucher ein sehenswertes Erlebnis, das Bauwerk erhebt sich weit sichtbar aus der Landschaft heraus auf einem Hügel. So könnte ich wohl von Ort zu Ort reisen und würde in jedem Dorf eine Besonderheit entdecken. Grund genug hier bald wieder herzukommen und mich den kulturellen Freuden der Franche-Comté zu widmen.

Kurz notiert

Wie kommt man hin?

In die Franche-Comté gelangt man am besten mit dem Auto über Straßburg, alternativ mit der Bahn nach Belfort.

Unterkunft

Stilvoll und gut wohnt man im Hotel La Balance im Ort montbeliard: http://www.hotellabalance.com/

In Belfort wohnt man gut im Brit Hotel:

https://belfort-centre.brithotel.fr

Aktivitäten

Das FIMU Festival findet jährlich am Pfingstwochenende statt. http://www.fimu.com/

Die „urbane Safari“ zur Entdeckung der Löwen in Belfort kann man hier finden:

http://de.franche-comte.org/offre/fiche/rundgang-belfort-entdecken-urbane-safari/309009440

Das Peugeot museum erreicht man hier:

https://www.museepeugeot.com

Die Kapelle notre-dame-du-haut befindet sich am Ort Ronchamp

https://www.collinenotredameduhaut.com/entdecken/die_kapelle_notre-dame_du_haut.1541.html

In Champagney befindet sich das Museum zur Abschaffung der Sklaverei

http://www.maisondelanegritude.fr/index.php?IdPage=1492176308

Die Hochebene der 1000 Seen: h

ttps://www.france-voyage.com/frankreich-tourismus/hochebene-tausend-seen-444.htm

Diese Reise wurde durchgeführt mit freundlicher Unterstützung der Region Franche-Comté http://de.franche-comte.org

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