“Ziele sind wichtiger als Erinnerungen”

Der Tourismusverein des Gartendorfes Algund in Südtirol bietet Wandertage mit Hans Kammerlander an. Reise-Stories begleitet eine Gruppe Urlauber und den Extrembergsteiger, der im Herbst dieses Jahres an einen Schicksalsberg zurückkehren will.

Extrembergsteiger Hans Kammerlander (vorne rechts im leuchtenden Grün, ganz rechts im weißen T-Shirt Wanderleiter-Urgestein Franz-Josef "Sepp" Pircher) wandert mit Algunder Urlaubsgästen im zauberhaften Suldental. Im Hintergrund sind die schneebedeckten Ortler-Alpen zu sehen.
Extrembergsteiger Hans Kammerlander (vorne rechts im leuchtenden Grün, ganz rechts im weißen T-Shirt Wanderleiter-Urgestein Franz-Josef “Sepp” Pircher) wandert mit Algunder Urlaubsgästen im zauberhaften Suldental. Im Hintergrund sind die schneebedeckten Ortler-Alpen zu sehen. Bild: Bauroth

„Mir macht jeder Bergtag Freude, das ist mein Leben.“ Hans Kammerlander (60) hat sich nie mit Erinnerungen begnügt. „Ziele sind wichtiger als Erinnerungen“, sagt er. An diesem herrlichen Sommertag ist das Ziel für den Extrembergsteiger vor allem eines: das Erlebnis Berg und die Freude an der Bewegung in traumhafter Umgebung mit anderen zu teilen. Diese anderen sind Urlauber aus Algund, einer 5000 Einwohner zählenden Gemeinde in Südtirol. Sie liegt im Talkessel am Fuße der Texelgruppe, ist von sanften Weinhügeln umgeben und grenzt an Meran.
Mit Monica Auer und Franz-Josef Pircher, von allen liebevoll „Sepp“ genannt, hat Kammerlander zwei erfahrene Wanderführer aus der Region dabei. Sepp war langjähriger Chef des Algunder Alpenvereins, kennt jede Erhebung seiner Heimat aus dem Effeff und ist fast täglich in den Bergen unterwegs. Kammerlander nimmt den routinierten Bergfex auch gerne mit auf seine großen Touren etwa in den Dolomiten, rund um Meran oder auf die beliebten 24- und 48-Stunden-Wanderungen. Und Sepp ist – neben Hans natürlich – der beste Beweis dafür, dass Höhenluft fit und gesund hält: Seine 77 Jahre sieht und merkt man dem Algunder nicht an.

Den Ortler immer im Blick

Der Tourismusverein Algund bietet seit etwa 15 Jahren Wandertage mit Hans Kammerlander an. Der prominente Name zieht – eine Win-win-Situation für beide Seiten. Dieses Jahr stehen drei Wandertage an, die Touren sind unterschiedlich. Diesmal geht es ins Suldental, ein Gebirgstal in den Ortler-Alpen. Der gecharterte Bus braucht von Algund etwa eine Stunde dorthin. Um 7 Uhr ist Treffpunkt am Tourismusbüro des Ortes.

Ski-Legende Gustav Thöni und Bergsteiger Hans Kammerlander. Bild: Bauroth Bild: Bauroth
Ski-Legende Gustav Thöni und Bergsteiger Hans Kammerlander. Bild: Bauroth

Von Trafoi aus am Fuße des Ortlers, der höchsten Erhebung Südtirols (3905 Meter), startet die Bergtour auf 1540 Metern. Noch schnell einen Kaffee im Hotel Bella Vista bei Skilegende Gustav Thöni, Olympiasieger und Weltmeister in den 70er Jahren, und schon schreitet Sepp voran: Die Wanderung ist mittelschwer, für jeden mit guter Kondition, Ausdauer und Gehfreude zu meistern. Etwa 730 Höhenmeter warten beim Aufstieg, um die 800 beim Abstieg. Ziel ist die Obere Stilfser Alm (2079 Meter).

Die Wanderführer gehen gemütlich – oder wie es Hans Kammerlander einmal formuliert hat: „Gehen ist eine Meditation inmitten der Natur.“ Dem „Rennlauf“ auf die Gipfel hat der Mann, der einst den Everest in 16 Stunden und 40 Minuten bewältigte – bis heute die schnellste Besteigung der Nordwand des höchsten Berges der Erde – seit vier Jahren abgeschworen, er setzt nun mehr auf sportlichen Genuss und das am liebsten mit Aussicht.

„Mal sehen, ob er sich noch zeigt“, deutet Monica Auer auf den wolkenverhangenen Ortler. Die Wandernden aus Deutschland, der Schweiz und Italien haben Glück: Schon beim Aufstieg lässt der imposante Gletscher seine zusammengeschmolzene Schneedecke in der Sonne glitzern. Ein tolles Fotomotiv.

Sepp, Katja und Hans vor dem Ortler, der höchsten Erhebung Südtirols (3905 m). Bild: Barchet
Sepp, Katja und Hans vor dem Ortler, der höchsten Erhebung Südtirols (3905 m). Bild: Barchet

Im Gänsemarsch geht’s unter der Seilbahn hindurch durch den Wald, bis ein breiterer Panoramaweg erreicht ist. Von hier aus genießt die Gruppe eine fantastische Sicht auf das umliegende Bergpanorama. Hans Kammerlander ist mittendrin, plaudert mit bekannten Gesichtern, die stolz Wanderhemden mit dem Aufnäher „24-Stunden-Tour mit Hans Kammerlander“ tragen und Shirts aus seiner Kollektion. Erinnerungen an vergangene Begegnungen werden ausgetauscht. Es ist, als sei eine große Familie unterwegs, alle sind per du. Diejenigen, die Kammerlander noch nicht persönlich getroffen haben, sind angetan von seiner offenen und herzlichen Art, die auch von so manchem humoresken Einschub begleitet wird.

Anekdoten von Bergerlebnissen

Hans Kammerlander erzählt mit seiner ruhigen, sonoren Stimme von Erlebnissen, etwa wie er einen Achttausender bestieg und ab dem Basislager nur einen Liter Tee dabei hatte. „Das würde ich heute nicht mehr machen“, hat er erkannt, dass ein anständiger Flüssigkeitshaushalt in der Höhe durchaus lebensrettend sein kann. Einer aus der Gruppe möchte wissen, was die Bergsteiger auf ihren Extremtouren essen. „Ich brauche eigentlich gar nichts. Aber es gibt ein spezielles Tütenessen, das einfach durch das Einfüllen von heißem Wasser in die Tüte zubereitet wird. Danach lässt sich die Tüte verbrennen, so dass kein Müll zurückbleibt.“

Was hat Hans Kammerlander immer im Rucksack, wenn er unterwegs ist? „Auf jeden Fall eine Rettungsfolie, um einen warm zu halten und Wasser.“ Diese Kleinigkeiten könnten nicht nur ihm hilfreich sein, sondern damit könne auch anderen Bergsteigern geholfen werden. Das, so kritisiert er, sei beim mittlerweile touristischen Massenalpinismus nicht mehr selbstverständlich. Auf dem Weg zu den höchsten Gipfeln bleibe leider bei manchen die Moral auf der Strecke. Das beschreibt er anhand von erschütternden Beispielen auch in seinen Büchern. Da sterben Menschen am Berg, andere laufen vorbei, ohne zu helfen, nur damit sie dann ihren Gipfelsieg feiern können. Für Kammerlander ein unerklärliches, abstoßendes Verhalten.

Die Wanderung entlang eines Panoramawegs. Bild: Bauroth
Die Wanderung entlang eines Panoramawegs. Bild: Bauroth

Leben wird verfilmt

Genau das Gegenteil hat er mit dem Dalai Lama erlebt – ein Mann, der auf andere zugeht, ohne Berührungsängste, ohne Vorurteile. „Er ist ein besonderer, ein starker Mensch“, findet der Extrembergsteiger nur bewundernde Worte für das geistliche Oberhaupt der Tibeter. Dreimal trafen sich die beiden schon, ein weiteres Mal ist vorgesehen. Denn der österreichische Filmemacher Gerald Salmina und dessen Produktionsfirma Planet Watch („Die Streif“, „Mount St. Elias“) wollen im Herbst 2018 das Leben von Hans Kammerlander auf die Kinoleinwände bringen – und dabei soll auch der Dalai Lama zu Wort kommen, der im nordindischen Dharamsala im Exil lebt.

Wichtige Stationen und Schauplätze des Films sollen zudem Kammerlanders Heimat Südtirol mit den steilen Dolomiten-Wänden und den Gletschern des Alpenhauptkammes sein, aber auch die spektakuläre Überschreitung zweier Achttausender im Karakorum zusammen mit Reinhold Messner und die legendäre Skiabfahrt vom Mount Everest. Die Dreharbeiten haben gerade begonnen.
Das Filmprojekt hat jedoch noch einen ganz besonderen Hintergrund: „Im Mittelpunkt der Verfilmung steht eine Expedition zum 8163 Meter hohen Manaslu“, erzählt Kammerlander. Die Rückkehr an diesen Ort nach Nepal ist mit unschönen Erinnerungen verbunden: Vor 26 Jahren verlor er beim Versuch, diesen Berg zu besteigen, zwei Freunde. In ein paar Wochen stellt er sich dieser großen Herausforderung noch einmal. „Ich möchte versuchen, diesen Weg zu Ende zu gehen, nur dann werde ich vielleicht über diese schrecklichen Ereignisse von 1991 hinweg kommen“, sagt Kammerlander, der den Gang zusammen mit seinem Nordtiroler Bergführerkollegen und Extrembergsteiger Stefan Keck wagen will.

Bei der Wanderung trifft die Gruppe auch tierische Gefährten. Bild: Bauroth
Tierische Begegnungen während der Wanderung. Bild: Bauroth

Lange habe er nicht an diesen Schicksalsberg gedacht. Als er jedoch vor etwa sechs Jahren bei einer Bergtour einen Freund verlor und gleich darauf wieder dorthin fuhr, um den Weg zu beenden, spürte er den Drang, auch an den Manaslu zurückzukehren. Es bringe nichts, Dinge im Leben unvollendet zu lassen, reflektiert er philosophisch. Ein Satz, der auf alle Lebenssituationen zutreffe. „Ich muss dabei nicht mal bis zum Gipfel, es reicht, wenn ich kurz davorstehe und ihn sehe“, fügt Kammerlander hinzu. Und da ist es wieder, dieses neue Kammerlander’sche Credo, bei der die Schönheit des Alpinismus im Vordergrund steht, ohne dass das Abenteuer vollends verdrängt wird.
Nachdem er alle zweithöchsten Gipfel der sieben Kontinente erklommen hatte, begann der Südtiroler, nach einzigartigen Bergen Ausschau zu halten. „Jetzt suche ich die ,Matterhörner der Welt‘ und besteige sie“, verdeutlicht er und meint damit Berge, die dem Matterhorn in der Schweiz ähnlich sehen. Auf der Liste stehen etwa der Shivling in Indien, der Stetind in Norwegen oder die Ama Dablam in Nepal.

„Bärig war’s“

Jetzt ist erst einmal die Obere Stilfser Alm erreicht. Bei Kaiserschmarrn und Buttermilch unterschreibt Kammerlander Bücher, Rucksäcke und Basecaps. Fotos werden rumgereicht. Nach einer ausgedehnten Pause geht’s talwärts – und nach gut fünf Stunden und 20 Kilometern ist die schöne Wanderung vorbei. Zurück in Algund werden Verabredungen für die nächsten Touren getroffen, auch schon für das nächste Jahr. Ziele sind eben wichtiger als Erinnerungen. „Mir machen Berge noch viel Freunde. Und es sind auch noch genug da“, meint Hans Kammerlander beseelt und schiebt zum Abschied noch ein „bärig war’s“ nach.

Die Urlauber lassen sich Bücher des Bergsteigers signieren. Bild: Bauroth
Die Urlauber lassen sich Bücher des Bergsteigers signieren. Bild: Bauroth

Zur Person

  • Hans Kammerlander (Jahrgang 1956) lebt noch immer in seinem Heimatdorf Ahornach im Südtiroler Tauferer Ahrntal. Er hat eine Tochter. Als Achtjähriger bestieg er seinen ersten Berg, einen Dreitausender. Er gehört zu den bekanntesten Extrembergsteigern unserer Zeit.
  • Kammerlander absolvierte bis heute rund 3500 Kletter- und Bergtouren auf der ganzen Welt, darunter 50 Erstbegehungen. Es gelangen ihm über 60 Alleinbegehungen im VI. Schwierigkeitsgrad, etwa an den Drei Zinnen, der Marmolada und am Heilig Kreuzkofel.
  • 15 Jahre lange führte Kammerlander die Alpinschule Südtirol, die er 1988 von Reinhold Messner übernommen hatte. Messner war es auch, der Kammerlander 1982 den Weg zu den ganz hohen Bergen der Welt eröffnete.
  • Kammerlander hält zahlreiche Vorträge über seine Unternehmungen und berät Bergsportausrüster bei der Entwicklung von Outdoor-Produkten. Seit 2008 ist Kammerlander auch Inhaber eines Bergsport-Fachgeschäftes in Anif bei Salzburg. Er hat sieben Bücher publiziert. Darüber hinaus sind über Kammerlander mehrere Fernsehfilme gedreht worden, ein weiterer Film über sein Leben wird jetzt gedreht und kommt im Herbst 2018 in die Kinos.
  • Das gesamte Jahr über bietet Hans Kammerlander international Touren an, die er persönlich begleitet. Privatleute und Unternehmen können ihn als Guide und Motivationscoach buchen.

Unterwegs mit Kammerlander in Algund

Für die Wanderungen mit Hans Kammerlander braucht es eine gute Ausdauer und Kondition. Bild: Bauroth
Für die Wanderungen mit Hans Kammerlander braucht es eine gute Ausdauer und Kondition. Bild: Bauroth
  • Der Tourismusverein Algund bietet wieder am Dienstag, 29. August 2017, einen Wandertag mit Hans Kammerlander an. Dauer: etwa  6 Stunden (Villanders – Gasserhütte – Gasteigersattel -Villanderer Berge -Abstieg erfolgt über dem „Toten Kirchl“ bis nach Reinswald im Sarntal).  Kosten: 25 Euro mit der Gästekarte, inklusive Busfahrt, ohne Bergbahnnutzung und Essen. Die Teilnehmerzahl ist auf 40 begrenzt. Anmeldungen nimmt das Tourismusbüro Algund entgegen, Telefon +39/0473/44 86 00, E-Mail.

Zur Region

  • Anfahrt von Deutschland: Mit dem Auto über Ulm, Kempten (A7), Fernpass, A 12, A 13 via Brenner, Meran, Ausfahrt Algund. Wer die Autobahn über den Brenner meiden möchte, sollte über die Silvretta-Hochalpenstraße (15 Euro Gebühr, 22 Kilometer, 34 Kehren) fahren, die herrliche Ausblicke bietet, dann weiter über den Reschenpass nach Meran/Algund.
  • Südtirol ist das gesamte Jahr über eine Reise wert. Ein Geheimtipp ist jedoch der späte Oktober und der November. Dann ist das Klima dort noch angenehm mild.
  • Das auf 320 Metern Höhe gelegen Gartendorf Algund ist eines der ältesten Weinbaugebiete Südtirols und stolz auf seine jahrhundertealte Obstbautradition. Die nahe gelegene Kurstadt Meran liefert mit ihrem Jugendstil-Flair und charmanten Einkaufsstraßen zusätzliche Inspirationen.
    Algund liegt in einem Talkessel, umgeben von Weinbergen, am Fuß der Texelgruppe. Bild: TV Algund
    Algund liegt in einem Talkessel, umgeben von Weinbergen, am Fuß der Texelgruppe. Bild: TV Algund
  • Algund liegt am Fuße des Naturparks Texelgruppe, Südtirols größter Naturpark und ein Schutzgebiet mit einer außerordentlichen Vielfalt an Klimazonen, Fauna und Flora. Auf rund 1400 Metern verläuft hier der Meraner Höhenweg, einer der schönsten hochalpinen Panoramawege Europas. Zu den Attraktionen zählen der 97 Meter tiefe Partschinser Wasserfall und die zehn Spronser Seen, welche auf rund 2500 Meter Höhe die größte hochalpine Seenplatte bilden.
  • Weinliebhaber kommen beim 26. Merano Wine-Festival auf ihre Kosten, das am Freitag, 20. Oktober 2017, 19 Uhr, im Vereinshaus Peter Thalguter in Algund eröffnet wird. Hier werden 280 edle Tropfen und 40 kulinarische Spezialitäten angeboten. Tickets (20 Euro) gibt’s an der Abendkasse oder im Tourismusbüro Algund.
  • Unterkünfte gibt es für jeden Geschmack und Geldbeutel. Gut aufgehoben sind die Gäste beispielsweise bei Familie Kuen im Drei-Sterne-Superior-Rosenhotel Maria Theresia, Rosengartenstraße 10, Telefon +39/0473/443251, E-Mail.

Buchung und Infos

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