Zeitloses Inselparadies

Auf der Kanalinsel Guernsey – hier der Hafen der Hauptstadt St. Peter Port – treffen französische und britische Einflüsse aufeinander. FOTO: DOMINIQUE SCHROLLER


Ihre Uhr können Gäste getrost zu Hause lassen, wenn sie auf die Kanalinseln Guernsey oder Herm reisen. Eingebettet in üppige Natur haben diese ihren eigenen Rhythmus.

Von DOMINIQUE SCHROLLER

Bild oben: Auf der Kanalinsel Guernsey – hier der Hafen der Hauptstadt St. Peter Port – treffen französische und britische Einflüsse aufeinander.  (c) DOMINIQUE SCHROLLER

Unten tost die Brandung des Atlantiks gegen die schroffen Felsen, die steil aus dem Wasser ragen. Die steinernen Stufen, die zu einem von der Natur geschaffenen Pool hinabführen, hat ein Gouverneur von Guernsey Mitte des 19. Jahrhunderts anlegen lassen, um mit seiner Gemahlin gemeinsam baden zu gehen. „Das war damals nicht gestattet, die Engländer waren sehr konservativ“, erzählt Fremdenführerin Gill Girard, die stolz darauf ist, dass die Inselbewohner der Krone bereits im Mittelalter einen Status der Eigenständigkeit abgetrotzt haben.

Dennoch haben Briten und Franzosen überall auf der Insel ihre Spuren hinterlassen. Viele Ortsbezeichnungen wie Petit Port sind unverkennbar normannisch, die zahlreichen Befestigungsanlagen entlang der Küstenlinie zeugen jedoch vom Willen der Engländer, die Kanalinseln vor den französischen Nachbarn zu verteidigen. Einer dieser steinernen Türme aus dem Jahr 1778 bewacht Fermain Bay. Wie in den Felsen geschnitten, erstreckt sich der Streifen Strand am türkisblauen Wasser entlang, eingerahmt von bewaldeten Hügeln, unter deren schattigem Blätterdach sich im Frühjahr ein zweites Meer aus blauen Glockenblumen (Blue Bells) bildet.

Einen Hauch karibischer Exotik versprühen die Pflanzen auf Herm. Riesige Yuccas recken ihre Blüten zur Sonne, Palmen breiten ihre fingerartigen Blätter aus, Callas und Tulpen haben ihre üppigen Kelche geöffnet und ein blühender Rosmarinbusch schmiegt sich an eine alte Mauer. Die kleine Schwesterinsel ist ein Paradies, in das die Guernseyaner flüchten, wenn sie dem Alltag entkommen möchten. Das „Weiße Haus“, ein ehemaliger preußischer Herrensitz und heute einziges Hotel auf Herm, hat weder Fernsehen, noch Telefon und verzichtet großzügig auf Uhren.

Diese Beschaulichkeit wirkt anziehend. „Viele Menschen verbringen ihre Ferien hier oder haben ein Zelt auf dem Campingplatz und kommen jedes Wochenende herüber“, berichtet Lesley Bailey. Seit 19 Jahren lebt sie mit ihrem Mann auf dem Eiland. Er ist Finanzdirektor der Inselstiftung und damit einer von 65 Bürgern mit permanentem Wohnrecht. „Auf Herm darf nur leben, wer hier arbeitet. Es gibt niemanden, der hier geboren ist und sein ganzes Leben hier verbracht hat“, erzählt Lesley Bailey. Sie weiß, dass ihr Abschied gekommen ist, sobald ihr Mann in Rente geht.

Angetan hat es ihr vor allem das maritime Klima und der Blick auf das kristallklare Wasser. Zum Einkaufen muss sie mehrmals in der Woche mit dem Boot nach Guernsey. „Wenn wir Urlaub machen, buchen wir Städtereisen mit einer ausgiebigen Shopping-Tour“, erzählt die 50-Jährige lächelnd. Denn im 20 Bootsminuten entfernten St. Peter Port bekommt sie in den schmucken Lädchen der Altstadt und auf dem kleinen Markt zwar Lebensmittel, Kleidung und kleine Geschenke, doch die Auswahl ist begrenzt.

Frisches Obst und Gemüse gibt es dagegen an jeder Straßenecke. In kleinen Holzkästen, den sogenannten „Heg Veg“ warten täglich frischer Salat, Möhren oder Tomaten auf Käufer. Wer etwas mitnimmt, wirft den entsprechenden Betrag in ein bereitgestelltes Kästchen. Von der Zeit, als auf Guernsey die Tomaten für den Kontinent reiften, erzählen nur noch die einzeln auf Feldern aufragenden Backsteinschornsteine und verfallene Gewächshäuser. „Als die EU begann, die Massenproduktion in den Niederlanden zu subventionieren, waren wir nicht mehr konkurrenzfähig“, berichtet Gill Gerard.

Die meisten Inselbewohner sind heute in der Finanzwirtschaft tätig und investieren in ihre malerischen Cottages aus Granit, die aus liebevoll gepflegten Gärten hervorluken. Freitagsabends treffen sie sich im Pub, um beim Feierabendbier die Woche ausklingen zu lassen und vielleicht einen Sonntagsbraten zu gewinnen. Ein Pfund kostet das Los im Imperial. Wie auf dem Jahrmarkt ruft der Verkäufer die Nummern durch den Saal. Und die Gewinner gehen mit Filetstücken und Bratwürsten nach Hause.

Infos:
grossbritannien.tourismus.de/fremdenverkehrsamt

 

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