Winterwandern in Graubünden / Schweiz mit Gastro-Tipps

Ohne Ski unterwegs im Bündner Oberland  und im Unterengadin

Im Gegensatz zum umtriebig lauten Flims-Dorf finden sich in Flims-Waldhaus einige schöne ruhige Ecken. Hier wartet der Bauer Max Löpfe mit seiner Pferdekutsche vor dem Belle-Époque-Hotel. Im Winter fährt er mit den Rappen Dazelo und Larisso zum Ausflugsziel Conn. Fest in Schaffelldecken eingemummt geht es, begleitet vom Gebimmel der Pferdeschellen, durch den Uaul Grond, wie auf rätoromanisch der wild romantische Flimser Grosswald heißt. Fichten und Föhren wachsen hier auf den Schuttmassen eines gewaltigen Bergsturzes vor 10.000 Jahren. Schwindelerregend krallen sie sich an riesigen Felsbrocken fest. Doch die Schneedecke modelliert alles zu weichen sanften Formen.

Bild oben: Ruinaulta, die Rheinschlucht von der Aussichtsplattform bei Conn       
Norbert Linz
(©Text und Fotos)  

2) mit Max und seinen Rappen angekommen in Conn

mit Max und seinen Rappen angekommen in Conn

Vom „Mauersegler“ Blick in die Tiefe

In Conn endet die Kutschenpartie. Zu Fuß sind es knapp zehn Minuten zur Ruinaulta, der Rheinschlucht. Die elegante Aussichtsplattform nennt sich „Il spir“ – der Mauersegler. Die Plattform ragt, von einem einzigen Zugkabel gehalten, kühn in die Schlucht hinein. Ein grandioser Blick: 350 Meter fallen die Steilwände ab, unten zieht in einer eleganten Schleife der Vorderrhein vorbei. Er hat sich nach dem riesigen Bergsturz einen neuen Abfluss schaffen müssen. Wieder zurück am Fuhrweg empfiehlt sich eine Einkehr im gastronomisch anspruchsvollen Ausflugsrestaurant Conn. Wie der Besitzer Guido Gasty erzählt, war das Haus früher eine Unterkunft für die Holzfäller und für Harzbrenner, die den Föhren in der Rheinhalde den Saft abzapften und zu Schiffspech verarbeiteten. Bis es der Großvater kaufte. Heute genießen Ausflügler die gute Küche: Besonders beliebt sind die riesigen Trinser Birnenravioli. An guten Tagen, so der Chef, werden bis zu hundert Portionen verspeist. Aber auch die Oberländer Pizokels sind ein Renner: große Spätzle aus Buchweizen mit Bergkäse und Rosinen, dazu Apfelmus. Zu Fuß ist man wieder in einer Stunde in Flims.
Der Nachbarort Laax punktet mit originellen Wanderrouten, etwa dem Panoramaweg über Larnags nach Falera. Am Ende mündet er in den Planetenweg, der maßstabsgetreu in Skulpturen die Entfernung der Planeten darstellt: vom Pluto bis zur Sonne. Eine kleine Bergwanderung ist auch abends möglich. Vom chic designten Rocksresort in Laax führt ein beleuchteter Winterwanderweg hinauf auf 1160 Meter zur Tegia Larnags. Das gemütliche Bergrestaurant bietet eine bäuerlich-bodenständige, aber gepflegte Küche. Oft bestellt werden Bündner Spezialitäten: die hausgemachten Capuns – Mangoldwickel mit Trockenfleisch, Bergkäse und Rahmbouillon oder die Rösti mit Kalbsleberli in Balsamico-Zwiebelsauce.

Bergrestaurant Tegia Larnags

Mit Code B 67 in die Sterne gucken

Bei klarem Nachthimmel lohnt im drei Kilometer entfernten Falera der Besuch der Sternwarte Mirasteilas. Seele des Ganzen ist der vor Begeisterung sprühende Portugiese José De Queiroz. Er lebe in zwei Welten, sagt er: Tagsüber führt er sein Lokal Elcarna, nachts forscht er in der Sternwarte. Sie besitzt das größte öffentlich zugängliche Teleskop der Schweiz mit bis zu 1000 facher Vergrößerungen. José ist in der Fachwelt voll anerkannt. Mit dem Code B 67 ist er zur Astrometrie-Messung berechtigt. Bisher durfte er, so erzählt er, drei selbst entdeckte Asteroiden benennen: Den ersten nach seiner Tochter Marcia, die anderen beiden heißen Falera und Chur. Es ist spannend, zusammen mit Sternendeuter José ins Firmament hineinzuschauen.

Noch ein Vorschlag, der hoch hinauf geht. Diese reizvolle Winterwanderung startet von Flims Dorf mit Gondelbahn und Sessellift zum Crap Sogn Gion auf 2228 Meter. Hier trainieren Freeskier in den Snowparks. Weiter geht es mit der Luftseilbahn zum Crap Masegn auf fast 2500 Metern. Prachtvoll das Rundum-Panorama! Der mit pinkfarbenen Stangen markierte Höhenwanderweg führt teilweise parallel zu den Pisten in sanften Schwüngen bergab. Genusswandern vom Feinsten!

 Winterwandern über 2000 m vom Crap Masegn aus

21 Generationen im Unterengadin tätig

Szenenwechsel – jetzt ins Unterengadin. Auf steilem Felsen hoch über dem Inn thront das mächtige Burgschloss Tarasp, die letzte Bastion der Habsburger im Engadin. Vor hundert Jahren ließ der schwerreiche Odol-Fabrikant Lingner die Ruine aufwendig restaurieren. Die Burg ist das Wahrzeichen des Unterengadin, das jährlich rund 15000 Personen besuchen. Gern führt Jon Fanzun durch die Bilderbuchburg: die prunkvollen Festsäle, Schlafgemächer und Gästezimmer sowie in die frühere Waffenkammer. Hier ließ Lingner eine riesige Konzertorgel einbauen, die öfters bei Führungen ertönt. Schon Fanzuns Großvater war hier Schlossverwalter. Und seine drei fast erwachsenen Kinder streiten bereits, wer mal den Job vom Papa übernimmt. Tradition wird in der Region groß geschrieben.

Auch bei der Familie Parzeller, die seit 500 Jahren und 21 Generationen am Fuß des Schlossberges in dem malerischen Weiler Sparsels lebt. 2012 wurde das hundertjährige Jubiläum des ehemaligen „Beizli“ gefeiert. Mittlerweile hat sich das behäbige Bauernhaus zum kleinen, urgemütlichen Schlosshotel Chastè gemausert. Der Charme des Engadiner Hauses mit seiner Zirbenholz-Vertäfelung in fast allen Räumen ist geblieben. Vater Rudolf, der eigentlich Kunstmaler werden wollte, hat sich inzwischen zwei Gault-Millau-Hauben erkocht. Ein Genuss: seine Entenbrust mit Honig gratiniert, Hagebuttenessenz und Griessgnocchi mit geschmortem Chicorée. Gern erzählt der Seniorchef, dass er am Beginn seiner Laufbahn bei einem feierlichen Staatsjubiläum den Schah von Persien in der Ruinenstadt Persepolis mit bekochen durfte. Noch heute gibt es das köstliche Dessert „Feige à la Persepolis“. 2015 wurde  das Schlosshotel Chastè Gewinner des Prix Bienvenu für das freundlichste Hotel der Schweiz in der Kategorie «Ferienhotel klein und fein».

5a) Schloss Tarasp (nebeneinander mit Bild 5b)

Schloss Tarasp

5b) der Weiler Sparsels mit dem Schloss

der Weiler Sparsels mit dem Schloss

Wo das Mineralwasser aus dem Dorfbrunnen sprudelt

Zehn Autominuten von Tarasp entfernt liegt die 2000-Einwohner- Gemeinde Scuol, Hauptort des Unterengadin. Mit einem munteren „Allegra“, rätoromanisch für „freue dich“, begrüßt Niculin Meyer zum Dorfrundgang. Im 19. Jahrhundert galt Scuol als „Badekönigin der Alpen“, gibt es doch im Umfeld über zwanzig Mineralquellen. Der kundige Führer erklärt am „Plaz“ die reihum stehenden Engadiner Häuser mit den wuchtigen Steinmauern, verziert mit Sgraffito-Technik, tiefen Fensterfurchen, Erkern und Rundbogentoren. In der Mitte des Platzes ein großer Brunnen mit hochmineralisiertem Wasser. Wie Meyer berichtet, kämen täglich Einheimische mit ihren Flaschenkästen, um das natürliche Mineralwasser abzufüllen.

Scuol mit Mineralwasser-Brunnen

Dieses fließt in verschwenderischer Menge auch im Bogn Engiadina von Scuol. Die großzügige Badelandschaft in lichter Holz-Glas-Architektur ist die Wellness-Oase der Region. In einem abgeschlossenen Areal bietet sie ein luxuriöses römisch-irisches Bad. An diesem Drei-Stunden-Ritual mit einer Vielzahl von Programmpunkten dürfen im Viertelstundentakt nur bis zu vier Personen teilnehmen. Entspannende Ruhe stellt sich ein, wenn die Badegäste, in eine Toga gehüllt, bei leiser Musik durch die weiten Kuppelräume von Station zu Station ziehen. Vom Warm- und Heißluftbad über eine Honigmassage, verschiedene Mineral-Dampf- und Sprudelbäder bis zum Abschluss im sichelförmigen Ruheraum: In angewärmte Tücher gewickelt liegt man vor meterhohen Panoramascheiben. Sie geben den Blick frei auf eine grandiose Bergkulisse. Romantisch wird es, wenn die Abendsonne den herrlich verschneiten über 3000 Meter hohen Piz Lischana in goldenes Licht taucht.

auf Schneeschuhen unterwegs mit Lukas

Mit Schneeschuhen zum Arvenfondue

Am Abend ist ein weiteres romantisches Erlebnis möglich. Seit über zehn Jahren bie-tet der Wildbiologe Lukas Barth Schneeschuhtouren von Scuol aus an. Besonders beliebt die Mondscheintouren. Vom Dorf aus geht es zuerst den alten Alpweg hoch, dann weiter bergauf durch den Wald. Lukas mahnt zum Langsamgehen. Der Neuschnee knirscht unter den Schneeschuhen, sonst Stille. Die Sterne glitzern. Fahl scheint der Mond durch die Fichten, die dunkle Schatten auf den Schnee werfen. Eine besondere Stimmung. Mit von der Partie ist Asco, ein schwarz-weißer Border Collie. Der unermüdliche Hütehund läuft mit einem Lämpchen am Halsband eilig den Wildfährten nach. Sein Herr erklärt derweil fachkundig die „Trittsiegel“ von Gämsen, Rehen und Hasen. Eine Pferdeschlittenroute auf fast ebenem Plateau wird erreicht. Der Blick weitet sich: Auf der anderen Talseite lässt der Mond in der Silvretta einige Dreitausender erkennen, auch den Piz Minschun.
Nach knapp zwei Stunden ist das Ziel erreicht: der Reiterhof San Jon auf 1460 Metern. Neugierig recken Pferde ihre Köpfe aus den Stallboxen. Brigitte Prochaska, seit zwei Jahrzehnten Wirtin hier, serviert ein spezielles Arvenfondue. Sie verrät ihr Rezept: Nadeln von der Arve, wie die Schweizer die Zirbelkiefer nennen, werden ganz fein gehackt und zusammen mit Arvenessenz dem erhitzten Senter Bergkäse beigegeben. Aber, betont sie, nur in Spuren! Dazu gibt es trockenen Malanser Riesling aus dem Rheintal bei Chur. Kurz vor Mitternacht werden die Schneeschuhe wieder angeschnallt und es geht bei minus 13 Grad durch den stillen Wald die steile Route ziemlich schnell zurück nach Scoul.

Reiseführer Graubünden, Neuauflagen 2015:
DuMont Reise Taschenbuch 296 S., 17,99
(mit 10 Erkundungstouren, Hintergrundgeschichten, Tipps für Lieblingsorte, mit großer Karte);
Müller Verlag 288 S., 16,90
(Schweizer Autor, 15 Wandervorschläge, besonders auch kulturelle Aspekte, gute Karten und Ortspläne).

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