Von Sapporo bis Sotschi – Erinnerungen eines Olympia-Reporters

Olympische Winterspiele in Sotschi – und ich bin nicht dabei. Erstmals seit 1972 absent. Aus verschiedensten Gründen, die niemand wirklich interessieren. Aber vielleicht interessiert dafür um so mehr, was sich bei meinen elf Winterolympia-Teilnahmen zuvor jeweils medienmäßig so getan hat. Kleine – eher private – Presse-Ereignisschen. Eigentlich besser aufgehoben in der Rubrik „Halb so wichtig“. Aber sie sollen halt nicht in Vergessenheit geraten…

Etliche Journalisten-Kolleg(inn)en werden sich noch genau an diese oder jene Begebenheit erinnern. Und mich korrigieren oder ergänzen oder verbessern. Freue mich jedenfalls auf Feedback! Und hier nun – der kleine Rückblick:

1972, Sapporo:

Meine ersten Spiele. Keine Ahnung, ob ich (23,5 Jahre) der jüngste Journalist in Sapporo war. Auf alle Fälle der kleinste (1,63 m). Und ein Kollege aus Toronto der größte (2,10 m). Wir wurden nebeneinander gestellt, fotografiert – und in Kanada war ich damit schon mal berühmt. Wir wohnten in Sapporo in Häusern mit Papierwänden. Der Grazer Journalist Othmar Behr, eine Art Bär, schlief gerne ein wenig länger. Wurde jedoch eines vormittags von einer Stimme aus der Nachbar-Wohnung geweckt. Wo der österreichische TV-Reporter und zugleich Kronenzeitung-Kolumnist Heinz Prüller seine Wiener Redaktion anrief: „Exklu-siv! Exklu-siv! Den Karli hams disqualifiziert!“ Den Karl Schranz. Behr griff zum Block und schrieb alles gemütlich im Bett liegend mit. Vorbei war es mit Prüllers Exklusivität. Denn Behr verriet uns Piefkes natürlich alles. Hauptsache, als Grazer den Wienern ein Schnippchen geschlagen.

1976, Innsbruck:

Wir wohnten in den Studentenzimmern der Uni Innsbruck. Beim Frühstück: ein völlig verzweifelter Hans Blickensdörfer. „Zum ersten Mal in meinem Leben“, so der große Meister und Bestseller-Autor, „dass ich eine Schreibblockade habe! Weil hier überhaupt nichts exotisch ist in diesem Innsbruck! Mir fällt einfach nichts ein! Ich sitze vor dem leeren Blatt und quäle mich und alles, was ich fertig bringe, ist gekünstelt! Sapporo – jaaaa,  d a    erlebte man täglich etwas Verrücktes, über das man schreiben konnte! Aber Österreich…“

Uns Youngstern lief es kalt über den Rücken: Wenn der große   B l i   schon… – wie würde es da erst uns dereinst ergehen…?

(Kleine Rückerinnerung noch an besagtes Sapporo vier Jahre zuvor: Im Hof unserer Unterkunft stand eine Statue, deren Kopf sich automatisch jede Sekunde verneigte. Japaner lieben so etwas. Als Bli und sein baden-württembergischer Kumpel Werner Kirchhofer eines nachts von einem feucht-fröhlichen exotischen Ereignis in das Quartier zurück kamen, standen sie etwa zehn Minuten lang vor der mechanisch agierenden Figur – und nickten ihr im Gleichtakt zu. Begleitet von höflichen Worten. Irgendwann bemerkten sie, dass keine Antwort erfolgte. Ob Bli DIESE Geschichte 1976 noch einmal hervor kramte und damit aus der Schreibkrise geriet?)

1980, Lake Placid:

Die Transport-Organisation war derart miserabel, dass wir täglich per Anhalter von unserem Quartier auf dem Land in das Pressezentrum fuhren. Übermittelt wurden die Texte per Telex. Für nach 1980 geborene: Man schrieb auf Schreibmaschine, gab das Manuskript im Büro des SID ab, wo nette Damen an Telexapparaten (mit Schreibmaschinen-Tastatur) den Text abtippten, der dann mittels Lochstreifen an die Redaktion (in meinem Fall an den Kicker) getelext wurde und in Nürnberg aus dem Ticker ratterte. Spannend war stets, wenn man eine Exklusiv-Story besaß: Würde die SID-Schreibkraft einen SID-Redakteur davon in Kenntnis setzen – und jener die Geschichte dann selbst verbraten? Oder würde die Kiste halten? (Damals g a b   es noch Exklusiv-Geschichten im Sport!)

1984, Sarajevo:

Die ersten Spiele mit Fax. Funktionierte aber noch nicht richtig und die Olympia-Reporter mussten oftmals zu Hause anrufen und fehlende Wörter oder Sätze ergänzen. (Bei den Sommerspielen jenes Jahres in Los Angeles klappte es erstmals ohne Wenn und Aber.)

1988, Calgary:

Erstmals Riesen-Fernseh-Leinwände im Pressezentrum. Jenes konnte am letzten Abend nicht mehr so lange wie gewünscht benutzt werden. Weil alles ausgeräumt werden musste, da am nächsten Tag in dieser Lokalität eine Rinderauktion angesetzt war. Bei der Vertreibung der Medien aus dem Gebäude wurden jedoch erfreulicherweise weder Peitsche noch Lassos eingesetzt. Aber strenge, unnachgiebige, unbarmherzige Mienen.

1992, Albertville:

Meine ersten Spiele mit Laptop. Hatte in der Zeitung gelesen, dass ein 77jähriger britischer Schriftsteller sich von Schreibmaschine auf PC umgestellt habe. Also wagte ich es letztendlich auch. Obwohl schon 43 damals! Einen weiteren Ausschlag für diesen schweren technischen Schritt hatte bereits kurz zuvor das Compaq Grand Slam Tennisturnier in der Münchner Olympiahalle gegeben. Dort schrieben alle Reporter bereits auf Laptops – bis auf einen. Mich. Und jede(r) im Presseraum hörte mein unrhythmisches Zwei-Finger-Adler-Such-System-Gehacke auf der Tastatur meiner Erika. Gelegentlich peinlich, der letzte Mohikaner zu sein.

1994, Lillehammer:

Das Pressequartier lag mitten im Wald – lauter verstreute einzelne Häuschen. Eines vormittags duschte ich. (Gemeinschafts-Dusche auf dem Gang.) Als ich ins Zimmer zurück kehren wollte, war es verschlossen. Vom inzwischen agierenden Zimmermädchen. Ich: nackt. Niemand da. Vermutlich den ganzen Tag nicht. Was tun? Bis abends duschen, um nicht zu erfrieren? Den Plastikduschvorhang herab reißen und sich bis zur nächtlichen Rückkehr irgendeines Kollegen in ihn hüllen? Auf Langlaufski (standen vor dem Häuschen) und Langlaufschuhen (standen auf dem Flur) nackt zur 2 km entfernten Rezeption des Dorfes sausen (es hatte etwa 20 ° minus), um Hilfe zu holen? Verzweiflung kroch den nackten Körper empor. Ich trat vor das Häuschen und brüllte: „Help! Heeeelp!! Heeeeeeeeeelp!!!!!!!!!!!!!“

Plötzlich ein Geräusch hinter mir – einer der drei Mitbewohner des Häuschens! Er war erst in der Nacht angereist und deshalb noch im Bett gelegen! Hatte mich gehört! Rettete mich! (Indem er bei der Verwaltung an rief und einen Schlüssel zu meinem Zimmer erbat, der dann mittels Skidoo gebracht wurde.) Helmut Wengel, inzwischen in Rente sich befindlicher damaliger Sportchef der Thüringer Allgemeinen: Ich danke Dir auch   h e u t e   noch! Jeden Februar wieder! Und zwar: unendlich.

(Die Story, die ich darüber geschrieben habe, hat es übrigens später in ein NRW-Lesebuch geschafft.)

1998, Nagano:

Das Pressehotel schwankte hin und schwankte her – Erdbeben! Doch das Haus hielt der Naturgewalt stand.

2002, Salt Lake City:

Ich saß im Pressezentrum meist sehr international. Eines Tages trudelte eine Mail vom Standard aus Wien ein. Gehörte nicht zu meinen Kunden als Freelancer, aber wenn ein so renommiertes Blatt mir schreibt – unbedingt öffnen! Es kam: Ein ganzseitiges kommentarloses Foto einer – Gruppensex-Szene! Ein Russe, hinter mir stehend, rief sofort seine Kollegen. Hektisch versuchte ich, den Bildschirm zu  verdunkeln. Keine Chance. Die Russen klopften mir anerkennend auf die Schultern. Auf meine Beschwerde beim Standard reagierte das Sekretariat dort irritiert. Man wisse von nichts. Jemand habe wohl ihre Adresse gekapert.

2006, Turin:

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Jupp Suttner in Vancouver 2010

Die ersten wirklichen Nichtraucher-Spiele. Die besten Stories, erzählten Kollegen, erfahre man im Raucherbereich. Dort herrsche Verschworenheit statt Verschwiegenheit. Gemeinsames Ausgesperrtsein führe zu Solidarität. Misstrauisch beäugten wir Nichtraucher die jeweils zurückkehrenden Süchtigen. Was hatten sie sich wieder gegenseitig an Stories und Recherchen zugeschoben?

2010, Vancouver:

Ich wohnte für 70 Can-Dollar die Nacht alleine in einem ganzen Haus. Der günstige Preis hatte seinen Preis: Es waren vier Katzen zu versorgen. Vancouver war natürlich überflutet von Reportern. Tausende. Und jeder einzelne von ihnen besaß die gleiche Mission: die beste Olympia-Story aller Zeiten zu schreiben!

Jeder von ihnen? Nein – einer nicht. Ich. Meine Aufgabe in Vancouver lautete: Ophelia glücklich zu machen!

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Jupp Suttner in Vancouver 2010

Ophelia war 15 und wenn sie mich ansah, begann mein hartgebackenes Journalisten-Inneres in eine Art Valentins-Kitsch-Herz zu zerfließen. Und sobald sie sich an mich schmiegte, ich jedoch eigentlich gerade die beste Olympia-Story aller Zeiten in den Laptop hacken hätte müssen – konnten meine Finger natürlich nicht anders, als die Tastatur zu verlassen und Ophelia zu liebkosen.

Ophelia war die älteste der vier Stubentiger und bedurfte ganz besonderer Hingabe, war mit von den Vermietern, einer derweil verreisten Journalistin und einer Künstlerin, beschieden worden. Sie hieße mit vollem Namen Princess Ophelia Queen of the World und benötige ihrem aristokratischen Status gemäß ungeteilte Aufmerksamkeit zu erhalten. Sowie täglich abends 50 ml einer Medizin. Die anderen drei hießen Sir Frederick Winston III, Edward Fattyhead und Rufus. Ich liebte sie alle, durchaus. Auch wenn sie mich mit ihren Aufmerksamkeits-Bedürfnissen von etwas abhielten, was ich mir für Vancouver eigentlich ganz, ganz fest vorgenommen hatte: die beste Olympia-Story aller Zeiten zu schreiben!

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Jupp Suttners liebste Olympia-Kollegin: Evi Simeoni von der FAZ

Vom gnadenlosen Rechercheur zum Katzenflüsterer von Kanada – diese erstaunliche Verwandlung, vermutete ich, würde in den Redaktionen zu Hause wohl vor allem eines verursachen: Katzenjammer. Und vermutlich würde ich ab sofort auf der Tier-Seite landen. Na ja. Hauptsache – gemeinsam mit Ophelia.

Das einzige Problem mit den Miezen: Ihre sehr langen und umständlichen (siehe oben) – teils adelige – Namen. Weshalb ich sie, der besseren gegenseitigen Kommunikation wegen, umtaufte. Die vier hießen nun Lindsey, Maria, Magdalena und Felix.

Warum ausgerechnet diese Namen? Nun – Lindsey zum Beispiel rannte in einer Tour gegen irgendwelche Schränke und Türen, so dass man sie am liebsten von oben bis unten zu bandagieren wünschte. Aber wenn es dann schließlich beim sozusagen Abfahrts-Run die downhillsteile Treppe hinab zum frisch gefüllten Futternapf um die Gold-Position ging – hing sie alle anderen ab, als ob ihr hinkendes Bein (Pfotenrandprellung!) überhaupt nicht existent gewesen wäre.

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Typisch Olympia für Reporter – müde bis zur Erschöpfung…

Maria hing anfangs etwas bedrückt im Sessel – später jedoch schnurrte sie vergnügt und stolzierte mit munter erhobenem Köpfchen immer wieder das Sofa hinauf und hinab, als ob es ein Siegerehrungs-Podest wäre.

Magdalena schließlich schoßwie verrückt – um die Ecken. Wollte ansonsten – war ja so eine liebe – dauernd beschmust und gestreichelt werden. Schnurrte dabei voller Vergnügen. Und Felix? Der rannte in einer Tour im Zackzack um die Stühle. Ich hatte sie ihm zu einer Vertikalen aufgestellt – die liebte er am meisten. Felix konnte kaum den letzten Samstag der Spiele erwarten. An welchem wir beide dann gemeinsam vor dem Fernseher in unserem kleinen Häuschen saßen – und dem Neureuther die Daumen drückten. Was aber nichts half. Kam nicht durch. So dass im ganzen  Häuschen Katzenjammer herrschte. Und das ganze Stuhl-Training – für die Katz’ gewesen war.

Übrigens – täglich um 17.30 Uhr, so die Vorschrift der beiden Vermieterinnen, musste ich zu Hause sein, um die Katzenklappe zu schließen. Damit der Waschbär nicht in die Wohnlichkeiten eindringe. Klappte natürlich nie. Der Waschbär wird vermutlich heute noch erzählen – wie toll es damals bei Olympia war…

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Edward Fattyhead

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Princess Ophelia Queen of the World

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Sir Frederick Winston III

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Rufus

 

 

 

 

 

Jupp Suttner

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