Weltkulturerbe und wilde Natur – Überraschungen in Estland; Bullaugen und Babystein

Estland ist einer der weniger bekannten Staaten im gesamteuropäischen Reiseangebot. Das ist eigentlich schade, denn hier wird Unerwartetes geboten: zwischen geschichtsträchtigen Orten, unverbauten Küsten und Urwäldern gibt es viel zu entdecken.

„Nein, größere Tiere, wie Kühe, gibt es nicht auf der Insel. Hin und wieder zeigt sich ein Fuchs. Einmal versuchte es ein Bewohner ein Pferd zu halten. Aber das schwamm nach zwei Jahren aufs Festland zurück!“ erklärt Nele schmunzelnd, die mit Gästen auf der estnischen Insel Prangli Island vor der Nordküste unterwegs ist. Ihr Pickup-Truck hat schon bessere Zeiten gesehen. Auf der offenen Ladefläche mit provisorischen Sitzbänken blüht Löwenzahn. TÜV gibt es nicht mehr. Solange das Vehikel läuft und eine Bremse hat, ist es in Ordnung. Das robuste Fahrzeug ist genau richtig für Insel-Exkursionen. Außerdem macht eine Besichtigungstour im Freien sitzend wesentlich mehr Spaß. So wie diesem bedauernswerten Pferd wird es Besuchern nicht ergehen. Sie finden auf dieser Insel, etwa 15 Kilometer vom Festland unweit der Hauptstadt Tallinn, nicht nur eine intakte Natur, sondern auch viele interessante Geschichten über das dortige Leben. Schließlich ist Prangli Island seit 600 Jahren bewohnt. Regelmäßiger Fährverkehr ist Lebensader für die heute dort lebenden 70 Bewohner. Auch zwei Autos finden Platz auf Deck.

Unkonventionelle Beförderung auf Prangli Island

Die Inselerkundung verläuft zunächst auf der wohl einzigen geteerten Hauptstraße. Am Straßenrand hängt eine ziemlich verstaubte Ampel. „Hier war mal eine Taverne. Rot bedeutet geschlossen, grün offen. Irgendwann wurde es dem Betreiber zu viel, und er gab den Betrieb auf.“ Das bedeutete auch das Aus für den Ampelbetrieb. Bunte Holzhäuschen mit großen Grundstücken säumen den Straßenrand. Viele versuchen mit Garten und Gewächshaus die spärliche Versorgungslage auszugleichen. Ein Haus, mit allerlei Fahrzeugen und Geräten auf der Wiese verstreut, fällt besonders auf. „Hier wird alles was auf Prangli kaputt geht repariert. Manchmal klappt´s, manchmal auch nicht.“ Die Insulaner nehmen es gelassen. Dass hier die Uhren anders gehen, bemerkt der Besucher schon nach kurzer Zeit. Über rumplige, sandige Straßen führt der Weg zu einer weiteren Besonderheit. Mitten im Wald reguliert eine Eisenkonstruktion den Austritt natürlichen Gases. Diese kostenlose Energiequelle wird gerade von Einheimischen genutzt, die ihren Spaß an dieser Freiluftküche haben. In der verrußten Pfanne über dem Austrittsrohr brutzelt Speck, dazu selbst gesammelte Pilze. Schwierig wird es, die entfachte Flamme auszublasen, das braucht richtig Luftdruck.

Der Wald öffnet sich. Nur noch vereinzelt stehen Kiefern zwischen Heidekraut, Strandhafer und riesigen Findlingen, welche die letzte Eiszeit hier vergessen hat. Am Ufer der Ostsee schwappen gebändigte Wellen an den Strand. Kinder verewigen sich bis zur nächsten Flut mit fantasievollen Gebilden im Sand. Apropos Kinder: Im Wald liegt ein Riesenstein, dem eine besondere Wunderkraft nachgesagt wird: Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch rutschen hoffnungsfroh über eine inzwischen schon ziemlich blank gewordene Seite des Steinklotzes, damit wird ihr Wunsch wahr werden soll. Natürlich gibt es keine empirische Erhebung über das Ergebnis, aber die Insulaner sind fest von ihrem „Babystein“ überzeugt.

Mal sehen, ob der Babystein wirkt

Nur ein paar Schritte, hinter dem Ufer, zeugen Holzkreuze von einer Katastrophe, die sich während des 2. Weltkrieges hier abgespielt hat. Das estnische Kriegsschiff Eestirand, beladen mit Wehrpflichtigen, wird von der deutschen Luftwaffe angegriffen und beschädigt. Entgegen der befohlenen Weiterfahrt setzt der Kapitän das Schiff hier auf dem nahegelegenen Prangli auf den Strand. Über 40 Menschen kamen dabei ums Leben, aber 2700 Soldaten konnten durch ihre Flucht der Mobilmachung nach Leningrad entgehen. Ein Rettungsring ziert das 4 Meter hohe Holzkreuz. „Die Verschrottung des Schiffes nach dem Krieg hatte gewisse Vorteile für die Bevölkerung. Habt ihr euch nicht über runde Fenster in den Häusern gewundert? Wie kann sich denn ein normaler Fischer ein Bullauge dafür leisten?“ Dann geht es durch Kiefernwald zurück zur Fähranlegestelle.

Die Altstadt von Tallinn ist Weltkulturerbe

Gelungenes Nebeneinander von Geschichte und Moderne

Es riecht sehr intensiv. Doch die Auswahl der Fischhalle in Tallinns Markt ist überwältigend: Lachs, Forellen, Austern, Knurrhähne, Krabben; die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen. Hier deckt man sich als Feinschmecker mit Spezialitäten wie z. Bsp. Kaviar ein. Im Freien an den Obst- und Gemüse-Ständen geht es farbiger, aber nicht weniger vielfältig zu. Jahreszeitlich entsprechend werden Pfifferlinge, Blaubeeren, Preißelbeeren und Cranberries angeboten. Richtig interessant wird es ein Stockwerk höher, wo „Antiquitäten“ feilgehalten werden. Zum Stöbern sollten Besucher genügend Zeit mitbringen.

Im alternativen Viertel Telliskivi bei den Markthallen

Gar nicht antiquiert geht es in Telliskivi zu. Der einst graue Stadtteil hinter dem Bahnhof hat über die letzten Jahre in ausgedienten Fabrikhallen Raum geschaffen für junge kreative Künstler und eine ausgesuchte Gastronomie. Bunte Wandgemälde geben den alten Gemäuern ein neues Gesicht.  Egal, ob es sich um Arbeiten in Holz oder um Kleidungsstücke handelt: grundsätzlich ist skandinavisches Design Vorbild für schlichte elegante Formen, denen edle Materialien eine besondere Note verleihen. Im Fotografie Museum, das seine Wurzeln in Stockholm hat, werden wechselnde Ausstellungen von weltweit anerkannten Fotografen gezeigt.  In der Fotografiska sind jedoch nicht nur preisgekrönte Fotos zu sehen. Die Konzeption sieht eine Kombination aus Kunst, gutem Essen, Musik und Austausch liberaler Denkweisen vor. Hoch oben auf dem Dach des Gebäudes werden Gerichte serviert, deren Produkte aus dem eigenen Garten oder nahegelegenen Anbietern zu delikaten Gerichten verarbeitet werden. Dazu gibt es eine erlesene Weinauswahl.

Das Auge isst mit in vielen Restaurants Tallinns

Die estnische Hauptstadt mit etwa 427.000 Einwohnern hat viele Seiten. Auf dem Rathausplatz, im Herzen der Altstadt, herrscht emsiges Treiben. Ein in mittelalterliche Gewänder gekleidetes Mädchen verkauft gebrannte Mandeln. Die „Olde Hansa“ lädt zu traditionellen Gerichten ein. Alte Kaufmanns-Häuser erzählen die Geschichte des damaligen Wohlstands als Hansestadt. Eindrucksvoll sind all die Türme, welche vom Domplatz über der Stadt besonders gut zu sehen sind. Erwähnenswert auch all die Andenken-Geschäfte, in denen Bernstein verkauft wird. Diese honigfarbenen, unbehandelt unscheinbaren, Harztropfen mit Millionen Jahren alten eingeschlossenen Kleinstlebewesen erzählen Naturgeschichte.

Mittelalterlicher Marktstand in Tallinns Altstadt

„Wissen Sie, wofür Fledermauspulver gut war?“ Die von der Apothekerin Angesprochenen wollen es lieber nicht wissen. In der ältesten Apotheke Europas, in einer Seitenstraße, finden sich allerlei Kuriositäten. Ein Brot aus Mandeln galt einst als Wundermittel gegen Liebeskummer, und gegen Depressionen half angeblich bzw. immer noch: Panis Martius – das berühmte estnische Marzipan.

Der weite Marktplatz im Zentrum der Altstadt (oben und unten)

Seit 1997 gehört die Altstadt von Tallinn zum UNESCO Weltkulturerbe. Unter anderem wegen des gotischen Rathauses aus dem 13. Jahrhundert, den Gildehäusern, den mit Kopfstein gepflasterten Gässchen und der gut erhaltenen Stadtmauer mit all ihren Türmen. Heutzutage ist Tallinn eine gut besuchte Hauptstadt. Durch die günstigen und schnellen Verbindungen mit der Air Baltic von mehreren deutschen Städten aus gelangt man meist in weniger als zwei Flugstunden nach Tallinn. Der Flughafen ist sehr gut strukturiert und überschaubar mit vergleichsweise kurzen Wegen.

Abwechselnd in fremden Händen

Kaufen und verkaufen: Letztendlich verdankt die alte Hansestadt an der Tallinner Bucht ihren Wohlstand dieser Tatsache. Dabei wurde oftmals ein hoher Preis bezahlt.

Dänen erobern 1219 die auf dem heutigen Domberg errichtete altestnische Bauernburg. Es folgt eine 770-jährige Fremdherrschaft Estland, hin und wieder von kurzen Perioden der Unabhängigkeit unterbrochen. Eine 16 Meter hohe Stadtmauer mit 46 Türmen umschließt die Altstadt. Gut erhalten ist sie heute noch eine Attraktion. Deutsche Kaufleute und der Schwertritterorden übernehmen die Stadt, welche einen guten Ausgangspunkt für den Handel bietet. Durch den Beitritt zur Hanse kehrt Wohlstand in Reval ein, wie Tallinn einst genannt wurde. Auch Schweden, Polen und vor allem Russland übernehmen zeitweise die Herrschaft und hinterlassen ihre Spuren. Im Jahre 1918 erklärt Estland sich für unabhängig, jedoch nur für kurze Zeit, bis Russland wieder das Sagen hat. Geblieben ist die russisch-orthodoxe Kirche Alexander Newski auf dem Domberg.

Die Alexander-Newski Kathedrale auf dem Domberg

Während des 2. Weltkrieges werden Intellektuelle nach Sibirien deportiert, Deutsche errichten Konzentrationslager. Besonders eindrucksvoll erinnern Gefängniszellen des KGB an die Vergangenheit. Heute sind sie als Museum Besuchern zugänglich.

Als im Sommer 1988 auf dem Sängerfeld 300.000 Menschen die verbotene Nationalhymne singen ist das der Anfang der „singenden Revolution“. Eine Veränderung bahnt sich mit dem „Baltischen Weg“ an. Sechshundert Kilometer lang ist die Menschenkette, die durch das gesamte Baltikum verläuft. Am 8. Mai 1990 erklärt der Oberste Rat der Estnischen Sowjetischen Sozialistischen Republik unter dem Vorsitzenden Arnold Rüütel einseitig seine erneute Souveränität unter der Bezeichnung Republik Estland, die es 1991 zusammen mit Litauen und Lettland durchsetzen kann.

Was für eine Mammutaufgabe für die junge Republik neue Staatsformen auf allen Gebieten einzuführen. Estland gelingt in den letzten Jahrzehnten der Sprung in die Moderne. Es war und ist führend bei der Versorgung des Landes mit WLAN. Auch die Erfindung von „Skype“ gelang estnischen Tüftlern. Heute ist das Unterrichtsmaterial an Schulen komplett digitalisiert. Auch der Kauf eines Marzipan-Schweins erfolgt mit Karte.

Wer einmal die Menschen singen hört, wenn sie „mein Vaterland, mein Glück meine Freude“, anstimmen, der versteht, was diesem Volk ihre Freiheit bedeutet.

Das Barockschloss Katharinental im Kadriorg-Park am östlichen Stadtrand von Tallinn

Nach all den Eindrücken bietet der Kadriorg-Park mit seinen alten Bäumen Erholung. Der grüne Vorort entsprang einer Idee Zar Peter I. Neben dem Barockschloss Katharinental befindet sich nicht weit entfernt das 2006 eröffnete neue Estnische Kunstmuseum Kumu, mit einer umfangreichen Sammlung einheimischer Kunst.

Lahemaa-Nationalpark

Die Stadt hinter sich lassend ist man innerhalb kurzer Zeit unterwegs in der Natur. Straßen werden enger, was bei dem geringen Verkehrsaufkommen kaum eine Rolle spielt. Rechts und links dehnen sich endlose Kieferwälder aus. Wir sind unterwegs im Lahemaa Nationalpark, den es bereits seit 1971 gib, also schon zu Zeiten der Sowjetunion. Endlose Wanderwege kreuzen das 724 Quadratkilometer große Naturschutzgebiet, auch „Land der Buchten“ genannt. Charakteristisch sind die weit ins Meer reichenden Halbinseln, spärlich besiedelt von Fischerdörfern wie Altja und ehemaligen Gutshöfen.

Von einem Aussichtsturm schweift der Blick über das Virus-Hochmoor im Lahemaa-Nationalpark

Weiter im Süden des Nationalparks führt ein Bohlenweg führt durch das Viru-Hochmoor und ermöglicht eine Erkundung des feuchten Terrains.  „Na, was hast du denn in deinem Eimer gesammelt?“ Unterwegs mit Anne Kurepalu treffen wir auf einen Einheimischen mit gesammelten Cranberries, die in dieser Landschaft üppig gedeihen. Das unter Naturschutz gestellte Feuchtgebiet mit verlandenden Seen, umgeben von Schilfgürteln, durchsetzt mit rot leuchtenden Moosen und Birken, ist Heimat für selten gewordene Pflanzen. Die Dicke der Torfschicht beträgt 3 bis 4 Meter. „Seht mal da wächst ein langblättriger Sonnentau.“ Anne ist hier zuhause und hat ein gutes Auge für versteckte Besonderheiten.

Anschließend besuchen wir mit ihr eine Ausstellung über prähistorische Felszeichnungen.

„Dieser Künstler ruderte während des Krieges 80 Kilometer über die Ostsee nach Helsinki in die Freiheit. Es dauerte Jahre, bis seine Hände wieder einen Pinsel halten konnte. Das hier ist sein erstes Werk, als er wieder malen konnte.“ Jaan Manitski, ehemaliger Außenminister Estlands, deutet auf ein Bild, wo ängstlich zusammengeduckte Menschen zu sehen sind. Längst ist die Privatsammlung Jaan Manitskis, mit Hunderten von Originalen, nicht nur im idyllisch an einer Bucht gelegenen Fischerort Viinistu bekannt. Er schuf aus einer alten Fischverabeitungs-Fabrik ein sehenswertes Museum für Künstler. In Nebengebäuden finden Theater- und Musikveranstaltungen statt.

Der Kunstmäzen Jaan Manitski in seiner Ausstellung

Mit 1,3 Mio Einwohnern auf ungefähr 45.000 Quadratkilometern ist Estland äußerst dünn besiedelt und verfügt nur über ein Siebtel der Einwohnerzahl pro Fläche verglichen mit Deutschland. Unter den Bewohnern haben sich auch etliche Minderheiten etabliert. Dabei ist der Anteil der Russen am höchsten. Altgläubige haben sich am Ufer des größten Sees Estlands, dem Peipussee niedergelassen. Als in ihrem Ursprungsland, wo orthodoxe Glaubensrituale modernisiert wurden, flohen sie ins Nachbarland, wo sie nach alten Auslegungen leben konnten. Vertreten ist auch eine andere russisch-orthodoxe Gruppe: Setukesen sprechen sogar noch ihre eigene Sprache, das Seto. Es zählt zur finno-ugrischen Sprachfamilie. Die Mehrzahl der Esten gehört jedoch der evangelisch-reformierten Kirche an.

Originelle Präsentation einer Speisekarte im Restaurant Rado in der Altstadt

Diese Minderheiten und eine Mischung verschiedener Nationalitäten, haben Estlands Küche beeinflusst. Typisch, die russische Rote-Beete-Suppe mit allerlei Zutaten. Weg von der Hausmannskost hat sich sehr viel auf dem Gourmet-Sektor getan. Frisch gefangener Fisch und anderes Meeresgetier raffiniert zubereitet, verbunden mit einheimischen Zutaten. Großen Wert wird auf Obst und Gemüse aus dem eigenen Land gelegt. Deshalb stehen im Herbst oftmals Pilze und Beeren auf dem Speiseplan. Eine Augenweide ist die künstlerische Gestaltung der servierten Mahlzeiten. Kräuter und Blüten werden integriert. „Wo ist die Petersilie? Ist das Fleisch schon fertig? Am Tisch vier muss Wein nachgeschenkt werden“; Michelin Starkoch Matthias Diether überschaut alles, während er selbst bei der Zubereitung in der offenen Küche Hand anlegt. Sein Nobel- Restaurant 180° im historischen Noblessner Hafen ist nicht nur in Tallinn bekannt. Wer weniger formell speisen möchte findet nicht nur in der Hauptstadt sehr individuelle Speiselokale. Mal sind es ehemalige Fabrikhallen, mal Sommerhäuschen mit Blick auf die Ostsee. Jedes trägt die individuelle Note des Betreibers. Speisekarte und Interieur ergänzen sich harmonisch. Als kulturelle und kulinarische Botschafter stiften Restaurants in Estland gleichzeitig eine neue Form von Identität.

Anmerkung: ein ausführlicher Infokasten befindet sich im Anschluss von Teil 2

 

Geschrieben von
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