Von St. Bartholomä über den Funtensee ins Steinerne Meer

Es gibt Wanderungen, nach denen ist man nur erschöpft. Und es gibt die, da ist man zwar auch erschöpft, aber zugleich tief berührt, dass man hier unterwegs sein darf. So geht es meiner Tochter und mir, als wir von St. Bartholomä am Königssee zum Funtensee aufsteigen und von dort aus das Steinerne Meer durchwandern und dort die Einsamkeit dieser großartigen Landschaft erleben.

Morgendliche Ruhe in Schönau

Türkisgrün, mit leicht gekräuselter Oberfläche präsentiert sich der Königssee früh am Morgen. Sonne und Wolken zaubern ein Licht-Schattentheater auf dem See und den Bergen. Wir sind mit dem ersten Schiff von Schönau nach St. Bartholomä unterwegs. Unser Ziel sind der Funtensee und das Kärlingerhaus im Herzen der Ferienregion Berchtesgadener Land. Seit ich vor vielen Jahren gehört habe, dass es an dem Bergsee im Winter minus 45,9 Grad kalt sein kann, steht der Kältepol Deutschlands auf meiner Bucket-Liste. Jetzt, im Hochsommer, ist es endlich so weit. Wir starten mit dem Zustieg zum Kärlingerhaus, am zweiten Tag folgt eine Runde durch das Steinerne Meer und am dritten geht’s wieder runter zum Königssee.

Steiler Anstieg

Blick auf Salet und das Steinerne Meer

In St. Bartholomä laufen wir erst mal für eine Weile am See entlang. Doch der gemütliche Start trügt: 1111 Höhenmeter auf einer Strecke von rund zehn Kilometern liegen vor uns. Dann geht es steil bergauf. Der Weg schlängelt sich in Serpentinen durch den Wald, der immer wieder weite Blicke auf den Königssee preisgibt. Am Schrainbachfall, der wild tosend in die Tiefe stürzt und dessen Wasser sich in dunklen Gumpen sammelt, legen wir einen Fotostopp ein und einen Müsliriegel nach. Denn der kräftezehrende Teil liegt noch vor uns: die berühmt-berüchtigte Saugasse.

Die Saugasse: 400 Höhenmeter in 36 Kehren

Berühmt-berüchtigt: die Saugasse

Als wir diese erreichen, liegt sie fast noch komplett im Schatten. Es hat sich also gelohnt, früh aufzubrechen. Die Saugasse überwindet in 36 steilen Kehren auf einer kurzen Distanz rund 400 Höhenmeter. Zu beiden Seiten ragen die Felswände von Schunkelberg und Simetsberg auf, dazwischen staut sich im Sommer die Hitze. Ich lege mir eine Strategie zurecht, teile die Kehren durch vier, nehme mir vor, in jeder neunten eine kurze Verschnaufpause einzulegen. So schrauben wir uns rasch nach oben, Kehre für Kehre. Am Ende sind wir uns einig: alles halb so schlimm, solange die Sonne einen nicht grillt. Das passiert dann doch auf dem letzten Abschnitt: Hier gibt es kein Entkommen, bis wir nach weiteren 300 Höhenmetern nach insgesamt vier Stunden das Kärlingerhaus erreichen.

Naturschutz mit Geschichte
> 1910: Pflanzenschonbezirks Berchtesgadener Alpen eingerichtet
> 1921: Naturschutzgebiet Königssee ausgewiesen
> 1978: Gründung des Nationalparks Berchtesgadener Land
> mit Fläche von 210 km² einziger Alpennationalpark Deutschlands im Eigentum des Freistaats Bayern
> rund 230 km Wanderwege und alpine Steige
> Lebensraum von Steinadler, Murmeltier, seit einem Wiederansiedlungsprojekt von Bartgeiern
> Teil der UNESCO-Biosphärenregion Berchtesgadener Land
> Infozentrum Berchtesgaden: Haus der Berge (www.haus-der-berge.bayern.de)

Versorgung mit dem Heli

Das Kärlingerhaus erreichen wir nach vierstündiger Wanderung.

Das Kärlingerhaus zählt zu den größten und meistbesuchten Hütten im Steinernen Meer: 158 Lagerplätze, 42 Betten in Mehrbettzimmern, auch als wir einchecken, ist das Haus des Deutschen Alpenvereins restlos ausgebucht. Von Juni bis Mitte Oktober ist es ein wichtiges Etappenziel für Mehrtagestouren im Nationalpark Berchtesgadener Land und für den Übergang ins österreichische Naturschutzgebiet Salzburger Kalkhochalpen. Erreichbar ist das Kärlingerhaus an der Pforte zum Steinernen Meer nur zu Fuß oder per Hubschrauber. Eine Materialseilbahn gibt es nicht, also fliegt der Heli einmal pro Woche Bier, Getränke und Proviant ein. Man schmeckt es am Preis: sieben Euro eine Halbe Bier.

Umgekehrte Baumgrenze

Der Kältepol Deutschlands: Am Funtensee gibt es das seltene Phänomen der umgekehrten Baumgrenze.

Direkt unterhalb der Hütte liegt der Funtensee, das eigentliche Ziel meiner Reise. Sein Wasser schimmert smaragdgrün in der Nachmittagssonne, kaum zu glauben, dass hier im Winter eisigste Kälte herrscht. Im Hochsommer aber ist das Wasser verführerisch warm, so dass meine Tochter kurzerhand eine Runde durch den See schwimmt. Ich widme mich derweil der sonderbaren Vegetation. Rund um den See verläuft die Baumgrenze umgekehrt. Schuld ist das extreme Mikroklima: Nachts sinkt die eiskalte Luft wie in eine Badewanne in den geschlossenen Kessel und verlangsamt dort die Vegetation. Der Talboden ist deshalb ohne Bäume; erst weiter oben, mit zunehmender Höhe, beginnt der dichte Bergwald. Nur einen Steinwurf entfernt liegt die Hütte der Enzianbrennerei Graßl. Diese destilliert dort seit 1692 in reiner Handarbeit aus wilden Enzianwurzeln den Funtensee-Edelbrand. Der wärmt von innen, nachdem er sieben Jahre in der Kühle eines Bergstollens gereift ist.

Im Regen geht Sicherheit vor

Beim Riemannhaus öffnet sich ein atemberaubender Blick ins Hochkönig-Massiv.

Bei leichtem Nieselregen brechen wir am nächsten Morgen zu unserer Tour durch das Steinerne Meer auf. Ursprünglich wollten wir im Riemannhaus auf 2.177 Metern Höhe übernachten, dann nach Maria Alm absteigen. Doch mit Regen und drohenden Gewittern verwerfen wir diesen Plan: Der steile, teils versicherte Abstieg ist kein Terrain, das wir bei diesem Wetter begehen wollen. Sicherheit geht vor.

Baden im Meer aus Stein

Also wandern wir vom Kärlingerhaus über das Baumgartl zum Salzburger Kreuz, dem Hauptweg durch dieses Karsthochplateau. Es breitet sich zwischen Watzmann, Hagengebirge und Hochkönig aus wie ein zu Stein erstarrtes Meer. Linkerhand ragt die Schönfeldspitze wie ein Wächter auf. In ständigem Auf und Ab überwinden wir 590 Höhenmeter, drei Stunden lang, und in dieser Zeit begegnet uns kein Mensch. Nur wir, ein paar Schafe, die uns ein Wegstück begleiten, und dieses scheinbar wogende Gestein, aus dessen Spalten hie und da ein Almrausch sprießt: pink und unverwüstlich in einer Landschaft, die sonst nur 1000 Grautöne kennt.

Einsamkeit im Viehkogeltal

Zurück zum Kärlingerhaus wählen wir die Variante durchs Viehkogeltal, die sich bald vom Hauptweg abzweigt. Kein Mensch ist hier zu sehen, die Route ist gut marktiert, aber fast kaum begangen, Orientierungssinn und Trittsicherheit sind auf jeden Fall gefragt. Wie gut, dass wir die AV-Wanderkarte eingepackt haben. Vier Stunden sind wir in dieser kargen Weite unterwegs, ohne Baum, ohne Bach, nur unser eigener Atem und das Klacken unserer Stöcke auf den Felsen. Trotzdem beklemmt uns diese Einsamkeit nicht, sondern klärt unsere Gedanken und berührt unser Innerstes, so als würde uns das Steinerne Meer mit jedem Schritt ein Stück mehr von seiner Ruhe geben.

Radler und Kässpatzen als verdienter Lohn

Radler und Kässpatzen schmecken auf der Terrasse des Kärlingerhauses an diesem Abend wie ein verdienter Lohn. Am nächsten Morgen steigen wir zufrieden nach St. Bartholomä ab, der steile Weg fordert beim Abstieg unsere Knie mehr, als es beim Aufstieg unsere Lunge tat. Ohne Sonne, dafür mit tief liegenden Wolken und Nieselregen mutet die Natur mystisch an. Die Feuchtigkeit lockt überall Alpensalamander aus ihren Verstecken, mitten auf den Wegen kriechen sie unseren derben Wanderstiefeln entgegen, wir heben sie mit Blättern ins Gras am Wegesrand. Unten angekommen, tauchen wir die Füße in den See: türkisgrün, so kühl, so klar, als hätte er auf uns gewartet.

Zustiege und Touren im Steinernen Meer

Alle Touren sind konditionell anspruchsvoll, erfordern Trittsicherheit, Schwindelfreiheit und einen guten Orientierungssinn.

  • Kärlingerhaus (1.630 m, Funtensee): von St. Bartholomä über die Saugasse (1.100 Hm, ca. 4:30 Std., einfach, gute Kondition erforderlich) oder von Salet über den Sagerecksteig (1.250 Hm, ca. 5 Std., schwer, teils versichert)
  • Riemannhaus (2.177 m, Ramseider Scharte): von Saalfelden über den Ramseidersteig (ca. 4 Std.) oder von Maria Alm/Sandten über einen seilversicherten Felssteig (ca. 2,5 Std., 1.047 Hm)
  • Almer Wallfahrt: Aufstieg in der Dunkelheit von Maria Alm über Riemannhaus ins Steinerne Meer und von dort über Kärlingerhaus nach St. Bartholomä (1.550 Hm Aufstieg, 2.100 Hm Abstieg, 32 km, 9 Std.). Sie findet bei jedem Wetter jeweils am Samstag nach dem Bartholomäustag (24. August) statt, Termine: almerwallfahrt.de/
  • Ingolstädter Haus (2.119 m, Dießbachscharte): von Weißbach/Pürzlbach über Kallbrunnalm und Dießbachstausee (1.275 Hm, ca. 5 Std.); Hausberg Großer Hundstod (2.593 m)
  • Peter-Wiechenthaler-Hütte (1.752 m, Kienalkopf): vom Parkplatz Bachwinkl/Saalfelden (850 Hm, ca. 2,5 Std., auch für Kinder machbar)
  • Wasseralm (1.423 m, in der Röth): Zustieg von Salet über den Röthsteig, vorbei am Röthfall (890 Hm, ca. 3 Std.), Teil der „Großen Reibn” (Königssee-Umrundung über Hagengebirge und Steinernes Meer)

Weitere Informationen unter: www.alpenvereinaktiv.com und www.berchtesgaden.de.  

Titelbild: Das Kärlingerhaus liegt im Zentrum einer aufregenden Wanderregion; Bilder: Constanze Mauermayer, Lilian Nagel (1)

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Constanze Mauermayer

Autor Kurzvorstellung:

Constanze liebt es, auf Reisen die Welt zu entdecken, Menschen zu treffen und Geschichten zu erzählen. Die Journalistin freut sich, ihre Erlebnisse auf den Reise-Stories zu teilen. Bei der Auswahl ihrer Ziele hält sie es mit der Schriftstellerin Susan Sontag, die einmal gesagt hat: „Ich war noch nicht überall, aber es steht auf meiner Liste."

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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