Val di Fassa: Dreht der Sellaronda den Rücken zu!

Man muss sich nicht viele Meter vom Golden Park Hotel in Campitello di Fassa entfernen, um – zumal im bronzefärbenden Licht der Sonne – wunderschöne und dramatische Felsformationen in der Höhe bewundern zu können. Und erstaunt stellt man nach einer Weile angestrengten Überlegens fest, dass man die vermeintlich fremden Gebirgsformationen ja doch kennt, gut kennt. Nur von einer anderen Seite. Aber die Berge der Dolomiten haben keine Schokoladenseiten, sie faszinieren im 360-Grad-Rund. Zu sehen sind von Campitello aus Lang- und Plattkofel, der Sella-Stock und das Pordoijoch. Doch bekannt, weil regelmäßig besucht, sind die Ansichten vom alpinen Zentrum der Welt von Dolomiti Superski von den Pisten rund um die Sellaronda aus. Denn die ist, wie es der Präsident von Dolomiti Superski, Sandro Lazzari, ausdrückt, der Bezugspunkt, il punto di riferimento.

Noch etwas kommt hinzu. Es gibt in der deutsch- und ladinisch geprägten Vorstellungswelt Südtirols drei Zonen der Solidität, die eigene, die gemäßigt akzeptable des Trentino und dann die Provinz Belluno in der Region Veneto, in der, wie einem hinter kaum vorgehaltener Hand kommuniziert wird, nichts geht. Natürlich spielt da viel Historie mit, nicht zuletzt das nicht umgesetzte Referendum aus dem Jahre 2007, das eine Vereinigung der ladinischen Gemeinden des Souramont mit Südtirol entschieden hatte. Und wenn – beispielsweise – der kühne Plan des Georg Eisaths einer „Ronda“ um den Latemar scheitert, dann – natürlich – sind die Verantwortlichen jenseits des Karerpasses schuld. Dort sieht man das indes anders.

Aber auch dort im trentinischen Val di Fassa meint man, es spiele die Musik des Erfolges am Punto di Riferimento. Daher hat man das im Schatten – nicht der Sonne, nur des Wohlstandes – liegende Fassatal gleich mehrfach mit der gelobten Sellaronda verknüpft wie die Mäuler von Ferkeln mit den lebensspendende Zitzen einer Sau. Von Campitello geht eine Bahn zum Col Rodella oberhalb des Sellajochs, von Canazei zum Pecol und jetzt eine von Alba zum Col dei Rossi und zum Belvedere. Eine Piste, vom Lupo Bianco nach Canazei, führt zurück.

Nun sind fast alle Skigebiete des Val di Fassa  (Pozza-Buffaure, Alba-Ciampac, Canazei-Belvedere und Campitello-Col Rodella) bis auf den Karerpass und Fedaia-Pass/Marmolada miteinander verbunden. Dies bedeutet 73 Kilometer präparierte Pisten, ohne sich die Ski abschnallen und auf den Skibus warten zu müssen. Nun kann sogar auch, wer in Pozza oder Vigo di Fassa nächtigt, mit schwebendem Transport-Gerät den Weg zur Sellaronda schaffen. Pozza ist der Ort, den Eisath mit Carezza und Welschnofen verbinden wollte, wobei der Streit, wer die Urlauber aus den 55 000 Betten des Tales auf seine Pisten zieht, gegen den Schneefabrikanten entschieden ist. Insgesamt verfügt die Skiregion Val di Fassa über 210 Pistenkilometer, welche von 83 Liftanlagen bedient werden.

Wer sich aber bewusst von den dominierenden Felsen des Langkofel losreißt und der Sellaronda den Rücken zudreht. Der überlebt eine Überraschung. Da ist nämlich ein staufreies Skigebiet aus der Verbindung von Buffaure und Ciampac entstanden und eine neue Skitour, die ihren Namen Panorama zu Recht trägt. Die vielen Namen sind verwirrend, aber wer bewusst auf die große Rundtour verzichtet und sich die einzelnen leichten bis mittelschweren Pisten in Ciampac und Buffaure unter die Skier oder das Board nimmt, bekommt bald eine Vorstellung davon, dass es auch außerhalb der Sellaronda, ja auch außerhalb Südtirols Bezugspunkte gibt, die man mit dem Skipass von Dolomiti Superski erreichen kann. Vor allem die Pisten, die nicht der Reise von A nach B, sondern nur dem lustvollen Gleiten von oben nach unten dienen, wie die Sasso di Rocca oder die Buffaure di sotto, machen den Charme des Gebietes aus. Zur Unterbrechung lädt eine Reihe von Hütten, Rifugi und Baite, wie die Baita Valeruz an der Bergstation Ciampac ein, nicht so chic und elegant wie die Hütten des Piz la Ila, aber preiswert und wie diese mit lokaler Kost. Und wer sich so aus alten Gewohnheiten löst, der erkundet dann mit frischem Mut weitere „Zonen“ in den 12 Mitgliedstälern.

Wer der Sellaronda den Rücken zudreht, der mag vielleicht die haubengeschmückten Restaurants von Alta Badia vermissen, aber im El Pael in Canazei trafen wir Roberto Anesi, der 2017 zum besten Sommelier Italiens gekürt worden war, und Tröpfchen im Angebot hatte, die auch in Sankt Kassian niemand verschmäht hätte, dazu deutlich preiswerter als dort. Und der Risotto al Teroldego Rotaliano e Mortandela della Val di Non, eines der vielen Gerichte, bestätigte, dass sich das El Pael, benannt nach einem alten Polenta-Topf, zurecht zu den acht typisch Trentiner Osterien zählen darf. Es gibt auch einige Hütten auf den Bergen des Fassatals mit Gourmet-Angeboten, aber wer dort den Abend bei ladinischer Kost ausklingen lassen will, muss vorher bestellen (und seine Talfahrt organisieren).

Nicht nur das Panorama, die Pisten und die Gastronomie rechtfertigen die längere Anfahrt, (eine Stunde haben wir von der Autobahnausfahrt Bozen-Nord gebraucht), das Kulturinstitut „Majon di Fascegn“ in Vigo, das in einem renovierten Heustadel, dem Tobià de la Pieif, untergebracht ist, lohnt den Besuch. Das Leben der „Mare (Mutter) del Pordoi“ und die ladinische Welt zur Zeit des Ersten Weltkrieges wird in dem lesenswerten Buch „Dal Pordoi a Katzenau“ von Maria Piaz de Pavarin geschildert, und dann wird in dem eintönigen

Siedlungsmisch, das nur von einigen traditionellen Lüftlmalereien an den Hauswänden unterbrochen wird, eine Kultur erkennbar, die nicht nur sprachlich im Vergleich zu Alta Badia oder zum Grödnertal ihre Eigenständigkeit bewahrt hat. Ruft man sich hier „prost“ zu, sagt man laut „vives“. Das freut die Einheimischen und ihre Sagengestalten, und die Dolomitenfelsen lächeln errötend zurück.

Der Langkofel von der anderen Seite
Flagge im Wind
Sonne und Schnee, ein Traum im Fassatal
Geschrieben von
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