Välkommen till StÖkoholm

Der Sommer 2019 in Stockholm ist wie immer und doch anders. Man versucht in der Altstadt, der Gamla Stan, ein Zimmer zu bekommen, das nicht zur umgehenden Privatinsolvenz führt, dann geht man seine Runde zur Begrüßung der Stadt. Gerne sucht man die Ziele, die man kennt und die es erlauben, dieses heimatliche Gefühl des Sich-Auskennens zu verstärken. Ein Besuch in der deutschen Kirche St. Gertrud, der tyska Kyrkan, die für den kommenden Sonntag zu einem Gottesdienst in deutscher Sprache einlädt, dann an dem Standbild Carl von Linnés vorbei, dem Naturforscher, zum Stortorget, dem Markt, zur finnischen Kirche, dem Dom, der Storkyrkan, dem königlichen Palast, dann hinüber nach Riddarsholmen mit dem Blick auf das Stadhuset und den hoch über die Stadt ragenden Häuser von Södermalm zur Linken. Alles da. Und natürlich wird der Versuch unternommen, die Figur des Evert Taube, des legendären Troubadours, fotografisch so ins Bild zu setzen, dass es eine geniale Komposition mit Meer, Rathaus, und wenn man Glück hat, mit einer Möwe ergibt.

Bild ganz oben: Spielt das Lied der Ökologie, der Troubadour von Stockholm

So ist dieses Sommer ein Sommer wie jeder. Mein schaut, was es Neues gibt, da fällt auf, dass T-Centralen so grundlegend neu gebaut wird, dass man sich nach jeder Metro-, Straßenbahn- und Bus-Verbindung getrennt erkundigen muss. Und rund um die Station Slussen wird ebenfalls gebaut, die ganze Küste bis zum Fotografie-Museum ist eine Baustelle. Wenn man mit dem Katarina Aufzug, der in diesem Jahr wieder in Betrieb genommen wurde, in die Höhe fährt, hat man einen weiten Blick über die Stadt und die nahen Inseln bis hin zu dem beleuchteten Gestänge der Eclipse, einer Attraktion im Gröna-Lund Freizeitpark, der das ganze Jahr über in Betrieb ist. Wenn man sich ein Kettenkarussell vorstellt, das einen in schwindelnden Höhen durch die Luft reißt, hat man eine Vorstellung, wie dieses Fahrgeschäft funktioniert.

Auf der Insel Djugarden warten die Vasa, das Schiff, das seinen umjubelten Stapellauf nicht überlebte, das Nordische und das Abba-Museum auf ihre Besucher. Skansen, das open-air-Museum und der Zoo, sind ein Ziel der Stockholmer Familien.

Was wirklich auffallend anders ist, erschließt sich nicht in den Baustellen, auch nicht in dem kulturellen Angebot, das sich auf die zahlreichen Museen und das Kulturhuset stützt, das im Stadtzentrum zwischen den Haltestellen T-centralen und Sergels Torg liegt. Hier befinden sich Stockholms Stadttheater, Ausstellungen, Bibliothek und Kinderbereich. Das Konserthuset, Dramaten und Kungliga Operan liegen in der Nähe.

Man kann das Andere, das Neue, ein neues Selbstbewusstsein, eine veränderte schwedisch Identität nennen. Und sie macht sich zunächst daran fest, dass Schwedisch nicht mehr die Sprache für die Abgehängten ist, denen der Gebrauch des Englischen aufgrund mangelnder Bildung verwehrt ist. Schwedisch ist in, man spricht und schreibt es voller Stolz, die englische Übersetzung fehlt bisweilen. Gefährlich wird’s, wenn man meint, mit Deutsch durchzukommen. Öl ist nicht Öl, das heißt olja, sondern Bier, auf das man indes gut verzichten kann. Semester ist der Urlaub, das Semester wiederum ist der Termin. Und so weiter. Dass Englisch out ist, überrascht umso mehr, als man in dem liberalen Land gelegentlich einen Muster-Ableger der USA gesehen hat. Nun sieht sich Schweden selbst als Vorbild. Die Argumente: Sozialsystem, Gesundheitssystem und vor allem: der Umweltschutz. Und die Gallionsfigur des neuen Schweden heißt Greta Tintin Eleonora Ernman Thunberg, die Begründerin von Fridays for Future. Die wir allerdings nicht zu Gesicht bekommen, weil sie mit einem Segelboot auf dem Weg nach New York ist.

Doch auch ohne sie, ist der Bewusstseinswandel spürbar. Die ökologisch ambitionierten Schweden sind Vorreiter in Sachen Elektromobilität. Der CO2-Ausstoß liegt unter dem europäischen Durchschnitt, weil man schon zu Beginn der 1990er Jahre Steuern auf die Emission von Treibhausgasen einführte, als eines der ersten Länder weltweit. Vorbildlich ist auch Schwedens Müllbilanz. 99 Prozent aller Abfälle werden recycelt oder weiterverarbeitet. Die Hälfte davon wird verbrannt und zur Energiegewinnung genutzt, Waste-to-Energy heißt das Konzept. Secondhandläden für Gebrauchtes sind in. Ein Kaufhaus in Stockholm setzt komplett auf gebrauchte Waren, und die Regierung hat die Mehrwertsteuer auf Reparaturen von Elektrogeräten, Fahrrädern und Kleidungsstücken gesenkt.

Stockholm wurde 2010 zur ersten Umwelthauptstadt (Miljöhuvudstad) Europas. Die Stadt will bis 2050 auf fossile Brennstoffe verzichten. Schon heute meint man, von der Straße essen zu können, wir haben darauf verzichtet. Die Verwandlung eines Industriegebietes in ein klimaangepasstes Stadtviertel, Royal Seaport, konnten wir von dem Katarina Lift aus sehen. Bis neun Stockwerke ragen die ersten Häuser in den Stockholmer Himmel, die Straßenbahn fährt emissionsfrei, die Busse tanken Bioethanol und mit dem Fahrrad ist man in zehn Minuten in der Stadtmitte. Ein unterirdisches Mülltrennungssystem sammelt den Abfall per Vakuumsauger.

Stockholm, besser StÖkoholm, setzt auf nachwachsende Rohstoffe, und dabei gibt es heute in Schweden mehr Bäume als vor 100 Jahren.

Dem Sommerbesucher 2019 teilt sich das nicht direkt mit. Es gibt keine Führungen, keine Ausstellung. Es gibt jedoch – spür- und erkennbar – ein gewandeltes Bewusstsein, ein ökologisches Selbstbewusstsein. Zu spüren bekäme es allenfalls der Verwegene, der es wagte, sein Hotel in der Gamla Stan mit dem Pkw anzusteuern und dort auch noch zu parken.

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