Uprode, eine Burg mit viel Geschichte

Die Rast im Gasthaus zur Burgruine war verdient. Zwar war das Ziel, die Burg Uprode, noch nicht erreicht, aber angesichts der schwierigen Anreise, wer wollte eine Pause verwehren? Man gebe doch einmal in seinem Navi Uprode ein! Man kommt vielleicht nach New York, aber niemals hierher nach Oberfranken, etwa gleichweit entfernt von Asch in Tschechien und Hof. Aber das war nun geschafft, denn nach einer ausführlichen Recherche gab das geheimnisvolle Wort Uprode im Fichtelgebirge den Ort Weißdorf und dann das Gasthaus zur Burgruine frei. Hatte ich nun gedacht, die Wirtsleute würden mir freundlicherweise sagen, ich welche Richtung ich nun zur Burgruine zu gehen hätte, wurde ich enttäuscht. Ebenso wie die Hoffnung trog, irgendetwas über dieses verwunschene Gemäuer zu erfahren. Es war einfach kein Wirtsleut da, vermutlich Personalmangel. Die Zukunft der Gastronomie außerhalb der Hotspots des Tourismus wird wohl in Automaten liegen.

Die Gegend ist landschaftlich schön, das Fichtelgebirge erreicht 1000 Meter, alles ist sauber. Aber niemand ist zu Hause. Und kein Schild sagt dir irgendwas. Das Internet weiß mehr  und führte mich auf dem Weg zum Gasthof zur Burgruine zunächst nach Reuthlas, eigentlich nur um die Ecke. Dort gebe es den „Turmhügel Reuthlas“ zu besichtigen, eine „abgegangene mittelalterliche Turmhügelburg“. Holla, eine Sensation, da musste ich hin, lag ja auf dem Weg. Reuthlas ist ein Gemeindeteil von Konradsreuth. Also suchte ich dort eine „Mottenanlage“, nachdem ich gelernt hatte, dass eine Motte nicht nur ein textilienfressender Falter sondern auch ein in Holz errichteter mittelalterlicher Burgtyp ist. Der in Reuthlas sollte von den Walpoten genutzt worden sein. Walpoten? Das waren die Nachfahren von Walpoto, der 994 als Zeuge des Königs in einer Gerichtsverhandlung in Vicenza auftrat. Die Walpoten sind seine Nachfahren, die dem Schweinfurter Grafen nahestanden. Geschichte ist etwas herrliches, sie teilt einem ständig mit, dass man von ihr nichts weiß, deshalb auch nichts verstanden hat.

Nun gut, das wollte ich zumindest partiell in Reuthlas korrigieren. Aber ich fand die Motte nicht. Es ist nichts erhalten, der Turmhügel ist „verebnet“, erfuhr ich. Dass die Gemeinde es nicht einmal für wert erachtet hat, die platte Motte zu kennzeichnen, finde ich schwach.

Dann erfahre ich, dass in Großwalbur eine mittelalterliche Befestigungsanlage unter einem Acker gefunden wurde, wieder eine „Turmhügelburg”, oder Motte. Franken, ein Land der Motten? Sie wurde zufällig auf älteren Luftbildern entdeckt. Zufällig? Ja, wissen die Franken nicht, auf welchen Raritäten sie sitzen? Oder sie wollen es nicht wissen, damit die Bayern sie nicht nach München verschleppen.

Das alles half mir in der Gaststätte wenig. Also lief ich die wenigen Häuser des kleinen Dorfes Oppenroth in der Nähe der Gaststätte ab, und tatsächlich wies mir eine junge Frau den Weg: „Gehen Sie dort hinauf in den Wald, dort finden sie die Burgruine.“ Also machte ich mich auf den Weg. Hinweisschilder gab es nicht nur fröhliche Ermunterungen auf Holztafeln wie die des Mannes, der ohne Geld in der Börse sich in einem Lokal Muscheln bestellte, in der Hoffnung, mit gefundenen Perlen die Zeche zahlen zu können. Ich fand die Ruine nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch und den zufällig richtig gewählten Abzweigungen. Tipp: Immer bergauf.

Und tatsächlich, es gab anders als in Reuthlas etwas zu sehen, nicht viel, aber genug, um die Phantasie in Gang zu setzen, einen Torbogen und ein Stück Mauerwerk. Und zwei Meter weiter auf 603 Meter Höhe einen herrlichen Blick über das weite Land. Das Fichtelgebirge im Nordosten Bayerns hat mit dem Schneeberg und dem Ochsenkopf zwei Berge, die 1000 Meter hoch sind. Vier große Flüsse entspringen diesem Mittelgebirge im Herzen Europas: Main, Eger, Naab und Saale schicken ihr Wasser in alle vier Himmelsrichtungen. Zwischen Flüssen und Bergen erstreckt sich eine vielfältige Kulturlandschaft mit Äckern, Wiesen, beschaulichen Dörfer und Kleinstädten, die einst vom Erzbergbau und Industrie gut lebten.

Ein Schild erklärt in groben Zügen das Schicksal der Burg, wer mehr wissen will, muss recherchieren. Eine Bank lädt ein, Platz zu nehmen und sich mit Muße durch die mitgebrachten Texte zu wühlen.

Die Höhenburg Uprode wurde um 1320 von den Rittern von Sparneck zur Sicherung ihres Stammlandes erbaut. Sparneck ist ein Ort in der Nähe, und die Herren von Sparneck zählten 300 Jahre lang zu den wichtigsten Rittern Oberfrankens. Sie wohnten auf den Burgen Sparneck und Waldstein, im Roten Schloss, außerdem in Weißdorf, Stockenroth, Hallerstein, Gattendorf, Stein und eben Uprode. Ihre Lehengüter lagen größtenteils in einem Gebiet, das sich ungefähr mit dem früheren Landkreis Münchberg deckt. Dazu kam umfangreicher Besitz bis hinein ins Egerland sowie Rechte wie die hohe Gerichtsbarkeit, die bevorzugt mit dem Galgen ausgeübt wurde.

Es waren unruhige und grausame Zeiten in dieser Ecke zwischen Franken, Sachsen und Böhmen. Glaubenskriege, ethnische Konflikte, Streitereien zwischen weltlichen und geistigen Herren tobten. Der Hussitenkrieg beschädigte Uprode zum ersten Mal. Hussiten waren reformatorische Eiferer in Böhmen des 15. Jahrhunderts, die sich ab 1415 nach der Verbrennung des Theologen Jan Hus formierten. Die Hussiten wurden von böhmischen Adeligen unterstützt und kämpften gegen die böhmischen Könige, die damals auch römisch-deutsche Kaisers waren, und gegen die römisch-katholische Kirche. Wer will, kann tiefer in die Problematik einsteigen und landet dann beim 30jährigen Krieg, und irgendwann beim Streit ums Sudetenland. Und all das kann man an einer Ruine festmachen.

Am 11. Juli 1523 fand die Burg ihr jähes Ende. Schon wieder Geschichte! Durch den Schwäbischen Bund. Auf dem Nürnberger Reichstag erteilte Kaiser Friedrich III. am 26. Juni 1487 an die reichsunmittelbaren Stände ein Mandat, sich zusammenzuschließen. Es ging darum, den Fürsten, etwa dem Wittelsbacher Herzog Albrecht, etwas entgegenzusetzen. Die Lektüre in diesem Umfeld, die Mauerreste, der dichte Wald, das weite Land, das sich im Norden auftut, schöner kann kein Kino sein. Dann 1523 der Fränkische Krieg des Bundes gegen die Ritter um Hans Thomas von Absberg. Er überfiel Kaufleute und hohe Beamte, raubte sie aus oder erpresste Lösegelder. Seine Spezialität war es, Gefangenen eine Hand abzuhacken, um damit seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Er hatte Kaufleute aus der Reichsstadt Nürnberg entführt, von denen einige fliehen konnten und die Leute des Kaisers in Marsch setzten. Er wurde getötet. Die Sparnecker Ritter hatten dem Absberger erlaubt, seine Gefangenen in einem ihrer Verliese am Waldstein zu verstecken. Der Schwäbische Bund mit Nürnberg an der Spitze stellte ein gewaltiges Söldnerheer auf und veranstaltete ein beispielloses Strafgericht zwischen Odenwald und Fichtelgebirge. 10 000 Fußknechte und 1000 Reiter wurden mit 40 Geschützen und 100 schweren Büchsen sowie 900 Zentner Pulver von Dinkelsbühl aus in Marsch gesetzt. Der gewaltige Zug kam am 8. Juli 1523 in Sparneck an und schlug dort sein Lager auf.

Dieser Fränkische Krieg beendete auch die Ära der Ritter von Sparneck. Geschleift wurden ihre Burgen und Schlösser. Davon und dem Verlust ihres Stammlandes erholten sie sich nicht.  Der Kriegsberichterstatter Hans Wandereisen hielt die Vernichtung von 23 Burgen samt der Stadt Aub auf Holzschnitten fest. Es ging nicht nur gegen Raubritter, es ging auch gegen die Landbevölkerung, die sich mit dem niederen Adel solidarisiert hatte. 1525 war der Bauernkrieg, wie er überregional hieß, entschieden.

Die Burg Uprode ist seit diesem 11. Juli 1523 eine Ruine. Ein gnädiger Wald bedeckt Mauerreste, Fundamente und Teile des gesprengten Turmes. Grabungen und Maßnahmen zur Sicherung hat es bisher nicht gegeben. Der Orkan Kyrill 2007 verursachte weitere Schäden.

Ja, und wenn nichts passiert, denke ich auf dem Weg zurück zur Gaststätte, dann wird die Burg Uprode das Schicksal der Turmhügelburg Reuthlas erleben, sie wird verebnet, eine tote Motte mehr. Die Gaststätte war immer noch geschlossen.

BU: Die Burgruine Uprode in Oberfranken; Copyright: hhh

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Hans-Herbert Holzamer

Autor Kurzvorstellung:

Freier Journalist und Autor

Hinweis: Dieser Beitrag wird regelmäßig von Mitgliedern der Reise-Stories Redaktion wie Heiner Sieger, Gerhard Fuhrmann und Jupp Suttner auf Richtigkeit und Vollständigkeit geprüft. Falls Sie Anmerkungen zu diesem Beitrag haben, kontaktieren Sie bitte direkt hier die Redaktion.

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