Überraschungen in Estland – Burgen, Bären und ein Bergwerk im Osten

Estland ist mehr als eine Reise wert. Wir beginnen im Norden und Osten in diesem ersten Teil. Im Teil 2 besuchen wir dann Tallinn und einige Kleinode an oder vor der Küste

Charakteristisch für die Nordküste in Estland sind die eiszeitlichen Findlinge am Ufer

Auf dem Weg zur russischen Grenze liegt Kohtla-Järve. Die viertgrößte Stadt Estlands zählt nicht zu den touristischen Vorzeige-Objekten. 90 Jahre Ölschieferabbau haben die Gegend geprägt. Dazu scheinen viele Häuser aus russischer Vergangenheit zu stammen. Der Putz bröckelt, Mauern zerfallen. In den frei gewordenen Innenräumen wachsen Bäume.

Ölschiefer ist der einzige Rohstoff des Landes. Auch wenn sich in den letzten Jahren die Umweltbelastungen etwas vermindert haben, bieten die bis zu 100 Meter hohen Abraumhalden einen traurigen Anblick.

Einen intensiven Eindruck über Leben und Arbeiten eines Steigers, ermöglicht ein Besuch des neuen Bergwerksmuseum. Quietschend fährt der Grubenzug in den spärlich beleuchteten unterirdischen Gang. „Der Arbeitstag beginnt. Die Köpfe der Männer nicken nach vorne, vom Schlaf überwältigt. Der Zug hält und entlässt sie in den Stollen.“ Gut ausgeschlafen sind heute Besucher unterwegs. Auch, wenn im Laufe der Zeit Maschinen, eindrucksvoll vorgeführt, die harte Arbeit der Bergleute erleichtern.  Heutzutage können wir uns diese schweren Bedingungen kaum vorstellen. Längst haben Computer und schweres Gerät die meisten Arbeiten übernommen. Kritische Frage: Wieviel Energie wird allein für den Abbau benötigt? Hat diese Art Energiegewinnung noch Zukunft? Doch die Nordküste ist nah: Findlinge liegen in der Brandung, der weite Himmel ist von weißen Flockenwolken übersät. Wanderwege führen entlang der Küste durch den Kiefernwald.

Die wilde Nordküste am Finnischen Meerbusen

Burggeister und Blutflecken

Es ist stockdunkel in dem engen Steingang der Burg. Gerippe steigen aus einem Schlund, Blitze zucken, unter den Füßen scheint der Untergrund nachzugeben: Wir sind auf dem Weg durch die Hölle. Starke Nerven braucht es, um nicht wirklich zu erschrecken, wenn es gilt diesen Höllenpfad zu begehen. Einiges Gruseliges wird den Besuchern der mittelalterlichen Ordensburg in Rakvere geboten. Wie beschreibt es ein Reiseführer treffend: Erst Burg des Deutschen Ordens, dann Steinbruch, heute zuweilen Spielplatz. Dafür gibt es viel Möglichkeiten zwischen Folterkammer, Haustieren, Restaurant und Ruine.

„Welcher der Flecken ist echtes Blut?“ Wir stehen ratlos vor dem Brett mit rötlich und braun getönten Stellen. Tatsächlich ist der unscheinbare Braunton Hinweis auf eingetrocknetes Blut. Das estnische Polizeimuseum ermöglicht Besuchern spannende Einblicke in die Arbeit der Polizei und lässt sie sogar selbst tätig werden.

Ihr Wachstum verdankte die Stadt einstmals 1870 der Eröffnung der Eisenbahnlinie Tallinn – St. Petersburg. Heute zählt sie 17.000 Bewohner.

Von diesem Treffpunkt aus führt ein Fußweg zur Beobachtungshütte.

Nur eine knappe Fahrstunde von Rakvere liegt Estlands jüngstes Naturreservat, der Alutaguse-Nationalpark. Dichte, Taiga ähnliche Wälder aus Birken und Fichten sind Heimat u. a. für Braunbären, Seeadler, Gleithörnchen.

Nach vorgegebenen Koordinaten fahren wir zum Treffpunkt im „Bärenwald“. In der Nähe des Örtchens Tudo führt die Straße einen Waldweg entlang ins Niemandsland. Pünktlich zum vereinbarten Termin erscheint der „Guide“, ein wahrer Waldmensch, der nicht viel Worte macht. Mit uns unterwegs ein Pärchen aus Belgien, ein junger Mann aus den Niederlanden. Nach knapp 20 Minuten Fußweg sind wir an der Unterkunft. Auf einer kleinen Lichtung stehen zwei Holzhütten, einfach eingerichtet, kein Strom, kein Wasser, aber eine Trockentoilette und eine Fotoluke ins Freie fürs Objektiv. „Ihr wisst ja jetzt den Weg zurück. Morgen um acht verlasst ihr die Hütte.“ Mit diesen Worten werden wir im Wald allein gelassen. Möglichst leise richten wir Kamera, Verpflegung und warme Kleidung her. Dann beginnt das Warten. Keiner schaut auf die Uhr. Da tauchen Dachshunde auf, schleichen durchs Gestrüpp, sind bald wieder darin verschwunden. Das Licht lässt nach. Dann plötzlich am anderen Ende der Lichtung tut sich was. Nur wenige Sekunden ist eine Bärenfamilie erkennbar, bevor sie wieder hinter Bäumen verschwindet. Als wir uns schon enttäuscht aufs harte Nachtlager zurückziehen wollen, tauchen die Vier direkt vor der Hütte auf: Eine kräftige Bärin mit Drillingen. Alle sehen gut genährt aus. Längst ist es für ein Foto viel zu dunkel. Dank der ausgezeichneten, zur Verfügung gestellten Ferngläser, können wir die Familie trotz hereinbrechender Dunkelheit gut beobachten. Immer wieder nimmt die Alte, auf ihren Hinterbeinen stehend, Witterung auf. Bären haben schlechte Augen und müssen sich auf ihren Geruchssinn verlassen. Irgendetwas hat ihren Appetit geweckt. Für uns nicht erkennbar haben sie Fressbares gefunden. Die Jungen balgen, recken sich in die Höhe, imitieren ihre Mutter. Beinahe eine Stunde dürfen wir an diesem Schauspiel teilnehmen. Inzwischen ist es fast dunkel. Dann trollen sich die Vier und kurz darauf hat der Wald sie wieder verschluckt. Den Heimweg am nächsten Morgen treten wir mit gemischten Gefühlen an, stets bedacht genügend Lärm zu machen.  Zurück auf Auto- und Menschenleeren Straßen können wir nun ahnen, was sich in den dichten Wäldern im Norden Estlands alles verbirgt.

Informationen:

Estland ist der nördlichste Staat im Baltikum und grenzt im Norden und Westen an die Ostsee, im Süden an Lettland und im Osten an Russland. Beste Reisezeit ist zwischen Mai und Anfang Oktober.

Anreise:

eine schnelle und kostengünstige Verbindung von sechs verschiedenen deutschen Flughäfen bietet Air Baltic zu Preisen ab Euro 28 pro Strecke je nach Jahreszeit. www.airbaltic.com

Anreise nach Tallinn – Schäfchenwolken über der Ostsee

Unterkunft:

In Tallinn gibt es zahlreiche Hotels im 3 bis 5* Bereich zu sehr moderaten Preisen, z. B. Hotel Telegraaf www.telegraafhotel.com in der Altstadt, oder Hotel L`Embitu https://lembituhotel.ee und das sehr günstig gelegene von Stackelberg Hotel www.vonstackelberghotel.com .

Ehemalige Gutshöfe und Herrenhäuser wurden geschmackvoll renoviert und laden nun als Wellnesshotels mitten in der Natur Gäste ein, wie etwa das Saka Manor www.saka.ee an der Nordküste, oder das Vihula Manor Country Club & Spa www.vihulamanor.com im Laheema Nationalpark.

Vihula Manor Country Club & Spa

Bärenbeobachtungshütte: www.visitestoni

a.com/de/fur-tierfotografen-baren-und-wildtierbeobachtungshutte-in-alutaguse

 

Gastronomie:

Estland ist nicht nur hinsichtlich seiner überwältigenden Natur, sondern auch kulinarisch ein Land für Genießer. Neben der hervorragenden Zubereitung lockt auch das besondere Ambiente der Restaurants, etwa in früheren Fabrikhallen, zwischen historischen Gemälden, mit Hafenblick oder im obersten Stockwerk eines Museums oder auch in einem einsam gelegenen Strandhaus auf Vorbestellung.

Einige Beispiele sind u. a. das Restaurant Tuljak mit Blick auf die Ostsee https://tuljak.ee

Oder das Restaurant Fotografiska im obersten Stock des bekannten Museums www.visitestonia.com/en/restaurant-fotografiska; sehr bekannt ist das Sternerestaurant des deutschen Starkochs Matthias Diether am Hafen, das Restaurant 180°;  www.visitestonia.com/de/restaurant-180-by-matthias-diether

Meisterkoch Matthias Dieter tatkräftig in der Küche

Der großzügige Empfang im Restaurant 180°

Weitere Auskünfte über Estland gibt es bei www.visitestonia.com/de

 

Text: Monika Hamberger, alle Fotos Rainer Hamberger

 

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