Tüchersfeld und Pottenstein, hier endet keine Welt

Im Herzen Frankens: Wege gibt es überall hin,

Wenn Corona uns nicht überfallen hätte wie ein apokalyptisches Strafgericht, dann wären wir vielleicht jetzt in Montenegro, vielleicht in Patagonien, jedenfalls aber irgendwo in Italien, jedenfalls nicht hier in Tüchersfeld. Nein, nichts gegen Franken, Unter-, Ober- oder Mittelfranken. Das Land wird hier auch die fränkische Schweiz genannt. Als würde der Zusatz Schweiz irgendetwas an Image bringen. Sächsische Schweiz, holsteinische Schweiz oder eben fränkische Schweiz. Als hätten die Eidgenossen irgendwo zwischen Basel und Lugano irgendwo solche Felsen wie zwischen Tüchersfeld und Pottenstein. Haben sie meines Wissens nicht.
Wir können das sehr genau beurteilen, denn wir sitzen vor der Pension Puttlachtal, 38 Euro das Doppelzimmer, es stinkt nach Kuh, die benachbarte Kirche schlägt ihre Rufe in die beginnende Dunkelheit, und gegenüber versinken die beiden Felstürme in der Nacht. Im Licht ihrer Hinsehen heischenden Beleuchtung haben sie ständig ihr Aussehen verändert, zuerst turmhohe Steine mit zaghafter Bebauung, zwischendurch grimmige Riesen, jetzt sind es in die Nacht gezeichnete Zackenlinien.
Dass wir hier sind, verdanken wir dem Bestreben, nach Ende der Reise Krankheits- und Quarantäne-frei den Alltag anschließend fortsetzen zu können und öffentlich zugängliche Fotos und Informationen von Tüchersfeld. Ein glücklicher Zufall. Wer es aufsuchen will, der orientiere sich grob an einem Dreieck, gebildet aus den Städten Bayreuth, Bamberg und im Süden Nürnberg. In dieses Niemandsland muss man eintauchen, wir haben mutig die A 9 bei Pegnitz verlassen und festgestellt, dass hier keine Welt endet, sondern eine eigene Welt beginnt. Und diese lockt direkt mit einem Superlativ, nämlich mit der Teufelshöhle, der größten Tropfsteinhöhle der Fränkischen Schweiz. Nun gut, wenn man den Maßstab klein genug nimmt, ist ein Superlativ kein Kunststück, aber diese Höhle in Pottenstein lockt seit fast 100 Jahren zu Tropfsteingebilden, einem Höhlenbärskelett und zu einer Speläotherapie, was übersetzt Höhlen-Atemkur heißt. Insgesamt zu 22 Zielen der Pottensteiner Erlebnismeile, darunter das Scharfrichter- und das Fränkische-Schweiz-Museum und einen „Fossiliklopfplatz“ möchte uns das Tourismusamt bewegen, aber wir beschränken uns auf die beiden Altstädte und darauf, die Burg Pottenstein im Rahmen einer Wanderung durch die Felsenlandschaft zu besuchen. Es eine Spornburg, das heißt sie liegt auf einer Felsnase, stammt aus dem 11. Jahrhundert und ist damit eine der ältesten im Frankenland, zwischen den Tälern der Püttlach und des Weihersbaches. Und hier in Frankens waldreichem Herzens, mehrfach werden wir belehrt, dass wir nicht in Bayern sind, befinden sich noch weitere Burgen: Gößweinstein, Kohlstein, die beiden Burgruinen in Tüchersfeld, die Burgruine Hollenberg und die Burgställe Wartberg und Böheimstein. Man könnte sicherlich eine Woche hier zubringen und sich nicht langweilen. Den Abend gestaltet man mit fränkischer Küche, einer Bratwurst, besser gleich „Drei im Weggla“ oder einem Karpfen, der dick und rund gezüchtet wurde, weil zu Zeiten, als hier die Mönche den gastronomischen Ton angaben, der Fisch nicht über den Teller ragen durfte. Jedenfalls, wer sich hier zu Tische setzt, bei einem Bier der Brauereien Mager oder Hufeisen, käme nie auf die Idee von einem Strafgericht, apokalyptisch oder nicht, zu reden.
Die 16-teilige Serie findet Eingang in eine Foto-Text-Ausstellung „Gesichter Deutschlands“ im öffentlichen Raum in Gräfelfing und in einen Katalog mit gleichen Namen. Der Katalog „Gesichter Europas- eine Reiseliebe“ ist mit der ISBN 978-3-942138-67-3 über die Buchhandlungen oder direkt beim GRÄV-Verlag zu beziehen.
Nächste Folge: Der Kyffhäuser

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