Toulouse – die rötliche Stadt

 

Das Toulouse a table Bankett auf dem Capitole Platz ist der Hoehepunkt des Gastronomiefestivals©RenateWolfGoetz

Wenn das Licht des späten Nachmittags die Fassaden und Dächer der Stadt an der Garonne streift, schimmert der Backstein golden bis tiefrot. Die warmen Farbtöne verleihen der Hauptstadt der südfranzösischen Region Okzitanien eine ganz besondere Stimmung, die zu einer heiteren Gelassenheit beiträgt.   

„La Ville rose“ wie Toulouse wegen seiner typischen Ziegelsteinhäuser genannt wird, hat sich weithin als Stadt der Luftfahrt einen Namen gemacht. Noch vor der Airbus-Industrie startete das Überschallflugzeug Concorde vom Flugfeld im Vorort Montaudran. Etliche Jahre früher flogen die ersten Postflugzeuge über den großen Teich nach Südamerika. Der Pilot Antoine de Saint Exupéry, gehörte zu den Pionieren. Unvergesslich blieb der Postpilot vor allem wegen seines surrealen Märchens „Der kleine Prinz“, der von einem Asteroiden auf der Erde gelandet war. Raumkapseln, wie man sie heute auf dem Luftfahrtgelände „Cité de l´Espace“ besichtigen kann, waren damals noch nicht in Sicht.

 

Vergangenheit und Zukunft liegen in der Stadt zwischen Mittelmeer und  Atlantik dicht beieinander. Schon im Mittelalter fühlten sich die Jakobspilger von Toulouse magisch angezogen. Über die Via Tolosana pilgerten sie in die Stadt zwischen den Meeren. Die Basilika Saint Sernin, eine der wichtigsten Etappen auf dem Jakobsweg, war ihr Ziel. Unter der Vielzahl an Reliquien, die in dem mächtigen romanischen, von der Unesco geschützten Sakralbau aufbewahrt werden, gelten die Gebeine des Heiligen Saturnin gleichsam als Highlight.

Basilika Saint Sernin mit ihrem maechtigen romanischen Turm©RenateWolfGoetz

Über Wasserwege zu Macht und Reichtum

Reich und mächtig wurde die Stadt an der Garonne indessen wegen ihrer  geografisch günstigen Lage. Im Port de l´Embouchure treffen sich die beiden Wasserwege, der Unesco geschützte Canal du Midi und der Garonne Seitenkanal. Zusammen bilden sie den Canal des deux Mers, den Kanal der beiden Meere, durch den der Gütertransport von den Mittelmeerhäfen zur Atlantikküstenstadt Bordeaux florierte. Heute ist der Canal du Midi ein beliebtes Revier für Freizeitkapitäne.

Zentrum der Macht ist der weiträumige Capitole-Platz mit dem Rathaus. In dem monumentalen Capitole, in dem über Jahrhunderte die Ratsherren, die Capitouls, die Geschicke der Stadt bestimmten, sind auch Theater, Konzertsaal, Ballett und Oper sowie das Hôtel de L´Opera untergebracht. Der prunkvoll gestaltete Repräsentationssaal lässt darauf schließen, dass die Stadtpolitiker damals aus dem Vollen schöpfen konnten. Der Macht auf der linken Seite des 128 Meter langen Capitole stand von jeher die Kultur im rechten Flügel des klassizistischen Prunkbaus gegenüber.

 

Heute wie damals ist der von Arkaden umsäumte Capitole-Platz Mittelpunkt von Toulouse. Hier trifft man sich, lässt sich in einem der vielen Cafés und Restaurants nieder oder schlendert einfach durch die Galerie der Arkaden und entdeckt dabei die Deckengemälde, die in 29 Stationen die bewegte Geschichte der Stadt erzählen. Kunstvoll gestaltet bilden die Werke die Zeit der Capitouls und Troubadoure ab, berichten vom Kreuzzug der Katharer und von den bedeutenden Musikern der Stadt bis hin zu den Pionieren der Luftfahrt und nicht zuletzt von der Rugby-Leidenschaft der Toulouser.

 

Neben den Wasserwegen brachte eine besondere Pflanze, der Färberwaid, besser bekannt als Pastel-Blume, Reichtum nach Toulouse. Im so genannten goldenen Dreieck zwischen Toulouse, Albi und Carcasonne bescherten Klima und Boden der Pflanze, die den begehrten blauen Farbstoff liefert, ein höchst ergiebiges Wachstum. Von den reichlich sprudelnden Erträgen aus dem Handel mit den blau gefärbten Stoffen bauten die „Pastelfürsten“ im 16. Jahrhundert prächtige Patrizierpaläste. Einer von ihnen, Pierre Assézat, hatte ein wahres Kleinod der Renaissance-Baukunst erschaffen. Als „Hôtel d´Assézat dient der Palast heute als Museum für bedeutende Kunstwerke.

„Blau machen“ war früher ganz harte Arbeit“, erzählt Annette Hardouin. Als die begehrte blaue Farbe auch chemisch hergestellt werden konnte, war dem natürlichen Blau aus den Blättern der Pastelpflanzen schnell der Rang abgelaufen. Wegen seinem langwierigen Gewinnungsprozess war Pastel eben auch teuer. „Inzwischen erlebt der Färberwaid eine Renaissance“, freut sich Madame Hardouin. Die deutschstämmige Designerin kreiert in ihrem Atelier in einem Vorort von Toulouse Mode aus Naturstoffen, gefärbt mit dem unvergleichlichen Blau der Pastelpflanze.

Die Liebe zum Pastelblau hat die gebürtige Bielefelderin nach Toulouse geführt. Aber nicht allein das Pastel lockte die agile Mittsechzigerin in die südfranzösische Stadt: „Hier kann man gut leben“, betont sie. „Savoir vivre“, wie die Franzosen sagen. Dazu gehört die Tradition, gut zu essen. Besonders in Toulouse, der mit 472.000 Einwohnern viertgrößten Stadt Frankreichs, die sich zu einer Feinschmeckerhochburg entwickelt hat.

 

Taste of Toulouse

Auf den pulsierenden Märkten der Stadt finden nicht nur die Chefköche der Sterne-Restaurants eine reiche Auswahl an regionalen Zutaten. „Der Gaumengenuss gehört hier einfach zum Lebensgefühl“, sagt Jessica Hammer lächelnd. Bei ihrem ersten Besuch in Frankreich war die Amerikanerin beeindruckt von der kulinarischen Vielfalt. Inzwischen lebt sie in Toulouse und freut sich, dass ihr Mann als Vegetarier ihre Liebe zum französischen Käse teilt. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Nicht leicht sei ihr die Entscheidung für den Comté Réserve Haut Doubs als Lieblingskäse gefallen, gibt die Feinschmeckerin zu. Aber sie ist sich sicher: „Wenn ich auf einer einsamen Insel leben müsste und nur ein Nahrungsmittel mitnehmen dürfte, dann wäre es dieser Käse”, schwärmt sie.  Auf ihrer kulinarischen Stadtführung „Taste of Toulouse“ landen wir in der Markthalle Victor Hugo. Zuerst lenkt uns Jessica zum Käsestand von Xavier, der eine Kostprobe vom unwiderstehlichen Comté Réserve anbietet. „Die typischen Salzkristalle mit den zarten blumigen Aromen von Heu und Zitrus geben dem Käse seinen besonderen Geschmack“, erklärt der Käsemeister.

Kostproben regionaler Kaese_ und Wurstsorten bei der Fuehrung Taste of Toulouse ©RenateWolfGoetz

Nach weiteren Häppchen am Wurst- und Fisch-Stand mit frischem Baguette vom Konditor genießen wir beim Weinhändler ein Gläschen Crémant.  In der Brasserie Huguette am Place Wilson wird anschließend Pasta mit Foie Gras, Gänsestopfleber aus der Region, serviert. Dann geht es ins gemütliche Restaurant “Aux pieds sous la table”. Ganz oben auf der Karte des Speiselokals mit hausgemachten, bodenständigen Gerichten findet sich die Cassoulet, der typische Toulouser Eintopf aus weißen Bohnen und verschiedenen Fleisch- und Wurstsorten.

Auch Vegetarier und Veganer kommen in Toulouse nicht zu kurz. Das Bistro Bwamoa, wo farbenfrohe Säfte und Bubble Tea für Erfrischung sorgen, ist da eine gute Adresse. Schrill bunt sind hier die BwaBurger-Brötchen. Als Lebensmittelfarbe verwendet Bistro-Chef Vincent ausschließlich Kräuterextrakte. Knallbunt sind auch die Waffeln, in die der kreative Küchenmeister Eiskugeln aus regionalen Zutaten wie Rosenwasser oder einen Roquefort-Walnuss-Steinpilz-Mix packt.

Die bunten Eiswaffeln und_kugeln im Bistro Bwamoa moegen auch Veganer©RenateWolfGoetz

Wie ein Kontrast zu den unkonventionellen Bistro-Varianten wirkt die erlesene Backwaren-Auslage der Patisserie Sandyan, Die Schmuckstücke in Form von kunstvollen Kuchen und Gebäck werden hier elegant in Vitrinen zur Schau gestellt. Zum Sortiment des Michelin-Kochs und Konditors Yannick Delpech gehört die Toulouser Spezialität „Le Fenetralia”. Schon die Römer sollen eine Schwäche für das Gebäck aus Mandeln, kandierter Zitrone und Aprikosen gehabt haben.

Erlesene Backwaren in der Patisserie Sandyan©RenateWolfGoetz

Eine andere Tradition hat Toulouse seinen Veilchen zu verdanken. Die zarten Blumen mit dem feinen Duft hat Napoleon angeblich einst in Parma entdeckt und nach Toulouse mitgebracht. Ihre Verwendung ist vielfältig. Sie reicht von der Parfümherstellung bis zur Zutat in der Küche. Ein umfangreiches Sortiment an Veilchen-Variationen präsentiert Verkäuferin Josette auf einem zur Veilchen-Boutique umgestalteten Kahn, der auf dem Canal du Midi ankert. Im weißen Kleid mit lila Rüschchen schwebt sie von Regal zu Regal und holt Töpfchen und Tuben, Tigel und Fläschchen mit Veilchen-Likör. Nach vielerlei Riech- und Kostproben schlendern wir mit einem Tütchen Veilchen-Bonbons spätnachmittags über die Einkaufsstraße Rue Metz in Richtung Pont-Neuf. An den Gestaden der Garonne genießen wir mit Blick auf die älteste Brücke der Stadt die entspannte Stimmung der „Blauen Stunde“.

Ausflugsboot auf der Garonne vor der aeltesten Bruecke von Toulouse©RenateWolfGoetz

Informationen

Toulouse Tourist Office, www.toulouse-tourismus.de

Taste of Toulouse, www.tasteoftoulouse.com

Aux Pieds Sous La Table, www.auxpiedssouslatable.fr

Aux Jardins de l’Opéra, www.lesjardinsdelopera.fr

Toulouse à table, www.toulouseatable.org

La Maison de la Violette, www.lamaisondelaviolette.com

 

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