Thüringen: Wie schlimm es ist, eine Reise durch seine Kosmen zu planen

Erfurt. Ein Halt für zwei Minuten auf der Rennstrecke der Bahn München – Berlin. Die A 9, Rennstrecke für Pkw und Lkw, Thüringen ein kurzes Stück, ja das Hermsdorfer Kreuz. Die A 4, die A 71, die A 38. Thüringen kennt man deswegen nicht, weil man es so schnell durchqueren kann. Denkt man sich alle die modernen und sicherlich notwendigen Verkehrswege weg, dann käme man vielleicht mal nach Schwarzburg. Ja, hier unterzeichnete am 11. August 1919 Friedrich Ebert die Weimarer Reichsverfassung. Ja, hier kann man 1000 Jahre Thüringer und damit deutsche Geschichte im sanierten Schloss erleben.
Es hatte mich gereizt, für die drei Zeitungen der Zeitungsgruppe Thüringen jeden Samstag eine halbseitige Kolumne zu einem Thema meiner Wahl zu schreiben. Mit fremden, unwissenden Augen Perlen beschreiben für die Einheimischen – und vielleicht ein paar Gäste. Die Auswahl war schier unerschöpflich. Denn was kannte ich von Thüringen? An die 100 dieser Kolumnen kamen so zustande. Und heute werde ich gebeten, Reisetouren durch dieses Thüringen zusammenzustellen, vor allem für meine Freunde, die von Thüringen vielleicht den Bahnhof von Erfurt, das Hermsdorfer Kreuz, allenfalls Weimar kennen.
Wie ich diese Touren plane und zusammenstelle, will ich gerne verraten. Wenn ich mitfahre, muss immer mindestens ein Ziel dabei sein, das ich noch nicht kenne. Das war dieses Mal das „Erlebnis-DDR-Dinner“ im Schulhaus von Oberdorf bei Kraftsdorf. Und das ging schon in die Hose, weil der Ticketshop Thüringen mir, warum auch immer, nicht die Tickets für den bestellten Tag schickte, sondern einen Fehldruck, der gleich zwei Termine auswies, nur nicht den richtigen. Über die Rückzahlung des Geldes streite ich mich noch. Aber die Veranstalter waren so nett, uns bei diesem Event schnuppern zu lassen. Und das können wir als Erstes und Wichtigstes festhalten. Die Thüringer sind in allen ihren Landesteilen die nettesten Menschen, die man in Deutschland finden kann. Es ist diese Mischung aus ängstlicher Zurückhaltung und Zuvorkommenheit, die nicht anbiedern will, die einen für sie einnimmt. Und – das lernten wir in der Oberdorfer Schule beim DDR-Dinner – sie haben eine elegante Form der Selbstironie, sie singen die alten FDJ-Lieder, ohne sich von der so genannten Ostalgie einfangen zu lassen. Gerne will man die unterschiedlichen Vokabeln für das hochdeutsche „nicht wahr“ erlernen und scheitert kläglich. Nur der einheimische Dialektexperte kann das Itzgründische von dem Hennerbergischen und dem Ilmthüringischen unterscheiden.
Also: kulturelle Ziele bestimmen zuallererst die Route. Immer dabei, wenn Spielzeit ist, das Liebhabertheater in Großkochberg, das Theater im Gewölbe, das noch vor dem Deutschen Nationaltheater mein Lieblingstheater in Weimar ist. Ebenfalls dabei das Ekhof-Theater im Schloss Friedenstein in Gotha und das Theater in Meiningen, denn das ein Landesherrscher zu der Einsicht gelangte, sein Reich sei zu klein, um Kriege zu führen und das Geld seiner Landsleute lieber in Theater investierte, verdient Respekt in aller Ewigkeit. Außerdem macht der Intendant Ansgar Haag einen guten Job. Dann gibt es immer noch einige Pralines, die einzuplanen sind, wie eben das Erlebnis-DDR-Dinner. Im Internet unter www.Thueringen-entdecken.de oder www.Thueringen-Kulturspiegel.de findet man die aktuellen Informationen. Ja, Museen sind auch dabei, so das Lindenau-Museum in Altenburg, das Museum im Herzoglichen Schloss in Gotha, Goethes und Schillers Wohnhäuser in Weimar und die Geschichtsinsel Arnstadt, wenn man einen tiefen Blick in die letzten Tage und Geheimnisse des Trutzgaus Thüringen werfen will. Und da wird es schon schwierig mit einer schlüssigen Planung, denn in Thüringen kann man sich die Augen und Ohren für viele deutsche und europäische Kosmen öffnen. Hier steht Buchenwald neben Weimar, hier lebten Luther – die Dekade der Reformation ist gerade zuende gegangen, und Otto Gropius. Vor fast hundert Jahren, 1919, nahm die wichtigste Kunstschule des frühen 20. Jahrhunderts in Weimar, die heutige Bauhaus-Universität, ihren Betrieb auf.
Wie packt man alles das in eine 7 oder 8 tägige Tour? Hinzu kommen ja auch noch einige Schlösser. Obwohl die SED mehr als 40 hat sprengen lassen, sind noch wunderbare stehen geblieben, und viele Ruinen werden wieder mit Leben erfüllt, so auch das Schwarzburger Schloss. Mit den Schlössertagen feiert man sich zu Recht. Die nächsten finden vom 7. bis 10. Juni 2019 unter dem Motto: „Aufgebaut! Fundamente der Macht“ statt. Natürlich würde ich sie in eine folgende Thüringen-Reise einbauen. Die „Schlösser-Welt“, das Magazin der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten informiert, was wo passiert in Punkto Veranstaltung und Sanierungsfortschritt. Und natürlich darf ein Besuch in der Natur nicht fehlen, Hainich, Thüringer Wald, Schiefergebirge. Man glaubt nicht, wie groß so ein kleines Land sein kann. Also wurde eine Radl-Tour von Weimar über die Balsamine, zum Schloss Großkochberg, das Liebhabertheater, Rudolstadt mit Schillerhaus und Heidecksburg bis nach Schwarzburg mit eingeplant. Was wegen eines Platten zu viel Strecke war für einen Tag, aber die Mitarbeiter des Schlosses in Großkochberg halfen uns. Wir okkupierten die Telefonanlage, um das Fahrrad nach Rudolstadt zur Reparatur zu bringen, und sie hatten noch ihren Spaß daran. Die Thüringer sind die liebenswertesten Menschen.
Wir trafen uns zu der Tour in Weimar im „Resi“ am grünen Markt, direkt neben dem Schloss. Dort kennt man mich, und ich liebe es. Dann, nach einem Abend im Nationaltheater mit Lessing und seinem Nathan, ging es wegen des DDR-Dinners gen Osten, keine halbe Stunde weiter eröffnete sich in Jena ein wissenschaftlich-universitärer Kosmos, dann folgte Gera, das – anders als die Klassik-überzuckerten Städte Weimar, Erfurt und Gotha – noch aussieht wie eine Arbeiterstadt, grau aber sauber, mit dem genialen und schwierigen Sohn Otto Dix. Es folgten Bad Klosterlausnitz, Bad Köstritz und Altenburg mit Barbarossa-Schloss und Lindenau-Museum. Unglaubliche Vielfalt, unglaubliche Schätze. Die abendliche Krönung in Schmölln ist natürlich ein Mutzbraten.
Der nächste Tag bringt das „Erlebnis-DDR-Dinner“, einen Besuch in der Kuchenstadt Weida und in der Osterburg. Der Weg zurück nach Weimar erfolgt über die Leuchtenburg bei der Porzellanstadt Kahla, von der man einen endlosen Blick hat über das Tal der Saale, deren Lauf gemächlich zu verfolgen einem die neue Bahnstrecke über Erfurt versagt.
Auf die Vielfalt ihrer Radwege bilden sich die Thüringer zu Recht etwas ein, aber den Klassiker, von Goethes Gartenhaus über Schloss Belvedere, am Gasthaus Balsamine vorbei bis nach Großkochberg, den kann man zwar gut zu Fuß laufen, mit dem Fahrrad wird es indes schwierig. Hinter der Holzbrücke bei Buchfahrt bietet sich der Weg an der Ilm an, aber der führt nicht zum Ziel und zwingt zu Wegen, die den Reifen und der zeitlichen Planung nicht bekommen. Die Lehre für die Zukunft lautet: Die Wege nehmen, die angeboten werden, kreatives Verknüpfen birgt Risiken.
Der Weg durchs tiefe Schwarza -Tal ist mystisch. Was liegt oben hinter den Wäldern, wo führt er hin – nach Schwarzburg. Ist das das Herz deutscher Geschichte? Die Kevernburger, die Schwarzburger. Allein mit diesen, eng verbundenen Häusern könnte man sich lange beschäftigen, 1000 Jahre deutsche Geschichte – und diese ohne Preußen, Hohenzollern und Habsburger ziehen an einem vorbei. Warum wissen wir so wenig? Vielleicht hätte man ohne Friedrich Ebert und seine Unterschriftsleistung die Schwarzburg gar nicht wieder aufgebaut. Von der ebenso wichtigen Kevernburg bei Arnstadt existiert nur noch eine Wallanlage. Die Fürsten, die man nur nennt, um den Flickenteppich in der Mitte Deutschlands zu apostrophieren, verdienten auch mal eine eigene Reise.
Von Schwarzburg über die Klosterruine Paulinzella und die beiden Schlösser in Kranichfeld zurück nach Weimar. Und wieder das atemlose Empfinden etwas begegnet zu sein, das eigenes Verstehen übersteigt, wenn man die mächtigen Pfeiler der Kirche betritt. „Schiller zum Verlieben“ im Theater im Gewölbe führt abends zurück auf heimeligen, klassischen Bildungsgrund.
Erfurt, Gotha, Mühlhausen, Eisenach, Schmalkalden und Meiningen folgen die nächsten Tage. Natürlich sind die Aufenthalte zu kurz. Der jüdische Kosmos in der Thüringer Hauptstadt verdiente einen Tag, der der Reformation, die sich nicht auf Martin Luther beruft, sondern auf Thomas Müntzer einen weiteren. Vom Burschenschaftsdenkmal in Eisenach zum Hambacher Schloss spannt sich ein direkter Bogen. Und der Baumwipfelpfad im Hainich ist auch nicht weit. Wie will man das alles ergreifen, nicht einmal verstehen, nur aufnehmen? Und dann lässt man Unendliches liegen: Heiligenstadt mit Heinrich Heine, das Eichsfeld, Nordhausen mit dem KZ Mittelbau Dora, Sondershausen, die Werra mit Treffurt. Alles muss man gesehen haben. Wer kennt schon den Whisky-Wodka-Vertrag? Wer Point Alpha? Wer den Kickelhahn? Oder Mödlareuth? So macht es keinen Sinn, zu viel fällt ein, der Kyffhäuser, das Franziskaner-Kloster auf dem Hülfensberg, die Wachsenburg. Und wenn ich alle Themen meiner Kolumnen wieder zum Leben erweckte, mehr Themen blieben immer noch unerwähnt. Es ist schwer, sich von dem Gedanken frei zu machen, wenn man nicht erschöpfend Thüringen bereiste, wäre man auch nicht besser als der Bahn-Rasende, der 2 Minuten in Erfurt Halt macht. Aber das stimmt nicht, es geht nur darum, sich von dem Anspruch zu befreien, das Unerschöpfliche ergründen zu wollen. Selbstbeschränkung ist die Pflicht des Thüringen-Reisenden. Und wenn Tiefurt und die Anna-Amalia einmal nicht dabei sind. So schlimm ist das doch auch nicht. Doch, es ist schlimm.

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