Schwerelos über Alagna

Alle Fotos Nitro/Thomas Marzusch
Alle Fotos Nitro/Thomas Marzusch
Über Alagna können diverse 4000er angeflogen werden

Letzter Tag in Alagna, letzte Chance auf einen Heliflug. Werden wir heute abheben? Ich wache früh auf, öffne erwartungsvoll die Fensterläden und blicke auf das mächtige Monte Rosa Massiv. Es hebt sich bereits, von der Sonne in Szene gesetzt, vom stahlendblauen Himmel ab. Das sieht gut aus!

Freeride Paradise auch ohne Heli
Die letzten zwei Tage haben wir mit unserem Guide Alex das Gebiet erkundet, in dem schon allein die Lifte bis auf knapp 3300 Meter Höhe führen und unzählige Freeride Varianten ermöglichen. Aufgrund der Lawinenlage war ein Flug bisher nicht durchführbar. Aber wir genossen auch so kilometerlange Abfahrten nach Alagna oder in die Nachbartäler. Dabei auch spannende Couloirs, gefrorene Wasserfälle, natürliche Halfpipes und immer wieder ein Tiefschneefeld – das selbst ernannte Freeride Paradise hält, was es verspricht. Da ich nicht alle Tage mit einem Pro Snowboarder unterwegs bin, nutze ich die Gelegenheit und hole mir wertvolle Tipps von  Thomas „El Fuego“ Feuerstein. Der Nitro Teamfahrer aus dem Montafon scheint seine kompletten 22 Lebensjahre auf dem Board verbracht zu haben. Anders kann ich mir nicht erklären, wie er nach einem schätzungsweise zehn Meter weiten Sprung vollkommen sicher auf einer Eisplatte landen kann. Wenn Gelegenheit ist, zeigt er mir kleine Tricks wie „Buttern“, die 180 Grad-Drehungen im Tiefschnee über die Schaufel.

Nitro_Helisession_Alagna-30Heute will ich keine Experimente, ich will nur fliegen und die Prominenz der 4000er Alpengipfel aus der Nähe sehen: Mont Blanc, Grand Paradiso, Matterhorn, Dufourspitze und viele mehr sind hier zu finden. Ich checke noch vor dem Frühstück genau meine Sicherheitsausrüstung. LVS-Gerät, Sonde, Schaufel, ABS-Rucksack und sogar den Klettergurt packe ich ein – bei den vielen Gletschern in der Gegend weiß man nie. Kurz darauf sind wir mit unseren Boards auf dem Weg durch das malerische Walserdorf Alagna zur Gondelstation, dem Treffpunkt mit unserem Guide. Heute haben wir die Ehre, mit Michele „Lungo“ Cucchi unterwegs zu sein. Wir haben den Guide bereits am Vorabend beim Dinner kenngelernt, bei einem fulminanten 5-Gänge-Menu im Montagna di Luce, wohlgemerkt. Michele strahlt gleich die typische Aura eines erfahrenen Bergführers aus: Er ist scheinbar durch nichts aus der Ruhe zu bringen, dabei hellwach und mit einer gesunden Menschenkenntnis ausgestattet.

Neuer Begriff, ungutes Gefühl: crepaccio
Allein der Faktor Wind kann an diesem Morgen noch unsere Flugpläne durchkreuzen. Michele funkt mit dem Piloten. Ich verstehe nur einen Teil der italienischen Gesprächsfetzen und die sind nicht gerade beruhigend: crepaccio, übersetzt „Gletscherspalte“ und malfatta, „misslungen“, womit die berüchtigten Tour bezeichnet wird, bei der man sich ein 50 Grad steiles Couloir abseilen muss. Ruhig Blut, bisher habe ich ja noch jede sportliche Herausforderung problemlos gemeistert, rede ich mir zu. Dann endlich kommt das Go! und wir fahren mit der Gondel Richtung Heli Startplatz.

Nitro_Helisession_Alagna-110Auf einer Kuppe nahe dem Passo dei Salati warten wir. Das Wummern des Helikopters kommt näher. Ein sportliches, kleines Modell mit Platz für vier Fluggäste plus Pilot und Guide. Wir ducken uns vor der Wucht der Rotorblätter, die Schneewolke umhüllt uns, der Guide ruft Anweisungen und beginnt, unsere Boards in die seitliche Transportbox zu räumen. Das „Get in!“ von Michele lässt den Adrenalinpegel noch einmal hochschnellen. Sekunden später heben wir bereits ab, schwerelos. Die vielen Fenster geben den Blick frei auf die majestätische Welt des Monte Rosa Massivs, Berge und nochmals Berge, soweit das Auge reicht. Von mir aus könnte der Flug ewig dauern. Der Pilot fliegt aufregend kurvenreich und der Wind gibt auch sein Bestes, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Die Ewigkeit endet nach etwa zwölf Minuten, wir steuern ein offenes Schneefeld auf einem Bergrücken an. Ich springe hinaus, wir warten bis alle draußen sind und der Heli abgeschwenkt ist.

Powder und Dolce Vita
Die Schneewolke legt sich, jetzt kann ich mich erstmals orientieren. „Get in the bindings!“, Michele mahnt zur Eile, denn wir sind auf einem Gletscher gelandet. Traversieren ist angesagt und nur die Boardkante gibt Halt. Immer schön auf die Fahrspur konzentrieren, nicht abfallen und nicht nach links unten schauen, wo eine größere Eisplatte im Falle eines Falles sicher keinen Halt bieten wird. Endlich mündet die Spur auf einem breiten Schneefeld, die ersten schwerelosen Schwünge folgen, POWDER! Die Suche war erfolgreich. Es ist der pure Wahnsinn. Der Schnee stiebt mir über meine Brille. Ich schnappe nach Luft. Was der Pilot kann, können wir schon lange: Kurvenreich stürzen wir uns hinab ins Tal. Surfen, springen, buttern über mehrere Kilometer, ein spaßiger Parcours durchquert einen Laubwald. Wir steigen noch einmal kurz auf und werden belohnt von einem Pillowfield, in dem große Steine von Schneekissen bedeckt sind. El Fuego zaubert seine Tricks in dieses anspruchsvolle Gelände.

Nitro_Helisession_Alagna-213Mitten im Niemandsland stoßen wir auf ein uraltes, verlassenes Walserdorf. Danach führt ein schmaler Steig in eine Art Klamm, die schließlich in einen Forstweg oberhalb von Alagna mündet. Wir sehen wieder die ersten anderen Wintersportler, werden von einem Pick-up ins Dorf gefahren und beenden den Tag stilecht im Café dell Guide im Hotel Monterosa. Dolce Vita bedeutet hier: Leckere Panini und Pizza werden kostenfrei zum Bier gereicht, an der Bar mischen sich die einheimischen Guides mit den Freeridern aus ganz Europa, es wird laut und lebenslustig debattiert, von Abenteuern erzählt und gefeiert, dass alle wieder heil angekommen sind.

www.guidealagna.com
www.freerideparadise.it
www.alagna.it

 

 Nitro_Helisession_Alagna-98Der Ort: Alagna, Italien
120 Kilometer nördlich vom Flughafen Mailand/Malpensa. Alagna, im Tal Valsesia, ist ein malerisches Walserdorf aus dem 13. Jahrhundert, 1154 Meter hoch, 600 Einwohner klein inmitten des Monte-Rosa-Massivs und unberührt vom Massentourismus. Italienisches Flair gemischt mit Walser-Tradition ist hier optisch und atmosphärisch ein Traum. Freeridern bietet der Ort nur Superlative: Die drei längsten Variantenabfahrten im Alpenraum mit bis zu 13 Kilometern Länge. Das weitläufigste Freeride-Revier der Welt. Die meisten Heli-Landeplätze im Alpenraum und die meisten 4000er Gipfel.

Bars
Zum Après-Freeriding ins Café dell Guide im Hotel Monterosa (1865 gebaut), gegenüber der Kirche. Die Vineria An Bacher Wi, in der „Hauptstraße“ von Alagna, bietet lokale Weine und über 300 anderer Sorten.

Restaurant
Im Montagna di Luce, Pedemonte 16, im historischen Teil von Alagna, wurde früher Butter und Käse hergestellt, jetzt ist es ein chaletartiges Hotel mit exzellentem Restaurant, das regionale Spezialitäten bietet.

Hotel
Zum Frühstück im Salon des restaurierten Tre Alberi Liberi, Via Nicolao, knistert das Kaminfeuer. Die Zimmer mit Dielen aus Lärchenholz, massiven Deckenbalken aus Eiche, edlen Stoffen und Accessoires passen zur modern-alpine Atmosphäre des gesamten Hauses.

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Geschrieben von
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