Rom, das romantische Paradoxon

Denkmal des Vittorio Emanuele II

Ein letzter Regentropfen zerdrückte sich auf dem Fenster des Airbus A 321, der uns nach Roma, Aeroporto Leonardo da Vinci, auch Fiumicino genannt, gebracht hatte. Wenn der Frühling kommt, stellt sich die Sehnsucht ein, nach Rom zu reisen, der Kraftquelle für alle, die Lebensgefühl italienisch als gioa di vivere buchstabieren. Als wir in der Stazione Termini dem Zug vom Flughafen entstiegen, hing am Himmel noch ein graubrauner Wolkenteppich, der zusammen mit seinem Regen Sand aus der Sahara über Rom ausgeschüttet hatte. Doch jetzt ist es mit Gewitter und Regen, welchen die Vorhersage bösartig während der letzten 14 Tage auch für den heutigen Tag, einen Freitag, prognostiziert hatte, vorbei.
In der Stadt sind die Taxen und Behörden-Autos vom Wüstensand befreit, der Privatmann lässt die gelbgesprenkelte Außenhaut seiner Vehikel so, wie er es vorfindet. Che mi frega? Was schert es mich? Leider war der Sandsturm nicht heftig genug, die Löcher in den Straßen zu füllen, die zu flicken das Stadtoberhaupt des Movimento 5 Stelle, Virginia Raggi, versprochen hatte. Die inzwischen berühmten „Buche a Roma“, mit denen sich bereits Kommissionen und ein „Marshall-Plan“ beschäftigen sollten. Dabei würde ein Eimerchen Teer mehr bewirken als stundenlange Debatten. Auch bei anderen Versprechen haben die Römer bereits emotional abgeschaltet, etwa beim Müll.
Um jeden nicht geleerten Mülleimer – und das sind viele, oft stehen mehrere wegen der Mülltrennung nebeneinander – hat sich ein buntes Abfalluniversum aus Plastiktüten und Kartons gebildet, das stolz mit seinem ausufernden Inhalt die Flächen in der Nähe für sich in Beschlag nimmt. Die Liste der Beschwerden der Römer ist lang: Löcher, Müll, atac, die Gesellschaft, die sich um den öffentlichen Nahverkehr zu kümmern hat, häufte 1,3 Mrd. Euro Schulden auf, die Betriebserlaubnis ist in Gefahr. Die Schulen erreichen die 200 gesetzlich pro Jahr vorgeschriebenen Tage an Unterricht nicht. Neue Maßnahmen für mehr Sicherheit und gegen Alkoholmissbrauch und nächtliche Ruhestörung, ein Treiben das „movida“ oder „malemovida“ genannt wird, kommen nicht vor Juni. Flüchtlinge sollten längst aus wilden Lagern „repatriiert“ werden, illegale Reiseführer, die „ciceroni“ vertrieben, private Taxen lahmgelegt, aggressive und betrügerische Andenken-Verkäufer dingfest gemacht werden. Nichts passiert.
Die Zeitungen schreiben von der „rabbia“, der Wut der Römer, aber diese, darauf angesprochen, zucken nur mit den Schultern. Außer den Journalisten regen sich nur noch Nordafrikaner auf, wenn einer von ihnen das Signal gibt, die Polizei wäre im Anmarsch. Minuten später ist alles wie früher und die Geschäfte laufen im Schutz der Armee, die unter dem Slogan „strade sicure“, sichere Straßen , die Gelegenheit bekommt, mit schweren Gewehren und modischen Uniformen bella figura zu machen.
Wirksamer wird das Verbot für die Kioske durchgesetzt, keinen Alkohol zu verkaufen, „es ist weniger riskant, in Rom jemanden umzubringen“ bemerkt ein zynischer Besitzer. Und auf der Spanischen Treppe werden nicht nur Bier- oder Weintrinker sondern auch Eisschlecker und Pizzaesser mit Trillerpfeife und erhobenem Finger zur Ordnung gerufen.
Und trotz aller Widrigkeiten, es ist doch Rom, dessen Schönheit nicht zu fassen und auch durch die Missstände und Widrigkeiten nicht zu relativieren ist. Es nimmt den Atem, erhebt die Seele, je nach Veranlagung. Man muss nur vom Pincio oder vom Denkmal des Vittorio Emanuele II auf die Stadt schauen. Keine ist ihr gleich. Und wie kaum eine andere Stadt Europas leidet Rom an dem tragischen Paradoxon der romantisierten Reiseziele. Wer hier hinfährt ist zutiefst neugierig darauf, was die Stadt mit ihm macht. Natürlich möchte sich die Besucht- und Begehrte den Gästen wunsch- und sehnsuchtsgemäß zeigen, etwas bieten, möglichst eindrucksvoll, einzigartig. Aber, halt! Bitte nicht konsumiert werden, nicht durchzogen werden von den selfiestickhörigen Einheitstouristen, die innerhalb weniger Tage die geliebte römische Heimat mithilfe von Lonelyplanet abarbeiten und einer City-Trip- Gleichschaltung unterwerfen. Rom, ja, nett, da waren wir mal für vier Tage, anno – ich weiß nicht mehr so genau, aber ich hab‘s in der Cloud.
Rom wird von vielen Besuchern nicht als Stadt wahrgenommen, in der gelebt und gestorben wird, und wenn, nur nebenbei, unauffällig. Dieser Rest urbaner Funktionalität und Normalität wird angesichts der Löcher in den Straßen, des Mülls in den Parks und den alltäglichen Problemen der Menschen nur mühsam am Leben erhalten. Roma eterna, ewiges Rom, das ist vor allem eine Schablone, eine Kulisse, in der sich Reisende für Ihre Italien-Romantik in Szene setzen und Pilger für ihre Frömmigkeit. Ich und die Peterskirche, ich und die Piazza Navona. Doch außer hoch gerankten Sehenswürdigkeiten und Kirchen für alles und jeden bekommt man nichts Wesentliches mit. Rom spielt dieses Schablonenspiel routiniert mit: Hier habt Ihr einen frischen Heiligen, Karlo magno, Papst Johannes Paul II oder Wojtyla genannt, hier könnt Ihr Euren Almosen für Padre Pio einwerfen, hier 2 Euro, um ein Caravaggio-Bild zu erhellen. Und Giordano Bruno blickt am Campo dei Fiori zornig und stumm auf das gleisnerische Treiben. Für die kulturbeflissenen Touristen wird zusätzlich das Übliche geboten: Vivaldis Vier Jahreszeiten, Opernarien, kompatibel für alle Ohren zwischen Tokyo und Denver. Abends ist in den Kirchen viel Platz. Und selbst der aktuelle Streit um die Regierungsbildung wird Teil der Inszenierung. Die Reporter halten sich und den Mächtigen Mikrophone vor die Nase wie Touristen sich ihre Eishörnchen. Keine Frage, wer sich mehr Genuss ernuckelt.
Wer dieses Theater, bei dem sämtliche Komparsen nur bella figura machen wollen, satt hat, wer echtes Leben und echte Italiener treffen will, der verabredet sich mit seinen Freunden, wenn er welche hat. Die einem erklären, dass sie dieses römische Schauspiel nicht mehr verfolgen, dass sie den Journalisten mit ihren Jubelrufen, nun hätten nicht mehr die Politiker das Sagen, sondern „la gente“, die Leute, nicht mehr zuhören. Die für ihre Kinder Emigrationsperspektiven erkunden und für ihre eigene Gesundheitsfürsorge Informationen über Ärzte und Krankenhäuser im Herkunftsland des Besuchers erfragen.
Dagegen stößt im öffentlichen Leben der Stadt auf Widerstand, wer einfaches, sympathisches, italienisches Leben, wer die „gioa di vivere“ sucht. Man hat es verlernt oder der Padrone duldet es nicht, wird einem gesagt. Optimale Verwertung des Touristen ist angesagt, auf engstem Raum, zu höchsten Preisen, und möglichst schnell wieder los will man ihn haben, den man doch zuvor ins Lokal gerissen hat, um schnell Platz zu haben für den nächsten.
Unerschöpflich ist diese Stadt, ewig jung wie ihre Menschen, auch wenn man sie zwischen Touristen und Straßenverkäufern suchen muss und die Römer gelegentlich einen die Aversion gegen jeden Trubel spüren lassen. Während wir den Touristen die Spanische Treppe überlassen und den Ordnungshütern ihren Kampf gegen Eis und Pizza, sitzen wir mit versprengten Einheimischen auf dem Campo dei Fiori zu Füßen Giordano Brunos und leben das Leben, nachdem Knetmonster- und Plastikpropeller-Verkäufer ihre Versuche, uns ihren Dreck anzudrehen, aufgegeben haben.
Je weiter man sich ins Zentrum der Stadt bewegt, das man zwischen den Kaiserforen und dem Piazza Navona festmachen kann, desto offensichtlicher wird der mitleidsheischende Stress der Schablonen- und Kulissen-Bereitsteller mit den andrängenden Besuchern, denen man mit Trattorien, Pizzerien, Enotecas, Cafés beikommen will, die viele der Jahrtausende alten Straßen pflastern. Und die oft so einladend und romantisch aussehen, dass man sich wenigstens eine in die eigene Stadt wünscht. Hier wäre man dann Stammgast. Aber selbst in leeren Lokalen sind die schönsten Tische reserviert, oder aber sie böten dem hungrigen Gast zu viel Platz, daher wird man an einen sachlichen Quadratmeter unweit der Toiletten verwiesen. Einige Kellner haben die Manieren von den zumeist nordafrikanischen Straßenverkäufern übernommen. Sie beschwallen einen mit rudimentärem, dafür lautem und anpreisendem Englisch, halten erst kurz vor körperlicher Gewaltanwendung ein. Auch hier schreckt man entsetzt zurück, ohne die Qualitäten des Angebots zu prüfen und gibt der Perpetuierung des Hungers gerne den Vorzug. In anderen Cafés gibt es keinen Espresso oder Cappuccino mehr. Weil der Patron es jetzt so will. Unter Wein oder Bier geht da nichts.
Im Vatikan hat sich eine spezielle Form der Ausplünderung der Touristen eingespielt, abgesehen von den Eintrittspreisen oder den wert- und sinnlosen Devotionalien. Im Café kostet der Cappuccino 6.— Euro, das Vierfache des Üblichen. Hinzukommen, man lese das klitzeklein Gedruckte, 17 Prozent „Servizio“, ein Ablass der modernen Form. Und überall in den Kiosken und Tabacchi verkaufen sie Postkarten, bunt oder schwarz-weiß, die man sammeln kann. Sie dagegen zu verschicken, wird schwierig. In den zuständigen Tabacchi sind Briefmarken „ausverkauft“, in der Post darf man sich mit einem gezogenen Zettel in die Warteschlage setzen, für ein paar Briefmarken! Man kann in den Tabacchi Briefmarken von einer „privaten Post“ kaufen, auch GPS genannt. Diese Gesellschaft arbeitet angeblich mit Postschiffen, versuchsweise mit dieser Firma geschickte Karten dürften immer noch auf den 7 Weltmeeren schippern.
Wer in Rom sich selbst und Erquickung für seine romantische Seele sucht, der nimmt das alles in Kauf, redet mit seinen Freunden, hofft auf den Sahara-Sand, der die Löcher füllt oder den nächsten Regen, der den Müll in den Tiber spült. Und die seine „gioa di vivere“ stören, die bitte gleich mit. Und an den rissigen Wänden Trasteveres erzählen schmierige Schriftzügen und herrlich verstörenden Bilder von Liebe, Hoffnung, Vergeblichkeit, Zeitgeist ohne Halt. Der Putz blättert ab, mit dem ganzen Stolz seiner mitleidsvollen Authentizität. Dann, frisch gestärkt mit dem Lebensmut der Stadt, ist Zeit für den Abschied, geht die Fahrt zum Flughafen mit dem Taxi. Und auf der Via della Magliana, die von Trastevere aus der Metropole hinaus führt, entsteht plötzlich ein Verdacht. Während der Fahrer elegant den Löchern in den Straßen und den anderen Verkehrsteilnehmern ausweicht, blicken uns einige Römer verstohlen von den Stühlen an, die sich hinter Bougainvillea-, Oleander- und anderen Sträuchern verbergen. Sollen wir nicht merken, dass sich hier, in den Vororten etwas versteckt, weil es erhalten bleiben will im Ansturm der Besucher, die sich doch nur selbst finden wollen? Wir verlassen Roma Municipio XI und dann, an der Ponte Galeria, unweit vor Fiumicino, wird der Verdacht zur Überzeugung, zur Gewissheit. Römisches Leben findet man nicht in Rom, jedenfalls nicht in seinen Kulissen im Zentrum. Wir kommen wieder, die Suche beginnt neu.

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