Rioja: Edle Weine, aber noch mehr

Rioja - Briones Weinmeer
Text und Foto: Dr. Harald Schmidt
Foto oben: Weinmeer bei Briones in Rioja

Rioja ist die kleinste Region und Provinz im Nordosten Spaniens. Rioja – der Name ist in Deutschland für viele eine Marke. Wohl jeder Deutsche hat schon mal Wein aus Rioja getrunken. Jedoch ist die Region touristisch weitgehend unbekannt.

Rioja liegt im Nordosten der Iberischen Halbinsel umrahmt von Kastilien-León, Aragonien. Der Ebro, der zweitlängste Fluss Spaniens, begrenzt den Norden zum Baskenland und zu Navarra.

In Rioja dreht sich fast alles um den Wein, und zwar Wein von höchster Qualität, obwohl es – wie überall – auch zweite und dritte Klasse gibt. Rioja ist Region und Provinz zugleich. Denn es gibt in dem kleinen Land nur eine Provinz. Durch das Land und die Hauptstadt Logroño führen siebzig Kilometer des Jacobsweges. 60tausend Pilger kommen jedes Jahr. Dieser erste Europa-Wanderweg führte schon im Mittelalter nicht nur Pilger, sondern auch Künstler und Kaufleute in die Stadt am Ebro.

Die Region ist reich, schließlich werden hier die viele der besten Weine Spaniens angebaut. Fünfhundert Winzerbetriebe gibt es hier. Etwa Siebzig öffnen ihre Tore für Besucher. In vielen Unternehmen werden Weinkultur und Kunstgenuss verbunden. Denn wie einer der Winzer dem Autor sagte:

„Wein ist nicht nur ein Getränk, sondern Kultur und Teil unseres Lebens.“ In Rioja könnte der Begriff ‚Wein-Kultur‘ geboren sein.

Guter Schnitt am schlafenden Löwen

Das Auto rollt in die Weinberge des Dorfes Fuenmayor bis auf 539 Meter Höhe hinauf. Auf 60tausend Hektar wird hier Wein angebaut. Keine große Fläche, denn sie ist unter 625 Weinbauern aufgeteilt. Weinbäuerin Maria begrüßt die Gäste herzlich. Erst mal einen Schluck Roten probieren. Dazu Sardinen, Tomaten, Chorizo und Schinken. Das alles an der frischen Luft und mit Weinbergambiente, ist schon ein Genuss. Alles stimmt: Fluidum, Wetter, Gesprächspartner, delikates Essen und dazu der edle Wein. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein.“ Goethes Satz aus dem Osterspaziergang im Faust Teil 1 fällt dem Genussmenschen ein. Maria plappert gleich unterhaltsam los: „Ich erzähle euch schon mal was. Hier gedeiht mehrheitlich die Tempranillo-Traube, außen blau mit rotem Saft und dicker Schale. Diese Sorte wird in Spanien sehr häufig angebaut. Sie steht hinsichtlich der Menge an zweiter Position. Was die Qualität angeht, liegt sie sogar an erster Stelle. Wir verschneiden sie mit der Garnacha-Traube. Das erzeugt lange lagerfähige Rotweine. Wir sagen, dass der Wein von dieser Traube das so genannte ‚Rückgrat’ und den Charakter in den Wein bringt.“

Der Blick schweift über die bergige Landschaft. Gegenüber streckt sich eine Bergkette. „Das sind Ausläufer der Sierra Kantabria. Sie schützen unseren Wein. Bis zu 1.270 Meter sind diese Berge hoch. Seht ihr dort den Berg. Sieht er nicht aus wie ein ‚schlafender Löwe’. Wir nennen ihn so“, sprudelt es aus der sonnigen Maria heraus.

Doch das Weingespräch findet wieder den roten ‚Wein-Faden‘ – auch wenn Landschaft und Wein Partner sind. Maria erklärt: „Bei der Weinqualität kommt es nicht nur auf die Lagerung im Fass an, sondern ebenfalls auf den Weinberg. Unser Gran Reserva wird auf 25, 30 und mehr Jahre alten Weinbergen angebaut. Außerdem haben hier noch einige achtzig Jahre alte Weinstöcke. Diesen Weinberg hatte mal mein Großvater angelegt“, sagt die Mitte-Zwanzigerin. Die Reben bringen weniger Ertrag, aber mehr Qualität. Kommt wir prüfen die Qualität.“ Die Gäste folgen Maria durch die Senioren-Weinstöcke. „Großvater und Vater zerbrachen die Trauben. Klebte der Saft am Finger, so hatte er die Süße erreicht. Wir messen heute den Zucker selbstverständlich mit dem Refraktometer und weniger mit Gefühl, aber etwas genauer. Wenn wir den Zuckergehalt kennen, so können wir auf den künftigen Alkoholgehalt schließen. So – wir pflücken jetzt 100 Trauben von 33 Reben. Und zwar von den Trauben, die oben am Stock wachsen und viel Sonne bekommen haben, sowie von den tiefer, im Schatten hängenden Trauben. Kurzum, wir versuchen einen Mittelwert zu erreichen.“ Eifrig pflücken die Gäste die Auslese für die Messung. Alle Trauben kommen in eine Plastiktüte. Winzerin Maria zerquetscht sie und schüttelt den Saft. Dann träufelt sie ein paar Tropfen Saft  in ein Röhrchen, in das sogenannte Refraktometer. Sie lässt das Sonnenlicht durch das kleine optische Gerät fließen und erkennt den Zuckergehalt. „Hier kannst du sehen: Wir messen 12 Grad. Unser Ziel sind 13 Grad. Das ist wie bei einer Lotterie mit dem Regen. Ernten wir jetzt, dann haben wir im Durschnitt ein Grad weniger, aber immer noch mehr als nach einem Regen.“ Maria kräuselt die ansonsten glatte Stirn. Wolken sind aufgezogen und stauen sich am schlafenden Löwen. „Sollte es jetzt regnen, dann geht der Zuckergehalt wieder ein bis zwei Grad runter. Das Regenwasser verdünnt sozusagen, informiert die junge Winzerin. „Aber wir warten und gehen das Risiko einer späteren Ernte ein.“ Eine klare Entscheidung, die in diesem Fall zum Erfolg führen sollte. Es kamen in Folge sonnige Tage.

Kritisch prüft die Winzerin


Verkorkste Verkorkung                            

Zurück geht die Fahrt ins Weinbauern-Dorf Fuenmayor. Zweitausend Einwohner leben hier. Es gibt hundert Weinkeller. Fast jede zweite Familie hat folglich einen. Maria lädt die Gäste in den privaten Familien-Weinkeller ein. Steil führen die Steinstufen dreißig Meter tief in den dunklen Keller aus dem 16. Jahrhundert. „Wir werden Wein testen – drei Jahrgänge“, erklärt Maria.

Sie nimmt eine Schlauch und füllt eine Flasche mit Wein aus einem Holzfass ab, dann die vom zweiten und die vom dritten Jahrgang. Eindeutig – der ältere, ausgereifte Wein macht klar das Rennen. Das war eigentlich bereits vor dem Probieren fast klar. „So, nun macht ihr bitte das, was ich unseren Ferien-Gästen anbiete. Ihr füllt euch eure Flasche selbst ab, verkorkt und etikettiert sie“, legt die freundliche Weinlehrerin fest. Gesagt getan. Abfüllen geht schnell, doch das Verkorken bringt ein Problem. Das hundert Jahre alte Verkorkungsgerät vom Urgroßvater ist irgendwie verklemmt. Es will nicht verkorken. Eigentlich wird nach dem Prinzip der Hebelwirkung ganz einfach der Korken in die Flasche gedrückt. Eigentlich. Doch der Mechanismus ist blockiert. Noch einmal drücken: Peng! Beim historischen Gerät zerspringt eine Metallfeder. Zugleich beim Autor das Selbstbewusstsein. Oh bei Bacchus, dem Weingott, ist das peinlich. Ausgerechnet beim Gast gibt das hundertjährige Gerät sein Leben auf. Maria nimmt es leicht. „Kein Problem, mein Bruder wird das schon richten.“ „Hoffentlich gelingt es dem Bruder und ist nicht nur eine höfliche Floskel der Gastgeberin“, denkt der Gast. Ja so ist das: wenn rohe Kräfte sinnlos walten …

Touristen, die bei uns eine Woche ausspannen, können sämtliche Winzertätigkeiten der jeweiligen Jahreszeit mitmachen: Im Winter Verschneiden und im Herbst Ernten und Pressen. Kommt, wir etikettieren noch…“ die Winzerin, bringt einen Korken. Etwas Druck mit dem Handballen und die Flasche wird ebenfalls verschlossen, auch ohne hundertjähriges Verkorkungsgerät. Bei ein, zwei Flaschen gelingt das gut, aber bei hundert Flaschen schmerzt der Handballen. Dann wird das vorbereitete Etikett mit dem Namen des Abfüllers aufgeklebt.

 

Wein-Verkehr


Die Verbrüderung von Wein und Menü

Daroca de Rioja ist ein sehr kleines Dorf, etwa 25 Kilometer von der Hauptstadt Logroño entfernt. Nur fünfundzwanzig Einwohner leben hier. Aber das kleine Dorf hat ein großes bis nach Madrid hin bekanntes Restaurant. Hier essen mehr Gäste als das Dorf Einwohner hat. Das Restaurant ist Ziel für Feinschmecker nicht nur aus Rioja, sondern sogar auch aus Madrid – das Restaurante ‚Venta Moncalvillo‘. Geführt wird es von der Familie  Echapresto.

Zwei Brüder sind die Chefs. Seit 1997 arbeiten sie in zweifacher Hinsicht brüderlich zusammen. Als regionale Patrioten versuchen sie Wein und Essen zu einer harmonischen „Verbrüderung“ zu bringen. Ignacio ist der Meisterkoch und hat bereits einen Michelin-Stern erobert. Carlos bringt als Sommelier im wahrsten Sinne die Verbrüderung mit dem Wein. Qualität, Frische und Regionales sind die Gebote. Dabei hilft auch der eigene Familiengarten. „Da brauche ich keinen Nachweis, denn ich weiß, was ich frisch aus unserem Garten bekomme.“

Wie funktioniert das mit der Harmonie von Essen und Wein? „Testen wir!“, meint lachend der Spitzenkoch. Aber gern! Mehrere Vorspeisen kommen: Gänseleber mit Weintrauben und dazu ein süßer Wein. Es folgen Pilze – selbstverständlich aus der Gegend. „Wir haben Herbst und gekocht wird nach Saison-Angebot der Natur.“, erklärt der Meisterkoch. Die Pilze wurden mit Olivenöl angerichtet. Dazu reicht der Somalier einen trockenen Weißwein. Die dritte Vorspeise: Ein Eigelb überdeckt luftgetrockneten Schinken und Trüffel. Die Anregung kommt vom Vater. Ignacio: „Das hat unser Vater immer gern am Sonntag gegessen.“

Dann kommt als Hauptgericht mit einem trockenen Weißen: Der Seehecht im Römertopf gegart. Der Knüller ist die Zubereitung. Der Seehecht wurde in roten Ton eingewickelt. Beides kommt in den Ofen und bleibt dort fünfzehn Minuten. Der Ton wird während des Aufenthalts mit dem Fisch im Ofen gebrannt. Der fettige Seehecht ist gefangen. Die Aromen des Fisches und seiner Gewürze sind es ebenso. Am Tisch klopfen der Meisterkoch und das Servicepersonal den gebrannten, tönernen Rundumverschluss mit Geschick auf. Ignacio ist der einzige Koch in Spanien, vielleicht in Europa, der diese originelle Koch-Idee anwendet. Er sei durch einen französischen Koch, der aber mit Schokolade umhüllt, auf die Idee gekommen. Mit Ton arbeite bisher nur er.

Ein zweiter Hauptgang: Hirschlende und Pfifferlinge mit einem kräftigen Roten, einen Gran Reserva, werden serviert. Die Sinne und physisch der Magen werden nun überfordert…

Nach einer Pause kommt das Dessert: Birneneis mit Kastaniencreme und karamellisierter Amaretto-Sauce. Dazu empfiehlt der Meister einen süßen Wein oder einen Schnaps als Digestif. Der Abend wird lang, wenn Spitzenessen und Spitzenweine sich verbrüdern…

Grand Reserva für drei Euro fünfzig

Im Städtchen Haro leben etwa 10tausend Einwohner. Es gibt aber achtzehn zumeist ältere Bodegas, sprich Abfüllanlagen. Die älteste gibt es bereits seit 150 Jahren. Sie ist heute die Familienkellerei „Muga“. Hier werden zu achtzig Prozent Rotweine produziert und abgefüllt, darunter „Reserva“ und „Gran Reserva“. Bei dieser Winzerei lagern die Weine ausschließlich in Eichenfässern. Deshalb hat der Betrieb auch eine eigene Küferei. Denn in ganz Spanien gibt nur noch fünf Böttger bzw. Küfer-Betriebe, die Holzfässer herstellen. Unabhängigkeit und Qualität bleiben so gewahrt. Denn ein Weinfass ist nicht nur ein Weinfass, ein Behälter …

„14tausend Fässer werden jedes Jahr gebraucht.“, erzählt Jesús der ökonomische Direktor der Winzerei. Gedankenblitz des Gastes: „Wie gut doch der Name zum Wein passt.“ “Die Fässer leben sechs bis sieben Jahre für den Wein. Dann bekommen sie ein anderes Leben als Whisky-Fass“, fließen die Worte aus dem Mund des Weinexperten. „Diese Aromen sind begehrt. Bei der Fassherstellung darf nur luftgetrocknetes Holz verwendet werden. Künstlich im Trockenofen vorbereitetes Holz verliert seine Aromen. Fünf Jahre muss das Holz im Freien lagern. Eichenholz hat je nach Herkunft unterschiedlicher Aromen: Die französische Eiche hat Tabak und Gewürzaromen, die amerikanische Zimt und Vanille. Wird das Holz einseitig getoastet, so entstehen Caramel- und Kaffeearomen.“ Die Gäste staunen: „Drei Küfer brauchen für ein 225-Liter-Fass drei Wochen.“ Wie wichtig doch ein Fass sein kann. Die meisten Konsumenten sehen das Fass nur als Verpackungshülle. Dabei gibt es Würze und Schutz.

Im Lagerkeller von Muga sind hunderte von Fässern gestapelt. Davor steht ein Tisch mit Hühnereiern. Merkwürdig?! Jesús klärt auf: „Tannine, die Gerbstoffe, werden an Eiweiß gebunden. Sie sinken mit dem Eiweiß auf den Fassboden und können somit beseitigt werden. Ein Trick, damit der Wein ‚eleganter’ wird. Für 15tausend Liter Wein brauchen wir von 400 Eiern das Weiß.“

Der Gast hat von einem bekannten deutschen Discounter ein Angebotsblatt mitgebracht, weil er sich darüber geärgert hatte. Auf dem Werbezettel wird eine Flasche Gran Reserva für 3,50 Euro angeboten. Die Antwort vom Winzer Jesús: „Wir kämpfen alle gegen so etwas. Das ist eigentlich Etikettenschwindel. Bedenke bitte: Reserva lagert nach dem Abfüllen noch zwei Jahre in der Flasche, Gran Reserva drei Jahre. Gran Reserva verbringt ein Jahr im Großbehälter, dann drei Jahre im Eichenfass, besagte drei Jahre Lagern in der Flasche. Das sind insgesamt sieben Jahre Arbeit, überwachen und prüfen. Dazu kommen die Weintrauben – der Anteil der Weinbauern. Dieser edle Rote kann bis zu zehn, mitunter auch zwanzig Jahre in der Flasche erhalten bleiben. Allein der Korken kostet pro Flasche heute 60 bis 70 Cent. Dazu kommen die Flasche, Etikett, Verschluss und Karton. 3,50 Euro sind gerade mal der Materialwert für die Verpackung. Ein solcher Preis von 3,50 Euro kann bei einem Qualitätsprodukt einfach nicht stimmen“, erklärt Jesús sichtlich erregt.

Was bringt die Qualität des Weines. Jesús: „Boden, Rebstock und Klima. Durchschnittlich 11 bis 14 Grad, Licht sowie 300 bis 650 mm Niederschlag im Jahr haben wir für unsere Weine am liebsten.“

Experte Jesús hat noch einen Tipp für den wahren Genuss von Rotwein: „Es wird gesagt der Rotwein soll bei Zimmertemperatur genossen werden. Wir meinen damit die Temperatur im Keller, nicht im Wohnzimmer oder im Restaurant. Also maximal 17 bis 18 Grad sind gut für einen guten Roten auf dem Tisch.“

 

Alte Weinpresse in Briones


Mit nackter Frau oder Senator Volstead den Korken ziehen        

Einige der Winzer gestalten ihre ‚Keller‘ zu Kathedralen der Kunst im mehrfachen Sinne. Den gute Weinen zur Ehre gehört einfach Kunst. Diejenigen, die mit ihnen arbeiten oder einfach sie nur konsumieren brauchen das. Weinkultur und Kunstsinn gehört einfach zusammen.

Eine ‚der-art-ige Kathedrale‘ steht am Stadtrand von Briones, einem kleinen Landstädtchen, das wie eine Burg auf einem Hügel über die unendlichen Weinreben-Flächen wacht. Es ist die typische Wein-Hügel-Landschaft von La Rioja, ähnlich wie in Umbrien oder der Toskana von Italien.

Hier hat (sich) die Winzerfamilie Vivanco ein Denkmal für den Wein gesetzt. Wenn schon bauen, dann richtig. So wartet am Rande der mittelalterlichen Stadt eine moderne Stätte der Weinproduktion, der Weinschau, der Weingastronomie und – stark betont – der Kunst für und über den Wein auf Besucher. Es ist eine Museum, eine Kunstgalerie und Bildungsstätte der Weinkultur. Auf neuntausend Quadratmetern wird so alles zum Thema WEIN im weitesten Sinne geboten. Die Gäste suchen sich ein paar Highlights aus.

In der Wein-Kathedrale werden alle Register der modernen Präsentation im Museum gezogen: da wäre die ‚Wein-Produktion‘: Dreitausend Fässer Gran Reserva lagern in einem Kathedralen artigen Saal. Der Wein als Gruß und Prolog verdient es. Doch alles beginnt mit dem Weinbau: Der Wein wurde in Rioja – wie kann es anders sein – bereits von den Römern eingeführt. Im Mittelalter erlebte der Wein in diesem Landstrich eine Blütezeit durch die Klöster, die am Rande des Jacobsweges entstanden. Seit 1926 wird die Herkunft und Qualität des Weines in Rioja kontrolliert und geschützt. So wie das heute auch in anderen wichtigen Anbaugebieten durch einen Kontrollrat geschieht.

Nahezu ehrfurchtsvoll stehen im halbdunklen Saal und mit beruhigender, nahezu sakraler Musik unterlegt, historische Weinpressen aller Größen von Spots in den Licht-Mittelpunkt gerückt. Ein großer Video-Bildschirm lässt den Gast in einen arbeitenden Gärbehälter blicken. Hier wird der Most zum Wein. Es gluckert und gluckst: Leuchtendes Rot mit dunklen Fruchtstücken und nach oben steigenden weißen Blasen. Nichts weiter, aber mit nahezu hypnotisierender Wirkung. Das harmlose Bild berauscht. Man(n) wird betrunken vom Zusehen der Umwandlung des Saftes zum alkoholischen Produkt.

Es folgt der Bereich der ‚Weinkunst‘: Überraschend viel Sensationelles gibt es zu sehen: Gefäße aus der Antike, religiöse Gefäße aus dem Mittelalter, die berühmten ‚Nürnberger Becher‘, Elfenbeinpokale, Seemuschelkelche bis zur modernen Weinkeramik von Picasso, Wandteppiche oder ein byzantinisches Mosaik selbstverständlich zum Thema Wein, aber auch Malerei wie die füllig-genussvollen Darstellungen der Alten Meister aus Holland, satirische und Comic-Zeichnungen, zum Beispiel auch von Walt Disney aus dem Wein-Film „Phantasie“. Picasso darf selbstverständlich nicht mit Zeichnungen fehlen. Originale der Spitzenkunst verschiedener Jahrhunderte sind auf einem Weinhügel mitten in der Provinz der Spitzenweine zu sehen.

Die Gäste erreichen die Abteilung ‚Ausschenken und Trinken‘. Zum Weintrinken gehört ein Korkenzieher. Hier wird wohl die größte Korkenzieher-Sammlung der Welt gezeigt. Unzählige Motive und die in vielen Ausfertigungen. Kunst und Kitsch liegen als Handwerkzeug für das Öffnen der Weinkunst des Winzers und Kellermeisters, sehr nah. Es ist erstaunlich, was Sammler so alles zusammen tragen. Dreitausend Exponate sollen es sein.“ Es ist interessant wie dieses einfache Instrument für den Weingenuss gestaltet werden kann. Da gibt es die Abteilungen Kitsch, Erotik, Monarchistisches: zum Beispiel das Verarbeiten von Mitgliedern der britischen Königsfamilie oder Masochismus – der Korkenzieher mit Stacheldraht oder Praktisches – der Korkenzieher mit Rasierpinsel. Gedanke: das kann doch nur aus England kommen, dem Land des Picknick-Koffers.

Wein und Erotik liegen (oft) dicht beieinander. Bei einem Zuviel des einen verliert allerdings das andere. So soll bereits Erotik beim Freigeben des Flaschenloches durch das Herausbefördern des Korken angeregt werden. Das kann mit Hilfe eines gedrehten Penis mit und ohne Mann oder mit gespreizten weiblichen Schenkeln geschehen. Ja – Wein regt bekanntlich Phantasien an …

Zwischen den Korkenziehern mit Brüsten, Penis und gespreizten Frauenschenkeln hängt eine umfangreiche Galerie mit einem griesgrämigen älteren Herrn. „Senator Volstead“ steht auf dem erklärenden Schild.

„Wer war oder ist Senator Volstead?“, fragt der Betrachter des nüchternen Exponats im Vergleich zu den Sex-Symbolen. Mit „voll“ hat das wohl nichts zu tun. Schau mal bei Google nach. Dieser Korkenzieher entpuppt sich als Mittel der Satire: Andrew Volstead war in den zwanziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts Senator aus Minnesota im US-Repräsentantenhaus und Initiator der nach ihm benannten Gesetzesvorlage gegen den Alkohol. Er hat sich pro Prohibition eingesetzt und damit indirekt der organisierten Kriminalität zu millionenfachem Wohlstand verholfen. Unter das Alkoholverbot fielen damals auch leichte Biere und Wein. Der Korkenzieher mit dem mehr oder weniger gelungenen Abbild des ‚Wein-Killers‘ ist ein richtiger und großer Spaß. Es gibt wie bei den anderen Themen auch eine große Ansammlung dieser historisch abstinenten Figur.

Was wird aus all dem, wenn sich eines Tages auch in Spanien und Frankreich die Schraubkapsel- und Glaskorken-Verschlüsse auf Weinflaschen einmal durchsetzen sollten, so wie das in Österreich und Deutschland geschieht? „Nun, das kann noch einige Jahre dauern“, meint die Ausstellungsführerin. Sie heißt ebenfalls Maria und muss schließlich die Gewohnheiten ihrer Landsleute kennen. Einige Jahre kann Mann und Frau Weintrinken aus der verkorkten Flasche, zuvor Metall-Busen grapschen oder den harten Penis in den weichen Kork drehen … Sogar beim Entkorken ist Gleichberechtigung der Geschlechter möglich.


Auf dem Pfad der Elefanten     

Es ist früher Abend, gegen halb neun. In der Altstadt von Logroño, der ‚Hauptstadt des Weines‘, füllt sich die Calle del Laurel langsam mit Menschen. Die Ortsdurchfahrtsstraße wird zum Ortsdurch-Gang.

Diese 200 Meter lange Straße sowie einige Nebenstraßen sind etwas Besonderes in Logroño. Hundert Bars, vierzig allein nur in der Laurel-Straße, bieten jeden Abend für wenig Geld Wein, aber auch alkoholfreie Getränke und Pinchos an. Pinchos ist die Tapas-Variante des spanischen Nordens. Jedes der Lokale hat ein, zwei, drei Spezialitäten im Angebot. Belegt sind diese Teighäppchen mit Schinken, Salami, Meeresfrüchten, Fisch, Gemüse, scharfen Sachen oder Käse – also mit allem, was Boden und Meer so hergeben. Und das ist reich- und vielfältig. Noch können die Menschen-Ströme stadteinwärts und -auswärts problemlos durch die Durchgangsstraße fließen.

Blanca, die Wirtin vom „La Taberna de Baco“, stürmt mit zwei Händen voller Rotweingläser aus ihrem Lokal. „Ich komme gleich.“, ruft sie den unschlüssig im Wege stehenden Gästen zu. Ihr gemütliches Lokal mit den Rotwein-Wänden strahlt Wärme aus. Blanca empfiehlt ihre Tomaten-Pinchos zum Wein. Sie baut diese Tomaten selbst auf ihrem Feld an. Da muss man nicht nach „Bio“ fragen. Die sind einfach gut. Lecker! Schon bestellt. Dazu Rotwein im Glas.

Klar, die Gäste wollen einen guten Roten aus Rioja. Flaschen werden kaum, und wenn dann erst zu gehobener Stunde bestellt. Denn diese „Pinchos-Route“, wie diese Straße im Volksmund genannt wird, ist eine Probiermeile. Wer überall  probiert wird selbstverständlich voll. Bei vierzig oder gar hundert möglichen Gläsern oder Häppchen. Das grenzt an Größenwahnsinn. Doch es ist nur rechnerisch gemeint.

Blanca rauscht los, bringt zwei Hände voll mit Rotwein. Wir sind ja nicht die einzigen. Es wird immer voller und auch für Blanca etwas stressiger. Hinter dem Tresen bricht sie doch im schnellen Lauf die offene Tür des Grills ab. Aber sie, die gewählte Präsidentin der Gastronomen in der Laurel-Straße, lacht nur…


Wein im Ledersack                             

In einer der kleinen Straßen, in der Calle Sagasta 8, in der Altstadt unweit von der Wein-Pinchos-Meile, hat Félix sein Geschäft. „Boteria Artesana“ steht über dem unscheinbaren Laden. Felix hat einen blauen Arbeitskittel an. Er arbeitet immer noch. Denn er hat um diese Uhrzeit noch viel zu tun. „Jetzt kommt ja die meiste Kundschaft“, erklärt der hagere Mann mit den lustigen Augen.

Im Prinzip bietet er nur ein Produkt an, das allerdings in verschiedenen Größen. Ledersäcke produziert er. Aus Häuten stellt er Flaschen, richtiger gesagt Trinksäcke, für Wein her. Es ist ein altes, heute seltenes Handwerk, das Félix betreibt. Er hat die einzige Werkstatt für Boterias in der Hauptstadt. Überall im Laden hängen diese Säcke vor allem aus Rind-, aber auch aus teurerem Ziegenleder. Die Säckchen hängen schlaff oder auch aufgeblasen wie Luftballons. Die größten sind aus einer kompletten Ziegenhaut hergestellt. Alles aus Natur, aus hygienischen Gründen sind das Innere und der Verschluss aus Plastik. Ursprünglich wurden diese „Boterias“ von Hirten auf die Weide oder von Bauern auf den Weinberg mitgenommen. Heute sind die Gäste der benachbarten Pinchos-Route die Hauptabnehmer. In Hochzeiten, wie an Feiertagen, verkauft er bis zu zweihundert Boterias an einem Tag. Heute sind es deutsche Gäste, die so ein superleichtes und geschmeidiges Trinksäckchen erstehen.

Die Menschen-Ströme stadteinwärts und -auswärts sind nun zähflüssiger geworden. Mann und Frau, Alt und Jung müssen öfter Verweilen. In der Bar „Lorenzo“ gibt es würziges Schweinefleisch mit Olivenöl im Baguette als Spezialität. Daneben wird gut gewürzter Tintenfisch angeboten. Pasteten gibt es etwas weiter, dann Muscheln oder gebackene Pilze. Dann geht nichts mehr.“

Jetzt wird der andere volkstümliche Name verständlich. Diese Travesia del Laurel bezeichnet der Volksmund auch als „Pfad der Elefanten“. Warum? Die kesse Antwort von humorvollen Blanca: „…weil man trinken kann wie ein Elefant?“ Oder essen kann wie der große Säuger, wäre eine Ergänzung. Wer diese Durchgangsstraße gegangen ist wird das bestätigen.

Epilog

Im benachbarten Briones auf einer Anhöhe wird an diesem Wochenende mit dem Wein nicht nur gelebt, sondern aufgelebt. Es wird gefeiert. Jung und Alt, Mann und Frau – einige in Kostümen eingepackt – lässt es sich im kleinen Städtchen gut ergehen. An diesem herbstlichen Sonnentag wird probiert, was der Keller hergibt. Es herrscht Leben auf den mittelalterlich romantischen Gassen und Plätzen. Die Familien finden zueinander. Eine grauhaarige Dame – Mutter und Großmutter – sitzt im Rollstuhl. Sie hat sich schmuck gemacht. Jedes Haar liegt sorgfältig am Ort ihres Wunsches der traditionellen Kaltwelle, am richtigen Fleck. Rührend wird sie von Dazukommenden begrüßt und umarmt. Ein Junge bringt ihr ein Gläschen Wein. Die alte Dame wird geehrt und ist glücklich. Sie ist dabei. Eine Jungengruppe in historischen Studentenkleidern umringt die Gäste und lädt sie zu einem Umtrunk vor einem Hauskeller ein. Ein Liebespaar ist durch intensives Küssen von der Umwelt entfernt. Es braucht keinen Wein (mehr).

Der Blick schweift von der Stadtmauer über die weingrüne Landschaft: ein welliges Meer bis zum Horizont. Unterhalb der Stadt wird für den Sonntag aus Holzplanken eine mobile Stierkampfarena errichtet. Bis auf einige noch fehlende Bänke ist sie fast fertig. Der erste Transporter mit einem der kräftigen, energiegeladenen Hauptdarsteller fährt gerade vor. Kein Volksfest ohne Stier auf dem spanischen Lande. Das Schauspiel gehört einfach dazu – wie Wein, Pinchos, Oma und etwas Liebe.

 

Info

www.spain.info

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