Riga – Feiern und Jubiläen, Freude und Angst

Die Stadt quirlt über von Menschen. Wo kommen sie her, was zieht sie an? Sind es die schlanken Kirchtürme St. Peters, Sankt Jakobs und vieler anderer, die aus den engen kopfsteingepflasterten Gassen in immer neuen, immer anderen Bildern die Betrachter faszinieren?

Sind es einzelne traditionsreiche Häuser wie das der drei Brüder, sind es die Märkte, ist es das Viertel des Jugendstils? Der zwischen Kränen und Ruinen neu erblühte Hafen? Oder sind es die eingeschossigen Holzhäuser, welche die Zeitenläufe überstanden haben? Ist es das Viertel, das Neu-Moskau heißt und hinter den Markthallen beginnt, die aus Hangars für Zeppeline errichtet wurden? Und die Besucher; kommen sie Rigas wegen, der Hauptstadt Lettlands, mittleres Land des Baltikums zwischen Estland und Litauen gelegen? Oder folgen sie einer der beliebten Rundtouren, die Städte und Landschaften des europäischen Nordens verknüpfen per Schiff, Bahn, Bus oder Auto und geradezu beliebige Ausmaße haben wie eine Perlenkette? Traf ich doch ein Paar, das tags zuvor das Nordkap „gemacht“ hatte.

Blick über Riga

Was sie alle eint an diesen Tagen, ist eine riesengroße Freude am Feiern, und die Einheimischen nehmen die Ausländer auf in ihren glücklichen Trubel. Wir kommen zum Stadtfest, Rigas svetki, das vom 15. bis 18. August viele Plätze, Straßen, den Wöhrmännschen Garten, das Ufer des 11. November und das Speicher-Viertel in eine Partyzone verwandelt. In diesem Jahr ist das Rigaer Stadtfest den Legenden gewidmet. Da gibt es viele, etwa wie die Deutschen mehr Land für die Lagerung ihrer Waren absteckten, als vereinbart war, in dem sie die Riemen, die zur Abgrenzung gedacht waren, dünner schnitten und so Riga festlegten, oder die des großen Kristaps, Christophers, der als Fährmann ein Baby aus dem Fluss rettete und dafür mir so viel Gold belohnt wurde, dass die Gründung finanziert werden konnte. Seine Figur steht an der Düna auf halbem Wege zwischen Dom und Schloss. Oder die schwarze Katze, die vom Dach eines Patrizierhauses den Mächtigen der Gilden ihr Hinterteil zudrehte. Sie musste später etwas gedreht werden.

Viele Städte in Europas Norden und Osten ähneln einander, vor allem, wenn sie Hansestädte sind. Aber Mythen und Sagen hat jede für sich. Und ihre Menschen. In Riga sind es 650 000. Nicht alle verstehen sich. Der Anteil der Russischsprachigen ist hoch und von ihnen fühlen sich einige diskriminiert. Das Stadtfest vereint sie für wenige Tage.

Es gibt Würste, verivorst, Sauerkraut, mulgikapsad, Hering mit Zwiebelringen, einen Brei aus Erbsen und Kartoffeln, kamamehl, und natürlich Bier. Es gab einen Oldtimer-Corso, Riga Retro, vor allem aber Musik, dargeboten auf Bühnen, die geschickt in großformatige Leinwandstrukturen eingebunden sind. Am 23. August wird dann erneut gefeiert, zurückhaltender, weil sich Sorge in die Freude mischt und die Opfer Respekt einfordern. Vor 30 Jahren bildete sich eine Menschenkette, die sich „Baltischer Weg” nannte, durch die damaligen Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen. Hunderttausende Balten demonstrierten für ihre Unabhängigkeit und erinnerten an den Hitler-Stalin-Pakt, der Moskau den Freibrief lieferte, die Staaten zu annektieren, die gerade erst nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ihre staatliche Identität gewonnen hatten.

Im Frühjahr 1990 erklärten Estland, Lettland und Litauen jeweils die erneute Wiederherstellung ihrer Unabhängigkeit. Aber sie musste mit mehreren Toten erkämpft werden, und aus allen dreien hatte Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion Teile des Landes und der Bevölkerung heraus gerissen. Verluste die schmerzen. Auch die Wunden durch die Deportationen und Massaker, bei denen sich Deutsche und Russen abwechselten, sind unverheilt. Und darum sind die Beziehungen zwischen Deutschland und Lettland keine „normalen“, auch innerhalb der Europäischen Union und des Euroraums, die beide Länder einen, nicht.

Denn dass Deutschland wieder Aufnahme in den Kreis der zivilisierten Länder dieser Erde gefunden hat, ist nicht das Ergebnis einer Reinigung nach der NS-Zeit gewesen. Wie sollte das auch geschehen sein in einer Gesellschaft, welche die Belasteten der NS-Zeit eins zu eins in ihre Strukturen integrierten? Sondern diese Aufnahme ist ausschließlich dem unter dem Begriff Kalter Krieg bekannten beginnendem Konflikt der Westmächte mit der Sowjetunion zu verdanken, in dem – schrecklich zu sagen – nicht die existierenden, wenn auch verschütteten kulturellen Befähigungen Deutschlands gefragt waren, sondern die militaristischen, die schon dem Nationalsozialismus zum kurzfristig tausendjährigen Erfolg verholfen hatten. Die Rechtfertigung der Aufnahme in den Kreis der zivilisierten Länder ist also nachzuliefern. Und wenn, so richtig es ist, das Einstehen für das Existenzrecht Israels Teil der DNA der Bundesrepublik ist, dann muss ebenso in DNA und Grundgesetz verankert werden die Pflicht auf der Seite derer zu stehen, die deutsches verbrecherisches Wüten die Existenz gekostet oder gefährdet hat und immer noch gefährdet.

Und damit sind wir bei der North Stream 2 Pipeline. Diese geht an den Baltischen Ländern vorbei, das ist gewollt, denn sie verbindet direkt das Gas liefernde Russland mit dem zahlenden Verbraucher Deutschland. Osteuropas Länder versuchen das zu verhindern. Wenn Deutschland anerkennen würde, dass es eine historische Pflicht zur Rücksichtnahme hätte, würde North Stream 2 gegen den Willen dieser europäischen Partner nicht gebaut. Aber erneut setzte Deutschland unter seinem Kanzler Gerhard Schröder auf die Macht der Stärkeren und dieser verschaffte sich selbst einen gutdotierten Posten in der Betreiberfirma.

In einem Café in Riga kam ich mit einem Russen ins Gespräch, nein mit einem russischsprachigen Esten, der sein Schicksal beklagte, im eigenen Land ungewollt zu sein, ein Los, das sich auch mit Alkohol nicht zu bessern schien. Er erzählte, er sei schon in Spanien und Portugal gewesen. Diese Länder hätten ihm nicht gefallen, weil sie schwach wären. Deutschland dagegen sei stark. Meine Argumentation, es käme auf die Stärke des Rechts und nicht der Automobilindustrie an, erreichte ihn nicht.
Das dürfte für viele seiner Landsleute gelten, deren Sympathie dem Herrscher des mächtigen Nachbarn gelten und deren Schrei nach Heimholung nur wegen der Mitgliedschaft Estlands in der EU und der NATO zwar nicht ungehört aber konsequenzlos verhallt. Man hätte der Ukraine und auch Georgien viel Leid ersparen können, wenn man auch sie aufgenommen hätte. Nicht wenige, mit denen ich in Riga sprechen konnte, erinnert North Stream 2 in dem ungezügelten Ausspielen von Macht an den unseligen Hitler-Stalin-Pakt.

Für viele in Estland, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus der übrigen Sowjetunion angesiedelt wurden, um die demographische Überlegenheit der Esten zu brechen, von denen man zuvor Hundertausend nach Sibirien verschleppt hatte, ist die Situation schwierig. Das Schulsystem ist darauf angelegt, Estnisch in der Bevölkerung zu verankern. Es ist Amtssprache.

Der Besucher bekommt davon zwar wenig mit. Aber empfohlen sei, sich ein paar Brocken Estnisch anzueignen. Es ruft Freude hervor, ansonsten kommt man mit Englisch durch – nur bei den älteren Russischsprachigen nicht, die kramen dann ihre Brocken Deutsch zusammen. Deutschbalten sind selten, die hat Hitler als Konsequenz des unseligen Paktes ausgesiedelt, um in eroberten Gebieten Polens Platz zu nehmen.

Das Rigaer Stadtfest gibt es jedes Jahr, unbelastet von Jubiläen. Diese sind auch nicht immer ein Grund zur Freude. Zum 80. Jubiläum des Hitler-Stalin-Paktes hat Russlands Präsident Vladimir Putin die Brandmarkung des Paktes als Verbrechen durch Gorbatschow für einen historischen Fehler und für obsolet erklärt. Der Grund für diesen Geschichtsrevisionismus hat einen Grund: Damals erfolgte die Annektion, weil angeblich das Volk es so wollte. Nach diesem Szenario erfolgte die Besetzung der Krim, und Pläne für das Baltikum dürften in der Schublade des Kremlherren liegen.

Wer nach Riga kommt um zu feiern, der ist willkommen. Aber ein Besuch in der Synagoge, vor allem aber im „Museum of Occupations and Freedom“ in der Toompea 8 sollte dazu gehören. Dort kann er lesen: „Freedom is beautiful, freedom is fragile. It is not something you inherit, nor is it something, that can be taken for granted,“ Freiheit ist schön, Freiheit ist zerbrechlich. Es ist nicht etwas, dass du erbst, noch ist es etwas, das du als selbstverständlich nehmen kannst.“

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