Remiremont – das Schweigen der Masken

von Udo Haafke

Venedig, die mythenreiche Lagunenstadt an der norditalienischen Adria, wird gern für Vergleiche herangezogen, wenn es darum geht, dass ein Ort irgendwo auf der Welt eine annähernd ähnliche Anmutung, Lage oder Architektur besitzt. Das lothringische Remiremont am Rande der Vogesen verfügt nicht über derlei optische Parallelen, aber am dritten Wochenende im März ist es sogar eine Spur venezianischer als Venedig selbst.

Denn Remiremont feiert Fastnacht auf venezianische Art. 1995 zogen erstmals Kostümierte nach dem Vorbild des dortigen Karnevals durch die Straßen der 10.000 Seelen Gemeinde und begründeten damit den Siegeszug eines Kostümfestes, das seinesgleichen sucht. Der spontanen Eingebung einiger passionierter Karnevalsfans am Ort, die der Faszination des venezianischen Karnevals erlegen waren, sei es gedankt. Sie waren der verschiedenen erfolglosen Versuche und Ansätze der Stadt für Frühjahrsveranstaltungen und Sommerfeste überdrüssig. Und organisierten kurzum eine spektakuläre Variante Carnevale a la Lorraine.

Gegen 9.30 Uhr am Samstagmorgen versammelt sich eine zunächst überschaubare Schar Fotografen auf dem Vorplatz vor dem Kulturzentrum Remiremonts. Sie warten geduldig und ertragen auch die ersten Regentropfen, die sich nieselnd und unangenehm einstellen. Dann endlich tauchen die ersten Objekte der Begierde auf: ein aufwändig kostümiertes und maskiertes Paar. Sie positionieren sich am Eingangstor und schon bricht ein heftiges Blitzlichtgewitter los, aus allen möglichen und unmöglichen Lagen wird geschossen. Vergessen die Kühle und der störende Regen.

Dann taucht ein zweites Pärchen auf. Harlekins in rot und schwarz mit opulenten Mützen und Glöckchen. Sie beginnen ebenfalls ihre ganz eigene Show, akribisch verfolgt von den Lichtbildnern, deren Zahl ständig zunimmt, wie gleichsam auch die Maskierten, die alle ein kreatives und farblich stimmiges Bild präsentieren. Überall auf dem Hof sind nun kleine, improvisierte Foto-Locations eingerichtet. Die Karnevalisten stellen sich in Pose, immer bereit gut auszusehen und sich vorteilhaft kunstvoll zu inszenieren.

Nach weniger als zwei Stunden ist es nur noch schwer möglich Bilder zu schießen, ohne jemanden versehentlich mit aufzunehmen. Auf dem Podest vor der Fassade bleibt jetzt kaum ein freier Platz. Nach und nach verlassen die Hauptakteure jedoch wieder die Szenerie und schlendern, verfolgt von einer Unmenge freiwilliger Amateur-Paparazzi, zurück in die Innenstadt. Um den Charakter Venedigs zusätzlich zu imitieren, stehen an einigen Plätzen kleine Holzbrückchen in Anlehnung an Rialto und die vielen anderen Übergänge über die zahllosen Wasserstraßen. Das Wasser fehlt hier, dafür frequentieren die Maskierten gerade diese Orte ausgiebig für ihre Posen.

Der Zug der Verkleideten durch die Stadt erinnert an eine sorgfältig durchgestaltete Operninszenierung, weniger an einen lautstarken, fröhlichen Umzug, wie man ihn sich üblicherweise für eine derartige Karnevalsveranstaltung vorstellt. Im Gegenteil. Französische Chansons, italienische Canzoni und modern arrangierte Klassik dringen in angenehm moderater Lautstärke aus diversen Lautsprecherboxen auf die Straßen und Plätze, ansonsten herrscht bewunderndes, fast andächtiges Schweigen angesichts der dargestellten Erhabenheit. Die Maskierten, die unter Kostüm und Larve komplett unerkannt bleiben, deuten oft durch Auflegen des Zeigefingers auf die Lippen auf die zu wahrende Ruhe hin. Und fast alle, Aktive wie Zuschauer, halten sich an das Schweigegelübde.

„Stell dich mal dorthin, Phillippe, ich mache ein Bild von dir!“ Marie aus dem nahen Val d´Ajol schiebt ihren 6-jährigen Enkel auf ein prächtig kostümiertes Paar zu, was der Junge etwas unsicher geschehen lässt. Doch seine Scheu schwindet, als er merkt, dass die beiden so opulent wie beeindruckend elegant verkleideten Personen ihn freundlich empfangen und für das gewünschte Bild in ihre Mitte nehmen. Begeistert schießt Oma ihre Fotos. Und Phillippe will nun noch mehr. Eifrig sprintet er auf jedes neue Paar zu und imitiert sogleich deren bedächtige Bewegungen, bis die alte Dame schließlich ganz außer Atem ist.

„Ich mag das Geheimnisvolle, diese ganz besondere Magie, die alle Figuren dieses Karnevals umgibt. Die Masken sind einfach fantastisch, und die Kostüme – wunderbar.“- „Die sind alle total nett, auch wenn sie nicht so richtig mit mir sprechen wollen“, mischt ihr Enkel sich begeistert ein. Seit dem allerersten Aufzug der Masken und Kostüme ist Marie dabei. „Am Anfang waren es viel weniger Figuren, auch weniger Zuschauer. Aber jetzt ist alles sehr erwachsen geworden.“ Der verschwenderische Umgang mit Applikationen, mit Schmuck und Glitzer, mit Stoffen und Farben sind das einzigartige Resultat wochenlanger Vorarbeit, die jeder einzelne Teilnehmer für den Auftritt an diesem Wochenende auf sich nimmt.

Um die prächtige Kirche und das Rathaus Remiremonts herum sind einige Holzstege errichtet worden auf denen die Karnevalsfiguren sich wie auf einem Catwalk bewegen und präsentieren können. In sphärisches, sich stets veränderndes Licht getaucht, mit Musik untermalt erscheint der abendlich illuminierte, mystische Aufmarsch der Figuren wie der heimliche Höhepunkt des Karnevals. Unnahbar, versetzt mit einer Prise Erotik und vor prächtiger Kulisse, lustwandelt die mittlerweile nicht mehr überschaubare Schar karnevalistischer Akteure hier noch bis tief in die Nacht hinein, gefolgt und bewundert von einem begeisterten, ein ums andere Mal applaudierenden Publikum.

Information:

Atout France – Französische Zentrale für Tourismus in Deutschland, www.france.fr
Region Lothringen Comité Régional du Tourisme de Lorraine
http://www.tourismus-lothringen.eu/de/default.asp
Remiremont www.ot-remiremont.fr

Anreise:

Das Vogesenstädtchen Remiremont ist vom Flughafen Basel aus mit dem Auto in knapp zwei Stunden über Bundesstraßen erreichbar, von Karlsruhe aus sind es etwa 3 Stunden. Die Fahrt geht dabei über Straßburg.

Termin:

Kernzeit und große Umzüge sind vom 15. bis 18. März 2018, bereits in den Wochen zuvor gibt es kleinere Feste und Präsentationen im Ort.

Unterkunft/Essen und Trinken:

Knapp 15 Kilometer südlich liegt idyllisch in Val d´Ajol das Hotel La Residence, das sich sehr gut als Ausgangspunkt für Wanderungen und Spaziergänge in die Vogesen eignet. Zum Haus gehören zudem ein Schwimmbad und eine Sauna. Kulinarisch bietet das hauseigene Restaurant Typisches aus der Region der Jahreszeit entsprechend. Die verführerischen Desserts rollen ganz traditionell zur Auswahl im gläsernen Buffetwagen an den Tisch. http://www.la-residence.com/
In Remiremont selbst kann es während des Karnevals schwierig sein, in den Restaurants einen Tisch zu bekommen, daher unbedingt vorher reservieren. Etwas abseits des Trubels befindet sich das Restaurant Lounge Paradizio. Im modernen Ambiente wird internationale Küche auf innovative Weise serviert, dazu gehören ebenso spannende wie schmackhafte Pizza- und Burgerkreationen. Auch hier ist es hilfreich ein wenig der französischen Sprache mächtig zu sein. http://www.restaurant-remiremont.fr/fr/le-paradizio

Sehenswert:

Wer Zeit hat, sollte einen Blick in die Abteikirche St. Pierre werfen, die auf das 11. Jahrhundert zurückgeht, das frühere Palais der Äbtissinnen beherbergt heute das Rathaus und dient als malerische Kulisse für den abendlichen Catwalk der Masken. In einigen Gebäuden der Kanonissengemeinde sind heimatkundliche und stadtgeschichtliche Museen untergebracht.

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