Pays de la Loire

Die frische Prise Salz in der Suppe … der Pays de la Loire im Westen Frankreichs 

Karamell, mit einem Hauch Salznote aus Guérande lasse ich mir genüsslich auf der Zunge zergehen, zusammen mit den vielen Impressionen von La Vendée und Loire Atlantique, die ich noch einmal Revue passieren lasse. Bei täglich bis zu 30° C (so heiß ist es nicht immer Ende September), bescherte diese spätsommerliche Tour ein Füllhorn an Eindrücken im Wechsel der Gezeiten. Die Landschaft reicht von Küstenschönheit sanft bis wild über karstiges, dem Meer vorgelagertes Gebiet bis hin zum landwirtschaftlich genutzten Hinterland. Viele, neu angelegte, Wohngebiete mit Ferienhaus-Charakter fallen auf. Die ganze Szenerie spielt sich so nahe an der Atlantikküste von Vendée und Loire Atlantique ab, dass man sie, je nachdem, woher der Wind kommt, oft riechen kann − vor allem bei Ebbe.

Kommt in Deutschland das Gespräch auf die Loire, beschränkt sich das Wissen zumeist auf die Schlösser an diesem grandiosen Fluss. Nur wenige wissen, dass es der letzte Europas ist, der sich sein Bett noch selbst aussuchen darf und dass er in der geschichtsträchtigen Hafenstadt St. Nazaire in den Atlantik mündet. 450 km Küste stehen für Urlaubsgenüsse aller Art zur Verfügung: Auf dem Wasser, an Land und in der Luft. Mit herrlichen, kaum verbauten Sandstränden, schroffen Felspartien und Salinenregionen, wie die von Guérande mit der gleichnamigen, phantastisch erhaltenen Granitstadt.

Wer Mühlen liebt wird sich in den Pays de la Loire kaum sattsehen an den vielen Exemplaren, die noch im Einsatz sind oder an den reetgedeckten Häusern von La Brière, eine der größten Sumpf- und Lagunenlandschaften Frankreichs, ganz nah an der Bretagne. Die Inseln Noirmoutier und Yeu sind sehr ursprünglich gebliebene Mikrokosmen und einen eigenen Urlaub wert. Freilich liegen all die Schönheiten nicht direkt an der Hauptstraße – aber nichts ist wirklich weit voneinander entfernt.

Die Gangart in der Umgebung scheint um ein paar Stundenkilometer zurückgedreht. Auch auf den Straßen und Autobahnen, was ich als sehr angenehm empfunden habe. Durch viele Kreisverkehre, die sich sehr viel später auch in Deutschland allmählich als Abbremser durchgesetzt haben, kommt Tempo gar nicht erst auf. Wer sich noch an Jacques Tatis Film: „Die Ferien des Monsieur Hulot“ aus den 50er Jahren erinnert oder sogar (wie ich) Fan dieses Kultstreifens ist, sollte sich in St.Marc/St.Nazaire im Hotel de la Plage einnisten, dem von Best Western renovierten Originalschauplatz des Films. Ein Blick auf den Strand mit den markanten Felsen, an dem die letzten 40 Jahre spurlos vorübergegangen sind, gehört auf alle Fälle zum St.Nazaire-Programm. Original-Hulot-Musik tönt aus der interaktiven Speisekarte vor dem Hotelrestaurant. 

Die Liste der Sehenswürdigkeiten und Freizeitgestaltungen aller Art ist groß. 

Wir empfehlen die Region für Urlaub in Frühjahr, Herbst und Winter (in der kalten Jahreszeit zeigt der Atlantik ein wilderes Gesicht, das auch seine Reize hat). Die Vendée weist mit die höchste Campingplatz-Dichte Frankreichs auf. Nur leider sind Campingplätze, von wenigen Ausnahmen abgesehen, meistens nur von Mitte April bis Mitte September geöffnet. Aber es gibt kleine, charmante Unterkunftsmöglichkeiten mit hohem Wohlfühl-Charakter. Von den Monaten Juli und August als Reisezeit raten wir generell ab, weil dann ganz Frankreich auf den Rädern ist und die Unterkünfte wesentlich teurer sind. Tipp für Null-Fremdsprachen-Sprecher: Zeigewörterbuch von Pons (7,95) ist hilfreich, überall auf der Welt!

Kaviar des Salzes, das neuerdings auch in deutschen Regalen stehende Fleur de Sel wird von den Paludiers den stolzen „Salzgärtnern“ mit viel Sorgfalt und knowhow geerntet. Auf dem Bild oben schöpft der Paludier die Salzblüte von der Oberfläche ab, nachdem er sie durch leichten Wellengang sacht vom Lehmboden gelöst hat. Es würde mich nicht wundern, wenn er heimlich mit dem weißen Gold spräche…
Salz, das mineralstoffreiche Grundelement des Lebens, kommt hier aus dem Meer, aus dem auch der Mensch stammt, woran die salzigen Tränen noch erinnern. In Guérande gehen die Paludiers mit dem „weißen Gold“ um, wie mit einem sehr kostbaren Gut. Seit ich das in der Maison des Paludiers und in den Salinen sehr detailliert beobachten durfte, fällt es mir bei jeder Prise Salz, die ich verwende, wieder ein. Ich achte ich jetzt auch genau darauf, welches Salz ich kaufe…

Guérande, im Salinenumfeld, ist eine mittelalterliche, fein herausgeputzte Festungsstadt für Augen- und Gaumen-Gourmets. Von einer teilweise begehbaren Stadtmauer komplett umgeben, inhaliert man hier Granitflair mit Niveau, ob in Fischlokalen, Cafés, Salz- und sonstigen Spezialitätenläden. Die Nähe zur Bretagne ist deutlich spürbar, nicht nur bretonische Spezereien und blau gestreifter Seemannskleidung wegen. Die kapitale Stiftsherrenkirche lädt zum stillen Verweilen ein. Das einzige Hotel, Le Roc Maria, wo der Chef am Eingang steht, ist klein, gemütlich und ganzjährig geöffnet. Es gehört auch eine Crèperie dazu. Vor dem Stadttor liegt ein öffentlicher, kostenlosen Parkplatz/im Office du Tourisme erfragen.

Der Strand von Saint Marc sur mer/Saint Nazaire, direkt vor dem Hotel de la Plage wo Jacques Tati (als Denkmal in typischer Pose) in den 50ern den Kultfilm Die Ferien des Monsieur Hulot drehte, hat sich in den letzten 40 Jahren nicht verändert. Das von Best Western renovierte Originalhotel, das jetzt etwas anders aussieht als früher, mit 15 Zimmer zum Strand, 15 zum Land, und einem sehr guten Restaurant, lädt zu wahren Orgien der Erinnerung ein oder einfach nur dazu, gemütlich Urlaub zu machen: direkt vis-a-vis vom Atlantik!

Das malerische Hafenstädtchen Pornic liegt in nur 5 km Entfernung und ist auf jeden Fall mehrere Besuche wert. Ebenso die nächsten Strände und die geschichtsträchtige, von Weinfeldern und riesigem Gemüsegarten umgebene Auberge la Fontaine de Bretons, direkt am Meer. Im Komplex befindet sich auch ein Tourismusbüro und ein sehr gutes Restaurant. Eine echte Rarität – und doch nur ein Mosaiksteinchen von insgesamt 450 km Küste der Pays de la Loire.

Saint Nazaire, die Mündungsstadt der Loire, mit 20 Stränden in der Umgebung, atmet das weltoffene, salzige Flair von Hafenstädten, aus. Hauptattraktion ist das Ozeanmuseum Escale’Atlantique, das durch seine Lage, neben Cafés und Tourismusbüro, integriert im gigantischen U-Boot-Bunker der Deutschen aus dem 2.Weltkrieg,gespenstisch anmutet.

Nantes (einst historische Hauptstadt der Bretagne) ist jetzt die Hauptstadt der Pays de la Loire. Es hat eine schöne, weitläufige Altstadt mit großem architektonischem und kulturellem Erbe, dazu weitläufige Parks. Ein besonderer Augenschmaus ist für mich der riesige Samstagsmarkt im Zentrum: Alles, was das Meer so zu bieten hat und viele andere Spezialitäten werden von einer bunten Händlerschar feilgeboten. Der TGV fährt ca. 2 1/2 Std. von Paris nach Nantes und in ca. 1 weiteren Stunde bis La Baule. Er läuft noch weitere Ziele an der Küste an.

Vom Meer und vom Land ernährt sich die Region Pays de la Loire – und vom Tourismus.

Hellbeige, wohlgenährte Rinder sind häufig in der Landschaft zu bewundern, aber auch schwarz-weiße suchen nach Gras, das in diesem Herbst 09 ziemlich dürr geworden ist. Darüber hinaus wird etwas Wein kultiviert, z.B. der leckere Rosé Mareuil. Außerdem säumen den Wegesrand viele Sonnenblumen- und Maisfelder. Insgesamt strahlt die Region, so kommt es mir vor, so viel Ruhe und Gemütlichkeit aus, dass sich automatisch der Schritt verlangsamt oder der Fuß vom Gas geht, beim Versuch, sich dem Rhythmus der Menschen hier anzupassen, die noch relativ im Einklang mit der Natur leben.

Die Austern von Port de la Guittiere schmecken am besten direkt in der Bude neben dem Becken, wo sie ihre letzte Station verbringen, mit einem Gläschen trockenem Weißen aus der Region. Bei der Gelegenheit bietet es sich an, die imposante Burgruine von Talmont Saint Hilaire (Der letzte Herr von Talmont war Antoine-Philippe de La Trémoille, der 1794 guillotiniert wurde) zu bewundern, die schöne Natur nebst herrlichem Strand zu genießen und sich so oft wie möglich mit Meeresfrüchten zu verwöhnen, hier wo der Atlantik noch reichlich davon abgibt…

Der 4,5km Weg die Corniche Vendé enentlang, Naturgenuss pur, startet direkt beim sympathischen Hotel Frédéric (links), einen Katzensprung vom Stand entfernt, in St. Hilaire de Riez. 

Im Le Logis du Maraichers in Olonne sur mer werden Gäste nach allen Regeln der Kochkunst verwöhnt. Wer Glück hat, wird im Salon sogar noch zu Cognac aux Amandes eingeladen, als kleiner Absacker… In vier geschmackvoll in erdigen Tönen gestalteten Zimmern, wo alles aufeinander abgestimmt ist, vom Duschgel bis zum Wein, ist Wohlfühlen angesagt. Das uralte, kürzlich renovierte Anwesen liegt ca. 3 km vom Meer entfernt. Der Gast ist hier König – wenn er sich wie einer benimmt…

Dieses Landschaftsgemälde versteckt eine Schlossanlage mit Park und drei Seen, die Axel Demauduit, einst Banker, jetzt Erbe des Anwesens und Schlossherr mit Leib und Seele, als Camping Le Domaine de la Forêt betreibt. 2 grandiose Baumhäuser inkl. (vorab reservieren!) Ein Muss für Naturcamping-Gourmets!!

Skurril: einen Rettungskorb, einer von vier auf der 4,5 km langen Strecke zwischen Beauville und l’île de Noirmoutier, (der bei Ebbe, so weit das Auge reicht, von Land umgeben ist), kann man klettern, falls man von der zurückkehrenden Flut überrascht werden sollte (und bestenfalls zusehen, wie das eigene Auto vom Wasser verschluckt wird…). Deshalb empfiehlt es sich, den Gezeitenplan immer genau zu studieren, bevor man diese Straße als Zubringer zur wunderschönen (Halb-) Insel nimmt. Erlaubt ist ohnehin nur der Hinweg zur Insel. Lastwägen verboten! Ein bisschen mulmig ist mir schon, bei der Wahl dieser Passage du Gois (goiser heißt soviel wie durchs Wasser waten). Man hört ja in letzter Zeit soviel von Tsunamis und überhaupt. Allein die Vorstellung, dass dieser Weg, bei der nächsten Flut wieder bis zu 4 Metern im Atlantik versinkt, Prost, Mahlzeit! Ganz Sportliche, toppen das Vergnügen noch, indem sie am internationalen Marathon: Les Foulées du Gois teilnehmen, der alljährlich im Juni stattfindet.

Der Startpfiff ertönt erst dann, wenn das Flutwasser bereits die Straße erreicht… die Letzten fressen die Wellen (Foto). Für Sicherheitsoptimierer und Eilige gibt es aber auch eine feste Brücke, die man auf alle Fälle trockenen Rades überquert.

Information:

Ich bin via Paris nach Nantes geflogen und habe die Küstengegend von dort aus per Leihwagen (mit GPS) bereist. Wer des Französischen gar nicht mächtig ist und sich trotzdem verständigen möchte: sehr praktisch ist das Zeige-Wörterbuch von Pons: Einfach aufs Bild deuten und verstanden werden. Auf keinen Fall: Juli/August nach Frankreich aufs Land fahren. Denn da ist die ganze Nation unterwegs. Campingplätze sind, von wenigen Ausnahmen abgesehen, von Mitte April bis Mitte September geöffnet. Es gibt charmante Übernachtungsmöglichkeiten am Meer und im Hinterland. Die oben abgebildeten Empfehlungen habe ich persönlich getestet. Offizielle Homepage Pays de la Loire.  (Text und Fotos © Rena Sutor)

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