Oman: Tausendundein Kilometer zu tausendundeiner Nacht

Wie märchenhaft das klingt – „Salalah“. Tausendundein Kilometer liegen zwischen Omans Hauptstadt Muscat und „Tausendundeiner Nacht“, der Weihrauchregion Dhofar im Südwesten des Sultanats mit Salalah, dem zweiten Sitz des Sultans. Im Stadtteil ad Dahariz – einer ehemaligen Fischersiedlung – wurde in der Moschee gerade das Abendgebet beendet. Die Dämmerung wird schnell von der Dunkelheit eingeholt. Das nahe Brausen der Wellen des Arabischen Meeres entspannt.

Text und Foto: Harald Schmidt

„Hallo Sir, haben sie Lust auf einen Tee? Ich freue mich, wenn sie mein Gast sind.“ In Gedanken versunken schreckt der Deutsche auf. „Bitte?“ „Ja, ich würde mich gern mit ihnen unterhalten.“, sagt ein leicht untersetzter kräftiger Anfang Vierziger in ausgezeichnetem Englisch. Die überraschende Einladung hypnotisiert. Die Deutschen handeln anders als bei anderen Reisen: Sie folgen spontan einer Einladung eines völlig fremden Menschen in einer unbekannte Umgebung. Doch der Mann im beigen knöchellangen Gewand, der Dishdasha, mit dem gewickelten Tuch Masar auf dem Kopf, ist mit seinen freundlichen Augen vertrauenserweckend.  Mit einer Handbewegung weist Omar, so sein Name, auf seine Villa fünf Meter entfernt. Ein moderner Bau, bei dem aber zahlreiche Elemente der traditionellen Baukunst der Region Dhofar und vom benachbarten Ost-Jemen verarbeitet wurden. Da sind die Spitzbogen-Fenster und die geschnitzte schwere Holz-Haustür – beides Anregungen von den wenigen noch erhaltenen alten Fischerhäuschen. Traditionell sind auch die Fassaden: der regionale braune, raue Mirbat- und der weiße, glatte Marmor-Stein. Tradition neben dem Modernen erhalten – das ist es, was die Omaner beim Bauen und Gestalten ihres Landes und der Gesellschaft mögen.

Eine Villa für harte Arbeit

Stolz geleitet Omar der Freundliche die Gäste. Der Hausdiener wird angewiesen, Tee, Softdrinks, Datteln, Kekse und Süßigkeiten zu bringen. Die Wände der ‚guten Stube‘ sind durch gepolsterte Sitzgelegenheiten gerahmt. Davor stehen flache Tische. Das riesige Sofa entlang der Wände wird durch ein paar Schränkchen mit familiären Fotos und Utensilien unterbrochen. Es gibt viel Platz für große Familien und ihre Gäste.

Neugierig schiebt sich ein Zwölfjähriger durch die leicht geöffnete Tür, dann ein jüngerer Junge, dann ein sechsjähriges Mädchen. Es sind drei der vier Kinder vom Gastgeber. „Wir waren damals acht Kinder in der Familie.“, bemerkt Omar. Durch die halbgeöffnete Tür dringen die Stimmen von Ehefrau, Schwester und Mutter. Die Frauen bleiben – wie es sich im Oman gehört – für die Deutschen unsichtbar. Anwesend ist nur die deutsche Frau als Gast – unverschleiert und ohne Kopftuch. Toleranz gebietet das Recht der Ausnahme eines Gastes.

Nach den üblichen Fragen zum Woher und Wohin, zur Zahl der Kinder und zur Tätigkeit erzählt der Hausherr von seiner harten Arbeit als Erdölarbeiter in der Wüste Ar Rub Al Khali 240 km von Salalah entfernt nahe der Grenze von Saudi Arabien. „Wir haben zwei Wochen Arbeit bei mitunter 50 Grad Hitze, dann zwei Wochen freie Zeit. Morgen beginnt wieder der Einsatz.“

Eine Frage: „Wie lange reicht das Öl?“ Omar zuckt mit den Schultern: „Saudi Arabien hat den bei weitem größten Anteil. Aber für mein Auskommen wird es noch reichen.“ Die Villa ist ein Beleg für das gute Einkommen für harte Arbeit.

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Dünenläufer in der Wüste 100 km von Salalah entfernt

 Spontane Spritztour

Omar lädt zu einer Spritztour durch Salalah ein. Die Sitze seines südkoreanischen Jeeps werden noch von Folie geschützt. Omar entschuldigt sich: „Den Wagen habe ich vor kurzem erst gekauft. Eigentlich liebe ich deutsche Limousinen. Die sind aber zu teuer und weniger für die Wüste geeignet.“

Der Jeep fährt auf der Pracht-Allee am Gestüt, dann an den Obst-, Kokospalmen- und Zuckerrohrplantagen des Sultans vorbei. „Im Gestüt werden für die ganze Pferdewelt Araber erster Güte gezüchtet.“, informiert Omar und erreicht die Nähe vom Sultan-Palast. Hohe Mauern versperren den Blick zum hochherrschaftlichen Haus, in dem Sultan Qabus vor mehr als 74 Jahren geboren wurde. „Hier wohnte der Sultan, bevor er seinen Vater 1970 ins Exil nach London schickte.“ Nach diesem unblutigen Familien-Putsch begann der Start des Landes aus dem Mittelalter und internationaler Isolierung in die Moderne.

 Weihrauch für die Welt

Omar fährt am Souq (Basar) von Salalah vorbei, in dem der beste Weihrauch der Welt verkauft wird. Frauen verkaufen Weihrauch an Frauen. „Dieses Geschäft liegt in den Händen unserer Frauen“, erklärt Omar lächelnd. Er soll recht behalten.

In einem kleinen Kiosk am Ende des Souqs von Salalah wartet Aisha auf Kunden. Die kleine kräftige Frau ist in der traditionellen schwarzen Kleidung, der Abaya, gehüllt. Durch ihre heftigen Armbewegungen lugen goldene Armringe und ein farbiges Kleid neugierig hervor. Ist es Unvorsichtigkeit oder Absicht?

„Es gibt vier Qualitätssorten an Weihrauchharz. Das Beste ist das klare, zart grünliche. Diese Qualitätsbäume wachsen nur bei uns. In Somalia gibt es zwar auch Weihrauchbäume, aber die liefern nicht so gutes Harz.“

Die Gäste greifen zu den grünlich weißen  Klümpchen. Wenn schon, denn schon… Die Händlerin lächelt. Aber beim Preisangebot der potentiellen Käufer wird sie ernst. Sie lässt nicht mit sich handeln: „Nooo, das ist Qualitätsware. Die hat ihren Preis. Aber ich gebe Euch ein Päckchen Kohlestückchen gratis dazu, weil ihr so nett seid.“ Kohlestückchen werden zum Verdampfen des eigentlich unbrennbaren Harzes gebraucht. „Vielleicht noch eine Tüte weniger qualitativen Weihrauchharz nur zum Abbrennen dazu…“, wirbt sie. Recht hat sie. Denn der Edel-Weihrauch ist zum Verbrennen zu schade.

„Die speziellen klimatischen Bedingungen in Dhofar – die Monsun-Regenfälle von Mitte August bis Ende September – bringen die Qualität unseres Weihrauchs“, erklärt Omar. Das Klima lässt sich schwer durch den Menschen beeinflussen. Zum Glück – so hat Dhofar seit der Antike das Weihrauch-Monopol. Archäologische Funde belegen, dass die Araber vom Oman bereits vor tausend Jahren mit ihren Schiffen bis nach Indonesien und China gereist sind. Per Schiff und auf der Weihrauchstraße wurde das weiße Gold von Oman auch zum Mittelmeer zu den Tempeln und später Kirchen Europas gebracht.

„Unser Weihrauch-Museum in Salalah informiert darüber sehr anschaulich.“ Omar zeigt auf ein modernes Gebäude mit Marmor-Fassade gebaut neben den Ruinen von Al Baleed, der über 2.000 Jahre alten und seinerzeit wichtigsten Hafenstadt auf der Arabischen Halbinsel am Indischen Ozean. „Auf der Fläche des alten Handelsplatzes und Hafens fanden Archäologen ein Schachspiel und chinesische Münzen aus dem 11. Jahrhundert. Der größte Teil der Mauern liegt jedoch noch unter der Erde. Hier können noch Generationen graben und Schätze finden“, meint Omar.

Wüste al Kalih
Oase mit Quelle in derWüste al Kalih

Der Gast denkt an eine Zeitungsnotiz über Weihrauch. Aktuell ist Weihrauch im Fokus der Arzneimittelforschung. Ein Selbstversuch läuft bereits: Etwas Harz in einem Glas mit Wasser über Nacht stehen lassen. Am Tag trinken. Der blumige Geschmack belebt und sorgt für Wohlbefinden. Drei Aufgüsse sind möglich. Danach ist das weiße Weihrauchklümpchen aufgeweicht und lässt sich noch als Kaugummi nutzen. Omaner schwören auf die positive Wirkung bei der Verdauung und Zahnfleischpflege. Die wissenschaftliche Forschung versucht damit allerdings höhere Ziele in der Krebsbekämpfung zu erreichen. Aber die braucht noch Zeit…

Der Gast erinnert sich an Santiago de Compostela am Ende des Jakobsweges in Spanien. In der Kathedrale mit den vermeintlichen Gebeinen des Jacobus wurde Weihrauch nicht nur notwendiges Utensil für das religiöse Ritual. Weihrauch übertünchte im Mittelalter den unangenehmen Geruch der ungewaschenen Pilger und desinfizierte.

Omar unterbricht das momentane Schweigen: „Über die Wege des kostbaren Harzes nach Europa und Asien informiert – wie gesagt – mit moderner Didaktik das Weihrauch-Museum. Auf der Freifläche davor wird getestet, wie gepflanzte Weihrauchbäume sich entwickeln. Bisher sind sie allerdings nicht so ertragreich wie die alten, wild gewachsenen Bäume.“

Der Jeep rollt am Rande des  fünfzig Meter breiten, eigentlich zu jeder Tageszeit fast leeren Sandstrand von Salalah. Tagsüber liegen nur einige Westler mit weißer Haut auf dem zartgelben Sand. Kleine und mittelgroße Strandhotels entlang der nicht vorhandenen Strandpromenade sind hier kein Hindernis für Strandläufer. In einem der kleinen Häuser, durch das zweistöckige kleine ‚Arabian Sea Villas‘, schwebt ein Duft von Weihrauch gemischt mit Myrrhe und Sandelholz. Dieser Duft erfrischt, belebt und vertreibt Insekten.

Ritual am Strand

An sonnigen Nachmittagen lässt sich das Strand-Ritual omanischer Familien beobachten. Es läuft wie ein Film nach einer standardisierten Regie: Ein männliches Familienmitglied fährt in einer schweren bevorzugt schwarzen Limousine am Strand vor und lädt zwei, drei junge Damen der Großfamilie mit ihren kleinen Kindern aus. Die Ladies schreiten zum Wasser und setzen sich elegant gekleidet mit der schwarzen Abaya und einer großen westlichen Designer-Handtasche  teilweise mit Gesichtsmaske Burka, etwa zehn Meter vom Wasser entfernt in den trockenen, hellgelben Sand. Dann plaudern sie bis zum Sonnenuntergang. Der männliche Schutz parkt und wartet auf Distanz geduldig am Rand des Strandes. Er beschäftigt sich neben dem Beschützen bevorzugt mit seinem Handy.

Omar ist mit seinem in Folie verpackten Jeep wieder zu Hause angekommen. Die Gäste sind es dank der Gastfreundschaft in mehrfacher Hinsicht ebenfalls.

Epilog

So richtig begann der Tourismus im Sultanat Oman erst vor etwa 25 Jahren. Oman ist nur knapp 50tausend Quadratkilometer kleiner als Deutschland, zählt aber lediglich etwas mehr als drei Millionen Einwohner; davon etwa 19% ausländische Arbeitnehmer. Oman bewegt sich zwischen märchenhaftem Orient und Moderne. Es gehört in punkto Preis und Qualität zu den anspruchsvollen Destinationen. Traditionen bleiben so länger erhalten. Tatsächlich hat die Beherbergung – vom Fünfsterne-Hotel bis zur kleinen Hütte in den Bergen – ein hohes Niveau. Die Hotel- und Gastronomie-Preise liegen allerdings mitunter etwas höher als in Deutschland. Sicherheit in vielerlei Hinsicht zeichnet Oman ebenso aus, wie die freundlichen Menschen. „In Oman sind die Menschen so freundlich und friedlich. Da bin ich als Frau allein gereist.“, hatte Carmen von Take Off Erlebnisreisen Hamburg, dem Organisator der Reise, den Deutschen mitgegeben. Wie wahr!

Kultur und Natur sind vielfältig: da wären die aufregenden Berglandschaften auf Musandam, im Akhdar-, Dhofar- oder Hajar-Gebirge, mit den unterschiedlich gefärbten und geformten Bergen, den grünen Tälern, den tiefen Schluchten mit den Wadis – das sind zeitweise ausgetrocknete Flüsse, den Canyons und dem mit 3.005 Meter höchsten Gipfel des Sultanats Jebal Shams. Da sind an der Straße von Hormus die Fjorde von Musandam, durch die alte Dhauen mit Touristen von ganzen Delphin-Familien begleitet werden. Da gibt es die fruchtbaren Regionen mit den alten orientalischen Festungen in den Regionen von Muscat bis zur Handelsstadt Nizwa. Im Westen zwischen Ost-Jemen, dem Arabischen Meer und Saudi Arabien liegt das seit der Antike legendäre Weihrauchland Dhofar mit der Wüste al Khali. Diese soll die meisten Dünen der Welt haben. Quellen ‚färben‘ grüne Flecken in den gelben Sand. Die Lagunen an der Küste sind ein Paradies für Flamingos, Kraniche und tausende andere Vögel. Ja und dann: Oman ist ein Land der betörenden Düfte –  geradeso wie im Märchen. Hier gibt es die teuersten Parfüme mit edelsten Essenzen für Frau und Mann.

 

😆 Bester deutschsprachiger Beitrag im Jahr 2015

4th Oman Air Media Awards at ITB Berlin 2016

http://www.omanair.com/en/about-us/press-releases/4th-oman-air-media-awards-at-itb-berlin-2016

Autor:
dr.schmidt@gruppeleif.de

Information
eliteoman.com
takeoffreisen.de

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