Neapel: Das Sein kommt hier vom Sein

Der Vesuv vom Castel d`Ovo aus gesehen
Tod und Leben sind hier keine Gegensätze

Bild ganz oben: Der Vesuv vom Castel d`Ovo aus gesehen

„Es tut mir leid. Aber Tatorte zu finden, wo La Pelle spielte, ist so gut wie unmöglich.“ Roberta Sora, aus der Direzione Generale Politiche Culturali e Turismo der Regionalverwaltung der Campania, die ich auf der Tourismus-Messe ITB in Berlin darauf angesprochen hatte, ob sie behilflich sein könnte, in Neapel die Orte zu finden, die in dem Roman „Die Haut“ von Curzio Malaparte eine Rolle spielen, hätte sich nicht zu entschuldigen brauchen. Der Fehler lag bei mir. Mehrfach. Zum einen wollte ich einen intensiveren Zugang zu der Stadt über das Buch eines Autors der Vergangenheit finden. Zum anderen hatte ich übersehen, dass sich Malaparte wegen seiner sehr drastischen Beschreibungen über das Neapel unter amerikanischer Besatzung bei allen unbeliebt gemacht hatte, bei den Kommunisten, denen er nach seinem Ausflug zu den Faschisten seine intensive aber vergebliche Aufwartung machte, bei den Monarchisten und auch bei der Verwaltung. Diese söhnte sich erst 50 Jahre nach dem Erscheinen von „La Pelle“ und lange nach seinem Tod mit ihm aus. Das wusste ich nicht, wie ich auch von dem Hader nichts wusste, der wiederum erklärt, warum sich in der Stadt kein Hinweis auf den Italiener aus Prato mit deutschen Wurzeln findet, der sich auf Capri eine Villa erbaute, dessen Herz aber mehr an Neapel als an seiner toskanischen Geburtsstadt hin. Spät, zu spät für Malaparte, der 1953 starb, erkannte man, dass nicht Spott und Häme ihn zu der Erzählung der Zwerginnen und zur Beschreibung von blonden Perücken für die farbigen Soldaten drängte, sondern das Mitleid mit einer Stadt, die sich selbst prostituierte, um zu überleben. Dass sich Roberta Sora mit Nichtwissen aus meiner Recherche verabschiedete, kann man durchaus mit Mitleid für mich erklären.
Was natürlich nicht zu einem Abbruch des Besuchs führte, sondern nur zu einer leicht geänderten Zielrichtung. Denn das Ziel, einen intensiveren Zugang zu Neapel zu finden, blieb.

Im Klostergarten des Heiligen Gregorius Armenus

Am Hafen von Neapel sprang mir ein großes Schild in die Augen, auf welchem sich die Stadt als „Capitale della Cultura“ vorstellte. Davon hatte ich auch nichts gewusst. Nach meinen Informationen waren alle bisherigen Bemühungen in diese Richtung auf europäischer und nationaler Ebene bisher vergebens. In diesem Jahr ist Matera europäische Kulturhauptstadt, die vorzustellen ich bereits die Ehre hatte.
So erfuhr ich dieses neue Geheimnis der Stadt, welche nach Malaparte die „mysteriöseste Europa“ ist und die „einzige Stadt der antiken Welt, die nicht untergegangen ist wie Ilion, Ninive oder Babylon.“ Neapel sei eine Stadt wie Pompei, nur nicht begraben. Es sei auch keine Stadt, „è un mondo; antico, precristiano“, welche die „Vernunft Descartes nicht erreicht hat.“ Einiges mag ich nicht teilen, denn wenn auch Troja (Ilion) unterging, Athen blieb. Aber das in Neapel das Sein nicht vom Denken kommt, wie es Descartes mit seinem „ich denke also bin ich“ definierte, das mag stimmen. Hier kommt das Sein vom Sein, vom Überleben. Und das ist der wohl richtige Ansatz, Neapel besser zu verstehen.

Neapel hat sich immer hingegeben, den Normannen, den Spaniern, den Bourbonen, auch den Deutschen und den Amerikanern. Selbst den Italienern. Sogar der Camorra, der Mafia, heute den Chinesen. Denn der wahre Herrscher, dem Respekt zu zollen ist, das ist der Berg, der Vesuv, und weniger im öffentlichen Bewusstsein, die Phlegräischen Felder, wo eine Lavablase dampfend darauf wartet zu explodieren. Aber solange sich das Blut des geköpften Heiligen San Gennaro regelmäßig verflüssigt, fühlen sich die Neapolitaner sicher. Selbst der leichtgläubige Vatikan hat dieses Wunder bislang nicht anerkannt. Das bedeutet hier nichts. Roma è un altro mondo. Wer das nicht weiß, der kann Neapel nicht verstehen.

Neapel: Das Sein kommt hier vom Sein Italien Kampanien
Die 10 alten Gebote eines Neapolitaners

Aber welche Tour durch die Stadt bietet sich denn an, wenn man Neapel und seine Bewohner verstehen will? Wer sich unweit vom Hafen in das Restaurant La Lazarra und zugleich auf die Straße setzt, und erlebt, wie ihm Plastiktüten um die Beine wirbeln, ihm zugleich aber ein exzeptionell gutes Essen von freundlichen Menschen auf den Tisch gestellt wird, der ist auf einem guten Weg. Beschwer Dich nicht über das was fehlt, genieße das, was kommt. Und auch die Flugzeuge die vom nahen Aeroporto Capodichino aufsteigen und Dir in Neapel direkt über den Kopf hinweg fliegen, erinnern Dich nur daran, dass es für sie zu gefährlich ist, die Route über den Vesuv zu nehmen. Es gibt natürlich die sogenannten „Musts“, die man sehen und erleben sollte. In der Gastronomie die Pizza tradizionale und die Taralli (runder Mandelkringel), die Friarielli (Steckrübenkohl) und der Babà (süßer, kleiner Napfkuchen), in der Architektur der Stadt der Duomo di Santa Maria Assunta, wo die Reliquien San Gennaros ruhen, das Castel Nuovo, das Castel dell` Ovo, das Castel St. Elmo, die Katakomben, der Neptunbrunnen, die Kirche Gesù Nuovo und viele andere Wahrzeichen im Zentrum der Stadt. Dabei – wo ist das Zentrum? Die Altstadt, einzelne Stadtteile, Rioni, wie Chiaia oder Vomero, die Quartieri Spagnoli. Den hitzigen Atem spürt man überall. Der „giro delle sette chiese“ führt nicht nur zu sieben prächtigen Kirchen, sondern auch zum Barock und zur spanischen Vergangenheit. Wer zu den Drehorten des Films „Gomorrha“ will, den wird es nach Secondigliano und Scampia ziehen, in die Nähe des Flughafens. Wer den verhüllten Christus, den Cristo Svellato, in der Cappella Sansevero sehen will, muss eine längere Warteschlange in Kauf nehmen. Eng ist es auch in Via San Gregorio Armeno, der Gasse der Krippenmacher, aber dann öffnet sich an der Ecke zur Via San Biagio dei Librai ein überraschender Zugang zum Kloster des armenischen Heiligen mit seinem Garten voller Ruhe und Anmut. Vielleicht ist daher dies die einzig mögliche Empfehlung für eine Annäherung an Neapel: Einfach losgehen, die Augen offenhalten für das, was man nicht direkt sieht. Dann findet man auf der Piazza del Gesù Nuovo den Zugang zu dem Kloster der Santa Chiara, dessen Majoliken überraschen, und man findet vieles mehr. Etwas konkreter ist der Tipp, die Spaccanapoli entlang zu laufen, jeder kennt die Straßenzüge, welche die Stadt „spaccare“ teilen, wo sich aber Kultur und Geschichte zu einem Kaleidoskop verbinden. Es gibt auch esoterische Touren, die vor allem in die Katakomben und den überall präsenten Untergrund führen.

Oder man begibt sich auf die Spuren von Elena Ferrante, italienische Schriftstellerin, die ganz anders als Malaparte – verträumt poetisch sie, drastisch realistisch er – ihre Heimat wahrnimmt. Sie schreibt von Hoffnungen einer strahlenden Zukunft, er von der Erhabenheit einer aussichtslosen Gegenwart. Ihren Helden kann man im Viertel Luzzatti näherkommen. Von seinen Helden sind nur die alten Frauen und die Scugnizzi übriggeblieben, die gesetzlosen Jugendlichen, ja auch die höhlenartigen Wohnungen und die geliebten Kringel, die Taralli. Man würde sogar die blonden Perücken noch finden, erfahren wir, die Chinesen hätten sie im Programm. Muss man nicht glauben. Aber die Scugnizzi haben wir vor der Bar Borbone getroffen, wo wir uns das Bier in Flaschen aus dem Schrank geholt und uns die Stühle auf die Straße gestellt haben. Kinder, die vielleicht 12 oder 13 Jahre alt waren, rasten auf „ihren“ Rollern, den Motorini, bis tief in die Nacht um die Piazza Montecalvaria, natürlich ohne Helm. Das sind doch nicht die gefährlichen „Baby Gangs“, von denen Roberto Saviano in seinem neuen Roman „der Clan der Kinder“ schreibt. Oder doch? „In Neapel gibt es keinen geschützten Weg zum Heranwachsen. Man wird schon in der Wirklichkeit geboren, mittendrin.“ Sagt der Autor aus Neapel, der seit der Veröffentlichung seines Romans „Gomorrha“ unter Polizeischutz lebt.

Dass uns Sabina Sora vom Tourismusamt nicht das „malavita napolitana“ vorführen wollte, ist verständlich. Aber was ist dran an der Werbung für die „Hauptstadt der Kultur“? Traurige Tatsache ist, dass noch nie eine Stadt der Campania Kulturhauptstadt war. Zuletzt scheiterte Ercolano (Herculaneum). Der restliche Süden schneidet da mit Cagliari, Lecce, Palermo und zuletzt Matera besser ab. Die Kritik an Sabina Sora und ihren Vorgesetzten lautet, es mangele an „Kompetenz und Vision.“ Andere sagen, man könnte glauben, dass Neapel angesichts seiner Geschichte und seiner Kultur sich selbst genüge. Es mag stimmen, dass die Neapolitaner sich schwer tun, Visionen zu entwickeln. Dies setzte allerdings die Muse, die man nicht hat, voraus, sich Gedanken über die Zukunft zu machen. In der Stadt unter dem Vesuv lebt man seit ewigen Zeiten damit, in der Gegenwart zu leben, mehr nicht. Dabei verfallen die Kulturstätten oder werden straflos geplündert. Auch die Zuwendungen der EU und der UNESCO helfen nicht, weil sie nicht abgerufen werden. Antonio Pariante, Präsident des Bürgerkomitees der Kirche Santa Maria di Portosalvo: „Das große Problem dieser Stadt ist, dass sie zu viele bedeutende historische Monumente besitzt. Unser Bürgerkomitee versucht seit Jahren die Quadratur des Kreises um zu retten was zu retten ist, hier in der Altstadt von Neapel.“ So wie Roberta Sora sagt, Neapel ist Hauptstadt, aber ihr Zustand könnte kaum schlechter sein. Was macht Soras Amt? Es organisiert eine Ausstellung im Museo di Capodimonte über Caravaggio, die noch bis 14. Juli 2019 zu sehen ist. Ob man damit den Anspruch einer „Kulturhauptstadt“ begründen kann? „Die Region Campania unterstützt 90 Prozent aller kulturellen Initiativen, die in Neapel stattfinden“, sagt Roberta Nora. „Wir wollen, dass sich die Stadt präsentiert, wie eine große Hauptstadt der Kultur, weil sie immense Kulturschätze hat.“ Das Wie zählt, das Sein kommt hier eben vom Sein, gelegentlich auch vom Schein. Wer das nicht versteht, wird Neapel nie verstehen.

Buchtipps:
“Das Versprechen der Menschlichkeit – die Lehren”
“Dr. Norus oder das Irrenhaus”
“Die Südtirol-Saga”
“Das Versprechen der Menschlichkeit – die neue Ethik für eine globale Welt”
“Alois Beyer – Verlorene Heimat”
“Ich, Bismarck”
“Zerrissene Leben”
“Lampedusa oder die Illusion von Glück”
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