Interview: Nan Mellinger, Programmleitung Salon Luitpold

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Salonabend zu Marcel Duchamp – (c) Cafe Luitpold

Münchens spannendster Salon – im Luitpold trifft sich die intellektuelle Elite

Vor fünf Jahren erfand die gebürtige Schwabingerin Nan Mellinger (43) den „Salon Luitpold – Kultur unter Palmen“. Es handelt sich dabei um eine Veranstaltungsreihe, die Persönlichkeiten aus verschiedensten Bereichen vorstellt und miteinander ins Gespräch bringt – und wie es sich für einen klassischen Salon gehört, sind alle anwesenden Gäste eingeladen, mitzureden. Der „Salon Luitpold“ findet ein Mal monatlich im Palmengarten des Cafe Luitpold nahe des Münchner Odeonsplatz’ statt. Wie es zum Salon kam, was er bewirkt und wie man Zutritt zu dieser begehrten Veranstaltung erhält – darüber sprachen wir mit seiner „Macherin“.

Frau Mellinger – verraten Sie uns Ihr Lieblingsgericht im Café Luitpold?

Aktuell ist es der Salat mit überbackenem Ziegenkäse. Warum fragen Sie?

Weil Sie doch u.a. Autorin des Buches FLEISCH sind. Sie legen darin die kulturgeschichtlichen Codes dieses Lebensmittels dar. Und machen dem Leser – und auch der Leserin – klar, warum der Mann traditionell das größere Stück vom Braten genießt. Weil er es ja einst unter Einsatz seines Lebens gejagt hat. Essen Sie selbst welches?

Wieder. Die Rückkehr zum Fleisch habe ich meiner Tochter zu verdanken. Zu ihren ersten Sätze zählte – ganz zum Gelächter meiner Freunde – die unmissverständliche Ansage: „Mama, ich will Fleisch!“.

War Fleisch schon mal Gesprächs-Gegenstand des Salons?

Ehrlich gesagt, nein. Das hat vielleicht damit zu tun, dass ich das Thema für meinen Geschmack zur Genüge durch den Fleischwolf gedreht habe. Damals, als ich das Buch schrieb und zufälligerweise parallel dazu auch noch BSE auftauchte, ging es erstmal um nichts anderes. Natürlich hat sich an der Aktualität und Brisanz unseres übertriebenen Fleischkonsums bis heute wenig geändert. Im Salon habe ich es auch deshalb noch nicht aufgetischt, weil mich noch viele ANDERE Themen interessieren.

Wie kam es denn überhaupt zur Gründung des Salons?

Seinen Auftakt nahm der Salon Luitpold anlässlich der Neueröffnung des Cafes im Herbst 2010 und verdankt sich der Initiative der Eigentümerfamilie Tina & Karsten Schmitz – Tochter und Schwiegersohn des Ehepaars Buchner, welches das Café in den 1960iger-Jahren erwarb – sowie Dr. Stephan Meiers, Betreiber des Cafes.

Ihr gemeinsamer Wunsch war es, an die Tradition des 1888 gegründeten Kaffeehauses als beliebter Treffpunkt von Künstlern, Journalisten, Politikern, stillen Geistern, Geschäftsleuten und Genießern urbaner Lebensart anzuknüpfen, und diese gelungene Melange von Salon- und Kaffeehauskultur in ein zeitgemäßes Format zu übersetzen. Also einen Rahmen zu finden für das, was ja ohnehin in einem Café stattfindet – gedacht und gemacht für Menschen, die ein bisschen Alltag, Mußezeit und Denkraum miteinander teilen wollen. Das waren Aspekte, die mir bei dem Konzept für den Salon vorschwebten.

Und die Schmitzens zogen mit?

Ja, zum einen sind Tina und Karsten Schmitz seit vielen Jahren sehr engagierte Anstifter nicht nur im Bereich der Kultur. Und sie ahnten vielleicht, dass eine kulturwissenschaftlich geprägte Zwischenweltlerin wie ich und ein offenes Format, das von der Mischung aus interessanten Menschen und Themen lebt, ein ganz gutes Rezept sind. Und ich nahm ihren Vorschlag sehr gerne an, denn es war wie eine carte blanche, mich mit all dem zu beschäftigen, was nicht nur mich umtrieb – aber als Konzept in München eben nicht existierte.

Und heraus kam…?

Ich würde sagen eine Art Feuilleton live, zum Mitreden. Die Möglichkeit, mitten im Stadtzentrum Raum zu bieten für interessante, mitunter auch bekannte Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Gesellschaft und Politik, die sich mit wichtigen Fragen unserer Zeit auseinandersetzen und öffentlich zur Diskussion stellen.

Zum Beispiel?

Das können sehr theoretische oder auch eher spielerische Themen sein – wie etwa der Kuss, dem wir uns dieses Jahr in einer sehr lebhaften Runde mit Gästen aus Oper, Literatur und Wissenschaft gewidmet haben. Neben gesellschaftskritischen und wirtschaftsphilosophischen Themen sind Bildung und Kunst feste Bestandteile meines interdisziplinären Ansatzes. Wichtig ist mir, dass meine Gäste einen geistreich-genüsslichen Abend in angenehmer Atmosphäre erleben! Der Salon über das Küssen begann beispielsweise dank der Kooperation mit der Bayerischen Staatsoper nicht kopflastig, sondern höchst musikalisch im Schlafzimmer, mit dem 2. Akt aus Rossinis „Le Comte Ory“.

Wer denkt sich die Themen aus?

Grundsätzlich ist das mein Auftrag… und meine Freude! Und natürlich unterhalte ich mich im Vorfeld einer neuen Salonspielzeit auch mit Tina und Karsten Schmitz. Zudem gestalte ich die Salons seit einiger Zeit in Kooperation mit ausgewählten Magazinen. Auch so entstehen spannende Synergien, neue Netzwerke. Manchmal sind auch Gäste der Salons meine Ideengeber.

Wie viele Menschen kommen zu den Salonabenden?

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Salon Luitpold im Palmengarten des Cafe Luitpold – (c) Cafe Luitpold

Der Rekord lag bei 130 Gästen an einem Abend, und meist sind alle 70 Plätze im Palmengarten unten besetzt. Der Eintritt ist und bleibt kostenlos, wir bitten lediglich um eine Voranmeldung, damit der Service besser planen kann. Spontane Salonnisten dürfen natürlich auch noch in letzter Minute dazustossen. Am besten ist es, bereits gegen 19.30 Uhr zu erscheinen, dann klappt es auch noch mit einem Sitzplatz und einer ersten Bestellung vor dem Salonbeginn um 20 Uhr.

 

Rein Wirtshaus-philosophisch betrachtet – herrscht Konsumzwang im Salon?

Ganz und gar nicht! Die einen essen, die anderen trinken, viele machen beides – und manche hören nur zu. Das bleibt jedem selbst überlassen. Aber ich kann Ihnen sagen, an den köstlichen Stilkirschen in den Luitpold-Vitrinen kommt letztlich keiner vorbei!

Wie lange dauert der Talk?

Selten länger als 60 Minuten. Meist moderiere ich selbst die Podiumsrunden und hinterher kann das Publikum fragen, diskutieren, kommentieren, philosophieren. Über das Echo und die rege Anteilnahme freue ich mich immer wieder. Da gelingt, was ich persönlich an den angestammten Diskursorten der Uni- oder Museumswelt oft vermisse. Aber in der für manche sicher gewöhnungsbedürftigen 80er Jahre-Aura des Palmengartens hält sich kein Gebot allzu distinguierter Hochkultur. Die wilde Mischung macht’s.

Im Grunde ist dies doch ein Salon, wie ihn früher die Gräfin Soundso für die Gesellschafts-Elite gab.

Ja und nein, da wir das private, eher ja elitäre Konzept verkehren. Bei uns ist die Öffentlichkeit zu Gast und die Menschen jedes Mal andere. Diese Offenheit für die Begegnung mit ganz unterschiedlichen Menschen, Generationen und Meinungen ist Teil des Programms. Gewollt, aber unplanbar, und daher umso schöner, wenn es gelingt, sind dann natürlich Kontakte und Projekte, die aus den Salons entstehen.

Welcher Abend gehörte zu den Höhepunkten in der Geschichte des Salons Luitpold?

Da denke ich spontan an einen Abend 2012 mit dem Titel „Bon Appétit, Marcel.

Schokolade, Eros und böse Buben“. Manchmal greife ich Themen auf, die gerade in oder für München wichtig sind und das war damals eine Ausstellung im Lenbachhaus zum 100jährigen Jubiläum des Aufenthalts von Marcel Duchamp in München 1912. Dieser Salon hat den normalen Rahmen gesprengt und alle Erwartungen übertroffen. Nebst dem Wetteifern von zahlreichen Duchamp-Experten trug dazu sicher auch die Performance der Berliner Künstlerin Sonja Alhäuser bei: eine anmutige nackte Frau lief die Treppe im Palmengarten herunter – um dann in einer Wanne, gefüllt mit rund 600 Kilogramm geschmolzener Schokolade, zu baden und wieder zu verschwinden. Eine Hommage an Duchamp, dessen Karriere durch eine nackte Frau, die Treppe herabsteigend, eine bedeutende Wende nahm. Akt,_eine_Treppe_herabsteigend_Nr._2 Und diese Einlage war natürlich auch ein Zuckerl seitens des Cafe Luitpold, das für seine süße Seite bekannt ist und  – das ist vielleicht nicht ganz so bekannt – viel Sinn für zeitgenössische Kunst hat, fest installiert sind dort u.a. Arbeiten von Benjamin Bergmann und Tilo Schulz. Die damals extra zu diesem Anlass editierte Duchamp-Schokolade-Serie ist bis übrigens bis heute erhältlich.

Setzte es auch mal einen Langweiler oder totalen Reinfall mit dem Salon?

Momente von Langeweile sind ja subjektiv und können durchaus auch etwas Konstruktives haben. Totaler Reinfall? Nein.

Was für Jobs außer dem Salon üben Sie sonst noch aus?

Mein Feld ist die Kulturkommunikation, also Textredaktion, Konzeption, PR und Projektleitung für unterschiedliche Kunst- und Kulturinstitutionen… mit einer großen Vorliebe für ungewöhnliche Menschen, kritischen Zeitgeist und Formate wider den Methodenzwang. Dafür steht ja auch der Salon Luitpold seit nun ziemlich genau 5 Jahren!

Interview: Jupp Suttner

Titel-Foto: Podiumrunde des Salons Karl Marx, die Bourgeoisie und die 99% von rechts nach links im Bild zu sehen sind: Thomas Loibl, Armin Nassehi, Wolf Dieter Enkelmann, Nan Mellinger (Moderation) – (c) Cafe Luitpold

 

Der nächste Salon Luitpold findet statt am:
24. März 2015  |  20 Uhr

Thema: Lohn & Leistung, oder: Können wir gewinnen?logoSalon

Ein Eins zu Eins-Gespräch zwischen

Wolf Dieter Enkelmann
(Philosoph und Direktor des Instituts für Wirtschaftsgestaltung)

und

Burkhard Spinnen
(vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Erzähler ökonomischer Vorgehensweisen)

Die beiden gehen der Frage nach, ob man Gewinne möglicherweise ganz anders denken muss als in der Ökonomie üblich.

Der Eintritt ist frei.

Um Anmeldung wird gebeten:
salon@cafe-luitpold.de

Location des Salons:
Cafe Luitpold
Brienner Straße 11
80333 München

Infos:
Nan Mellinger, Programmleitung Salon Luitpold
Tel 0179 458 3456
cafe-luitpold.de

Wer nicht dabei sein kann:
Live-Übertragung ab 19 Uhr über Stream und DAB+
radiomuenchen.net

Aufzeichnungen des Salon Luitpold:
vimeo.com

Das komplette Programm:
cafe-luitpold.de/Veranstaltungen

 

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NM_SalonmoderationProgrammleitung Salon Luitpold
Kultur unter Palmen im Cafe Luitpold:

NAN MELLINGER studierte Kulturwissenschaft und Philosophie in Tübingen und Berlin. Sie arbeitet als freie Autorin, Redakteurin und Kulturmanagerin in München. Neben zahlreichen Buchbeiträgen veröffentlichte sie die hoch gelobte Einzeldarstellung “Fleisch. Ursprung und Wandel einer Lust. Eine kulturanthropologische Studie” (Campus Verlag). Seit 2010 ist sie für das Programm der monatlichen Kulturveranstaltungsreihe “Salon Luitpold” im Cafe Luitpold München verantwortlich.

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Weitere Infos zum Cafe Luitpold:
de.wikipedia/Café Luitpold

Cafe Luitpold München um 1900 (c) Wikipedia
Cafe Luitpold München um 1900 (c) Wikipedia
Cafe Luitpold München 2015 (c) Wikipedia
Cafe Luitpold München 2015 (c) Wikipedia

 

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