Montenegro, eine Annäherung

Ein Naturpark mit vielen Zweitausendern und einigen Hütten, der Durmitor
Beard watching am Skadar-See
Beach-Club in Ulcinj. Blauer Himmel und viel Platz

Balkan, das klingt nicht gut. Bei Google folgt auf Balkan-Grill direkt Balkan-Krieg. Und nur etwas tiefer: Hier hätte sich die Sitte eingebürgert, den politischen Gegner umzubringen. Und Balkanisierung beschreibt semantisch den Weg ins Chaos. Dorthin nun wollte ich – auf Empfehlung. Und zwar in sein geographisches Zentrum nach Montenegro. Umgeben von Albanien, dem Kosovo, Serbien, Bosnien-Herzegowina und – ganz links unten auf der Karte für ein paar Kilometer Grenze – Kroatien. Dabei hätte ich doch, nur einige Flugminuten weiter, ins Herz der klassischen Antike nach Griechenland reisen können. Aber nein, Balkan.

Ein paar Vorbemerkungen vorweg: Wer nach Montenegro reist, muss sich überlegen, wie er hinkommt. Die Hauptstadt Podgorica hat einen Flughafen, der aber nicht von allen deutschen Flughäfen angeflogen wird. Das kroatische Dubrovnik, das besser angebunden ist, bietet sich an. Aber dann muss man über zwei Grenzposten, die ihre gegenseitige Verachtung durch quälend lange Wartezeiten dokumentieren. Da man sich am Flughafen Dubrovnik einen Leihwagen nimmt, büßt man doppelt. Beträgt der Angebotspreis für eine Woche 250 Euro, landet man plötzlich bei 300 Euro mehr, also 550 Euro, wegen Grenzübertrittsgebühren, Grüner Versicherungskarte, Karosserie-, Reifen- und Glasbruchversicherung, als reiste man zu den wilden Skipetaren, wie es Karl May beschrieben hat, der diese übrigens in Albanien verortet hatte. Ich hatte den Tipp bekommen, von Dubrovnik aus mit dem Bus nach Montenegro zu fahren und dort das Taxi zu mieten. Die Wartezeiten an der Grenze hat man dann aber auch und die Taxigebühren von und zum Flughafen dazu. Die Mietwagen-Kosten hat man auch in Montenegro, eine Vollkaskoversicherung hat was, die Straßen sind eng, und die Fahrzeuglenker alle verhinderte Fittipaldis. Die Anreise bleibt also Geschmacksache.
Um dieses Thema abzuschließen: Ich würde die Suche umdrehen, nicht fragen, wie komme ich von meinem Heimatflughafen in die Nähe Montenegros, sondern, welches ist in Deutschland der nächste Flughafen, der mich direkt dorthin bringt. Und ich würde prüfen, ob ich nicht die ganze Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln machen könnte. Die Wege dort sind – jedenfalls nach reinen Kilometer-Angaben – kurz. Und wenn man nicht den idiotischen Angaben des Navi folgt, der den direkten Weg über Gipfel und durch Schluchten suchte, ergibt sich ein (wenn auch reduziertes) Straßennetz, das zügig ausgebaut wird. Jedenfalls, der Verkehr könnte schlimmer sein.

Die Strapazen der Fortbewegung in Montenegro sind ein lohnendes Investment. Das Land ist vielseitig. Natur, Kultur, Geschichte, Ethnizität, Politik. Es gibt viele Themen, die man zu Leitideen eines Besuchs machen kann. Eine erste Annäherung kann daher nur ein Türöffner, ein Mittel zur grundlegenden Wissensbeschaffung sein. Zunächst sollte man den Begriff Balkanstaat von den üblichen Assoziationen befreien, wie: gefährlich, chaotisch, fremd, schmutzig. Diese negativen Konnotationen entstammen alle den Balkankriegen – bis hin zu den Jugoslawien-Kriegen, über deren Ursachen und Konsequenzen ich jedenfalls zu wenig weiß. Da sowohl Österreich-Ungarn als auch das Dritte Reich Montenegro – vergeblich – besitzen wollten, neben anderen Mächten, ist davon auszugehen, dass es deswegen als „Balkanstaat“ bezeichnet wurde – mit abwertendem Beigeschmack.

Die Wirklichkeit erleben wir anders. Die Montenegriner sind außerordentlich freundlich. Das Land ist extrem sauber. Wo sieht man sonst Müllmänner mit Tüten Landstraßen entlang gehen? Müll- und Bauschutt-Kippen sind selten.
Es gibt eine montenegrinische Identität, und die speist sich nicht aus der Tito- und Partisanenzeit. Tatsächlich haben Tito und später Milosevic versucht, den serbisch-orthodoxen Glauben und den gemeinsamen Kampf gegen die Besatzer zu Säulen eines gemeinsamen staatlichen Bewusstseins zu machen, was scheiterte, wohl weil es ein serbisches Staatsbewusstsein sein sollte, was Milosevic auch kaum verheimlichte. Es gab zu Beginn des 20. Jahrhunderts und im Zweiten Weltkrieg viele NS- und faschistische Verbrechen, aber die Tatorte muss man suchen.

Glaube und Klöster sind für Montenegro wichtig, dann die Fürsten und die kurzlebige Monarchie. Im Vordergrund aber steht heute das Bemühen, sich durch Fleiß an den eigenen Haaren aus dem sozialen und wirtschaftlichen Schlamassel zu ziehen, trotz der Unzufriedenheit mit der als kriminell geltenden Staatsführung.

Man kann sich dem Land auch von der See mit einem Kreuzfahrer nähern, mit einer Pauschalreise oder individuell. Das ist eine Frage, wie intensiv man dem Land begegnen will und welches Budget man einsetzt. Es kann ohnehin nur eine Annäherung sein an ein Land, das seine staatliche Identität erst 2006 gewonnen hat und in dem viele Ethnien und Religionen miteinander harmonieren- offiziell. Es gibt die Pro-Serbien- und die Pro-Montenegro-Fraktionen noch heute. Aber was wohl alle eint ist, dass man die Albaner – und die Kosovaren gehören dazu – nicht mag. Stolz sprechen die Einwohner Montenegrinisch, eine Variation des Südslawischen, wir hörten auch Albanisch, Serbisch und Bosnisch, die als regionale Sprachen anerkannt sind. Identität stiftet, dass sich ein kleiner Landesteil im Lovcen-Gebirge gegen die Türken behauptet und man lange einen Korridor nach Kotor und damit zum Meer freihalten könnte. Das klingt nach Asterix und Obelix. Jedenfalls ist die lange Geschichte bestimmt durch Unterwerfungen und den Versuchen, sich dem durch Annäherungen zu entziehen. Perioden der Unabhängigkeit waren bislang kurz. Das Land hat 642 000 Einwohner und ist kleiner als Schleswig-Holstein. Wenn man es mit seinen mehr als 200 Bergen mit einer Höhe von mehr als 2000 Meter so plattwalzen würde wie das Land zwischen Ost- und Nordsee, wäre es natürlich bedeutend größer. Es hat den riesigen Vorteil, dass es nirgendwo eng ist. Parkplätze überall und freie Tische auch, mit Preisen, die man versucht mit Trinkgeldern ans normale mitteleuropäische Maß anzupassen. Was allerdings nicht übertrieben werden soll. Zu viel ist heikel, weil es leicht als Almosen rüberkommt.

Achten sollte der Reisende ferner auf das ihm Verfügung stehende Datenvolumen im Handy. Da Montenegro kein EU-Mitglied ist, immerhin Kandidat, ist es mit der Kraft des Internets bald vorbei.

Unsere Reise folgte grob gesagt einem Rundkurs: Von Dubrovnik aus über Herceg-Novi, Perast, Kotor, Budva, Sveti Stefan, Bar nach Ulcinj. Von dort über Virpazar am Skadar-See nach Cetinje. Von dort zum Kloster Morača, nach Kolasin. Weiter nach Žabljak und ins Durmitor-Gebirge. Zurück über das Kloster Ostrog zum Ausgangspunkt Dubrovnik. Auf der Karte ist dies leicht nachzuverfolgen. Man kann den Kurs wegen der geringen Entfernungen variieren und etwa Lovćen hinzunehmen, es ist Berg, Park und nationales Symbol.

Jeder Ort ist sehenswert gewesen, so dass ich nicht ins Detail gehen kann. Wenn ich trotzdem etwas hervorheben darf, – die Reise hatte keine Sponsoren – dann sind es zwei Hotels, das Old Town Cathedral in Kotor und das Palata Venezia in der Altstadt von Ulcinj. Zu beiden kam man zwar nur zu Fuß, aber beide vermittelten das Gefühl, das auch die Städte auslösten, so dass man sich hier in einer einzigartigen Harmonie aufgefangen wähnte. Auch die übrigen Unterkünfte können nur gelobt werden, so dass es fast leid tut, sie nicht zu erwähnen.

Ich werde also wieder nach Montenegro kommen, werde mir aussuchen, was ich versäumte, und Schwerpunkte setzen. Wenn ich aber dann reise, wird unbedingt wieder der Durmitor-Nationalpark in alpiner Höhe dabei sein. Es gibt keine Luft, in der man besser schläft. Dann – natürlich Kotor, Ulcinj. Nein, so geht das nicht. Dann kann ich alles auflisten. Was ich jedenfalls nicht mehr machen werde, ist pauschal vom „Balkan“ zu reden.

Geschrieben von
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